Georg Diez über Rainald Goetz: Die wunderbare Wutmaschine

Angetrieben von den Zumutungen der Gegenwart, fasziniert von den Lügen und von der seltsamen Schönheit der medialen Wirklichkeit: Rainald Goetz hat mit "Johann Holtrop" einen furiosen Roman über das Grauen und die Leere unserer Wirtschaftswelt geschrieben.

http://www.spiegel.de/kultur/gesells...855786,00.html
  1. #1

    Man fragt bestürzt, ...

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Angetrieben von den Zumutungen der Gegenwart, fasziniert von den Lügen und von der seltsamen Schönheit der medialen Wirklichkeit: Rainald Goetz hat mit "Johann Holtrop" einen furiosen Roman über das Grauen und die Leere unserer Wirtschaftswelt geschrieben.

    Georg Diez über Rainald Goetz' Roman "Johann Holtrop" - SPIEGEL ONLINE
    ... wer will so etwas eigentlich lesen - betrifft Goetz genauso wie den armen Diez ...
  2. #2

    optional

    Und nach der Lektüre dieses Artikels weiß ich weder über den Buchautor noch über das Buch irgendetwas. Aber dafür kamen viele schön intelligent klingende Worte im Artikel vor. Das Stereotyp vom Feuilletonisten. Der zur Kolumne aufgeblasene pseudo-intellektuelle Gegenentwurf zum "I like" Klicken bei Facebook.
  3. #3

    dieser Artikel hat keinen kohärenten Inhalt

    und was man an Semantik bruchstückhaft entnehmen kann, ist überwiegend schon faktisch falsch. Die ARD hat nicht berichtet, Griechenland spare 5 Mrd. mehr als geplant, sondern man berichtete, der Minister habe behauptet, man werde 5 Mrd. mehr sparen als geplant. Ist doch irgendwie ein Unterschied, oder? Sicher, Herr Diez ist offenbar kein Jurist, aber die Anmerkungen zum Urteil des BVerfG sind inhaltlich unsinnig und reflektieren nichts korrekt. Den Goetz-Roman werde ich auf jeden Fall lesen und ich bin mir sicher, das da einiges Überlegenswerte und ästhetisch anregende drinsteckt - aber ich kann meinem Vorredner nur recht geben, die Kolumne sagt über den Roman rein gar nichts aus. Summa summarum: diese Kolumne sagt rein gar nichts aus, ist wirr und eines prominent in der Öffentlichkeit stehenden Journalisten unwürdig. Herr Diez, diese Woche sollten Sie freiwillig auf Ihr Honorar verzichten und dann versuchen Sie es demnächst wieder - hoffentlich dann mit brauchbarerem Ergebnis.
  4. #4

    Das Leben als Propaganda-Event

    Super Artikel, schön zusammengefasst in "...wie eine Welt scheitert, die sich immer mehr in einen Roman verwandelt." Aber die Frage ist natürlich: War das Leben je anders, sagen wir: seit der Mittleren Bronzezeit, als sich ein Oben und Unten zwischen den Menschen entwickelte?
  5. #5

    Hergestellte Realitäten

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Angetrieben von den Zumutungen der Gegenwart, fasziniert von den Lügen und von der seltsamen Schönheit der medialen Wirklichkeit: Rainald Goetz hat mit "Johann Holtrop" einen furiosen Roman über das Grauen und die Leere unserer Wirtschaftswelt geschrieben.

    Georg Diez über Rainald Goetz' Roman "Johann Holtrop" - SPIEGEL ONLINE
    Eine interessante Kolumne des Literaturkritikers Dietz über den Gesellschaftskritiker Goetz. Selbstverständlich ist das Bild der Wirklichkeit in unserer Gegenwart stark medial geprägt und die interessenbedingte Lüge lauert ständig und überall.

    Das Beispiel Griechenland liefert dem kritischen, informierten Beobachter in der Tat anschaulichen Unterricht im Herstellen gewünschter Realität. Sehr deutlich läßt sich das am Wirken der sog. Prüfungstroika erkennen, deren eigentliche Aufgabe das Herstellen von Legitmation für immer weitere Zahlungen ist. Bisher hat sie noch immer auftragsgemäß alle Augen zugedrückt und das Land auf einem "guten" Weg befunden. Die meisten westlichen Medien berichten entsprechend und so wird das von den Herrschenden geforderte Bild der Wirklichkeit vermittelt. Das gilt natürlich auch für viele andere Problemfelder und Regionen in dieser Welt.

    Es geht also um Manipulation, die nicht selten in regelrechte Gehirnwäsche ausartet, so wie es beim Euro-Desaster täglich der Fall ist. Den Bürger wird das vorgegaukelt, was die herrschenden Kapital-, Wirtschafts- und Politeliten als wahre Wirklichkeit verkauft haben wollen, abhängige Medien besorgen die Aufgaben der Bewußtseinsbildung meist willfährig und verwechseln selber häufig Bild und Wirklichkeit.

    Die Völker sehen ihre nähere und fernere Umgebung durch eine Art Vexierbrille, die ihnen verpasst wird, ohne dass die meisten das überhaupt merken. Diejenigen, die wütend den Nebel verjagen und sich um Wahrheit bemühen, werden lächerlich gemacht, diffamiert und ausgegrenzt, mitunter sogar gänzlich mundtot gemacht.

    Aber was will man in einer Gesellschaft, die Geld wie einen Gott anbetet und in der alles zur Ware wird, schon groß erwarten? Da wundert es nicht, wenn die Politik ganz offen eine markt- und kapitalkonforme "Demokratie" anstrebt bzw. einen entsprechenden Brüsseler Zentralstaat, ohne dass es in der Öffentlichkeit einen Aufschrei gibt.
  6. #6

    Mut der Medien

    Es war sehr aufschlussreich zu sehen, dass sich die grossen Medien erst unmittelbar nach der ESM-Deadline (BVerfG-Urteil) trauten oder es ihnen zugestanden wurde wieder detailliert über die geschichtlich beispiellosen Fallstricke des ESM zu berichten.

    Nachdem der ESM über die Bühne war, entdeckten die Medien, wie durch ein Wunder, seit Donnerstag dieser Woche schlagartig wieder die Waffe aus Aufklärung und teils Hohn und Spott. Und die richtete sich nun auf einmal auf den ESM. Die Sprachlosigkeit zu diesem Thema und dessen Tabuisierung hatten ein Ende, der Schönheitsfehler war nur: erst nachdem in dieser Debatte kein öffentlicher Einfluss mehr zu befürchten war. Da der Vertrag zur Ratifizierung ansteht.

    Es war so offensichtlich, dass die freie mediale Berichterstattung über die tiefgreifenden Konsequenzen und die Fallstricke in diesem Vertrag Sendepause hatten, bis alles mehr oder weniger klammheimlich über die Bühne war. Das zeigt den Zustand der Mainstreammedienlandschaft exemplarisch, die schamlos als Machtwerkzeug missbraucht wird. Die Vorenthaltung des Informationsauftrags war bis zur ESM-Deadline staatlich verordnet.

    Wie mutig von den Staatsmedien, dass die nun wieder ausführlich berichten, jetzt da das alles unwiderruflich über die Bühne ist. Nachdem man den Bürger monatelang durch Weglassen entscheidender Informationen zum ESM und der extrem spärlichen Berichterstattung mittels Halbwahrheiten von dieser neu zu schaffenden Institution abgelenkt hatte, so treten jetzt plötzlich alle hochbrisanten Infos öffentlich-medial zu Tage. Wobei einem unweigerlich das Thema Auswanderung in den Sinn kommt.

    Fazit: Der Bürger sollte in Haftung genommen werden, aber erst nach ESM-Ratifizierung von seiner "1000jährigen Knebelung" erfahren, so einfach funktioniert dieses Prinzip. Erst jetzt kommt die Phase der Information (leider zu spät). Die nächste Phase, in welcher der Bürger diese Knebelung real zu spüren bekommt, folgt mit Sicherheit.
    Wer in der Demokratie schläft, wacht mit ESM auf.
  7. #7

    Leider weiß ich nun weder etwas über das Buch von Goetz, noch sehe ich eine wirklich aufgebaute (Kritik-)struktur in dieser Kolumne. Ich würde sehr gerne (nach erstaunlich und beunruhigend langer Zeit) mal wieder eine Diez-Kolumne mit einer klaren Argumentationsstruktur lesen, die (wie es schon öfters war) ein ganz neues Licht auf entsprechende Diskurse wirft oder Sachverhalte kritisch aufdeckt. Stattdessen leider immer öfter unfertige Gedankensprünge und beiläufige Anspielungen.
  8. #8

    ich lese gerne die Bücher von Rainald, weil diese meine Lebensthemen betreffen, ob Punk, techno, deutscher Herbst, Kulturbetrieb, das sind Themen, die in meinen Leben die ein oder andere Rolle spielen. Die frage wie man die Form des klassischen Erzählens verändern kann hat mich auch immer interessiert.

    der neuer Roman „Johann Holtrop“ greift nun das Thema Management auf, was mich beeindruckt ist mit welcher Genauigkeit Sie die Charaktere, das Denken, die Abläufe dieser Welt treffen, an der ich in gewisser Weise auch teilnehme, in „Irre“ wollte der Junge Arzt Raspe immer dem Chefarzt die Maske vom Gesicht reisen, hier werden die Management Charaktere erstaunlich gut demaskiert und in ihrer Hilflosigkeit gezeigt, das tut mich schon äussertst beeindrucken.

    Wenn ich mir auch die Frage stelle, wie man diese Schärfe der Sicht bekommen als Außenstehender bekommen kann und dabei so relativ genau diese Schwäche spiegeln kann, selbst die Verrechnungsgeschäfte, die Berater und alles ist erstaunlich gut getroffen. Man kann dieses Buch jeden angehenden Manager zur Lektüre empfehlen um zu begreifen worum es geht. Aus Romanen kann man mehr lernen, als aus Theorien, sagte der Philosoph Richard Rorty einmal.
    Im Gegensatz zu Redakteueren kann ich einen Roman erst lesen, wenn er verkauft wird, auch wenn es mein absoluter Favorit ist, darum meine Anmerkungen mit einer Woche Nachlauf:

    Es ist der Roman von Rainald Goetz auf den ich sozusagen 30 Jahre gewartet habe, elektrisiert von „Irre“ war ich nie wirklich glücklich mit dem was danach kam, eigentlich wollte ich es immer wieder lesen, wie der junge Arzt Raspe dem Chefarzt die Maske vom Gesicht reist, das warten hat sich gelohnt, Goetz reist dem Managern ihre Maske vom Gesicht und beschreibt dieses tagtägliche Überlebendheit Spiel mit all seinen Krankheiten und damit das letztlich alle nur gefangene des alten Asspergs sind und des von Ihm geschaffenen Systems auch die Unveränderlichkeit solcher Systeme beschreibt er sehr treffend. Das entlarvende ist hoch.

    Auch die für mich entscheidende Frage ist beantwortet, Goetz zeigt wenn er will kann er im Still des klassischen Autors schreiben, er kann auch den vielgelobten angelsächsischen Ansatz integrieren, damit bekommt alles was nach Irre kam für mich einen neuen Wert oder wird in meinen Sinne bestätigt, das es einen weg des Schreibens außerhalb des klassischen Erzählens gibt und die Bücher von Rainald Goetz zwischen „Irre und Johann Holtrop“ ergeben einen Sinn für mich sie sind ein anderer Weg des schriftstellerischen sichtbar Machens der Welt, was bei Festung auch beeindruckend manifestiert ist.

    Ich lese die Bücher von Rainald Goetz seit 1986 und er ist der stärkste autor aus den 80 Jahren der bleibt, für mich war er und ist er die antwortung sowie Befreiung, von Thomas Mann, Herrmann Hesse, Siegfried Lenz, Günter Grass und vor allem Herta Müller und Jelinek.
  9. #9

    auf Seite 282 in diesem Buch bin ich jetzt angekommen, die frage woran erinnert mich das buch treibt mich noch immer um, die erste schnelle klare Antwort ist "Irre" reloated, die Sprachgewalt und den Führerbunker von Hitler zu dem von Bernd Eichinger aus dem Untergang zu machen, das alles ist bekannt, aber es ist der Metatext den ich suche,

    die antwort ist, ja es gibt ein Buch an das dieses Buch wirklich erinnert, das Buch heißt "Mephisto" und ist von Klaus Mann; in diesem Buch erfolgt auch die Modellisierung und Typisierung an Hand von lebenden Menschen, aber die Lebenden Menschen sind so unerheblich wie in Johann Holtrop, sowenig wie Hendrik Höfgen Gustav gründgens sind, so wenig sind die gestalten in diesem Buch, Mohn, Ackermann; Breuer, Mittelhof, Kirch,

    die halten nur für die stereotypen her, denn der Chef meines Vaters passt genauso auf Assperg wie Mohn, genauso wie Middelhof nur der König aller anderen Typen waren die so liefen und sein Nachfolger eben der klassische vertreter der alten Managerklasse und Wössner immer ein Hyprid dazwischen war, das ist es was das Buch ausmacht und zu langfristigen Lektüre in der Managerausbildung macht, die darstellung der Typen mit denen jedes Unternehmen bevölkert ist.