Bühnenausbildung in Gießen: Die Dilettanten aus Hessen

DPARené Pollesch, Rimini Protokoll, She She Pop, Gob Squad, Showcase Beat Le Mot: Sie alle haben Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen studiert. Wie konnte ein einzelnes Institut die Szene bloß so aufmischen? Eine Bilanz zum 30-jährigen Bestehen.

http://www.spiegel.de/kultur/gesells...-a-873656.html
  1. #1

    Elitaer - und ohne Wurzeln

    Ich bin selbst Giessener. Ich liebe Theater. Ich mache selbst Theater.

    Aber was die Theaterwissenschaftler "herstellen", mag vielleicht fuer einen kleinen Kreis von Kritikern und anderen Wissenschaftlern interessant und wertvoll sein. Fuer ein Publikum ist es aber eher nicht geeignet. Somit ist auch dieser Kulturbetrieb voellig erstarrt, in seiner eigenen "neuen" Form. Da es kein Publikum erreicht und somit keinen wirklichen Dialog entwickelt. Keine Wurzeln hat in der Bevoelkerung. Ein sehr elitaeres Gebilde, das sich mehr oder minder nur um sich selbst dreht, auf entsprechenden Festivals. Oder auch in Theatern, mit schwindendem Publikum. Eine Art Selbsbefriedigung, in der Kategorie "Ist das Kunst oder kann das weg".
    Das Institut selbst hat auch ueberhaupt kein Interesse daran, Theater fuer und mit dem Publikum zu machen. Es abzuholen, mitzunehmen, zu bewegen und so Dialog zu schaffen. Theater wieder eine Relevanz zu geben.
    Somit werden nicht die Staerken des Theater in der "Giessener Schule" gestaerkt, sondern nur die Abschottung von einer Verbindung zur breiten Wirksamkeit von Theater.
    Was letztlich dafuer sorgt, dass das subventionierte Theatersystem weiterhin massivst subventioniert werden muss, da ihm die Zuschauer fehlen, und so in seinen starren Strukturen bestehen bleiben muss.
    Daher: eine menschennaehere Lehre in Giessen koennte das Theater wirklich staerken. Die jetzige Form ist ueberholt und peinlich elitaer.
  2. #2

    von wegen

    Schon oft wurden die ATW-ler in Gießen des Elitären und der Arroganz verdächtigt, Abschottung, Inzest, was nicht alles. Tatsächlich schaffen es die Studierenden jedes Jahr aufs Neue interessante Locations in der Stadt aus "dem Off" zu zerren und sie als Bühne, Bar oder Showroom für ihre Zwecke zu nutzen und damit dem innerstädtischen Leben wieder etwas Farbe zu geben. (Bspw. Diskurs (Zwischenraum), Theatermaschine) Ob Spielweise, Experimentierfeld oder überbewerteter Diskursschrott ist doch erstmal zweitrangig. Ich finde die Pauschalkritik von marty überzogen und unkonkret. Dieser menschelnde Aufruf (für "eine menschennaehere Lehre") geht mir auf die Nerven.
  3. #3

    Theorie?

    Stadelmaier scheint diesen Dilettantenstadel noch zu überschätzen. Mit Theorie hat das ganze soviel zu tun wie der Maya-Kalender. Man beginnt die Politiker zu beachten, die für sowas ( und den Rest des deutschen Theaters) zwangseingetriebene Steuergelder veruntreuen.
  4. #4

    Mit aller Gewalt...

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    René Pollesch, Rimini Protokoll, She She Pop, Gob Squad, Showcase Beat Le Mot: Sie alle haben Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen studiert. Wie konnte ein einzelnes Institut die Szene bloß so aufmischen?
    Hab einiges davon gesehen. Im Rückblick war es arg überstrapaziert, gewollt und am Publikum vorbei, dafür hochgehyped von den Kollegen aus einem Feuilleton, welches sich ansonsten auf Besprechungen von Talkshows reduziert hat.
    Theater heisst ausprobieren, also sollen sie das tun. Aber man sollte die Messlatte schon da lassen, wo sie hingehört.
  5. #5

    Zitat von p.lot Beitrag anzeigen
    Schon oft wurden die ATW-ler in Gießen des Elitären und der Arroganz verdächtigt, Abschottung, Inzest, was nicht alles. Tatsächlich schaffen es die Studierenden jedes Jahr aufs Neue interessante Locations in der Stadt aus "dem Off" zu zerren und sie als Bühne, Bar oder Showroom für ihre Zwecke zu nutzen und damit dem innerstädtischen Leben wieder etwas Farbe zu geben. (Bspw. Diskurs (Zwischenraum), Theatermaschine) Ob Spielweise, Experimentierfeld oder überbewerteter Diskursschrott ist doch erstmal zweitrangig. Ich finde die Pauschalkritik von marty überzogen und unkonkret. Dieser menschelnde Aufruf (für "eine menschennaehere Lehre") geht mir auf die Nerven.
    Als Absolvent genau dieses Studiengangs kann ich die Vorwürfe leider nur bestätigen. Die "Giessener Schule" ist auch nichts anderes als ein eitler Mikrokosmos in dem sich letztlich alles um sich selbst dreht.
    Übrigens ein generelles Problem der Theaterlandschaft in politisch höchst brisanten Zeiten wie diesen. Wenn man dieses Labor dann mal verlassen hat, wirkt vieles rückblickend schrecklich banal und irrelevant.

    Einen Schlingensief wird man in Giessen jedenfalls nicht finden.
  6. #6

    Zitat von p.lot Beitrag anzeigen
    Schon oft wurden die ATW-ler in Gießen des Elitären und der Arroganz verdächtigt, Abschottung, Inzest, was nicht alles. Tatsächlich schaffen es die Studierenden jedes Jahr aufs Neue interessante Locations in der Stadt aus "dem Off" zu zerren und sie als Bühne, Bar oder Showroom für ihre Zwecke zu nutzen und damit dem innerstädtischen Leben wieder etwas Farbe zu geben. (Bspw. Diskurs (Zwischenraum), Theatermaschine) Ob Spielweise, Experimentierfeld oder überbewerteter Diskursschrott ist doch erstmal zweitrangig. Ich finde die Pauschalkritik von marty überzogen und unkonkret. Dieser menschelnde Aufruf (für "eine menschennaehere Lehre") geht mir auf die Nerven.
    traumhaft, dass sie das schaffen - nur keiner geht hin, ausser Bekannten, Verwandten, Mitstudenten, Kritikern. Bleibt also ein elitaerer Kreis. Und Leute, die die "Performance" nur durch Zufall erlebt haben, wundern sich, sind meist eher abgeschreckt (was eher negative Auswirkungen auf die Wirkung von Theater hat) und wieder einen Schritt weiter vom Theater abgerueckt.
    Was soll Theater? Sich nur mit sich selbst beschaeftigen? Was will der Theaterschaffende? Sich nur mit seiner eigenen Sicht/Welt/Leben beschaeftigen? Das nennt man Selbstbefriedigung.
    Aber Erkenntnis, gemeinschaftliches Erleben, Kommunikation und Diskussion funktioniert so nicht.
    Theater ohne Publikum ist unsinnig - auch wenn Ihnen das zu pauschal ist und auf die Nerven geht.
  7. #7

    un-pauschal

    ...und falls jemand noch was un-pauschales braucht:
    Ich sage nur "Nackte" beim offiziellen Jubilaeums-Festakt.
    Da ist die Nackheit irgendwie schon zu Pauschal.

    Sollte jetzt jemand meinen, "dass verstehen Sie nicht" - genau darum geht es, sein Publikum abholen, mitnehmen, Diskussion anregen. Nicht verschrecken und elitaer "Nicht-Verstehen" vorwerfen.
  8. #8

    Gießener Schule ist inzwischen etabliert

    Ich kann dem Artikel nur zustimmen. Natürlich sind es nur einzelne Künstler und Gruppen, die sich aus Gießen wirklich erfolgreich etablieren konnten. Aber dass diese, wie manche meinen, nach wie vor nur einen kleinen elitären Kreis erreichen oder ihre Arbeiten nur von ihresgleichen angeschaut werden, kann man nun wirklich nicht mehr behaupten. So wurden etwa René Pollesch, Rimini Protokoll, She She Pop und Gob Squad in den letzten Jahren zum Theatertreffen eingeladen - dessen Auswahl für gewöhnlich bestimmt nicht für Außenseiter und Avantgarde steht. Vor allem Rimini Protokoll tourt inzwischen durch die ganze Welt und ist ein besonders gutes Beispiel dafür, welch starken Einfluss derart neue Theaterformen aus dem deutschsprachigen Raum auf ein internationales Publikum aber auch auf internationale Künstler inzwischen haben. Der Trend im Fall der Gießener ist jedenfalls eindeutig: was einst lediglich eine kleine Schar von Performancefans und Theaterwissenschafts-Studenten interessierte, erscheint schon bald als längst etablierte und allgemein anerkannte Kunst. Irgendwann wird der nächste Stadlmeier einmal sagen, dass die Gießener Schule doch noch richtiges Performancetheater mit Hand und Fuß war und eben nicht so ein neumodischer Kram wie XY.
  9. #9

    ich frage mich,

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    René Pollesch, Rimini Protokoll, She She Pop, Gob Squad, Showcase Beat Le Mot: Sie alle haben Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen studiert. Wie konnte ein einzelnes Institut die Szene bloß so aufmischen? Eine Bilanz zum 30-jährigen Bestehen.

    Das Buch von der Angewandten Theaterwissenschaft - SPIEGEL ONLINE
    was haben eigentlich marty_gi, der im Artikel erwähnte FAZ-Autor Stadelmann oder auch die anderen, die hier im Forum über die Giessener Schule reden, an Stücken von Pollesch, SheShePop, Showcase Beat le Mot, Stefan Kaegi, Rimini Protokoll, Gob Squad, Helena Waldmann, Otmar Wagner etc gesehen? Ich habe den Eindruck, hier werden einfach irgendwelche Vorurteile bedient, ohne dass man weiss, wovon man redet. Hat jemand von denen jemals Stücke gesehen, nach denen die Hälfte des Publikums vor Glück geweint hat, wie z.B. bei "Before your very Eyes" von Gob Squad. Hat jemand von denen jemals ein Stück gesehen, das nicht nur völlig auf Schauspieler verzichtete, sondern auch auf jedes gesprochene Wort und wobei man 100% Theater der allerfeinsten Sorte geliefert bekam. Wie kann man das nur mit dem drittklassigen Provinztheater der Städtischen Bühnen in Giessen vergleichen.