Unterwegs in Marrakesch: Märchen vom Platz der Geköpften

dapdFeuerschlucker, Trommler, Kaufleute, Geschichtenerzähler: Der Djemmaa el-Fna - der Platz der Gaukler - im Zentrum Marakeschs ist ein Ort der Magie, der selbst Hollywood-Schauspieler und Nobelpreisträger verzaubert. Dabei hätten die Händler den orientalischen Mythos beinahe selbst zerstört.

http://www.spiegel.de/reise/fernweh/...-a-875565.html
  1. #1

    Pseudo-Guides

    Die genannten netten Pseudo-Führer aller Altersklassen, die einem nur den Weg aus dem Souk zeigen wollen und dann die Hand aufhalten oder dafür sorgen, dass man in einem Teppichladen landet, gibt es leider immer noch an jeder Ecke. Man kann als Tourist keine zwei Schritte tun, ohne angesprochen zu werden. Das ist wirklich mehr als lästig und hat mir meinen ersten Marokko-Aufenthalt wirklich verleidet. Die sogenannte Touristenpolizei, die dies verhindern soll, ist nicht zu sehen. Marokko is wirklich ein schönes Land, die Leute sind freundlich, aber an jeder Ecke wird die Hand aufgehalten.
    Furchtbar! Ich komme so schnell nicht wieder.
  2. #2

    Märchen aus 1001 Nacht

    Zunächst mal, sollte jeder Fremde den Djam el Fna (oder wie immer er von verschiedenen Stellen auch geschrieben wird) besuchen. Am Besten am Abend kurz vor Einbruch der Dunkelheit, wenn die ganzen ambulanten Grillstände, Orangensaftbuden, Fisch-und Fleischtheken, Tische und Sitzbänke wie jeden Tag neu aufgebaut werden. Ab diesem Zeitpunkt geht es dann tatsächlich "rund" auf dem Platz der Gaukler. Und der Tourist fühlt sich von den Gerüchen, den zahlreichen auch heimischen Protagonisten bis hin zur permanenten musikalischen Untermalung in einer anderen Welt. Die freien Flächen die das kulinarische Fest zwischen der beginnenden Medina, den kleinen Gassen mit den Riads und der Fußgängerzone "Prince" lässt, werden tatsächlich von diversen "Gauklern" genutzt.

    Wenn man aber als nicht arabischer Tourist das Geschehen dann aus der Nähe verfolgen möchte, geht es bei den Gauklern und deren Mitstreiter fast ausschließlich nur noch um Kohle. Die wird zunehmend fordernd reklamiert, das kann dann für einen Neuling zu etwas mulmigen Gefühlen führen.
    Ein Erfolgeserlebnis kann man sich dagegen selbst bereiten, wenn man bei einem der annähernd fünfzig identischen Orangensaftständen die einen äusseren Kreis um das Gelände bilden, seitlich so hinstellt, dass man den die frischen Orangen pressenden Saftverkäufer bei seiner Arbeit beobachten kann, und somit die ansonsten garantierte Streckung mit reichlich Wasser verhindert. Dieser Verkäufer wird Sie dann übrigens freundlich und anerkennend anschmunzeln:-)

    Und wenn man von alleine herum streifenden Einheimischen am nächtlichen El Fna angesprochen wird, darf man jederzeit davon ausgehen, dass der irgend etwas von Ihnen will. Die Toristenpolizei sowie die so freundlich genannten "Zivilpolizisten" sollen Diebstähle, Prostitution und Drogendelikte einschränken. Allerdings sorgen diese "Beamten" auch häufig genug für Angst und Schrecken, wenn sie in der späten Nacht ihre Karrenwägen fast schon beliebig mit diversen Einheimischen "beladen", und sich zumindest teilweise nur ihre "Tajine" für den nächsten Tag verdienen wollen. Allerdings tun sie das nicht um "halb fünf". Da hat der Autor wohl erneut etwas vergessen. Bereits zwei Stunden zuvor ist das "Kino" beendet, alle Stände sind abgebaut und "La Place" ist menschenleer.

    Also: der Neuling sollte die Beschreibung des Artikels nur für bare Münze nehmen, wenn er sich das (beworbene?) Buch sehr weit entfernt von Marrakech an einem ganz anderen Ort zu Gemüte führen will. Denn mit der Realität hat dieses seltsam naive Geschwurbel leider nicht viel zu tun.

    Wer Marrakech tatsächlich besuchen möchte, sollte etwas besser vorbereitet sein, um nicht enttäuscht zu werden. Und dann ist der Platz der Gaukler wirklich nicht nur einen einzigen Besuch wert! Er ist grandios!
  3. #3

    Zwiebelfisch

    ...hat schon einmal den Unterschied zwischen Reverenz und Referenz erklärt, hier ist es leider falsch geschrieben, in einem ansonsten feinen Artikel.
  4. #4

    Stadt der Nepper & Schlepper sonst nichts!

    Aus eigener mehrfacher Erfahrung in den letzten 2 Jahren kann ich nur sagen, dass sich am alten Bild der Stadt aus den 90ern nichts geändert hat.
    Wenn man den Hauptplatz (Jemaa Al Fna) überquert darf man beim gehen auf keinen Fall die Gaukler und Schlangenbeschwörer anschauen geschweige denn nur den Kopf in die Richtung drehen, sonst hat man sofort einen am Hals der penetrant Geld verlangt! Fotografieren auf dem Platz wird schwierig, da sofort mehrere Personen da stehen (Tänzer, Gaukler, Geschichtenerzähler, Bettler, kleine Kinder usw.) die sofort daraus Kasse machen wollen, weil sie sich angeblich auf den Fotos wähnen.

    Zahlt man nicht, wird man beschimpft und teilweise angerempelt.
    Eine Polizeikontrolle auf dem Platz verlangte von uns 35,00 € Kontrollgebühr, obwohl alles seine Richtigkeit hatte!
    Taxifahrer kassieren nach Gutdünken, je nach Herkunft, Tageszeit und Dummheit der Touristen jedesmal anders ab. Und dies immer für die gleiche Strecke!
    Händler verkaufen mehr Touristenramsch der auf den erzen Blick sehr schön aussieht, aber sich im Nachhinein als Ramsch herausstellt. Preise müssen jedesmal anstrengend verhandelt werden, ob beim Getränke-, Souvenir-, oder Taxifahrt!

    Es wird überall ein Trinkgeld erwartet! Auch für eine kleine Auskunft nach der einen oder anderen Strasse oder Wegrichtung!
    Es hat sich spätestens nach 2 Tagen ausgeträumt mit der Mystik und der orientalischen Gastfreundschaft!
    Ein Stadt der Nepper und Schlepper für mich!
  5. #5

    Schon wieder veraltet

    Ich weiß nicht, wann der Autor das letzte Mal in Marokko war, aber von einer Strafe für Pseudo-Guides kann wohl keine Rede mehr sein.
    Ich war im Oktober letzen Jahres in Marrakesch und ich muss sagen, dass es extrem lästig und nervend war alleine nur ein paar Minuten durch die Stadt zu laufen. Nicht nur, dass man ein "no, thank you" geradezu als Aufforderung sieht, den Tourist weiter zu bedrängen. Selbst wenn ich mich gerade mit meiner Frau unterhalte, werde ich bedrängt und angesprochen.
    Diese Erfahrung macht man übrigens nicht nur in Marrakesch, sondern auch in Rabat und Fès.

    Ich verstehe durchaus, dass die Menschen dort auf den Tourismus angewiesen sind. Aber während in anderen Ländern die Menschen begriffen haben, wie man mit Fremden umgeht, scheint man in Marokko noch weit davon entfernt zu sein. Auf lange Sicht sehe ich schwarz für den Tourismus in Marokko, sollte nicht ein umdenken stattfinden. Die schlechte Publicity, die ich und andere Leidensgenossen in die Heimat tragen, wird wohl eher dazu führen, dass noch weniger Menschen dies eigentlich sehr schöne Land bereisen.

    Dies haben uns übrigens auch einige in Deutschland lebende Marokkaner bestätigt, die es tunlichst aus den o.g. Gründen vermeiden, nach Marrakesch zu fahren.
  6. #6

    Großartig

    Zunächst mal, sollte jeder Fremde den Djam el Fna (oder wie immer er von verschiedenen Stellen geschrieben wird) besuchen. Am Besten am Abend kurz vor Einbruch der Dunkelheit, wenn die ganzen ambulanten Grillstände, Orangensaftbuden, Fisch-und Fleischtheken, Tische und Sitzbänke wie jeden Tag neu aufgebaut werden. Ab diesem Zeitpunkt geht es dann tatsächlich rund auf dem Platz der Gaukler und der Tourist fühlt sich von den Gerüchen, den zahlreichen auch heimischen Protagonisten bis hin zur permanenten musikalischen Untermalung in einer anderen Welt. Die freien Flächen die das kulinarische Fest zwischen der beginnenden Medina, den kleinen Gassen mit den Riads und der Fußgängerzone "Prince" lässt, werden tatsächlich von diversen "Gauklern" genutzt.

    Wenn man als nicht arabischer Tourist das Geschehen dann aus der Nähe verfolgen möchte, geht es bei den Gauklern und deren Mitstreiter fast ausschließlich um Kohle. Die wird zunehmend fordernd reklamiert, das kann dann für einen Neuling manchmal zu etwas mulmigen Gefühlen führen. Ein Erfolgeserlebnis kann man sich dagegen selbst bereiten, wenn man bei einem der annähernd fünfzig identischen Orangensaftständen die einen äusseren Kreis um das Gelände bilden, seitlich so hinstellt, dass man den die frischen Orangen pressenden Saftverkäufer bei seiner Arbeit beobachten kann, und somit die ansonsten garantierte Streckung mit reichlich Wasser verhindert.
    Und wenn man von alleine herum streifenden Einheimischen am nächtlichen El Fna angesprochen wird, darf man jederzeit davon ausgehen, dass der irgend etwas von Ihnen will. Die Toristenpolizei sowie die so freundlich genannten "Zivilpolizisten" sollen Diebstähle, Prostitution und Drogendelikte einschränken. Allerdings sorgen diese "Beamten" auch häufig genug für Angst und Schrecken, wenn sie in der späten Nacht ihre Karrenwägen fast schon beliebig mit diversen Einheimischen "beladen", und sich zumindest teilweise nur ihre "Tajine" für den nächsten Tag verdienen wollen. Allerdings tun sie das nicht um "halb fünf". Da hat der Autor wohl erneut etwas vergessen. Bereits zwei Stunden zuvor ist das "Kino" beendet, und "La Place" ist menschenleer.

    Also: der Neuling sollte die Beschreibung des Artikels nur für bare Münze nehmen, wenn er sich das (beworbene?) Buch sehr weit entfernt von Marrakech an einem ganz anderen Ort zu Gemüte führt. Denn mit der Realität hat dieses seltsam naive Geschwurbel leider nicht viel zu tun.
    Wer Marrakech tatsächlich besuchen möchte, sollte etwas besser vorbereitet sein, um nicht enttäuscht zu werden. Und dann ist der Platz der Gaukler wirklich nicht nur einen einzigen Besuch wert!
    Er ist dann großartig!
  7. #7

    Je nachdem

    Zitat: „Allein mit ihren Stimmen, ihren Gesten und dem Rollen ihrer Augen erfüllten sie das, was inzwischen mit weit höherem Aufwand und größerem Personaleinsatz das Kino übernommen hat - Bilder anlaufen zu lassen. Die Gaukler von heute besuchen die von gestern. Und sie sind froh, dass es dieses Gestern noch gibt: in Marrakesch zu Füßen der schneebedeckten Gipfel des Hohen Atlas.“

    Es ist ein sehr schönes Gefühl, wenn jemand in einem Erlebnis seine exotischen Phantasien erfüllt sieht, und es wäre unangebracht, diesem Menschen dieses Gefühl durch kleinmütige Einwände zu verderben – auch das zehnte Foto desselben Sonnenuntergangs betrachtet derjenige, der es im Eindruck des sinkenden Feuerballs gemacht hat, voller Faszination, während andere darüber nur mitleidig den Kopf schütteln. Bei dem weltberühmten Platz in Marrakesch verhält es sich ähnlich: Man muss in den Djemmaa el-Fna ohne Vorbehalte eintauchen, man muss sich ihm in der Erwartung öffnen, hier dem Mysterium der arabischen Kultur hautnah zu begegnen, dann hält der Djemmaa el-Fna auch das was er verspricht – der Autor des Artikels, Herr Sobik, gehört offenbar zu den Glücklichen in dieser Hinsicht.

    Bei mir war es leider anders, ich sah auf dem Djemmaa el-Fna keine Gaukler von gestern mehr, ich sah ausschließlich die von heute, und sie alle wollten mir für Geld penetrant Exotik vorgaukeln, sie verfolgten mich mit einer mächtigen Schlange um den Hals, sie ließen ein Affen auf meine Schulter springen, der mich von Auge zu Auge kritisch musterte, ich wurde mit der Bitte um 20 Dirham, was etwa zwei Euro entspricht, vollständig eingenebelt, es roch nach einer Mischung aus Myrrhe und Kuhdung, sie verkauften mir eine gekochte Teigtasche, deren Füllung nach geraspelten Schuhsohlen schmeckte - ich stelle mir jedenfalls vor, dass die so schmecken – sie boten mir Katzenfelle mit Schrumpfkopf gegen Rückenschmerzen an, ich überlegte kurz, weil ich Rücken habe, lehnte dann aber beim Anblick des hingeschlachteten Tieres entschlossen ab – wie schon gesagt: Entweder man ist von einer Nacht auf dem lärmigen und verräucherten Djemmaa el-Fna begeistert, oder man ist mehr entgeistert, je nachdem.
  8. #8

    War gerade eine Woche in Marrakesch ...

    ... und muss sagen, dass eine Reduzierung auf den Fna Blödsinn ist. Überigens haben wir so ruhig wie noch nie in einer arabischen Stadt in einem Riad gewohnt. ES WAR SCHÖN UND SEHENSWERT.
    Was die Händler / Schlepper angeht: Ein deutliches, arabisches "la, shukran" (nein danke) hat uns vor übermäßigen verkaufsaktivitäten geschützt. Wir haben nichts praktisch nichts gekauft ... es schien uns sowohl qualitativ als auch preislich nicht passend.
    Empfehlen würde wir in den Riads in der Medina zu übernachten.
  9. #9

    Orient

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Feuerschlucker, Trommler, Kaufleute, Geschichtenerzähler: Der Djemmaa el-Fna - der Platz der Gaukler - im Zentrum Marakeschs ist ein Ort der Magie, der selbst Hollywood-Schauspieler und Nobelpreisträger verzaubert. Dabei hätten die Händler den orientalischen Mythos beinahe selbst zerstört.

    Ein Spaziergang durch Marrakesch: Gassen, Geschichten, Gauklerplatz - SPIEGEL ONLINE
    Ich denke, es liegt an einem selbst, ob man sich dem Treiben auf dem Platz öffnen kann, es liegt nicht an den Händlern und Strassenkünstlern. Viele Foristen beklagen die Aufdringlichkeit der Händler und das Fehlen der gewohnten europäischen Ordnung. Aber es ist eben nicht Europa, es ist Afrika, es ist Orient. Es ist eine Mischung aus 1001 Nacht und Dritter Welt. Wer die gewohnte Ordnung braucht, ist hier fehl am "Platz".

    Unser Einstieg in das Treiben begann auf einer der vielen Restaurant-Dachterrassen, die rund um den Platz verteilt sind. Von dort hat man einen wunderbaren Blick auf all das Gewusel. Verrückt sind die vielen Mopedfahrer, die durchs Gedränge rasen. Ein Wunder wohl, dass da nichts passiert.

    Unsere Gänge durch die Medina waren aufregend und spannend, keine Spur von Aufdringlichkeit. Auf dem Platz selber war es anders, aber wie oben geschrieben, es ist eine fremde Welt.

    Wir hatten uns in einem kleinen schicken Riad (No. 10) für mehrere Nächte einquartiert. Es liegt nur wenige Schritte entfernt vom Platz. Während der Abende auf dem Dach könnten wir bis spät in die Nacht den Lärm des Treibens verfolgen, das rhytmische Schlagen der Trommeln, alles in ein gelbliches Licht getaucht. Morgens um fünf, nachdem Ruhe eingekehrt war, rief die Muezzine ihre Gläubigen zum Gebet, es klang, als sei ein Wettstreit ausgebrochen. Von Minarett zu Minarett sangen die Lautsprecher, fast mystisch.