S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Leben im Schutz des Mittelwerts

Versicherungen sind der Anfang: Wer sein Fahrverhalten überwachen lässt, kann in Großbritannien Prämien senken. Die Digitalisierung vieler Lebensbereiche ermöglicht exakte Messungen des Verhaltens. Das erhöht den Druck auf alle, die vom erwünschten Lebensstil abweichen.

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/d...-a-861496.html
  1. #1

    Soziale Kontrolle

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Versicherungen sind der Anfang: Wer sein Fahrverhalten überwachen lässt, kann in Großbritannien Prämien senken. Die Digitalisierung vieler Lebensbereiche ermöglicht exakte Messungen des Verhaltens. Das erhöht den Druck auf alle, die vom erwünschten Lebensstil abweichen.

    Daten statt Raten: Ein Lob des Mittelwerts - SPIEGEL ONLINE
    Der Begriff "soziale Kontrolle" kriegt damit eine ganz neue Qualität. Allerdings nur, wenn man von einem System der ZWANGSVERSICHERUNG ausgeht. Man könnte sich ja Menschen vorstellen, die sagen: Ich investiere nicht in die Lustreisen meiner Versicherungsvertreter, sondern in meine Gesundheit. Und wenn ich mal krank werde, zahle ich einfach bar.
  2. #2

    Nichtjoggenlebenszeitverkürzer

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Damit erhöht sich der wirtschaftliche und soziale Druck auf diejenigen, die sich anders verhalten. Irgendwann könnte Nichtjoggen ein teures Hobby werden.

    Daten statt Raten: Ein Lob des Mittelwerts - SPIEGEL ONLINE
    Da die Rentenversicherung weitaus teurer ist, als die Krankenversicherung, könnten die Langlebenverweigerer die Mehrkosten dort sicher wieder mehr als wett machen.
  3. #3

    Zitat von Europa! Beitrag anzeigen
    Der Begriff "soziale Kontrolle" kriegt damit eine ganz neue Qualität. Allerdings nur, wenn man von einem System der ZWANGSVERSICHERUNG ausgeht. Man könnte sich ja Menschen vorstellen, die sagen: Ich investiere nicht in die Lustreisen meiner Versicherungsvertreter, sondern in meine Gesundheit. Und wenn ich mal krank werde, zahle ich einfach bar.
    Na, das haut aber nicht hin. Jemand, der 300 Euro Krankenversicherung pro Monat nicht bezahlt, sondern sie auf die Seite legt, hat zwar nach 20 Jahren rechnerisch 72.000 Euro auf derselben. Aber damit kann er gerade einmal eine schwere Herz-OP bezahlen - wenn sonst nix war in den 20 Jahren. Und mein Auto kostet an Versicherung rund 400 Euro pro Jahr, macht nach 20 Jahren 8.000 Euro. Einmal einen richtigen Crash bauen, bei dem jemand verletzt wird, ist wesentlich teurer. das ist eigentlich das Wesen einer echten Versicherung: Man versichert sich mit relativ geringen Prämien für einen Fall, der mit geringer Wahrscheinlichkeit eintritt, dann aber inakzeptabel teuer wird.

    Kritischer ist da schon die Arbeitslosenversicherung, die man zu zahlen gezwungen wird. Man zahlt 3 Prozent seines Monatsgehaltes, das sind nach 20 Jahren 60 Prozent eines Jahresgehaltes, also in etwa das, was man heute als Arbeitsloser bekommt, bevor man bei Harz IV landet, wo man dasselbe bekommt wie jemand, der nie gearbeitet hat. Da die Rentenversicherer von 35 Jahren Beitragszahlung ausgehen, scheint es der Regelfall zu sein, dass Beitragszahler mehr in diese Versicherung einbezahlen als sie im Eintritt des schlimmstmöglichen Versicherungsfalls herausbekommen können.

    Was Lobo anführt, entbehrt nicht einer gewissen Sprengkraft. Darf mich eine Versicherung zwingen, mein Recht auf Privatsphäre aufzugeben, indem sie Kunden, die dieses grundrecht nicht augfgeben wollen, mit Aufschlägen bestraft.

    Ich finde nicht.
  4. #4

    Entenwitz

    Der Entenwitz ist einer ÜBER Statistiker, nicht UNTER Statistikern. Denn selbstverständlich kommen Statistiker nicht zu dem Schluss, die Ente sei statistisch getroffen - dazu kommen nur Menschen, deren Kenntnisse der Statistikmathematik sich auf die Berechnung eines bestimmten Mittelwert beschränken.
  5. #5

    Aufpassen Versicherungen

    Irgendwann wird es so sein, dass es 2 Gruppen gibt, die eine Gruppe hat ein so geringes gemessenes Risiko, dass sie sich überlegt ob sie überhaupt eine Versicherung braucht und die andere Gruppe hat ein so großes Risiko, dass sie sich die Versicherung nicht mehr leisten kann. Ob es sinnvoll ist, ein Großteil der möglichen Kunden zu vergraulen?
  6. #6

    Theoretisch...

    Zitat von Europa! Beitrag anzeigen
    Der Begriff "soziale Kontrolle" kriegt damit eine ganz neue Qualität. Allerdings nur, wenn man von einem System der ZWANGSVERSICHERUNG ausgeht. Man könnte sich ja Menschen vorstellen, die sagen: Ich investiere nicht in die Lustreisen meiner Versicherungsvertreter, sondern in meine Gesundheit. Und wenn ich mal krank werde, zahle ich einfach bar.
    Ja, man kann sich solche Menschen vorstellen. Vor allem wenn man sich vorstellt, in Gesundheit investieren zu können. Dummerweise geht das nicht. Es ist zwar Möglich gewissen Gefährdungen auszuweichen (Saufen, Rauchen, Spaß haben etc.), aber das ist bei weitem keine Garantie.
    Und mal ehrlich: wie viele Menschen kennen sie, die wirklich vernünftig, sparsam und gesund leben? Und wieviele die genau das nicht tun (also Alkohol/Tabak/Sonstige-Konsumenten mit Übergewicht und schlechten Zähnen)?
  7. #7

    Ziemlich klare Gedanken

    Auf Grund der marktwirtschaftlichen Zusammenhänge, hätte der einzelne gläserne Mensch auch keinen finanziellen Vorteil mehr, sobald es die Mehrheit ihm gleich tut.
    Ähnlich wie Bezinsparen kein Geld spart, sondern nur zu Preiserhöhungen führt. Oder niedrige Bauzinsen nicht etwa die Hausfinanzierung günstiger machen, sondern die Hauspreise erhöhen.
  8. #8

    Der erwünschte Mensch...

    ...sieht dann irgendwann einmal wohl so aus: In allen Lebensbereichen auf Linie gebracht. Wer herausragt, wird kleingemacht. Graue in allen Belangen vorsichtige Arbeitsbienen, sich selbst und andere kontrollierend, erziehend, stets selbstoptimierend. Jegliches Risiko, individuell und detailliert gemessen, wird dann auf den Einzelnen abgewälzt, um "die Solidargemeinschaft nicht zu belasten". Es wird festgestellt, wohin wir fahren und wie; was wir essen und wann; mit wem wir Umgang haben und wie oft; was wir mögen und was nicht.

    Die kommerziellen und politischen Akteure werden schon die richtigen "Anreize" schaffen, um die Menschen zu vereinzeln und aus der Solidargemeinschaft herauszulösen. Und dann gilt irgendwann wieder "Jedem das Seine", auf marktkonforme Art natürlich.
  9. #9

    Auch zu beachten ist die mögliche Beweislastumkehr.

    Wer z.B. nicht regelmäßig zumindest etwas Sport treibt, erhöht sein Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Aber wenn derjenige nun tatsächlich eine schwere Herzerkrankung bekommt, ist es im Umkehrschluss noch lange nicht sicher, dass es am mangelnden Sport liegt. Es haben auch Menschen Lungenkrebs bekommen, die nie geraucht haben, und sind an Schlaganfall gestorben, obwohl kein besonderer Risikofaktor vorlag. Die Reaktionen des Körpers auf die Umwelt, und die auch genetisch veranlagten Alterserscheinungen machen eine klare Ursachenforschung im konkreten Fall fast unmöglich - oder zumindest unbezahlbar.

    Wenn aber nun eine entsprechende Kontrolle über die Person ausgeübt wird, dann passiert schnell das Umgekehrte: Der Nichtjogger wird direkt durch höhere Tarife bestraft, selbst wenn dies im konkreten Fall keine negativen Auswirkungen auf seine Gesundheit hat. Ein Paradoxon besonderer Güte: Mittels Kontrolle wird die Person aus den Mittelwertsrechnungen entfernt, aber dann aufgrund von Mittelwertsüberlegungen abgestraft.

    Das ist das Perfide an der Sache: Die Argumentation, die Person zu "vermessen", basiert darauf, dass man das Verursacherprinzip anwenden will statt des Solidaritätsprinzips. "Raucher kriegen öfter Lungenkrebs, also ermitteln wir bei jedem, ob er Raucher ist, um ihn dann entsprechend zur Kasse zu bitten."
    Aber da man im konkreten Krankheitsfall kaum Ursachenforschung betreiben kann, wird wieder der Mittelwert angewendet. D.h. es interessiert nicht mehr, ob der konkrete Raucher wirklich krank wird, sondern nur, dass Raucher im Schnitt öfter krank werden. Man erwischt also trotzdem nicht die konkreten Verursacher. Das System wird nur repressiver, aber nicht gerechter.

    Und genau darum wird es wohl kommen.