Ist Burnout nur eine Modekrankheit?

Burnout in aller Munde: Offenbar zeigt sich in den verschiedenen Ausformungen und Wahrnehmungen der Erschöpfung und Depression ein Sympton unserer Zeit, die für Schwächen und Ausfälle speziell im psychischen Sektor wenig Verständnis zeigt. Immerhin gilt "Burnout" kraft des Begriffes in gewisser Weise als gehobener Defekt. Aber kann man Burnout deshalb zur Modekrankheit verkleinern?
  1. #10

    Vorsicht vor Relativierungen

    Die Unterscheidung von verschiedenen Symptomgruppen und Krankheistserscheinungen ist (vor allem für die Therapie) wichtig - wie auch verstärkte wissenschaftliche Bemühungen, um die Entwicklung genau zu verstehen. Wichtig ist auch, zu erkennen, dass das heute als "Burn-Out" angesprochene Phänomen nur bedingt (wenn überhaupt) dem entspricht, was bei Entsteheung des Begriffs vor eltichen Jahrzehnten damit gemeint war. Heute geht es um andere Erscheinungen bei ganz anderen Gruppen - die Oberflächensymptome sind aber ähnlich.

    Aber keinesfalls darf die nun einsetzende wichtige Diskussion dazu führen, die wirklich erschreckende Zunahme von Betroffenheiten zu relativieren. Es darf aber nicht wundern, wenn machtvolle Interessen es gerne sehen würden, wenn die steigenden psychischen Belastungen in der Arbeitswelt verhamlost würden.

    Ganz offensichtlich ist in vielen Arbeitsbereichen eine Grenze dessen erreicht, was viele Menschen (gerade auch in qualifizierten Bereichen) verkraften können, oder bereit sind hinzunehmen. Dass dabei zum Teil vorhandene Dispositionen (z.B. für depressive Erscheinungen) massiv aufbrechen, ist überhaupt kein Hinweise darauf, dass Erfahrungen in der Arbeit keine Rolle spielen (wie man gelegentlich hört) - im Gegenteil. Die verstärkten und vor allem die veränderten Anforderungen lassen nun bisher oft eher latent bleibende und noch persönlich irgendwie bewältigbare Anlagen zu manifesten Erkrankungen werden.

    Dass der Ausdruck "Burn-Out" dabei eine ambivalente Rolle spielt ist richtig: der Begriff klingt danach, dass Menschen sich über lange sehr angestrengt haben (was oft der Fall ist), und nun überlastet sind oder die Fähigkeit verloren haben, sich um ihre Gesundheit zu sorgen. Dass Symptome dadurch nun erstmals offen thematisierbar werden (man traut sich, darber zu sprechen) ist zu begrüssen, wie es zugleich erschreckend ist.
  2. #11

    Auf Anspannungsphasen müssen Entspannungsphasen folgen

    Jeder Mensch muss darauf achten, dass nach längeren Anspannungsphasen Erholungsphasen kommen. Wer über lange Zeit angespannt ist, sich keine Erholung gönnt, zu wenig schläft, zu wenig Freude im Leben hat, keine guten zwischenmenschlichen Beziehungen hat, riskiert, ein "Burnout" zu erleben. Auch Menschen haben ein begrenztes Energiepotential. Deshalb ist es wichtig, regelmässig dafür zu sorgen, dass die eigene "Batterie" wieder aufgeladen wird.

    Am besten dazu geeignet sind liebevolle zwischenmenschliche Beziehungen. Und natürlich Humor und - am besten gemeinsames - Lachen.
    Wenn man in die Gesichter der deutschen Mitmenschen schaut, scheint vielen das Lachen jedoch vergangen zu sein.
  3. #12

    Unterschiede in der Leistungsbereitschaft

    Zitat von Jörn Bünning Beitrag anzeigen
    Burnout beruht fast immer auf einer Fehlsteuerung des eigenen Ressourcenmanagments. Denn zu den seit jeher vorhandenen und überzogenen Erwartungen der Berufswelt gesellt sich hier die Bereitschaft, diese unbedingt zu erfüllen. Ein Mensch, der seine Grenzen kennt und seine Ressourcen ökonomisch einsetzt, wird nie an Burnout erkranken. Ein Mensch, der die ständige (Reaktions-)Bereitsschaft moderner Kommunikationssysteme als Maßstab für seine Lebensgestaltung übernimmt, der also ständig "online" sein will oder glaubt, sein zu müssen, ist für Burnout prädestiniert.
    Bei der Definition stimme ich zu, aber meine Beobachtungen zu den Smartphone-Besitzern meiner Arbeitswelt (IT) ist eine andere.
    Neben dem Abspielen von Musik ist das Eintreffen eines Privatanrufes eine willkommene Abwechselung im Büro und die Leistungsreserven werden nicht immer voll ausgeschöpft.

    Im Gegensatz dazu kenne ich Beschäftige im Gesundheitswesen oder Handel in der Weihnachtszeit, die weit höher durch Burnout gefährdet sind.
    Hier liegen aber IMHO äußere Ursachen (Zuviele „Fälle“, „Hinterherarbeiten“ qualifikations- oder motivations-armer Kollegen) vor.

    Sicherlich spielt der wirtschaftliche Druck auf ein Unternehmen usw. eine Rolle, aber eine natürliche Reaktion auf erhöhtes Arbeitsaufkommen kann auch der "Tritt auf die Bremse" sein.
  4. #13

    ganz wichtig!

    Zitat von ggv Beitrag anzeigen
    Aber keinesfalls darf die nun einsetzende wichtige Diskussion dazu führen, die wirklich erschreckende Zunahme von Betroffenheiten zu relativieren. Es darf aber nicht wundern, wenn machtvolle Interessen es gerne sehen würden, wenn die steigenden psychischen Belastungen in der Arbeitswelt verhamlost würden.
    Obwohl es mir schwer fiel, Ihren inhaltlich starken Beitrag zu fraktionieren, möchte ich dadurch den für mich besonders wichtigen Part hervorgehoben wissen: durch diese Verharmlosung über den Terminus fällt es Arbeitsmedizinern und -wissenschaftlern schwer, das Phänomen "Burnout" als Folge einer sich verschärfenden Inhumanisierung der Arbeitswelt darzustellen, und als Berufskrankheit Anerkennung zu erfahren. Betroffene werden immer noch als Simmulanten und SchWächlinge betrachtet, nicht ernst genommen, und zu Zielscheiben von Mobbing-Attacken, was dem Grundproblem natürlich wenig zuträglich ist. Kritik muss aber auch der Betroffenenseite gelten (dürfen), denn es erschließt sich nicht, warum der Eigenschutz und der zivile Ungehorsam nicht mächtig genug sind, für Gleichgewicht zu sorgen-
  5. #14

    Präsentismus

    Zitat von JaIchBinEs Beitrag anzeigen
    Bei der Definition stimme ich zu, aber meine Beobachtungen zu den Smartphone-Besitzern meiner Arbeitswelt (IT) ist eine andere.
    Neben dem Abspielen von Musik ist das Eintreffen eines Privatanrufes eine willkommene Abwechselung im Büro und die Leistungsreserven werden nicht immer voll ausgeschöpft.

    Im Gegensatz dazu kenne ich Beschäftige im Gesundheitswesen oder Handel in der Weihnachtszeit, die weit höher durch Burnout gefährdet sind.
    Hier liegen aber IMHO äußere Ursachen (Zuviele „Fälle“, „Hinterherarbeiten“ qualifikations- oder motivations-armer Kollegen) vor.
    "Ihre" IT-Arbeitswelt unterscheidet sich nicht wesentlich von den modernen Bürojobs der meisten Angestellten. Der subjektive Zwang zum ständigen "Online-Sein" tritt ja nicht nur bei Smartphone Besitzern auf. Kennzeichnend für die von IT-Systemen gesteuerte Arbeitssituation ist das Fehlen von erkennbaren Anfangs- und Endsituationen der Arbeit. Der virtuelle Eingangskorb wird nie richtig leer; im pausenlosen Strom neuer Aufträge kann er schnell unmenschliche Ausmaße annehmen. Dies vermittelt dem Arbeitenden trotz größter Anstrengungen ständig das Gefühl, "nicht mehr hinterher zu kommen", hilflos einem ständig anwachsenden Arbeitsaufkommen ausgeliefert zu sein. Einem Burnout entgeht hier nur derjenige, der sich entsprechend dieser neuen Arbeitssituation auch neue Regeln gibt. Wer (meist unbewusst) dem Trend zum Präsentismus nachgibt, hat verloren.

    Zitat von JaIchBinEs Beitrag anzeigen
    Sicherlich spielt der wirtschaftliche Druck auf ein Unternehmen usw. eine Rolle, aber eine natürliche Reaktion auf erhöhtes Arbeitsaufkommen kann auch der "Tritt auf die Bremse" sein.
    Richtig. Und mit dem "Tritt auf die Bremse" gerät er keineswegs in Konflikt mit seinem Arbeitgeber. Die Firmen kommen die "Ausgebrannten" sehr viel teurer zu stehen, als Mitarbeiter, die ihre Belastungsgrenzen kennen und einkalkulieren. Es ist weniger böse Absicht dahinter als vielmehr Unwissenheit und Unerfahrenheit im Umgang mit Informationssystemen, insbesondere die Arbeitsplätze an der Mensch-Maschine-Schnittstelle.
    Burnout: Immer noch besser werden - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL

    Insbesondere Manager treibt noch ein weiteres Motiv in den Burnout: ihr Narzissmus. Oft sind sie nicht in der Lage, sich einzugestehen, dass auch ihre Gestaltungsmöglichkeiten begrenzt sind, sie selbst keineswegs allwissend und ihr Handeln ebenso fehlerträchtig wie das ihrer Mitarbeiter. So eine Profilneurose mit umfassendem Kontrollzwang, extensiver Selbstinszenierung und habituierter Selbstvermarktung legt ebenso den Grundstein zum Burnout wie die unrealistischen, oft auch unbewussten Einstellungen zum Arbeitspensum.
  6. #15

    Sicher keine Modekrankheit. Lediglich die Art und Weise was alles in die Schublade "Burn Out" geschoben wird, lässt einen daran zweifeln.
  7. #16

    Burnout

    Zitat von eigentlicher_Schwan Beitrag anzeigen
    Kommt auf das Verständnis des Begriffs "Modekrankheit" an.
    Immerhin ist es Mode, dass alles schneller laufen muss als vorher. Als Beispiel seien Virtuosen in der Musik genannt.
    Das Herz arbeitet optimal bei 60-140 bpm. Das ist physiologisch so und kann nicht verändert werden.
    Also eine Krankheit aufgrund einer Mode? Wahrscheinlich.
    Die Propheten gingen in die Wueste, Gaugin ging in die Suedsee, Maughm nach Asien; nein, es ist keine Modekrankheit - nur koennen es sich heute wohl Mehr leisten, einfach mal Pause zu machen.
  8. #17

    Burnout

    Zitat von toskana2 Beitrag anzeigen
    Wie schon oft sucht sich die Sprachgemeinschaft
    eine Mode-Vokabel aus,
    um ein Phänomen zu beschreiben,
    das durchaus in der .....
    Alzheimers und Demenz sind zwei verschiedene Krankheiten. Auch sind sie nicht unumgaenglich. Es gibt mehr Alte, die bis ins hohe Alter ihre Fakultaeten bewahren. Weder Alzheimers noch Demenz haben etwas mit Burnout zu tun.
    Das vermehrte Auftreten ist lediglich der Tatsachezuzuschreiben, dass mehr Menschen heutzutage aelter werden. Ach ja, und Rauchen leitet zu frueher Demenz.
  9. #18

    Ja, es ist eine erfundene Krankheit für Handytypen/innen

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Burnout in aller Munde: Offenbar zeigt sich in den verschiedenen Ausformungen und Wahrnehmungen der Erschöpfung und Depression ein Sympton unserer Zeit, die für Schwächen und Ausfälle speziell im psychischen Sektor wenig Verständnis zeigt. Immerhin gilt "Burnout" kraft des Begriffes in gewisser Weise als gehobener Defekt. Aber kann man Burnout deshalb zur Modekrankheit verkleinern?
    Meine Mutter hat 3 Kinder aufgezogen, trotz Hausbau, Haushalt, wenig Geld, kein Urlaub usw. und nebenbei gearbeitet. Meine Schwiegermutter hat 7 Kinder aufgezogen, in der Landwirtschaft gearbeitet, die Oma hat auf die Kinder aufgepasst, ohne Fernseher usw. Natürlich hatte jedes Kind weder 100 Teddibären noch 24 Stunden am Tag Aufmeksamkeit. Es ist neue Pseudokrankheit von Wichtigtuern/innen, die sich Wichtigmachen, den meisten gehen diese Leute, weder privat noch beruflich ab, die machen sich einen Selbststreß. Am besten man geht mal spazieren, Angeln, fährt mit dem Motorrad oder Rad eine Runde und nimmt sich nicht so wichtig. Dies entlastet auch die Krankenkassen und die Psychiater. Diese Krankheit soll auch bei Politikern und Jounalisten stark verbreitet sein, weil sich die zu wichtig nehmen. Runterschalten, bald geht es Ihnen besser.
  10. #19

    „Stadtmenschen“ und Landleben

    Zitat von tabascoone Beitrag anzeigen
    Meine Mutter hat 3 Kinder aufgezogen, trotz Hausbau, Haushalt, wenig Geld, kein Urlaub usw. und nebenbei gearbeitet. Meine Schwiegermutter hat 7 Kinder aufgezogen, in der Landwirtschaft gearbeitet, die Oma hat auf die Kinder aufgepasst, ohne Fernseher usw. Natürlich hatte jedes Kind weder 100 Teddibären noch 24 Stunden am Tag Aufmeksamkeit. Es ist neue Pseudokrankheit .....
    Meinen Sie den vermeintlichen Widerspruch zwischen „Stadtmenschen“ und Landleben?
    Ich selbst tauche gelegentlich ins letztere ein und genieße dann Ruhe und Stille.

    Ich gebe Ihnen bedingt recht, denn es ist auch eine Frage des Typus.
    Leute, die „viel um die Ohren brauchen“, könnten hier Einsamkeit und Langeweile befürchten.