Privatschulen - teure Abzocke oder echte Alternative zum öffentlichen Schulsystem?

Der Schulbesuch ist in Deutschland für die Schüler kostenlos. Die öffentlichen Schulen erfüllten ihren Auftrag über lange Zeit ohne Tadel, bis die Pisa-Tests der Zufriedenheit einen Dämpfer verpassten. Manche Eltern suchten nach besseren Möglichkeiten. Aber sind die teuren Privatschulen eine echte Alternative zum öffentlichen Schulsystem?
  1. #1

    Private Träger

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Der Schulbesuch ist in Deutschland für die Schüler kostenlos. Die öffentlichen Schulen erfüllten ihren Auftrag über lange Zeit ohne Tadel, bis die Pisa-Tests der Zufriedenheit einen Dämpfer verpassten. Manche Eltern suchten nach besseren Möglichkeiten. Aber sind die teuren Privatschulen eine echte Alternative zum öffentlichen Schulsystem?
    Nein, das sind sie nicht. Jedenfalls nicht diejenigen, die wegen der immensen Kosten (Schulgeld, Internatskosten etc.) für die Eltern nicht allen offen stehen.

    Eine echte Alternative zu den öffentlichen, von den Kommunen getragenen und den Ländern mit Lehrern ausgestatteten Schulen sind aber die freien Schulen in privater Trägerschaft, die prinzipiell für alle zugänglich sind, und sich ihre Schüler (m/w) selbst aussuchen dürfen.
    Hier sind besonders die Schulen in der Trägerschaft der katholischen und evangelischen Kirche zu nennen.

    Diese Schulen haben schon seit Jahren das Privileg, sich neben den Schülern (m/w) auch ihre Lehrer (m/w) selbst aussuchen zu dürfen. Deshalb ist dort die "Flachpfeifen-"Quote auch bei weitem nicht so hoch.

    Sicher ist festzustellen, dass diese Schulen i.a. Schüler (m/w) anderer Konfessionen oder Glaubensbekenntnisse und solche ohne Bekenntnis nicht per se aufnehmen. Aber das ist kein Dogma. So nehmen fast alle Schulen in katholischer Trägerschaft auch einen gewissen Prozentsatz Schüler (m/w) evangelischer Konfession auf, und an der Schule dieser Art, die ich am besten kenne, werden auch zahlreiche Schüler (m/w) anderer Glaubensrichtungen unterrichtet.

    Diese Schulen genießen einen guten Ruf, weil sie neben den guten bis sehr guten Ergebnissen, die ihre Schüler (m/w) in den zentralen Prüfungen ihres jeweiligen Bundeslandes erzielen, auch großes Gewicht auf die Erziehung der Schüler (m/w) legen. Dabei bedeutet Erziehung auch (!) Erziehung im Glauben.

    Und sie sind auch deshalb begehrt, weil die Träger (oft sind es die Bistümer) (noch) nicht an der Ausstattung sparen (müssen). Hier wird eine Menge an Kirchensteuergeldern eingesetzt.

    So etwas wissen Eltern zu schätzen. So sehr, dass sie sich oft auch bei verschiedensten Gelegenheiten in der Schule mit engagieren, indem sie bei Renovierungen, Schulfesten, Mensa-Betreung etc. mitarbeiten.
  2. #2

    Zitat von leonardo-contra-pisa Beitrag anzeigen
    Diese Schulen haben schon seit Jahren das Privileg, sich neben den Schülern (m/w) auch ihre Lehrer (m/w) selbst aussuchen zu dürfen. Deshalb ist dort die "Flachpfeifen-"Quote auch bei weitem nicht so hoch.
    Das wage ich zumindest teilweise zu bezweifen. Auch an öffentlichen Schule werden meines Wissens derzeit Einstellungen nur noch von den Schulen selbst vorgenommen, die dadurch die Möglichkeit haben "Flachpfeifen" unter Lehrern außen vor zu lassen.
    Schülerflachpfeifen müssen allerdings nach wie vor genommen werden.
  3. #3

    Lehrerauswahl

    Zitat von Pens Beitrag anzeigen
    Das wage ich zumindest teilweise zu bezweifen. Auch an öffentlichen Schule werden meines Wissens derzeit Einstellungen nur noch von den Schulen selbst vorgenommen, die dadurch die Möglichkeit haben "Flachpfeifen" unter Lehrern außen vor zu lassen.
    Sie haben einerseits Recht, andererseits nicht:
    Die von mir angesprochene "Bestenauslese" bei der Einstellung fand an den Privatschulen in den späten 1980er, den 1990er Jahren und am Anfang des letzten Jahrzehnts statt, als ein Überangebot an Lehramtskandidaten gab, die Länder aber noch in zentralisierten Verfahren die Lehrer (m/w) auf die Schulen verteilten. Dabei nahm z.B. das Land NRW nur sehr wenige Einstellungen vor, während bei den privaten Trägern durchgehend das ausscheidende Personal ersetzt wurde.

    Das Überangebot existiert nicht mehr, im Gegenteil. Der Lehrerberuf ist nicht mehr so attraktiv, dass viele junge Leute ihn ergreifen wollen. Besonders in naturwissenschaftlichen Fächern (Physik, Chemie) und in Mathematik sowie in Informatik bekommen Sie derzeit kaum neue Kollegen (m/w).

    Zumindest in diesen Fächern nützt es auch nichts, dass z.B. das Land NRW seit etwa 5 oder 6 Jahren die Schulen über das Online-Bewerbungsportal "LEO" sogenannte "schulscharfe" Ausschreibungen vornehmen lässt, und ihnen das Recht gibt, die Bewerber persönlich zu begutachten und auszuwählen.
  4. #4

    Zitat von leonardo-contra-pisa Beitrag anzeigen
    Zumindest in diesen Fächern nützt es auch nichts, dass z.B. das Land NRW seit etwa 5 oder 6 Jahren die Schulen über das Online-Bewerbungsportal "LEO" sogenannte "schulscharfe" Ausschreibungen vornehmen lässt, und ihnen das Recht gibt, die Bewerber persönlich zu begutachten und auszuwählen.
    Stimmt.
    Wie ist es eigentlich inzwischen mit der Auswahl von Schülern an kirchlichen Ersatzschulen? Als ich anfing zu arbeiten, konnten sich die Schulleiter aussuchen, wen sie nehmen wollten und wen nicht. Dreierzeugnisse hatten da oft keine Chance.
  5. #5

    Zitat von Piri Beitrag anzeigen
    Stimmt.
    Wie ist es eigentlich inzwischen mit der Auswahl von Schülern an kirchlichen Ersatzschulen? Als ich anfing zu arbeiten, konnten sich die Schulleiter aussuchen, wen sie nehmen wollten und wen nicht. Dreierzeugnisse hatten da oft keine Chance.
    Grundsätzlich gilt das auch heute noch - wenn auch inzwischen mit gewissen Abstrichen, die durch die demographische Entwicklung in Zukunft (noch) stärkere Ausprägung erfahren werden.

    Zunächst einmal nehmen die Schulen in kirchlicher Trägerschaft Kinder der eigenen Konfession auf. Ansonsten sind die Aufnahmekriterien hauptsächlich leistungsorientiert. Es werden in erster Linie Kinder aufgenommen, deren Grundschulzeugnisse entsprechend gute Noten aufweisen. Kinder mit keiner oder einer eingeschränkten Empfehlung für das Gymnasium werden nicht oder nur bei Vorliegen bestimmter anderer Voraussetzungen aufgenommen.
    (Insofern ist das gute Abschneiden bei den zentralen Prüfungen nicht erstaunlich)

    Andere Aspekte, die bei der Aufnahme wichtig werden können, sind z.B. ob schon ein Kind der anmeldenden Familie an der Schule ist. Sogenannte "Geschwisterkinder" werden (bei Vorliegen akzeptabler Leistungen) bevorzugt genommen - auch wenn die Empfehlung der Grundschule für das Gymnasium evtl. eingeschränkt ist.

    Die Schule, die ich am besten kenne, trägt außerdem dafür Sorge, dass im Rahmen der Vorgaben, die das zuständige Bistum macht (Quoten), auch Kinder anderer Konfession Berücksichtigung finden.
    Und sie scheut sich auch nicht, Muslime (m/w) oder auch Kindern ohne Bekenntnis aufzunehmen - allerdings nicht in der Absicht missionarisch tätig zu werden.

    Ansonsten gilt das, was überall in der Welt gilt: Beziehungen interessierter Eltern (z.B. zum Schulleiter) können manchmal sehr förderlich für die Berücksichtigung auch leistungsschwächerer Schüler sein. Auch gibt es gewisse Personen mit einer bestimmten Position in der Stadt, deren Kinder die Schule einfach nicht ablehnen kann (so etwa wie im Zitat aus "The Godfather"). Aber das bleiben Ausnahmen.

    In der Zukunft werden die Schulen in kirchlicher Trägerschaft sicher weiter großes Interesse bei der Elternschaft finden. Angesichts der sinkenden Schülerzahlen werden sie allerdings wohl nicht umhin kommen, auch Kinder mit weniger guten Grundschulzensuren aufzunehmen, weil sie ihre Schülerzahl halten wollen (und müssen!, da sonst die Refinanzierung durch die Bundesländer nicht mehr erfolgt. Die zahlen nämlich 94% (NRW!) aller Kosten, die an einer Schule in privater Trägerschaft entstehen. Die anderen 6 % zahlen die Kirchen oder anderen Träger.)

    Die Anmeldeverfahren für die weiterführenden Schulen laufen derzeit an. Mitte Februar wird man auch an der Schule, die ich am besten kenne, Genaueres wissen.
  6. #6

    Zitat von leonardo-contra-pisa Beitrag anzeigen

    In der Zukunft werden die Schulen in kirchlicher Trägerschaft sicher weiter großes Interesse bei der Elternschaft finden. Angesichts der sinkenden Schülerzahlen werden sie allerdings wohl nicht umhin kommen, auch Kinder mit weniger guten Grundschulzensuren aufzunehmen, weil sie ihre Schülerzahl halten wollen (und müssen!, da sonst die Refinanzierung durch die Bundesländer nicht mehr erfolgt. Die zahlen nämlich 94% (NRW!) aller Kosten, die an einer Schule in privater Trägerschaft entstehen. Die anderen 6 % zahlen die Kirchen oder anderen Träger.)
    Da die Schulen in kirchlicher Trägerschaft erstens im Normalfall kein Schulgeld erheben, weil der Staat sie großenteils finanziert, sind mit der Thread-Überschrift vermutlich eher Schulen wie diese

    Privatschule Niedersachsen: Gut Spascher Sand Campus - Lernen mit Leidenschaft

    Phorms Education - Home - Über uns - Unser gesellschaftlicher Auftrag :: Phorms Education

    gemeint.

    Ähnlich wie in England wird es auch bei den Privatschulen große Unterschiede geben. Da die Abiturienten aber den Universitäten mittels eines für alle gültiges Auswahlverfahren zugeteilt werden, greift die Selektion auch im Fall der Privatschulen vielfach erst im nachschulischen Leben.
  7. #7

    Prvatschulen

    Es gibt natürlich nicht nur kirchliche Privatschulen und Internate auf Gymnasialniveau.

    Besonders in Großstädten finden sich auch Privatschulen, die ohne Internat Schülern aller Stufen von der Grundschule bis zur gymnasialen Oberstufe alles anbieten, mit einem privaten Besitzer (z.B. Huber in München).

    Die Kosten liegen bei rund 400 Euro monatlich. Dafür erhalten Eltern aber einiges: Unterricht bis zum späten Nachmittag, incl. Hausaufgabenbetreuung, Mittagessen, kleine Klassen (rund 15 Kinder), bessere Noten, Störenfriede werden weggeschickt, keine sogen. Migrantenprobleme. Natürlich kommt in solchen Fällen der pädagogische Geschmack des "Schulbesitzers" zum Tragen, also z.B. grundsätzlich Frontalunterricht, Kontakt zwischen Etern und Schule nicht über den Lehrer sondern über die Schulleitung, strenge Aufsicht auf dem Pausenhof (keine Rempeleien).

    Solche Privatschulen müssen sich gegenüber dem öffentlichen Schulsystem behaupten. Wenn also der "Geschmack" des Besitzers von den Eltern nicht angenommen wird, kann die Privatschule dichtmachen. Ich glaube jedoch, und in München ist es auch so, dass viele Eltern die Vorteile einer Privatschule sehen und ihren Kindern für einen akzeptablen Monatsbeitrag eine stressfreie Schulzeit ermöglichen möchten. Huber z.B. ist überlaufen.

    Das öffentliche Schulsystem bezahlt seine Lehrer besser als die Privatschulen, es hat auch die besseren Lehrer; dies macht sich jedoch nur schwer bemerkbar, weil die Schulpflicht in Deutschland auch solche Kinder in die "öffentlichen" Klassen spült, die von Disziplin, Benehmen und Lerneifer noch nie etwas gehört haben, und dies dem Lehrer auch permanent demonstrieren möchten. Und die meisten Eltern kennen das Problem, sie ziehen ihre Kinder da raus.
  8. #8

    Do ut des

    Zitat von maikalex Beitrag anzeigen
    Besonders in Großstädten finden sich auch Privatschulen, die ohne Internat Schülern aller Stufen von der Grundschule bis zur gymnasialen Oberstufe alles anbieten, mit einem privaten Besitzer (z.B. Huber in München).

    Die Kosten liegen bei rund 400 Euro monatlich. Dafür erhalten Eltern aber einiges: ... bessere Noten, ...
    Und die sind bestimmt nicht ausschließlich durch günstigeren Rahmenbedingungen und verbesserten Förderkonzepte bedingt.
    Was könnte man in öffentlichen Schulen alles erreichen, wenn nur das Geld zur Verfügung gestellt würde, um den Kindern dort ähnlich gute Rahmenbedingungen zu schaffen.
  9. #9

    Störenfriede

    Ich glaube nicht, dass man mit mehr Geld die Leistungen des öffentlichen Schulsystems entscheidend ändern kann. Der Lernerfolg der Kinder steht und fällt mit der Klassenzusammensetzung. Und hier hat das öffentliche Schulsystem kaum eine Einwirkungsmöglichkeit; man kann Störenfriede wegen der Schulpflicht nicht mehr loswerden.

    Private Schulen haben gegenüber öffentlichen zwei gewaltige Vorteile: Sie können sich ohne Probleme von unliebsamen Schülern befreien (das wissen Kinder und Eltern, d.h. Verhalten und Mitarbeit im Unterricht werden besser), und man hat Eltern, die durch ihre monatlichen Überweisungen demonstrieren, dass sie am Fortkommen ihrer Kinder interessiert sind. Dies sorgt zusammen mit den kleineren Klassen dafür, dass die Kinder an privaten Schulen mehr und besser lernen; die im Durchschnitt besseren Noten scheinen mir durchaus gerechtfertigt.

    Die Schulgebühren für Privatschulen liegen in der Größenordnung von Kindergartengebühren, also von Abzocke kann keine Rede sein (Internate sind natürlich etwas anderes und wegen der Unterbringung weit teurer).

    Was machen nun Eltern, die starkes Interess am Schulerfolg ihrer Kinder haben und keine Privatschule in der Nähe haben, oder die Schulgebühren nicht zahlen wollen. Sie schließen sich bereits im Kindergarten zusammen, bilden Grüppchen von Kindern, die zusammen in die Grundschulklasse sollen und machen Druck bei der Grundschulleitung. Auffällige Kinder oder Kinder aus weniger bildungsinteressierten Elternhäusern oder Kinder aus bestimmten Ländern werden draußen gehalten. Solche Klassen marschieren dann praktisch geschlossen Richtung Gymnasium (selbst in meinem Umfeld in München-Schwabing erlebt).

    Ich habe den Eindruck, wenn die Politik es nicht schafft, an unseren öffentlichen Schulen Lernbedingungen zu schaffen ähnlich wie an Privatschulen, dann werden die bildungsinteressierten Eltern mit den Füßen abstimmen. Wieviele desinteressierte Schüler und Störenfriede sich an unseren Schulen tummeln, mag man daran ablesen, dass rund 20% eines Jahrgangs unsere Schulen als nicht ausbildungsfähig verlässt. Da kann man schon verstehen, dass die Eltern der anderen 80% sich dies immer weniger gefallen lassen.