S.P.O.N. - Der Kritiker: Die Schönheit des coolen Castro

Man kann sagen: Im 20. Jahrhundert ließen sich die kulturellen Eliten von der Ästhetisierung der Politik berauschen und benebeln. Oder man kann erst einmal hinschauen, auf diese Bilder, man kann versuchen, diesen Rausch zu verstehen, und die Euphorie, die aus diesen Bildern spricht.

http://www.spiegel.de/kultur/gesells...-a-870236.html
  1. #1

    Dickes Lob!

    Wirklich sehr schön! Wenn jetzt noch die Filme und Bücher ordentlich verlinkt wären, wäre es eine Argumentation für die Gegenwart, gewissermaßen die "Ästhetisierung der Kunst im Informationszeitalter".
  2. #2

    Sämtlichen als Schwerstverbrecher tätigen Politikern,

    Zitat von yast2000 Beitrag anzeigen
    Wirklich sehr schön! Wenn jetzt noch die Filme und Bücher ordentlich verlinkt wären, wäre es eine Argumentation für die Gegenwart, gewissermaßen die "Ästhetisierung der Kunst im Informationszeitalter".
    die sich erdreisten ihren Bürgern eine freie Ausreise zu verweigern, ist ein schnellstmögliches biologisch-natürliches "cool down" auf die Umgebungstemperatur zu wünschen.

    MfG
  3. #3

    Die Kunst ist einer der größten Verlierer

    Zitat: „Das also, was in den beiden Marker-Filmen zu sehen ist, ist doch vor dem Hintergrund der WagenknechtSteinbrückGeißlerBlüm-Linken und der BetreuungsgeldEurorettungsEnergiewende-Ratlosigkeit extrem interessant und sogar inspirierend. Das Projekt einer KerouacSartreOderBesserCamusMilesDavisDerridaRenéP ollesch-Linken also. Einer PaulWellerDirkvonLowtzowHeaven17RainaldGoetz-Linken. Einer PierPaoloPasoliniAlfredoJaarBobDylanJohnBergerChri stopherHitchens-Linken.

    Was wäre das aber?“

    Alle Antworten, die Herr Diez dann darauf gibt, sind Wunschdenken, besser gesagt Ausdruck der Sehnsucht eines empfindsamen Menschen, der von der Welt angewidert ist. Künstler wie Kerouac, Camus, von Lotzow, Pasolini, Jaar und Dylan sind oder waren nicht links, sie sind alle phantasievolle Verarbeiter ihrer Verweiflung, ihres Abgestoßenseins von der Realität, sie schöpfen ihre Produktivität aus der Destruktion. Jean Paul Sartre war einer der bittersten Philosophen überhaupt, in seinen Werken spiegelt sich der Ungeist des 20. Jahrhunderts so brutal wieder, dass man schon deshalb in der Zukunft immer wieder auf ihn zurückgreifen wird, oder auf den verwirrten Nietzsche als Wegbereiter der dämonischen Moderne.

    Bei den Regisseuren wäre neben Godard und Antonioni noch Bunuel, Fellini oder Polanski zu nennen, sie schufen zumindest im Film einen greifbaren kulturellen Kodex, sie prägten ihre Zeit mit den durchgehenden Themen Dekadenz und Verfall. Doch heute ist das vorbei, heute können alle Literaten, Maler, Regisseure, Musiker und Denker zusammen gar nichts mehr prägen, weil die Gesellschaft sie kaum noch wahrnimmt, das Sensorium dafür ging in der Hektik verloren – damit entfallen Projekte für ein neues Lebensgefühl.
    Zitat: „Wachheit zum Beispiel versus Nostalgie. Oder Freiheit versus Zwang. Oder Abenteuer versus Sicherheit. Oder Ethik versus Moral. Oder Offenheit versus Verpackung. Oder Vorwärts versus Wohnzimmer. Oder Bruch versus Erbe. Oder Würde versus Anspruch. Oder Schönheit versus Square.“

    Schon fast rührend... nein, da geht’s nicht lang, ob mit oder ohne künstlerische Avantgarde – Kunst ist naturgemäß eher links, die Kunst wird in ihren Nischen steckenbleiben, sie wird neben den Menschen zu einem der größten Verlierer beim kapitalistischen Ego-Shooter-Spiel.
  4. #4

    Werfen Sie die Flinte ...

    Zitat von Ylex Beitrag anzeigen
    Zitat: „Das also, was in den beiden Marker-Filmen zu sehen ist, ist doch vor dem Hintergrund der WagenknechtSteinbrückGeißlerBlüm-Linken und der BetreuungsgeldEurorettungsEnergiewende-Ratlosigkeit extrem interessant und sogar inspirierend. Das Projekt einer KerouacSartreOderBesserCamusMilesDavisDerridaRenéP ollesch-Linken also. Einer PaulWellerDirkvonLowtzowHeaven17RainaldGoetz-Linken. Einer PierPaoloPasoliniAlfredoJaarBobDylanJohnBergerChri stopherHitchens-Linken.

    Was wäre das aber?“

    Alle Antworten, die Herr Diez dann darauf gibt, sind Wunschdenken, besser gesagt Ausdruck der Sehnsucht eines empfindsamen Menschen, der von der Welt angewidert ist. Künstler wie Kerouac, Camus, von Lotzow, Pasolini, Jaar und Dylan sind oder waren nicht links, sie sind alle phantasievolle Verarbeiter ihrer Verweiflung, ihres Abgestoßenseins von der Realität, sie schöpfen ihre Produktivität aus der Destruktion. Jean Paul Sartre war einer der bittersten Philosophen überhaupt, in seinen Werken spiegelt sich der Ungeist des 20. Jahrhunderts so brutal wieder, dass man schon deshalb in der Zukunft immer wieder auf ihn zurückgreifen wird, oder auf den verwirrten Nietzsche als Wegbereiter der dämonischen Moderne.

    Bei den Regisseuren wäre neben Godard und Antonioni noch Bunuel, Fellini oder Polanski zu nennen, sie schufen zumindest im Film einen greifbaren kulturellen Kodex, sie prägten ihre Zeit mit den durchgehenden Themen Dekadenz und Verfall. Doch heute ist das vorbei, heute können alle Literaten, Maler, Regisseure, Musiker und Denker zusammen gar nichts mehr prägen, weil die Gesellschaft sie kaum noch wahrnimmt, das Sensorium dafür ging in der Hektik verloren – damit entfallen Projekte für ein neues Lebensgefühl.
    Zitat: „Wachheit zum Beispiel versus Nostalgie. Oder Freiheit versus Zwang. Oder Abenteuer versus Sicherheit. Oder Ethik versus Moral. Oder Offenheit versus Verpackung. Oder Vorwärts versus Wohnzimmer. Oder Bruch versus Erbe. Oder Würde versus Anspruch. Oder Schönheit versus Square.“

    Schon fast rührend... nein, da geht’s nicht lang, ob mit oder ohne künstlerische Avantgarde – Kunst ist naturgemäß eher links, die Kunst wird in ihren Nischen steckenbleiben, sie wird neben den Menschen zu einem der größten Verlierer beim kapitalistischen Ego-Shooter-Spiel.
    ... Ihres Egoshooters nicht zu früh ins Korn. Es wäre nicht das erste Mal, wenn die angestaubte Kunstnische plötzlich zum Seelenaltar mutiert, der die Müden und Hungrigen einer Welt anlockt, deren Verwerfungen sie intellektuell und emotional überfordern.
  5. #5

    Vielleicht...

    ... fehlt mir ja da ein spezielles Ästhetik-Gen... Jedenfalls nehme ich Auftritte von Personen wie Fidel Castro als eher leidenschaftlich wahr. Egal, wie man sich zum Gesagten positioniert - hier setzt sich jemand mit ganzer Kraft für eine Vision ein. Natürlich ist das Temperament eines Kubaners nicht das eines Nordeuropäers. Und natürlich sind Visionäre nicht unfehlbar. Ich maße mir nicht an, die momentane Begeisterung der Kubaner zu beurteilen. Aber letztlich wird sich wohl auch dort der Wunsch nach konsumtioneller Befriedigung Bahn brechen. Der Mensch ist halt so. Überall auf der Welt. Das große Plus, das der Kapitalismus zu bieten hat, ist die Freiheit von Ideologie. Hast du Geld, bist du frei. Hast du kein Geld, bist du selbst schuld. Einfach - und deshalb funktioniert es so gut. Visionäre haben da eine mächtige Barriere zu knacken...
  6. #6

    Zitat von Ylex Beitrag anzeigen
    Zitat: „Wachheit zum Beispiel versus Nostalgie. Oder Freiheit versus Zwang. Oder Abenteuer versus Sicherheit. Oder Ethik versus Moral. Oder Offenheit versus Verpackung. Oder Vorwärts versus Wohnzimmer. Oder Bruch versus Erbe. Oder Würde versus Anspruch. Oder Schönheit versus Square.“

    Schon fast rührend... nein, da geht’s nicht lang, ob mit oder ohne künstlerische Avantgarde – Kunst ist naturgemäß eher links, die Kunst wird in ihren Nischen steckenbleiben, sie wird neben den Menschen zu einem der größten Verlierer beim kapitalistischen Ego-Shooter-Spiel.
    Rührend, wenn auch pessimistisch ist, auch Ihre These.
    Das glaube ich auch, "die Kunst wird in ihren Nischen steckenbleiben", aber: bis sie aufwacht.
    Genauso wie der Pestvirus.
  7. #7

    Herr Diez,

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Man kann sagen: Im 20. Jahrhundert ließen sich die kulturellen Eliten von der Ästhetisierung der Politik berauschen und benebeln. Oder man kann erst einmal hinschauen, auf diese Bilder, man kann versuchen, diesen Rausch zu verstehen, und die Euphorie, die aus diesen Bildern spricht.

    Kolumne von Georg Diez über die Schönheit der Linken - SPIEGEL ONLINE
    beim Lesen einiger Ihrer Kolumnen scheint mir, als ob ein Mauer zwischen Ihnen und der gegenwärtigen Welt sich aufgerichtet hat.
    Ich persönlich habe keine Ahnung, was diese Welt zu bieten hat, welche meine Stelle in ihr ist, was ich in die Zukunft zu tun habe. Im Übrigen fühle ich mich als eine Vergangenzeitenperson, deswegen gefällt mir stets, Ihre Artikel zu lesen.
    Nicht mehr Mutterseelalllein.
  8. #8

    So sind sie halt

    ..unsere fortschrittlichen, progressiven Linken: ewiggestrig, geistig unbeweglich
  9. #9

    Jedem seine persönliche Marylin

    Zitat von ARIAGNI Beitrag anzeigen
    beim Lesen einiger Ihrer Kolumnen scheint mir, als ob ein Mauer zwischen Ihnen und der gegenwärtigen Welt sich aufgerichtet hat.
    Ich persönlich habe keine Ahnung, was diese Welt zu bieten hat, welche meine Stelle in ihr ist, was ich in die Zukunft zu tun habe. Im Übrigen fühle ich mich als eine Vergangenzeitenperson, deswegen gefällt mir stets, Ihre Artikel zu lesen.
    Nicht mehr Mutterseelalllein.
    Verlorene unter sich, auch ein Motiv, vielleicht nicht das schlechteste. „La Jetée“ sah ich vor ewigen Zeiten, wahrscheinlich war es im Abaton, gestern habe ich mir den Film noch einmal angeschaut: anstrengend, betäubend, für mich eigentlich kein Sciene-Fiction-Film, eher eine psychedelisch anmutende Fiktion über die Fraglichkeit und Flüchtigkeit der eigenen Identität, in der die Rahmenhandlung zurücktritt. Für Herrn Diez ist „La Jetée“ ein „extrem stilvoller, existentialistischer Thriller“... jeder nimmt Kunst auf seine Weise wahr, was auch für den Film über Fidel Castro gelten mag. Unwillkürlich musste ich bei „La Jetée“ an Murnaus „Nosferatu“ denken und an „Das Kabinett des Dr. Caligari“, an diese Schattenwelten, an die Dunkelheit, an die harten Lichteinbrüche und geheimnisvollen Dämmerzonen, alles in Schwarzweiß, das Grauen ist angerichtet.

    Was nimmt man als ästhetisch wahr, wie manifestiert sich Ästhetik in einem selbst? Schwer zu beantworten, zumal der Begriff zu einer eher trivialen Vorstellung von Schönheit verbogen wurde. Ich finde ein vom Herbst verfärbtes Eichenblatt schön, wenn ich es direkt vor mir sehe, habe aber Schwierigkeiten, wenn ich es kunstvoll abfotografiert in einem Bildband vorfinde. Die Natur bietet dem Menschen den ästhetischen Grundfundus – die Kunst schafft artifizielle Ästhetik und versetzt den Menschen damit in ein kulturelles Spannungsfeld, in eine Intensität von Abstraktion. Wer ist die schönste Marylin Monroe – die echte, die gerasterte, die gepunktete, die von Warhol in zahlreichen Einfärbungen stilisierte, ist Marylin Monroe überhaupt eine Frau oder nur ein Poster im Kopf? Jedem seine persönliche Marylin.

    Bazon Brock, der etwas verrückte Kunstprofessor, unterscheidet zwischen „normativer Regelästhetik“ und „Beliebigkeitsästhetik. Demnach wäre die „Ästhetisierung der Politik“, soweit sie sich einem erschließt, eine normative – fragt sich bloß noch, in welcher Form sie erfahrbar wird, etwa in „Isch bin ein Berliner“, etwa in den Menschenmassen auf einer koreanischen Militärparade oder auf dem Reichsparteitag, etwa in dem riesigen Kunststoff-Adler im Bundestag, etwa im Gemeinschaftsfoto der Weltführer auf irgendeinem Gipfeltreffen, etwa in der Tagesschau, die über den nächsten Krieg so nonchalant berichtet wie über die Entwicklung des diesjährigen Weihnachtsgeschäftes – ich weiß nicht recht, welche Art von Ästhetik Herr Diez meint, wenn er eine politische konstatiert.