Streit um Verdienst von Professoren: Belohnt die Fleißigen, nicht die Alten

DPAMehr Jahre, mehr Geld: Viele Bundesländer bezahlen ihre Hochschullehrer ab kommendem Jahr wieder nach Alter, die Leistungszulagen schrumpfen. Ein fataler Fehler, findet Uni-Präsident Karl-Dieter Grüske. Im Hochschulmagazin "duz" skizziert er, welcher Schaden durch die Reformen droht. Ein Szenario.

http://www.spiegel.de/unispiegel/job...-a-872571.html
  1. #1

    Mittelbau

    Wenn wir darüber sprechen, dass hochqualifizierte AnwärterInnen aus dem Ausland oder der Wirtschaft abgeworben werden müssen, stellt sich schon auch die Frage, warum die Universitäten ihren Nachwuchs nicht selber ausbilden.
    Das Problem beginnt für mich bereits im katastrophalen Zustand des Mittelbaus. Nicht nur verschieben sich aufgrund schmaler Budgets viele Stellen entweder in Richtung Juniorprofessur, oder Aufgaben werden an studentische Mittarbeiter abgegeben, auch sind Arbeitsanforderungen und Besoldung nicht gerade eine Werbebroschüre für eine Universitäre Laufbahn.
    Verträge werden meist nur für ein Jahr abgeschlossen und mit einer halben Stelle im TVL13, kann man sein Lebensunterhalt bestreiten - mehr aber auch nicht. Kein Wunder also, dass sich viele Absolventen (BA, MA wie Dr) für die Wirtschaft, oder eine wissenschaftliche Kariere im Ausland entscheiden.
  2. #2

    Äpfel und Birnen

    Interessante Vergleiche, die hier angestellt werden.

    Die Besoldungs-Regeln, die Sie hier vorstellen, gelten für JEDE staatliche Uni im Land und für jeden Hochschullehrer mag er sich mit der Geschichte der Höhlenmalerei befassen oder mit Jura.

    Dem setzen Sie als Vergleich die Gehälter von "Top-Professoren" in "Top-Universitäten" in den USA oder England entgegen, ohne dabei zu erwähnen, dass es sich hier um Privatinstitutionen handelt, die horrende Studiengebühren verlangen und dass auch dort Top-Verdienste auf wenige Forschungsfelder reduziert sind.

    Sie vergleichen die dortigen zeitlich befristet tätigen Lehrer, die private Vorsorge treffen müssen und deren Bezüge im Zweifel über Dekaden gestreckt werden müssen, mit Beamten, die bis an ihr Lebensende abgesichtert, ihr angeblich so bescheidenes Gehalt beziehen.

    Dasselbe trifft auf Ihren Vergleich mit Managern aus der Wirtschaft zu, den ich hier am kühnsten finde. Hier vergleichen Sie Leute, die - im besten Fall - einen nachprüfbaren wirtschaftlichen Erfolg erwirtschaften, aus dem heraus sie sich so zu sagen selbst finanzieren, mit Lehrern, deren Bedeutung zwar unbestritten, deren Eigenfinanzierung so aber nicht möglich ist.

    Wenn man dann noch bedenkt, dass die Arbeitszeiten von W3 besoldeten Professoren in der Wirtschaft nicht einmal als Halbtagsjob durchgingen, sind die Vergleiche, die hier angestellt werden, gleich gänzlich obsolet.

    Man kommt nicht umhin, sich zu fragen: Wenn es in den USA und in der Wirtschaft so kommod ist, was macht der Autor dann noch an einer für ihn so piffeligen deutschen Hochschule? Ich ahne die Antwort: Top-Leute auf Top-Unis müssten schon ein bisschen mehr vorlegen.
  3. #3

    Am Problem vorbei

    Das tatsächliche Problem für die Mitarbeiter von Unis, nicht nur Professoren, sehe ich nicht in der Gehaltsstruktur, sondern in den allgemein miserablen Arbeitsbedingungen - Stichwort Familienfeindlichkeit, massive Baumängel der Gebäude, schlampiger Umgang mit Sicherheitsvorschriften, ausufernde Arbeitszeiten, Stress durch aufgezwungenen Konkurrenzdruck, Bürokratieüberflutung, Wettbewerb um die Fassade statt um den Inhalt, ...
    Die Talente, die die Uni oder das Land verlassen, tun das meist nicht wegen des Gehalts, sondern wegen der teils untragbaren Zustände. - Wenn man Unimitarbeitern die Chance gäbe, ein ganz normales Leben mit einer ganz normalen Familie zu haben, hätte man mehr Chancen, gute Leute zu bekommen. Der Gehaltswettbewerb geht weitgehend am Ziel vorbei. Wer nur Schmerzensgeld will, wird ohnehin keine dicken Bretter bohren. Im übrigen ist kein Geld da. Wenn die Professoren noch mehr bekommen - deren Gehälter sind für alle anderen Luxus - reicht's für den Rest nicht mal mehr fürs Essen, dann müsste man nämlich viele Stellen streichen. Das kann bei der derzeitigen Studentenschwemmme nicht Sinn der Sache sein.
  4. #4

    Alles beim Alten

    Welchen Sinn macht es denn bitte, Professoren aus der Wirtschaft zu rekrutieren. Die Studenten lernen dann doch nur das, was bislang auch State-of-the-Art ist. Sie werden nicht mit neuen Ideen konfrontiert, sondern lernen lediglich das, was "die Wirtschaft" von ihnen erwartet.

    Leider entspricht die Erwartungshaltung der Wirtschaft nicht immer - oder fast nie - der Erwartungshaltung eines aufgeklärten, moralisch integeren Menschen. Wenn wir also einen Wertewandel in der Wirtschaft wollen, so müssen wir die Studenten gerade nicht von Praktikern ausbilden lassen, sondern von visonären Theoretikern, die neue Konzepte entwerfen und die Studenten für neue Ideen begeistern.

    Oder glaubt jemand, die Studenten könnten wirklich etwas wünschenswertes von den aktuellen und ehemaligen Vorständen der Deutschen Bank lernen?
  5. #5

    Er muss es ja verteidigen

    Das Grundübel fängt doch viel früher an. Während die C-Besoldungen nach dem Krieg durchaus noch sehr attraktiv waren und die Freiheiten an der Ordinarienuniversität attraktiv, hat man durch demokratische Regeln die Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung begrenzt und gleichzeitig durch Jahrzehnte einer verfehlten Sparpolitik, die die Grundeinkommen wesentlich weniger steigerte als in der Industrie, dazu beigetragen eine absolut unattraktive Bezahlung zu schaffen.

    Dadurch fehlen jetzt beide Motivationsfaktoren die Freiheit und die Absicherung.

    Die W-Besoldung war von vorne herein nur ein Trick, um bei gleichbleibenden Belastungen der öffentlichen Haushalte dem Nachwuchs durch Taschenspielertricks ein höheres Gehalt vorzugaukeln.
    Statt weiter ein Gehalt zu bekommen wurde ein Teil desselben auf Leistungsbezug umgewidmet, das man nur noch bekommt wenn man besonders gut ist. Das parallel mit der W-Besoldung auch die Zeitverträge massiv ausgeweitet wurden, weil ja nur ein Zeitvertrag sichert, dass man auch wirklich als fauler Apfel entfernt werden kann, sorgt zusätzlich für 2 prekäre Situationen:

    1. massive Mobilität und fehlende Vereinbarkeit von Familie und Beruf
    2. Da nach 12 Jahren Unkündbarkeit droht werden die Forscher von der Uni-Verwaltung garantiert nicht verlängert egal wie toll ihre Spitzenforschung ist.

    Das Ganze wurde schon vielfach beschrieben, geändert hat sich an den Zuständen nichts. Ich bin froh um das Gerichtsurteil, weil endlich einmal wieder die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers in den Vordergrund gestellt wird.

    Zitat aus Wikipedia:
    "Die Entlohnung ist in der Besoldungsordnung W in der Regel niedriger als in der früheren Besoldungsordnung C. Die Grundgehälter sind bei W im Gegensatz zu C altersunabhängig und können bei W 2 und W 3 um Zulagen erhöht werden, die aber nur zu maximal 40 % des Grundgehaltssatzes ruhegehaltfähig sind. ..."

    Unter dem Strich werden also die Professoren durch W schlechter entlohnt und haben Abzüge bei der Rente => Wie soll so etwas Spitzenforscher animieren? Wir bekommen doch nur noch die Idealisten in diese Stellen. Aber an die Wurzel des Übels traut sich Prof. Dr. Grüske nicht heran: Dass der Staat für die akademische Lehre in den nächsten Jahren wesentlich mehr Gelder bereitstellen muss.

    Wenn man mal in Österreich die Universiätsgebäude anschaut und mit Deutschland vergleicht, dann wird einem klar, dass unsere Universitäten an vielen Stellen finanziell unterversorgt sind.

    NB: Ich arbeite in der Industrie!
  6. #6

    Zitat von strixaluco Beitrag anzeigen
    Das tatsächliche Problem für die Mitarbeiter von Unis, nicht nur Professoren, sehe ich nicht in der Gehaltsstruktur, sondern in den allgemein miserablen Arbeitsbedingungen - Stichwort Familienfeindlichkeit, massive Baumängel der Gebäude, schlampiger Umgang mit Sicherheitsvorschriften, ausufernde Arbeitszeiten, Stress durch aufgezwungenen Konkurrenzdruck, Bürokratieüberflutung, Wettbewerb um die Fassade statt um den Inhalt, ...
    Die Talente, die die Uni oder das Land verlassen, tun das meist nicht wegen des Gehalts, sondern wegen der teils untragbaren Zustände. - Wenn man Unimitarbeitern die Chance gäbe, ein ganz normales Leben mit einer ganz normalen Familie zu haben, hätte man mehr Chancen, gute Leute zu bekommen. Der Gehaltswettbewerb geht weitgehend am Ziel vorbei. Wer nur Schmerzensgeld will, wird ohnehin keine dicken Bretter bohren. Im übrigen ist kein Geld da. Wenn die Professoren noch mehr bekommen - deren Gehälter sind für alle anderen Luxus - reicht's für den Rest nicht mal mehr fürs Essen, dann müsste man nämlich viele Stellen streichen. Das kann bei der derzeitigen Studentenschwemmme nicht Sinn der Sache sein.
    Vollkommen richtig und das trifft so ähnlich ja auch auf u.a. die Ärzteschaft zu. Die miesen Arbeitsbedingungen sind der Hauptgrund für die Abwanderung vieler Hochqualifizierter. Dieses Problem wird man weder an den Unis noch in den Krankenhäsuern dadurch lösen können, dass man den eh schon ( vergleichsweise ) Privilegierten zulasten des Rests noch mehr vom Kuchen gibt.
  7. #7

    .

    Ist schon witzig, dass W2-Professoren weniger Verdienen als die Ingenieure, die sie ausbilden :-D Naja, "Professor" ist aber auch ein Statussymbol. Macht sich gut auf dem Klingelschild.
  8. #8

    Vollkommen unattraktiv!

    Der Professorenjob ist heutzutage völlig unattraktiv:

    1. Abschaffung der C-Besoldung: Die W-Besoldung fördert das Mittelmaß an den Hochschulen. Denn kein Professor wird sich die Koryphäe an die eigene Fakultät holen, um anschließend sein Kuchenstück verkleinert zu müssen.

    2. Pensionierung statt Emeritierung führt zu einer deutlichen Abwartung der Alterssicherungsansprüche.

    3. Der verwaltungstechnische GAU, der inzwischen an den Unis abgeht.

    4. Das penetrante Einforderung von "Drittmitteln" von eigentlich unabhängigen Köpfen.

    5. Jeder Depp kommt heutzutage an einen Professorentitel, wenn er der Uni genug zahlt. Mit dem früheren Renommee ist es nicht mehr weit her.
  9. #9

    Falsche Rahmenbedingungen

    Es ist grundsätzlich nichts gegen eine leistungsorientierte Bezahlung einzuwenden - nur muss man auch Rahmenbedingungen haben, in denen man Leistung erbringen kann. Diese Rahmenbedingungen existieren an unseren Hochschulen zum grossen Teil nicht - und das ist der tatsächliche Grund dafür, dass wir weder gute Forscher halten können noch aus dem Ausland welche nach Deutschland holen können. Über diesen Punkt geht der Autor dieses Beitrages leider dezent hinweg. Es geht hierbei nicht um die Höhe der Gehälter.

    Ich lehre seit über drei Jahren an einer FH an der die Professorenstellen in meinem Studiengang nur zur Hälfte besetzt sind. Man kann es auch anders ausdrücken: wie versorgen doppelt so viele Studierende wie ursprünglich geplant. Selbstredend gibt es keinen Mittelbau und nur eine halbe (!) Verwaltungsstelle für den Studiengang. Ich habe in der vergleichsweise kurzen Zeit so viele Überstunden angehäuft, dass ich fast ein Semester aussetzen könnte - was ich aber natürlich nicht darf. Sattdessen darf ich etwas weniger unterrichten, was aber nicht geht, da es nicht genug Kollegen gibt und auch das Geld für Lehrbeauftragte knapp ist. Also frage ich den Autor, wie man bitte in dieser Situation noch exzellent forschen und Drittmittel einwerben soll. Allenfalls ein Kollege an der Universität mit ausreichend Personal und der Hälfte der Lehrverpflichtung kann hier noch aktiv werden. An den meisten FHs würde ich das aber schlicht ausschließen. Der nächste Punkt ist, wer soll denn bitte die erbrachte Leistung sachgerecht beurteilen? An meiner FH hat momentan noch niemand ausgearbeitet wie man in Zukunft mit der Vergabe von Leistungszulagen umgehen will, was die Kriterien sein sollen, wer beurteilt usw.