Autismus: "Oft wünschte ich, die Menschen wären nummeriert"

CorbisSie haben Probleme, soziale Kontakte zu knüpfen, tun sich schwer, Mimiken zu erkennen und gelten oft als sonderbar. Doch eigentlich sind Asperger-Autisten nur eines: anders. Vier Betroffene erzählen über ihr Leben mit der Störung - und wie sie ihren Alltag damit meistern.

http://www.spiegel.de/gesundheit/psy...-a-877992.html
  1. #10

    Normal - unnormal

    Ich bin selbst mit einer Autistin zusammen und ich kann Hunderte große und kleine Geschichten von Verstehen und Missverstehen erzählen. Fakt ist: Es ist für einen „Normalo“ (sog. Neurotypischen, NT) sehr schwer auf Autisten angemessen zuzugehen. Das sollte meiner Meinung nach in Zusammenhang mit dem – guten – Artikel doch gesagt werden. Wenn jemand zum Beispiel im Rollstuhl sitzt, weiß ich auch als Laie recht schnell, wo und wie ich helfen und unterstützen kann. Bei Autis ist das nicht so einfach möglich. Sie erscheinen zwar „sonderbar“, dennoch kann man mit den meisten von Ihnen auf einer ich, sage mal Standardebene „normal“ kommunizieren, meist, weil sie sich das antrainiert haben. Schwieriger wird es dann, wenn man näheren Kontakt hat. Denn die sozialen Facetten, in denen sich die Behinderung zeigt – zum Beispiel: nicht oder selten anfassen lassen – empfinden wir NTler nach unseren „normalen“ Regeln sozialer Interaktion oftmals als Ablehnung. Und selbst wenn ich denn weiß, dass mein Gegenüber Autist ist und es „nicht so meint“ – wie soll ich damit umgehen? Dazu muss man in der sozialen Sprache komplett umdenken.. Das ist aber nicht jedem zuzumuten, finde ich. Soziale Integration kann deshalb nach meinem Verständnis nicht heißen, dass niemand in der Klasse einen Witz machen darf, weil einer Witze grundsätzlich nicht versteht und auch den Lehrern sollte der Anflug der Ironie gestattet bleiben. Der Auti ist hier gefordert, von sich aus etwas zu tun und seine meist überdurchschnittlichen geistigen Fähigkeiten so gut wie möglich zu nutzen und zu lernen. Zumal: In dem Artikel wird der Eindruck erweckt, alle Autisten hätten durchweg die gleichen Merkmale. Aber das ist falsch. Tatsächlich ist jeder in seiner Ausprägung anders.
    Und was auch gerne in Artikeln, die über Autis berichten und damit indirekt für Verständnis werben wollen, vergessen wird: Ihnen fällt es mitunter nicht nur schwer Freude zu zeigen, wie im Artikel beschrieben, sondern auch „schlechte“ Empfindungen wie Launenhaftigkeit oder Gereiztheit. Dann kommt es schon mal scheinbar ohne Grund zu einem Temperamentsausbruch, der Menschen im Umfeld sehr verletzt. Den Grund kann man zwar später nachvollziehen, aber in der Situation selten rechtzeitig darauf reagieren, weil Autis kommunizieren eben nur wenig mit ihrer Umwelt.
  2. #11

    Normale und Übliche ...

    Nicht zu Geburtstagen eingeladen zu werden ist doch kein Mobbing, das ist ein Segen. Dann muss man sich nicht umständlich Gründe fürs Fernbleiben ausdenken. Und warum soll man in der Schule reden, wenn es keinen Grund dafür gibt. Ich kann mich auch nicht an eine einzige sinnvolle Frage während der Grundschulzeit erinnern. Der Unterrichtsstoff ist so offensichtlich, dass man die Fragen als rhetorisch empfindet, da sie die Antwort beinhalten. Warum also reden. Und Emotionen für Fremde? Für deren Existenz hat man keinen empirischen Beweis, wie sollte man für jemand dessen Existenz fraglich ist Emotionen empfinden können? Es sind die Üblichen, pathologische Beeinträchtigungen und Fehlfunktionen der Psyche haben, nicht der Asperger. Es ist die Arroganz der Üblichen, die sie diese Defizite und Abweichungen als Normalität definieren lässt.
  3. #12

    Ein interessanter Artikel, aber man wird das Gefühl nicht los, dass hier vier Menschen mit völlig unterschiedlichen Eigenschaften beschrieben werden. Dass das alles unter dem Begriff Asperger zusammengefasst wird, wirft Fragen auf, ob das wirklich ein klar definiertes Krankheitsbild ist oder eher eine Sammlung verschiedener sozialer Abnormalitäten und Inselbegabungen, die gar nichts miteinander zu tun haben.

    Insbesondere bei der Ärztin wurde ich auch das Gefühl nicht los, dass die Grenze zwischen Normalität und Krankheit sehr fließend ist und wahrscheinlich ähnlich wie bei ADHS auch teilweise eine Modediagnose. Früher hätte man jemanden vielleicht einfach als pedantisch und humorlos abgestempelt oder als Fachidioten. Ich kannte zu meiner Schulzeit auch einige Mitschüler, die als seltsam galten, sich nie am Unterricht beteiligten, gemobbt wurden oder alles zugleich. Jahre später sind aus denen größtenteils ganz normale Akademiker geworden. Man sollte auch bedenken, dass nicht nur eine angeborene Störung wie Asperger, sondern auch frühkindliche Erfahrungen oder die Reaktionen der Umgebung, Mobbing oder keine Freunde zu haben ein scheinbar seltsames Verhalten bedingen können anstatt umgekehrt.

    Trotzdem ist es natürlich wichtig, über Asperger aufzuklären und Verständnis bei Mitschülern und Kollegen zu wecken, damit diese Menschen sich im Leben zurechtfinden können.
  4. #13

    Der Umgang ist nicht leicht, aber möglich

    Ich kenne persönlich einen Autisten. Ich weiß nicht , welche Form von Autismus er hat, aber es ist eine leichtere Form. Er ist in einigen Dingen genial, und anderseits oft regelrecht schusselig. Es ist nicht immer leicht, mit ihm umzugehen, aber im großen und ganzen funktioniert es. Es zeigt einem auch, das es andere Wege der Verständigung gibt im menschlichen zusammensein.
  5. #14

    ***

    In der Tat finde ich es besser, Betroffene mal selbst zu Wort kommen zu lassen, als immer nur ÜBER sie zu schreiben.

    Doch muss man bedenken, dass man sich hier sozusagen die "Upper Class" ausgesucht hat, weil nur ca. 10% aller Asperger-Autisten überhaupt im ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen und/oder in "normalen" Beziehungen leben. Die meisten scheitern trotz guter Intelligenz und Begabung tragisch. Manche schreiben dann Asperger-Ratgeber, in denen sie anderen Betroffenen zeigen wollen, wie man gut durchs Leben kommt - obwohl sie es selbst nicht können. Der Buchmarkt wird regelrecht überflutet davon, und Eltern von Betroffenen können offenbar gar nicht genug davon kaufen.

    Therapien laufen meistens nur darauf hinaus, aus Aspergern "Normalo-Darsteller" zu machen, die darauf dressiert werden, wenigstens SO ZU TUN, als ob sie wären wie andere. Grund: in dieser Gesellschaft soll man nicht auffallen und so sein wie alle anderen. Mit solchen "Therapien" nimmt man den Betroffenen aber oft auch was weg: wer z. B. Aspergern antrainiert, anderen in die Augen zu sehen, nimmt ihnen ja gleichzeitig ihre typische Art, Emotionen am Mund des anderen abzulesen weg - und vergrößert damit ihre Probleme.

    Ich habe selbst so eine Diagnose und mache sie im real life nie öffentlich, weil m. E. die meisten Leute einen dann erst recht als Freak ansehen und alles durch die Asperger-Brille sehen. Also man wird halt gerade in Konflikt-Situationen nicht mehr ernst genommen und alles damit beiseite geschoben, indem man Einwände mit "Ballaballa"-Tum wegwischt.

    Das schlimmste Erlebnis hatte ich ausgerechnet mit einem Therapeuten, der mir meine hart erkämpfte Nische im Arbeitsmarkt wegnehmen und mich in eine staatliche "Behindertenmaßnahme" verfrachten wollte (O-Ton: "Da verdienen Sie auch mehr" - sic!). Da soll ich also mit einem IQ von 130 sozialpädagogisch betreut Schrauben eintüten usw. SO sieht "Hilfe" in Deutschland aus.

    Darauf kann man nur mit einem Zitat des Weltklasse-Surfers und Aspergers Clay Marzo antworten: "People say you suffer from Asperger's. No, you don't suffer from Asperger, you suffer from other people".

    Das einzige, was einen wirklich weiterbringt, ist eine gewisse Macken-Toleranz: ja, ich laufe nur mit Ohrstöpseln rum, ja, ich richte meine Wohnung anders ein, ja, ich gehe erst morgens um 6 ins Bett, ja, ich telefoniere nicht usw. usw. - es gibt eine Liste von mindestens 100 Punkten. Aber keiner davon ist selbst- oder fremdgefährdend. So what? Das einzige, was ich von meiner Umgebung erwarte ist, dass sie mich mit gut gemeinter Betrutschelung in Ruhe lässt. Das ist die beste Therapie - und auch die preiswerteste.
  6. #15

    Menschsein in dieser Welt

    Zitat von Boandlgramer Beitrag anzeigen
    Wir leben in einer menschenfeindlichen Gesellschaft.........

    Jeder sucht sich seinen eigenen Weg, wie er sich davon wieder freimacht .......

    Kindern steht aber dieser Katalog aus Selbstreflektion und mehr oder weniger bewusster Verhaltensänderung nicht zur Verfügung, sie flüchten in scheinbar irrationale Verhaltensweisen; reimen sich ihre eigenen kruden Wahrheiten zusammen und leben dann danach.

    Auch viele Erwachsene tun sich damit schwer: Einerseits haben sie sich jahrzehntelang als Arbeitnehmer mit ihrem Dasein als Ameise arrangiert und angefreundet - und dann gibt es eine Störung in dem Ökosystem. Die Ameise verliert total die Orientierung - bei höheren Tieren gibt's dann Übersprungshandlungen. Je nach innerem Gerüst braucht's gar nicht so viel und die Menschen brechen innerlich zusammen.

    Aber an der Pathologisierung verdienen ja Viele - und sie entspricht dem Konsens von Gewinnern mit guter Bildung und richtiger innerer Einstellung und dem restlichen Schei*haufen.

    Der Manchesterkapitalismus ist jederzeit wiederholbar.
    Hier gibt es einige sehr gute Anknüpfungspunkte.

    - In den meisten Erwachsenen existiert ein emotionales Wesen auf der Stufe eines 5 jährigen.

    - Daraus resultiert eine Gesellschaft, die sich selbst überlassen, auf das Niveau der Menschenverachtung herabsinkt, wenn die ökonomischen Aspekte dominieren.

    - Bewusste Verhaltensänderung ist die grösste Herausforderung für jedes Individuum und wird nur von einer Minderheit konsequent umgesetzt. Das hat mit wolllen und wollen können und mit können zu tun. Es kann niemandem aufgezwungen werden.

    - Das Dasein als Ameise, hat mit dem emotionalen Kern zu tun. Die preussische Erziehungsdoktrin lautete - der Wille muss gebrochen werden. Wo kein Wille, da kein gesundes Selbstbewusstsein. Eine Ameisenindentität bleibt eine Ameisenidentität. Wird diese ausgelöscht kommt eine andere Ameise hinterher und führt aus ohne zu murren.

    Menschsein in dieser heutigen globalisierten Welt ist eine Herausforderung, die es so noch nie gegeben hat. Regionalität gibt keinen Halt mehr. Familiengründung, Altersvorsorge und persönliche Entwicklung muss individuell gestemmt werden in einer brutalst liberalisierten Gesellschaft. Es geht nicht um Demokratie, sondern um weitere Monopolisierung und Enteignung.
    Förderung ist fordergründig umd dieses Ziel mit Hilfe der Ameisen zu erreichen. Es leben die neuen Könige und Fürsten.

    In dieser welt ist schon für die "normalen" kaum Platz. Für die Randgruppen und andersartigen wird es immer schwerer da Solidarität zu bekommen. Eine humane und natürliche offene Solidarität.

    Dieser Menschheit stehen noch sehr grosse Herausforderungen ins Haus.

    Die Lösungen sind vorhanden. Die Entwicklung und Förderung des individuellen Bewusstseins ist ein erster grosser Schritt aber in der letzten Konsequenz unerwünscht. Die Ameise wird dann keine Ameise mehr sein.
  7. #16

    Titellos

    Zitat von asperix Beitrag anzeigen
    Wer hat denn diejenigen ausgesucht, die befragt wurden?
    Grämen Sie sich, dass niemand Sie gefragt hat, ob Ihnen die Auswahl auch zuspricht?
    Und jeder der Asperger hat, ist automatisch ein Experte darin?
    Soll man denen jetzt vorschreiben, was sie zu sagen haben?
    Sie hätten gerne eine fundierte, wissenschaftliche Analyse? Dann lesen Sie wohl besser "Nature" oder "Science".
  8. #17

    Schon geschrieben...

    Mein Gedanke wurde hier schon mehrfach geschrieben: Die häufige Verbindung von Asperger mit Hochbegabung sehe ich kritisch: sie schafft ein falsches Bild und führt wiederum zu einer (vielleicht bewundernden) Stigmatisierung. Das hat keine/r verdient.
  9. #18

    Zitat von asperix Beitrag anzeigen
    Worüber ich mich aufrege?

    Zuerst wird Asperger kurz vor Weihnachten mit Massenmord in Verbindung gebracht und jetzt (wieder mal) mit außergewöhnlichen Kunststückchen im Stile von Rainman.
    Naja, das ist aber doch das Hauptproblem der "normalen" Menschen im Umgang mit "Anderssein" in jeglicher Hinsicht. Entweder Monster oder Heiliger, dazwischen gibt es nicht viel. Das auch Menschen mit einer sogenannten psychischen Störung (allein dieser Gummibegriff ist ja eigentlich schon lächerlich) einfach nur Menschen sind - alle anders, alle mit Schwächen und Stärken und dann eben eigentlich auch nur ganz normal - geht ihnen nicht in den Kopf. Alles, was außerhalb der sehr begrenzten gesellschaftlichen Norm liegt, muß mit gut oder schlecht bewertet werden, es muß eine Diagnose angehängt werden, damit der normale Mitmensch auch gleich weiß, in welche Schublade er einen stecken kann. Und da kommt man dann auch nicht mehr raus. Es ist dann jeder "sehr verständnisvoll" und erzählt einem, was man denn für Symptome hätte - anscheinend kennen einen Leute, denen man vor ein paar Stunden oder Tagen das erste Mal begegnet ist, besser als man sich selber, sobald sie irgendeine Diagnose gehört haben. Von den guten Ratschlägen mal ganz abgesehen. Das ist in etwa das gleiche, wie einem Blinden erzählen zu wollen, daß er nichts sieht und wie er sich besser zurechtfinden kann... der weiß das auch alleine.
  10. #19

    Zitat von UnitedEurope Beitrag anzeigen

    "Den Zustand einer Gesellschaft kann man daran erkennen, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht."
    Sehen Sie, da liegt schon ein Problem. Sind Menschen automatisch "schwach", nur weil sie A) finanziell arm sind oder B) irgendwie anders sind? Dieser Begriff der sozialen Schwäche ist völliger Blödsinn - denn die "Schwachen" werden ausschließlich dadurch zu "Schwachen", weil man sie von außen als solche definiert. Das ist nichts anderes, als das eine Gruppe der Gesellschaft sich über eine andere erhebt, indem sie diese zu etwas minderwertigem degradiert, dem dann "geholfen werden muß". Dem "Schwachen" wird abgesprochen, was für den "angepaßt Erfolgreichen" selbstverständlich ist - Selbstbestimmung, Anerkennung, Würde. Auf welche Basis? Das man irgendwelchen willkürlich bestimmten Normen nicht entspricht.