Tiefstand bei Firmengründungen: Selbständigkeit ist out

DPAIn Deutschland ist die Gründerstimmung verflogen: Den Sprung in die Selbständigkeit wagten 2012 so wenige Menschen wie schon lange nicht mehr. Denn der Arbeitsmarkt ist so schön sonnig, und Gründungszuschüsse fließen nur noch selten.

http://www.spiegel.de/karriere/beruf...-a-901062.html
  1. #1

    Wundert mich kein bisschen

    wenn man sich im "Bekannten"kreis umschaut, wieviele Gründungen ernst gemeint waren, und wie viele eine andere Form der Arbeitslosigkeitssubventionierung gedient haben. Bedeutet vielleicht auch, dass es eine relativ höhere Zahl von erfolgreichen Selbständigen geben könnte... Wäre ja grundsätzlich fein...
  2. #2

    Kein Mut zum Risiko

    Seit Jahrzehnten (seit etwa 1990) lautet der oberste und alles beherrschende Erziehungsgrundsatz der Nation "Kinder brauchen Grenzen". Jetzt ernten wir, was da gesät wurde: Angst vor jedem Risiko, jeder 'Grenz-Übrschreitung', überbürderndes Sicherheitsbedürfnis und Unselbständigkeit.

    Niemand sollte sich angesichts der Vorgeschichte darüber wundern.
  3. #3

    Wie überraschend

    Eine gute Idee, Voraussetzung für eine Firmengründung, ist in Deutschland nichts wert. Die Umsetzung dieser Idee ist mit hohen Kosten, zum Beispiel für Gebäude oder Maschinen verbunden. Da in Deutschland aber 50 % dieser Kosten selbst übernommen werden müssen, bevor überhaupt ein Euro an Fördermitteln fließt und diese dann nur bis maximal 50 %, kann man sich ein Leben lang verschulden. Fördermittel sind nur etwas für bestehende Unternehmen, die bereits über Maschinen und Gebäude verfügen. Nur diese haben nicht die richtigen Ideen.

    Statt gute Ideen hundertprozentig zu fördern und dann bei Erfolg sich alle Fördermittel zurückzahlen zu lassen, was ja auch noch Geld sparen würde, halten wir lieber weiter an alten Förderzöpfen fest.
  4. #4

    eine Frage der Kultur

    Nach 12 Jahren Selbstständigkeit kann ich feststellen, es gibt hierzulande keine Kultur für Selbstständigkeit (wahrscheinlich kein deutsches Alleinstellungsmerkmal). Nicht nur, dass zu viele Institutionen gleich die Hand aufhalten (IHK, Berufsgenossenschaft, GEMA u.v.a.), dass die Steuerlast bei überschaubaren Umsätzen zeitverzögert gefährlich werden kann, weil man nicht ausreichend Rücklagen bilden kann - sprich, dass Planung sehr schnell von der Realität überholt wird, dass Berater (Steuer- u.a.) mehr belasten als leisten, es gibt auch keine Kultur des Geschäftslebens abseits eines etablierten Bereichs, der quasi automatisch funktioniert. Die einen behandeln Anbieter wie Parasiten, die anderen können sich eigentlich sinnvolle Dienstleistungen schlicht nicht leisten. In bestimmten Wirtschaftsbereichen ist das Klima seit Anfang der 2000er chronisch schlecht, ohne Aussicht, dass es jemals besser wird. Große Unternehmen und öffentliche Träger müssen sparen, die Kleineren leiden darunter und müssen folglich selbst sparen, in vielen Consumermärkten herrscht die Geiz-ist-geil-Mentalität, da wird es eng für neuen Ideen. Vor allem, wenn man das Geld zum Leben verdienen muss und nicht mit einem Kapital einsteigen kann, mit dem es sich wirtschaften lässt. Und das ist ja bei den meisten Selbstständigen, denen man via Ich-AG-Förderung und anderen Maßnahmen, die Selbstständigkeit schmackhaft machen konnte, nicht der Fall. Auch fehlen denen in ihrem persönlichen Umfeld jegliche übertragbare Erfahrung, Vorbilder und Unterstützer.
  5. #5

    Gründungsfeindliche Regierung

    In Abwandlung von Murphy's Law:

    Was diese Regierung falsch machen kann, macht sie falsch.

    Aber dass ausgerechnet sich eine schwarz-gelbe und - hätte man gedacht - wirtschaftsfreundliche Regierung als Gründungsverhinderer schlechthin etabliert, lässt mich schon grübeln.

    Vielleicht ist es ja so für die bestehenden Firmen leichter, die Leute in schlecht bezahlten Jobs festzuhalten?

    Insofern hätte das bei unseren Wirtschaftsabgesandten im Politikergewand vielleicht eine gewisse Logik...
  6. #6

    Selbstständigkeit ist out....

    Man muss es anders aufziehen, das Pferd.... Selbstständigkeit ist nicht out... sie wird "out" gemacht... Wer sich heute mit wenig Geld selbständig machen möchte, scheitert womöglich schon an der Höhe der monatlichen Krankenkassenbeiträge....

    Es wäre dringend nötig, die Beiträge für Krankenkassen dem jeweiligen, realen Einkommen anzupassen, dann würden auch viele Leute nicht in die Privatinsolvenz rutschen, die ihnen die Krankenkassenbeiträge u.U. einhandeln können, weil keine oder zu wenig Einnahmen vorhanden sind.

    Um das zu erreichen, wäre aber eine Reform-Grossbaustelle nötig, aber die wird es in der jetzigen Lobby-Regierung mit Sicherheit nicht geben....
  7. #7

    Überall Fussangeln

    Sobald man den Gewerbeschein in der Tasche hat und die Umsatzsteuernummer, geht der Spiessrutenlauf los, ohne dass man nur eine Cent erwirtschaftet hat: Zuerst kommen die Zecken von der IHK und wollen erstmal Zwangsmitgliedschaftsbeträge. Dann kommen die Gewerbemülltonne, die Umsatzsteuerabrechnung. Hat man das alles bezahlt, ist die Kasse schon halb leer. Will man was verkaufen, kommt sofort die Abmahn- und Patentmafia, das Gesundheitsamt, die Gewerbeufsicht, Euro-Zoll-Mafia, die Entsorgungsmafia mit grünem Punkt und Elektronikschrottgebühr- Pauschalgebühren - zu Zahlen ohne je einen Cent Umsatz generiert zu haben. Die Kosten und Strafen sind so gewählt, dass man sofort pleite ist. Da sagt nicht ein Richter "so gehts nicht, 100 euro Strafe" Da wir direkt die grosse Abmahnkeule mit mehreren Tausend Euro geschwungen.
    Alles Schutzzölle der etablierten Innungen und Grosskonzerne, die ganze Stäbe an Anwälte und Lobbyisten beschäftigen und den Politikern die neuen Gestze zu Ihrem Schutz in die Feder diktieren.
    Ohne Mass werden hier Regeln für Neugewerbe angewendet, die nur Grosskonzerne stemmen können.
    Wer wundert sich da noch, dass niemand bereit ist, sich das anzutun und seine Ideen zu vermarkten ?
    Die Politik hört nur auf Grosskonzerne mit mehreren Tausend Mitarbeitern.
  8. #8

    Kein Mut zum Risiko?

    Nicht wundern sollte man sich da m. E. eher über was anderes. Millionen Leute wurden gegen ihren Willen von geldgierigen Arbeitgebern, die SV-Beiträge sparen und Risiken meiden wollten, in Klein- und Scheinselbständigkeiten getrieben, die kaum existenzsichernd sind. Dazu kommen all die vielen anderen "Vorteile" der Selbständigkeit: bürokratische Hürden, die Tatsache, dass man für jede Bank kreditunwürdig ist (das gilt zumindest für die meisten Einzelselbständigen und -freiberufler), unverhältnismäßige Belastungen (für die Berechnung von Arbeitslosen- und Krankenversicherungsbeiträgen wird z.B. nicht das tatsächliche Nettoeinkommen zugrundegelegt, sondern ein fiktiver Verdienst, den bei weitem nicht jeder hat).
    Gleichzeitig wurden Selbständigkeiten von der Politik als Allheilmittel gegen Arbeitslosigkeit verkauft, die Arbeitsämter drängten weitere Menschen in diese Lebensform.
    Wer will sich da nun wundern, wenn all diese "Notselbständigen" den erstmöglichen Ausgang aus einer Existenzform nehmen, die nicht zu ihnen passt? Ich werde es auch tun, wenn ich je die Chance bekomme. Ich wüsste allerdings gern noch, wo denn nun eigentlich der Arbeitsmarkt "sonniger" geworden sein soll...
  9. #9

    klar....

    Zitat von wip Beitrag anzeigen
    Seit Jahrzehnten (seit etwa 1990) lautet der oberste und alles beherrschende Erziehungsgrundsatz der Nation "Kinder brauchen Grenzen". Jetzt ernten wir, was da gesät wurde: Angst vor jedem Risiko, jeder 'Grenz-Übrschreitung', überbürderndes Sicherheitsbedürfnis und Unselbständigkeit.

    Niemand sollte sich angesichts der Vorgeschichte darüber wundern.
    schaun wir uns mal die Generation "Kinder sind kleine Erwachsene" an, die nicht erzogen sondern besungen wurden. Genau die, die keine Grenzen kennen, keine Autoritäten akzeptieren(kennen) und deshalb keine Ausbildung zu ende bekommen und im Job überall anecken. Vielen Dank auch.....