Studentische Selbsttäuschung: Juhu, ich langweile mich

CorbisDas Referatsthema ist öde, das Studium langweilig, der Job ätzend. Doch wir verteidigen alles als spannend, interessant, herausfordernd, vor allem vor uns selbst. Stefanie Unsleber, 24, spürt solchen Uni-Alltagsphänomenen nach - und erklärt, wie wir uns selbst austricksen.

http://www.spiegel.de/unispiegel/stu...822468,00.html
  1. #10

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Das Referatsthema ist öde, das Studium langweilig, der Job ätzend. Doch wir verteidigen alles al
    Ich finde es erstaunlich dass so viele in der Lage sind, nicht nur andere, sondern auch sich selbst zu täuschen.
    (Ich schaffe es nicht mal jemandem ins Gesicht zu lügen, ohne dass es auffliegt).
    Ich hätte dadurch auch nie etwas machen können, wo ich selbst nicht hinterstehe.
    Ich hatte in meinem Bachelorstudium auch oft das Bedürfnis abzubrechen, habe es dann aus Ehrgeiz aber nicht gemacht, was rückblickend eine sehr weise Entscheidung war.
    Gerad in den ersten Semestern wird das Studium doch als nervig und langweilig empfunden, weil da noch stark ausgesiebt wird.
    Ich behaupte also, dass es auch viel mit Durchhaltevermögen zu tun hat. Muss aber nicht immer so sein.

    Ansonsten würde ich nach dem zweiten Versuch zu einer Berufsberatung raten, damit man herausfindet, was man wirklich will.
    Und dann in den sauren Apfel beißen und auch mal Vorlesungen belegen, die vielleicht nicht ganz so interessant sind, wenn das denn der einzige Weg zum Abschluss ist.

    Warum Leute alles bei sich schön reden ist ein Phänomen der heutigen Gesellschaft. Man muss Leuten, die einem eigenlich scheißegal sind immer vermitteln, man hätte alles im Griff.
  2. #11

    die romantische Vorstellung vom Hochschulstudium

    Natürlich gibt es Veranstaltungen in denen man sich langweilt. Natürlich brennt man nicht für jedes Thema. Natürlich gibt es inhalte, die nicht zum Schwerpunkt des eigenen Studieninteresses passen. Aber (!) da muss er eben durch der Lurch.

    Eine Hochschule ist nunmal keine Walldorfschule mit Unterricht in (reinen) Neigungsgruppen. (Man sehe mir die stilistische Übertreibung zum Thema Walldorfschule bitte nach). Was ich schon im Zuge der empörten Diskussion zum Bolognaprozess bemängeln musste ist die romantische Vorstellung vom Sinn und zweck eines Hochschulstudiums. In meinen Augen existieren zwei wesentliche Zweige. Das Studium mit dem Ziel eines verbleibs im wissenschaftlichen Forschungsumfeld, wenn möglich an der eigenen oder einer anderen Hochschule, oder der Einstieg in die übrige Berufswelt mit dem höchsten Grad der verfügbaren theoretischen Ausbildungen. Mischformen natürlich nicht ausgeschlossen. Wer sich wie entscheidet möge jeder slebst nach Eignung, Leistung, Befähigung und vor allem persönlicher Überzeugung wählen.

    Nun kann es aber nicht für jeden Schwerpunkt einen eigenen Studiengang geben. Auch wenn man alles heut zu Tage managen oder designen kann gehören doch viele Schwerpunkte zu einem Oberthema. Wer sich fürs Marketing entschiedet muss eben auch wenigstens in Grundzügen wissen wie Finanzierungsentscheidungen funktionieren. Wer sich mit der altrömischen Geschichte auseinandersetzen will muss wissen wie man mit historischen Quellen arbeitet. Wer sich auf alternative Antriebstechniken spezialisiert sollte auch wissen wie konventionelle Verbrennungsmotoren arbeiten. Wer forschen will braucht seine Grundlagen, wer eine Anstellung in der Wirtschaft will muss seinem Arbeitgeber gewährleisten können, dass er wenigstens auf eine elementare Wissensbasis zurückgreifen kann.

    Schwierig wird es doch erst dann wirklich, wenn ich in meinem Studienfach überhaupt keinen Schwerpunkt mehr finde, der mich interessiert. Dann hilft aber auch der Selbstbetrug nicht mehr weiter.
  3. #12

    Zitat von keinzeitungsleser Beitrag anzeigen
    Das kommt dabei raus, wenn man gesellschaftlichen Erwartungen folgt statt seinen eigenen Interessen. Wer wirklich studiert (und tut) was einem Spaß macht, hat den Selbstbetrug nicht nötig.
    Würde ich, nach meiner Erfahrung, nicht so sagen. Ich denke, wer etwa nach rein ökonomischen Gründen seine Studienrichtung wählt ist sich meist dessen bewusst, dass das effektive Interesse an der Materie nebensächlich ist und nebensächlich bleiben wird. Immerhin geht es dabei rein um Karriere- und Verdienstchancen.

    Da ist ein vermeintliches, oberflächliches oder naives Interesse an einer Thematik wesentlich fataler. Wie ja auch der Artikel zeigt. Die Autorin hat Ihre Studienfächer ja rein nach persönlichen Impulsen gewählt und war dann desillusioniert, als Ihre vermeintlichen Wunschthemen - wer hätte es erwartet? - nicht nur aus Terror, Krieg und Krisen bestanden.

    Die naturwissenschaftlichen Pendants habe ich jedenfalls persönlich erlebt, die in Biologie landen weil sie doch Tiere sooo lieb haben oder Physik nehmen weil Quantentheorie doch verdammt abgefahren ist. Und dann gucken sie blöd aus der Wäsche wenn man erstmal Chemie, Mathematik oder Statistik durchackert und das einzige Tier, das man vielleicht mal zu Gesicht kriegt, eine aufgeschnittene Ratte ist. Kurzum: Interesse ohne Hintergrundwissen zu dem Studiengang ist hier die problematische Triebfeder.

    PS: Was nicht heisst, dass die Karriere- und Selbstzweck-Studenten nicht auch oft an ähnlichen Problem scheitern, aber das ist dann wieder ein Thema für sich.
  4. #13

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Das Referatsthema ist öde, das Studium langweilig, der Job ätzend. Doch wir verteidigen alles al
    Ich habe gerade einen Artikel über Afrikaner gelesen, die Elektroschrott verbrennen, um mit den Metallen ein wenig Geld zu verdienen. Dann habe ich diesen Artikel gelesen und stelle fest, dass man in Deutschland der Transzendenz immer näher kommt.

    Ich habe Maschinenbau studiert und hatte Spaß dabei, daher mich bitte nicht ernst nehmen, denn ich bin sowieso anders. ;)
  5. #14

    ah!

    Zitat von entropie1983 Beitrag anzeigen
    Ich habe gerade einen Artikel über Afrikaner gelesen, die Elektroschrott verbrennen, um mit den Metallen ein wenig Geld zu verdienen. Dann habe ich diesen Artikel gelesen und stelle fest, dass man in Deutschland der Transzendenz immer näher kommt.

    Ich habe Maschinenbau studiert und hatte Spaß dabei, daher mich bitte nicht ernst nehmen, denn ich bin sowieso anders. ;)
    Da ist ja endlich das in jeder Konversation obligatorische "den Leuten in Afrika geht's ja viel schlechter und es gibt viel schlimmere Probleme"- Totschlagargument. Ich hatte es schon fast vermisst, dankeschön.
  6. #15

    wie geht's? danke gut, und ihnen? auch gut, danke!

    Zitat von keinzeitungsleser Beitrag anzeigen
    Das kommt dabei raus, wenn man gesellschaftlichen Erwartungen folgt, statt seinen eigenen Interessen.
    Wer wirklich studiert (und tut) was einem Spaß macht, hat den Selbstbetrug nicht nötig...
    zu dumm nur, dass wir zu unserer schulzeit gar nicht auf solche famosen ideen gekommen sind.
    da gab's für den ausspruch "da hab' ich keine lust zu!" noch ein paar hinter die löffel - auch vom lehrer, zuhause sowieso.
    so haben wir also mehr oder weniger zufällig einen beruf ergriffen, jedenfalls kaum aus neigung - wir wissen ja gar nicht, was uns SPASS machen könnte - und das system droht mit job-center bei zuviel reflexion.
  7. #16

    Zitat von Plasmabruzzler Beitrag anzeigen
    Ich wünsche mir, dass vom Spiegel auch mal das Leben einer /eines nicht-geisteswissenschaftlichen Studierenden beleuchtet wird. Ich wette, dadurch würde die geneigte Leserschaft auch einmal einen anderen Blick auf das Studieren werfen können.
    Wieso, die haben doch keine Sorgen? Die "Debatte" können wir uns ohnehin sparen, denn Laberfächer sind doof, Fachkräfte braucht das Land, Ingenieure dürfen gleich nach dem Studium VWs entwerfen, Geisteswissenschaftler sind überflüssig und tragen hässliche Birkenstöcke etc. etc. pp.
  8. #17

    .

    Zitat von ayee Beitrag anzeigen
    Mit der Selbsttäuschung geht's nach der Uni fließend weiter. Also mal ganz abgesehen von Leuten, die ihr Hobby zum Beruf machen und deshalb nicht lügen/übertreiben, wenn sie sagen: Ich liebe/mag meinen Job. Wieso ist es eigentlich so verpöhnt, wenn man einfach mal die Wahrheit sagt: Ich arbeite für Geld. Das ist mein Hauptmotiv.
    Ich denke, das hängt mit der Erwartungshaltung zusammen. Es muss ja alles immer super-duper selbstverwirklichungstauglich sein. Wenn man mit der Haltung rangeht, dass Arbeit halt immer noch Arbeit ist, wo es bestimmte nicht so angenehme Situationen und Tage gibt, bzw. dass ein Studium auch Veranstaltungen beinhaltet, die langweilig oder stressig sind und wo man einfach durchmuss, kann man auch eher sagen, mein Studium/Job ist ok, ich bin zufrieden. Aber das Wort zufrieden wird -selbst erlebt- häufig von anderen schon als "schlecht" interpretiert.
  9. #18

    Ach ja, das Studium...

    Zitat von person012 Beitrag anzeigen
    Ich denke, das hängt mit der Erwartungshaltung zusammen. Es muss ja alles immer super-duper selbstverwirklichungstauglich sein. Wenn man mit der Haltung rangeht, dass Arbeit halt immer noch Arbeit ist, wo es bestimmte nicht so angenehme Situationen und Tage gibt, bzw. dass ein Studium auch Veranstaltungen beinhaltet, die langweilig oder stressig sind und wo man einfach durchmuss, kann man auch eher sagen, mein Studium/Job ist ok, ich bin zufrieden. Aber das Wort zufrieden wird -selbst erlebt- häufig von anderen schon als "schlecht" interpretiert.
    Ich habe in den frühen 70ern studiert und erinnere mich noch gut daran, dass ich auch manchmal meinte, "klagen" zu müssen. Mein Vater pflegte dann immer zu sagen: "Immer noch besser als richtige Arbeit." - Wie recht er doch hatte! Wenn es mir in meinem Bürojob in den Folgejahren mal nicht so gefiel, wie es mir gefallen hätte, hielt ich mir den Satz meines Vaters vor und alles wurde gut.