Autismus: "Oft wünschte ich, die Menschen wären nummeriert"

CorbisSie haben Probleme, soziale Kontakte zu knüpfen, tun sich schwer, Mimiken zu erkennen und gelten oft als sonderbar. Doch eigentlich sind Asperger-Autisten nur eines: anders. Vier Betroffene erzählen über ihr Leben mit der Störung - und wie sie ihren Alltag damit meistern.

http://www.spiegel.de/gesundheit/psy...-a-877992.html
  1. #1

    Hfa

    Da ist ihnen leider ein grober Fehler unterlaufen. HFA (Hochfunktionaler Autismus gehört nicht zum Asperger sondern zum Kanner Autismus, also zum sog. klassischen Autismus. Die beiden Begriffe Asperger und HFA werden leider immer noch miteinander verwechselt, bzw. als austauschbar angesehen.
    Miet freundlichem Gruss,
    Seedistel
  2. #2

    Worüber ich mich aufrege?

    Zuerst wird Asperger kurz vor Weihnachten mit Massenmord in Verbindung gebracht und jetzt (wieder mal) mit außergewöhnlichen Kunststückchen im Stile von Rainman.

    Verbände und Vereine im Bereich Autismus bemühen sich um Aufklärung und haben es in den letzten zehn Jahren immerhin schon geschafft, dass nicht jeder sagt "Du kannst kein Autist sein, du sprichst ja." wenn man sich outet.

    Ein echter Fortschritt nach Briseños Griff ins Klo vor Weihnachten wäre gewesen, sie hätte einen repräsentativen Querschnitt gebracht. Nicht Superbrain, promovierte Ärztin und überdurchschnittliche Schüler. Was soll das?

    Wer aufklären möchte (und das war am 18.12.12 ja so angekündigt: In den kommenden Wochen plant SPIEGEL ONLINE, das Thema Autismus noch intensiver und hintergründiger zu beleuchten, um klarzumachen, dass eine Stigmatisierung der Betroffenen falsch ist.), sollte eine Sache so darstellen, wie sie ist und nicht wie das Privatfernsehen auf sensationsheischende Weise einen außergewöhnlichen Aspekt herausgreifen. Das "hintergründiger" ist hiermit (wie zu erwarten) in die Hose gegangen. Es ist wieder ein Beitrag dazu, das Leben und den Alltag von durchschnittlichen Autisten zu erschweren.

    Vielleicht gibt es ja noch einen Artikel, in dem tatsächlich dargestellt wird, was Autismus für Autisten bedeutet. Und wenn eine Journalistin ihre Berufsbezeichnung verdient hat, kann sie auch daraus einen interessanten Artikel machen.
  3. #3

    optional

    Asperger gehört imo zu den sinnlosen Pathologisierungen, die von der Norm abweichende Sozialisierungen den Anstrich einer behandelbaren Krankeit geben. Da gehören AD(H)S und vermutlich die meisten Depressionen dazu.

    Ich denke sogar, dass Autismus eine eigentlich normale Variante menschlichen Fühlens und Verhaltens ist - was nichts an der Dringlichkeit ändert, dass die Betroffenen einen Weg finden müssen, wie sie damit umgehen können.

    Wir leben in einer menschenfeindlichen Gesellschaft, die jedem Individuum signalisiert, dass es ausgestoßen werden wird, wenn es nicht den Normen entspricht. Die Normen werden vollkommen gedankenlos von Idioten und Ökonomen gesetzt und durch permanente Wiederholung verfestigt.

    Jeder sucht sich seinen eigenen Weg, wie er sich davon wieder freimacht - sofern er nicht nicht ohnehin der Meinung ist, er gehört zu den Gewinnern der Selektion. Medienkonsum ist ein Weg, Verweigerung ein anderer. Kindern steht aber dieser Katalog aus Selbstreflektion und mehr oder weniger bewusster Verhaltensänderung nicht zur Verfügung, sie flüchten in scheinbar irrationale Verhaltensweisen; reimen sich ihre eigenen kruden Wahrheiten zusammen und leben dann danach. Auch viele Erwachsene tun sich damit schwer: Einerseits haben sie sich jahrzehntelang als Arbeitnehmer mit ihrem Dasein als Ameise arrangiert und angefreundet - und dann gibt es eine Störung in dem Ökosystem. Die Ameise verliert total die Orientierung - bei höheren Tieren gibt's dann Übersprungshandlungen. Je nach innerem Gerüst braucht's gar nicht so viel und die Menschen brechen innerlich zusammen.

    Aber an der Pathologisierung verdienen ja Viele - und sie entspricht dem Konsens von Gewinnern mit guter Bildung und richtiger innerer Einstellung und dem restlichen Schei*haufen.

    Es bräuchte einen Konsens darüber, dass es in Ordnung ist, faul zu sein, nicht lebenslang zu lernen. Aber ausnahmslos alle haben in einer reichen Gesellschaft wie unserer ein Recht auf ein Dasein - nicht bloße Existenz. Und das werden die bezahlen müssen, die von dieser reichen Gesellschaft profitieren.

    Tun sie's nicht, werden die Armen und Kranken die Gesunden und Wohlhabenden einfach auffressen - es gibt keine natürliche Grenze in dieser Entwicklung. Der Manchesterkapitalismus ist jederzeit wiederholbar.
  4. #4

    Titellos

    Zitat von asperix Beitrag anzeigen
    Nicht dass ich erwartet hätte, dass es nach dem letzten mehr als unglücklichen Artikel jetzt eine Kehrtwende hätte geben können... Mit ungeahnter Unsensibilität pflügt sie sich wieder durch ein Thema, zu dem ihr offensichtlich immer noch der Zugang fehlt.

    Worüber ich mich aufrege?

    Zuerst wird Asperger kurz vor Weihnachten mit Massenmord in Verbindung gebracht und jetzt (wieder mal) mit außergewöhnlichen Kunststückchen im Stile von Rainman.

    Verbände und Vereine im Bereich Autismus bemühen sich um Aufklärung und haben es in den letzten zehn Jahren immerhin schon geschafft, dass nicht jeder sagt "Du kannst kein Autist sein, du sprichst ja." wenn man sich outet.

    Ein echter Fortschritt nach Briseños Griff ins Klo (haha ich kann kein Autist sein, ich verwende Redewendungen haha) vor Weihnachten wäre gewesen, sie hätte einen repräsentativen Querschnitt gebracht. Nicht Superbrain, promovierte Ärztin und überdurchschnittliche Schüler. Was soll das?

    Wer aufklären möchte (und das war am 18.12.12 ja so angekündigt: In den kommenden Wochen plant SPIEGEL ONLINE, das Thema Autismus noch intensiver und hintergründiger zu beleuchten, um klarzumachen, dass eine Stigmatisierung der Betroffenen falsch ist.), sollte eine Sache so darstellen, wie sie ist und nicht wie das Privatfernsehen auf sensationsheischende Weise einen außergewöhnlichen Aspekt herausgreifen. Das "hintergründiger" ist hiermit (wie zu erwarten) in die Hose gegangen. Es ist wieder ein Beitrag dazu, das Leben und den Alltag von durchschnittlichen Autisten zu erschweren.

    Vielleicht gibt es ja noch einen Artikel, in dem tatsächlich dargestellt wird, was Autismus für Autisten bedeutet. Und wenn eine Journalistin ihre Berufsbezeichnung verdient hat, kann sie auch daraus einen interessanten Artikel machen.

    Der ursprüngliche Artikel (Verstoß gegen Artikel 12 des Pressecodex)
    Adam Lanza: Litt der Amokläufer von Newtown am Asperger-Syndrom? - SPIEGEL ONLINE

    Ein erstes Zurückrudern und die Ankündigung von der ausgebliebenen Besserung:
    Newtown-Berichterstattung: Autisten verurteilen Stigmatisierung - SPIEGEL ONLINE
    Der Artikel besteht ausschließlich aus vier Teilstücken, in denen Menschen mit Asperger (oder mit Asperger-verwandten Snydromen) ihre Geschichte erzählen.
    Machen Sie doch diesen Menschen oder den Eltern einen Vorwurf, dass sie nicht tiefer eingehen.
    Ich persönlich fande diesen Artikel sehr interessant, zeigt er doch die Sichtweise der "Betroffenen". Ganz besonders den letzten Teil fande ich ermutigend: Es ist schön zu sehen, dass wir vor 70 Jahren Menschen die wir nicht verstanden oder die nicht der Norm entsprachen vergasten, während wir uns heute aktiv bemühen, auch solchen Menschen einen geregelten, Mobbing-freien Tagesablauf zu ermöglichen.

    "Den Zustand einer Gesellschaft kann man daran erkennen, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht."
  5. #5

    Boandlgramer

    Zitat von Boandlgramer Beitrag anzeigen
    Asperger gehört imo zu den sinnlosen Pathologisierungen, die von der Norm abweichende Sozialisierungen den Anstrich einer behandelbaren Krankeit geben. Da gehören AD(H)S und vermutlich die meisten Depressionen dazu.

    Ich denke sogar, dass Autismus eine eigentlich normale Variante menschlichen Fühlens und Verhaltens ist - was nichts an der Dringlichkeit ändert, dass die Betroffenen einen Weg finden müssen, wie sie damit umgehen können.
    Bitte sprechen Sie vor einer weiteren Pauschalaussage über Autismus oder Asperger-Syndrom mit Menschen, die das haben.

    Monotropismus, Fehlen intuitiver(!) sozialer Interaktion, mangelnder bis fehlender Bezug zur Umwelt und die mit teilweise extrem empfindlichen Sinnen einhergehende Reizüberflutung sind mehr als eine "Normvariante". Das ist durchaus pathologisch, auch wenn man das selber nicht so gerne hört.

    Wenn Sie den Austausch mit Autisten wünschen, kann ich Ihnen ein paar Anlaufstellen nennen.

    Gruß
    Lasse von Dingens
  6. #6

    Falscher Ansatzpunkt

    Zitat von UnitedEurope Beitrag anzeigen
    Der Artikel besteht ausschließlich aus vier Teilstücken, in denen Menschen mit Asperger (oder mit Asperger-verwandten Snydromen) ihre Geschichte erzählen.
    Machen Sie doch diesen Menschen oder den Eltern einen Vorwurf, dass sie nicht tiefer eingehen.
    Wer hat denn diejenigen ausgesucht, die befragt wurden?
  7. #7

    wie traurig

    Alle vier beispiele machen mich traurig... Der junge Mann, der zu spaet mit dem beginnt, was ihn womoeglich tatsaechlich einzigartig und erfolgreich haette machen koennen - seine Musik. Stattdessen lernt er fuer einen Beruf, in dem er wenig Moeglichkeiten hat, der Luege aus dem Weg zu gehen.... Die Gymnasiastin, deren Eltern 14 Jahre "traurig" dabei zusehen, wie ihr Kind leidet, zwar liebevoll helfen und unterstuetzen, aber nicht wirklich energisch nach Antworten suchen... Die Bio-Studentin, bei der man wg ihres Anders-Sein nur hoffen kann, dass sie nicht in ethisch sensiblen Bereichen ihres Fachs arbeiten wird - es koennte ihr schwerfallen, etwaige ethisch/moralische Problematiken angemessen einzuordnen. Am meisten wuerde mich allerdings interessieren, ob die Psychotherapeutin tatsaechlich praktiziert - ich finde es faszinierend, dass sie vermutlich durch ihre Berufswahl das beste Verstaendnis von allen vieren fuer ihre besondere Situation entwickelt hat - aber ich moechte als "Normale" nicht an eine PTin geraten, die Asperger hat...
  8. #8

    Sind wir nicht irgendwie alle ein wenig autistisch?

    Also mir kommt das so vor: Ich habe Nachbarn, die es überhaupt nicht stört, wenn ihr Hund draußen stundenlang bellt - und sie sitzen auf der Terasse - dem Rest der Nachbarn geht das fürchterlich auf den Keks. Andere werfen einfach Zigarettenkippen auf Futterwiesen - es interessiert sie nicht. Oder vielleicht sind sie ja nur etwas autistisch? Manche Menschen kriegen es überhaupt nicht mit, wenn rechts und links neben ihnen die größten Unglücke geschehen - irgendwie egal... Dafür sind sie aber vielleicht ganz toll im Geldverdienen, oder sie wissen alles über Irgendwas. Ich weiss es nicht. Das gibt´s alles in allen Variationen - überall und jeden Tag. Wenn jemand der Stadt mal eben zwei Parkplätze benutzt - bei ärgster Parkplatznot. Vielleicht ist das ja auch schon autistisch - weil es dieser Person entweder egal ist, was andere tun, oder sie meinen, sie wären alleine auf der Welt. Dafür können sie aber furchtbar gut Einkaufen! Und so weiter... da könnte ich tagelang weitermachen. Ich kenne einen Savant, also einen Autisten, der wohl besonders extrem ist - vielleicht ist es ja auch nur Asperger - ich kenne mich nicht so aus. Er vergisst nichts. Alles, was er jemals gelesen hat, hat er in seinem Speicher. Zwölf Sprachen spricht er. Deshalb ist er noch kein Autist. Aber über die Straße kann er nur gehen, wo ein Zebrastreifen ist. Und auf der Autobahn fährt er, als wäre der Motor seines Autos defekt... Sowas gibt´s auch... Aber irgendwie hat diese These vom gesellschaftlichen Autismus (ich will hier nichts herabwürdigen oder so) schon auch was...
  9. #9

    Unterschiede sind normal

    "Normalität" in dem Sinn, dass Asperger nicht normal wären, halte ich für eine schlechte Normsetzung. Es ist eine von "Betroffenen", und zwar von den sogenannten "Neurotypischen".

    Die sich hartnäckig haltende Vorstellung, die menschliche Gemeinschaft ähnele mehr der der Ameisen oder Bienen (Kollektiv) als der der Grizzlys oder Tiger (Einzelgänger), ist eine Sicht, die durch nichts beweisbar ist. Dass das Erkennen von Gefühlen anderer aus evolutionärer Sicht wichtig wäre (Feinderkennung) gegenüber anderen Fähigkeiten, ist eine ebenso unbewiesene These. Insbesondere eine höhere Intelligenz kann durchaus so etwas kompensieren.

    Das einzige, was mich irritiert, ist die häufig vorkommende motorische Abweichung.