Umgang mit Depression: Sprechen Sie drüber - aber nicht mit jedem

CorbisDepressive geraten schnell in einen Teufelskreis: Die Angst vor Ausgrenzung treibt Betroffene immer tiefer in ihre Krankheit. Ein Ausweg: sich öffnen, dem Umfeld die eigene Situation erklären. Am Arbeitsplatz und auch in der Familie gibt es für diese Regel jedoch Ausnahmen.

Depression: So schützen Patienten sich vor Attacken und bekommen Hilfe - SPIEGEL ONLINE
  1. #1

    Danke für kompetente Berichterstattung

    Dank an die SPON-Autorin, die differenziert das Für und Wider des offenen Umgangs mit einer Depression dargestellt hat.
    Aus eigener Lebenserfahrung mit einzelnen solcher das Leben arg einschnürenden Episoden kann ich nur ergänzend raten:
    Vorsicht vor zu viel Offenheit gegenüber falschen Personen, Mut zur Offenheit gegenüber denjenigen, von denen frau/man Unterstützung erwarten kann ... und auch erhält.
    In meinem beruflichen Umfeld s- die Förderung von Menschen ist Profession - sollte eigentlich Verständnis von jedem erwartet werden können. Mitnichten war das bei einem vordergründlich "verständnisvollen" Vorgesetzten der Fall, selbst eine Krebserkrankung in der Familie evozierte nur hinterhältiges Abschieben aus "seinem" Refugium, bei einem damaligen Zeitvertrag fast mit bitteren Konsequenzen. Allerdings benahm er sich so, dass mein "Kampfeswille" zur Selbstverteidigung wieder erstarkte - ein wichtiger Schritt aus der Krise.
    Umgekehrt haben eine Vorgesetzte und nahezu alle KollegInnen in einem recht solidarischen Umfeld alles erleichtert, mich wieder zu erden und gestärkt aus einer Krise herauszukommen.
    Gesteuert habe ich alle Gespräche und Prozesse letztlich doch selbst, dabei ist die Öffnung gegenüber anderen enorm wichtig. Authentisch bleiben, auch in "schwachen" Lebensphasen! Inzwischen stehe ich zu meiner Überzeugung, dass die immer noch anzutreffende latente Tabuisierung - die freilich nachlässt - diejenigen als schwach entlarvt, die sich (aktiv) an Ausgrenzungen beteiligen. Heute sagen ich solchen - manchmal sogar intrigantisch Talentierten - Menschen offen ins Gesicht, dass sie sich schämen müssten! Im wirklich depressiven Stadium kann man aber gerade nicht so gesund reagieren, deshalb sind Freunde und Mitstreiter unbedingt nötig.
  2. #2

    Wo Schatten sind, ist auch Licht...

    Zitat: "Niemand, der nicht selbst betroffen ist, kann sich in die Situation hineinversetzten"
    Depressive sind der Spiegel einer Gesellschaft, welche ihren allgemeinen Gemeinsinn verloren haben. Sie spiegeln uns durch ihre Krankheit - wie krank unsere Gesellschaft ist.Meine Hoffnung: Wenn genügend Menschen depressiv werden - ändert sich auch die Gesellschaft. Bis dahin wünsche ich jedem in einer depressiven Episode, verständnisvolle Begleitung.
  3. #3

    Zur Ergänzung...

    Um es gleich zu sagen: Die Erkrankung ist ein "multifaktorielles Geschehen." Was neben der medizinischen Unterstützung hilft ist Begleitung die stückweit "versteht" und "stehen lassen" kann, bzw. die Geduld aufbringt, bis das "Licht am Ende des Tunnels" in den Betroffenen wächst. Denn die Hauptarbeit leisten immer noch die Betroffenen - um aus ihrem Schatten ins Licht zu treten.
  4. #4

    Ich wäre vorsichtig mit solchen Verallgemeinerungen wie "Depressive Menschen dagegen denken nicht nur, sie wären die einzigen Betroffenen, sie empfinden sich zudem selbst als wenig liebenswert. Gleichzeitig haben sie Angst, wegen ihrer Krankheit gedemütigt zu werden. " Es ist wirklich bei jedem anders, manche wollen gerne Kontakt, anderen geht das völlig auf die Nerven, manche haben Minderwertigkeitsgefühle, manche werden von Narzissten mit überspielten Komplexen terrorisiert - es ist wirklich immer ganz verschieden.

    Man kann schwer grundsätzlich Rat geben. Das Problem beim Outen ist, dass man anschließend keine Kontrolle mehr darüber hat, wer was wem weitererzählt. Und dass man das dann nicht mehr rückgängig machen kann. Wenn man es mit intriganten Personen zu tun hat, kann das eine Depression bis ins Äußerste treiben.

    Ein weiteres Problem ist, dass man u. U. lebenslang stigmatisiert wird, gerade auch in Konfliktfällen nicht mehr ernst genommen wird ("Der/die tickt doch sowieso nicht ganz richtig", "Er/sie hat doch was am Kopf" usw.). Menschen sind nun mal nicht alle und immer nett. Es gibt wirklich erstaunlich viele Menschen, die sich nicht an einen rantrauen, so lange man gesund und fit wirkt, die aber sofort im Rudel zubeißen, sobald sie merken, dass man angeschlagen ist. Das ist leider die Realität. Solche Leute wollen sich auf Kosten anderer selbst erhöhen und von irgendwelchen Komplexen heilen, und weil jemand auf Augenhöhe womöglich als Sieger aus einem ernsten Konflikt hinausgehen könnte, reagieren sie sich dann an Leuten ab, die zu fertig sind, sich noch passabel zu wehren. Hätte ich mir früher alles nicht vorstellen können. Da tun sich wirklich - weitere - Abgründe auf, in die man gar nicht schauen möchte. Und das möchte man sich u. U. eben nicht noch zusätzlich antun.
  5. #5

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Depressive geraten schnell in einen Teufelskreis: Die Angst vor Ausgrenzung treibt Betroffene immer tiefer in ihre Krankheit. Ein Ausweg: sich öffnen, dem Umfeld die eigene Situation erklären. Am Arbeitsplatz und auch in der Familie gibt es für diese Regel jedoch Ausnahmen.

    Depression: So schützen Patienten sich vor Attacken und bekommen Hilfe - SPIEGEL ONLINE
    Tut mir leid, aber mit "Angst vor Ausgrenzung" hat das Ganze wenig zu tun. Jede Angst kann man schließlich mit einer Willensanstrengung überwinden und sein Vehalten entsprechend ändern. Genau das funktioniert aber bei einer Depression überhaupt nicht. Die Betroffenen ziehen sich nicht deshalb zurück, weil sie Angst haben. Sie tun dies, weil sie auf die Menschen und die soziale Interaktion schlicht keine Lust haben. Tja. Man verwechselt hier auch gerne Ursache und Wirkung: zuerst kommt die Unlust, wobei ihre Ursachen verschiedenster Art sein können, z. B. auch wiederholte Zurückweisung u.ä. Nun ist der Mensch aber seiner Natur nach ein soziales Wesen, er braucht soziale Interaktion, er braucht andere Menschen. Erst aus diesem Parodoxon entwickelt sich eine Depression, so eine Art Pattsituation der Gefühle. Aus dieser Zwickmühle mit bloßer Willenskraft herauszukommen, dürfte schwierig werden - wie zwingt man sich dazu, etwas zu mögen? Und genau hier sollten auch die "Helfer" aufpassen, denn meistens appelieren die gutgemeinten Ratschläge an die Willenskraft ("Reiß dich mal zusammen"). Da diese nun in die völlig falsche Richtung zielen, kann die "Menschenmüdigkeit" bei dem Betroffenen sogar noch verstärkt werden.
  6. #6

    sorry

    Zitat von ikarus960 Beitrag anzeigen
    Zitat: "Niemand, der nicht selbst betroffen ist, kann sich in die Situation hineinversetzten"
    Depressive sind der Spiegel einer Gesellschaft, welche ihren allgemeinen Gemeinsinn verloren haben. Sie spiegeln uns durch ihre Krankheit - wie krank unsere Gesellschaft ist.Meine Hoffnung: Wenn genügend Menschen depressiv werden - ändert sich auch die Gesellschaft. Bis dahin wünsche ich jedem in einer depressiven Episode, verständnisvolle Begleitung.
    Entschuldigen Sie bitte, aber Depressionen waren im und nach dem zweiten Weltkrieg kein Grund zur Endsolidarisierung. Das Gegenteil war der Fall. Man hat die Krankheit unter den Teppich gekehrt und sich vermehrt das Leben genommen.
    Die Leute, die jetzt unter Depressionen leiden, die haben diese nicht wegen einem bösen Chef oder den hinterlistigen Kollegen. So billig lässt sich das nicht rechnen. Depressionen sind markanten Einschnitten in eine Persönlichkeit geschuldet. Ein Depp als Chef alleine schafft das nicht. Dazu braucht es schon im Vorfeld entsprechende Umstände.
    Es ärgert mich immer wieder von vorne, wie ganz simpel die Moderne zuständig für die vielen Depressiven sein soll. All diese Betroffenen waren einmal Kinder und haben alle irgendwie und irgendwo ihre Stolpersteine eingebaut bekommen. Ohne Vorleistung gibts keine Depressionen.
    Sieht sich ein wehrhafter und gesunder Zeitgenosse einer Pfeife als Chef gegenüber, er haut dem eins auf die Nuss und geht. Die Wehrloser erdulden unendlich und gehen dabei unter. Wehrhaftigkeit kann man lernen, Wehrlosigkeit auch.
  7. #7

    Dass Depressionen durch Zurückziehen ausgelöst wird ist jedoch total falsch.
  8. #8

    Ganz genau so

    Zitat von kostuek Beitrag anzeigen
    [ ... ]Jede Angst kann man schließlich mit einer Willensanstrengung überwinden und sein Vehalten entsprechend ändern. Genau das funktioniert aber bei einer Depression überhaupt nicht. Die Betroffenen ziehen sich nicht deshalb zurück, weil sie Angst haben. Sie tun dies, weil sie auf die Menschen und die soziale Interaktion schlicht keine Lust haben. [ ... ] Erst aus diesem Parodoxon entwickelt sich eine Depression, so eine Art Pattsituation der Gefühle. Aus dieser Zwickmühle mit bloßer Willenskraft herauszukommen, dürfte schwierig werden - wie zwingt man sich dazu, etwas zu mögen? [ ... ]
    sehe ich die Ursachen einer Depression auch. Vielen Dank @kostuek.

    Und weil die Situation in einer Depression so paradox ist, sind die Chancen so gering, sie ohne Hilfe zu überwinden. Die Folgen der Depression werden zu weiteren Ursachen ihrer selbst und verstärken sie immer mehr. Ein Teufelskreis ...
  9. #9

    Zitat von Gertrud Stamm-Holz Beitrag anzeigen
    Es ärgert mich immer wieder von vorne, wie ganz simpel die Moderne zuständig für die vielen Depressiven sein soll. All diese Betroffenen waren einmal Kinder und haben alle irgendwie und irgendwo ihre Stolpersteine eingebaut bekommen. Ohne Vorleistung gibts keine Depressionen.
    Sieht sich ein wehrhafter und gesunder Zeitgenosse einer Pfeife als Chef gegenüber, er haut dem eins auf die Nuss und geht. Die Wehrloser erdulden unendlich und gehen dabei unter. Wehrhaftigkeit kann man lernen, Wehrlosigkeit auch.
    Kennzeichen von Depressionen sind nun einmal leider, dass man durch die allbeherrschende Gleichgültigkeit relativ "wehrlos" ist. Da können sie noch so lange mit "Wehrhaftigkeit" winken, das interessiert Betroffene überhaupt nicht, weil sie noch nicht einmal mehr die Notwendigkeit dafür sehen. Eher verschiebt sich, im Rahmen von depressiven Episoden, das Welt- und Menschbild dramatisch. Diese Alltagsquängeleien, Demütigungen, Mobbing und Gebahren mancher besonders aufgeplusterter Zeitgenossen, die gerne überall Chef spielen und andere Erniedrigen, bekommt man als Betroffener zwar mit, sieht aber rasch durchaus wie lächerlich primitiv dieses, angeblich so normale, soziale Gefüge unserer Gesellschaft ist.

    Schließlich hat derjenige, der andere erniedrigt, selber ein Problem, es wird aber in weiten Teilen unserer heutigen Gesellschaft akzeptiert, dass er es so angeht, wie er es tut, auf Kosten anderer. Dadurch kommt die Wehrlosigkeit zusätzlich zu stande, der Depressive kämpft gegen Windmühlen, obwohl, zumindest heute, das Gesetz auf seiner Seite ist.

    Ein Grund dahinter liegt in unserem sozialen Gefüge, Menschen ertragen bereits Gruppen über 40 Personen nur mit deutlich mehr Streßhormonen im Blut, weil wir nicht für enges Zusammenleben genetisch ausgestattet sind. Würde der Mensch in freier Wildbahn leben, sämtliche Statussymbole, Klamotten und Oberflächlichkeiten der Moderne wegfallen, würden wir stark von einander abhängig sein, um unser überleben zu sichern, wie es noch vor 10 000 Jahren der Fall war, Depressionen wären vermutlich kaum ein Thema, außer als Begleiter schwerster körperlicher Erkrankungen, die den Betreffenden einschränken.