Kehrseite eines Traumberufs: Wilder Westen Werbebranche

Mit dem Image der anderen kennen Werbeagenturen sich aus, ihr eigenes schert sie wenig - die Bewerber stehen doch Schlange. Bald lernen viele Berufsstarter die dunkleren Schattierungen der funkelnden Reklamewelt kennen: Ackern bis zum Anschlag, miese Bezahlung, fiese Verträge.

http://www.spiegel.de/karriere/beruf...761788,00.html
  1. #80

    Wertschöpfung und Nash-Gleichgewichte

    Zitat von blowup Beitrag anzeigen
    Die ganze Diskussion ist recht absurd. Offensichtlich hat keiner eine Ahnung, was heute messbar ist. Werbung ist keine Grauzone mehr. Ihr Beitrag zur Wertschöpfung wird immer detaillierter messbar.
    Bestimmt ist detailliert messbar, inwiefern Werbung zur Steigerung der Verkaufszahlen und damit zur Steigerung des Umsatzes beiträgt, aber ist damit auch eine Wertschöpfung einhergegangen? Eine echte Wertschöpfung liegt schließlich nur vor, wenn durch die Tätigkeit Waren oder Dienstleistungen erschaffen oder verbessert wurden. So liegt z.b. die Wertschöpfung des Einzelhändlers in seiner Lagerhaltung, denn ein Schokoriegel am Kiosk um die Ecke, der für mich jederzeit verfügbar ist, hat einen größeren Nutzwert als einer, der erst nach drei Tagen geliefert wird, deshalb bin ich auch bereit, dafür mehr zu bezahlen. Aber welche Ware oder Dienstleistung wird denn durch Werbung besser? Erst einmal keine, das beworbene Produkt wird durch Werbung nicht verändert.

    Jetzt könnte man für die Werbung abstrakter argumentieren und sagen, in einem freien Markt muss jeder Marktteilnehmer Zugang zu allen Preis- und Produktinformationen haben, um optimale Ressourcenallokation und damit maximalen Gesamtwohlstand zu erreichen, und Werbung trägt dazu bei und schafft so indirekt einen Mehrwert, weil der Rezipient mit den neuen Informationen seine Wertschöpfung vergrößern kann.

    Aber diese Argumentation kann nur gelten, wenn in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung der durch Werbeinformationen geschaffene Mehrwert den Aufwand für die Werbung übersteigt. Das dürfte allerdings zu bezweifeln sein, da nicht das Produkt mit den besten Produktinformationen gekauft wird, sondern laut ihrer Aussage das, das "mit maximalem Werbedruck penetriert" wurde.

    Also schafft Werbung eine lokale Gewinnmaximierung auf Kosten des Gesamtwohlstandes, es liegt also ein Nash-Gleichgewicht vor, also ein nichtoptimaler Zustand, der nur verlassen werden kann, wenn alle Teilnehmer ihr Verhalten ändern. Dies ist eine klare Form von Marktversagen, die sich auch plausibel begründen lässt, denn der ideale Markt geht von allgemeiner Markttransparenz aus, d. h. jeder kennt alle Produkte und deren Vor- und Nachteile. Werbung verzerrt aber die Transparenz, da nur bestimmte Produkte und auch nur deren Vorteile beworben werden.

    Werbung schafft keine Wertschöfpung, sondern verhindert sie sogar, und das in zweifacher Hinsicht, denn erstens verhindert sie die Wohlstandsoptimierung und zweitens muss die restliche Volkswirtschaft ja auch die Waren und Dienstleistungen produzieren, die die Werber konsumieren. Damit ist es aus volkswirtschaftlicher Sicht eigentlich gut und sinnvoll, Werber so schlecht wie möglich zu bezahlen.
  2. #81

    Erfahrungen in der Branche

    Es ist nicht richtig, dass man als Trainee bei Serviceplan 2000 Euro verdient. Es sind 800. Und das in einer Stadt wie München. Dann finanzieren halt die Eltern dieser Trainees das Leben.

    Es gibt dort noch mehr schöne Dinge. Ich bin in meiner Zeit bei Serviceplan immer gerannt, damit ich meinen Zug um 23 Uhr noch bekomme. Tag für Tag! Morgens hatte man spätestens um 8:45 am Tisch zu sitzen. Sonntagsarbeit war auch öfter mal angesagt. Als ich nicht kam, sagte mein Chef: "Jetzt hast du ein Problem." Ich habe diese Probleme mit meinem Chef besprechen wollen, was damit endete, dass er mir sofort mündlich kündigte und wenige Minuten später im Vorbeigehen einen Umschlag mit der Kündigung auf den Tisch warf. Später sagte eine Kollegin zu mir: "Wollen wir nicht mal zusammen essen gehen? ich weiß, es ist nicht gern gesehen, wenn man mit eiem Gekündigten essen geht, aber ich mag dich."

    Meiner Freundin ist bei einer anderen namhaften Münchener Agentur während der Schwangerschaft gekündigt worden. Der Arbeitgeber ließ sich auf einen Rechtsstreit ein, es lief auf einen Vergleich hinaus - alles in allem schon beachtlich, wovor Agenturen eben nicht zurückschrecken. Weiter oben wurde von einer Agentur-Dame gefragt,was denn bitteschön an sowas Wildwest wäre. Putzig.

    Sehr aufschlussreich, was derzeit Headhunter schreiben, die auf der Suche nach Personal für Agenturen sind. z.B. : "Unser Kunde ist eine absolute Top-Agentur für Online-Marketing und betreut sehr exklusive Kunden. Das Arbeitsklima, die Kollegialität und Hilfsbereitschaft sind einzigartig. Ebenso wie die Professionalität und die Qualität der Arbeit. Wenn Sie sich selbst als einen absoluten Profi Ihres „Handwerks“ sehen und dies Tag für Tag mit Freude unter Beweis stellen wollen, dann ist eine dieser Stellen und unser Kunde genau das Richtige für Sie. In dieser Agentur paart sich der höchste Anspruch an die Qualität der Arbeit mit einer 40-Stunden-Woche. Das ist nicht zu überbieten."

    Ich habe jetzt insgesamt 16 Jahre in Agenturen verbracht. In großen, kleinen, mit Glitzer und ohne. Irgendwann mag man nicht mehr: Den internen Unfug ertragen, den ständigen Bückling vor dussligen Kunden machen und dazu noch die Youngsters, die einem erzählen wollen, dass 100h Woche und ein Etat von BMW was Cooles ist.

    Demnächst wechsel ich in einen Großkonzern. Wird auch Zeit, mit Anfang 40. Mir tut jeder leid, das auf die Glamourwelt der Werbeagenturen reinfällt und diese Ausbeutung mit sich machen lässt, ohne genau zu wissen, warum eigentlich!
  3. #82

    lol

    Zitat von blondröschen Beitrag anzeigen
    Ich bin kein Vollpfosten, sondern ich habe das studiert. 4 Jahre lang an einer renomierten Privat-Schule mit entsprechend sehr gutem Abschluss.
    "" mit "entsprechend" sehr gutem Abschluss? ""

    entsprechend was? Der Höhe der "Studiengebühren"? des Renommees?

    Dieser Ihr Satz ist irgendwie lustig, aber vermutlich sehr wahr im Kern ;)
  4. #83

    Konsument

    Zitat von blondröschen Beitrag anzeigen

    Und ich weigere mich schlichtweg Kommentare zu lesen, die "Werbung" auf Fernseh-Spots und Logos von MyHammer reduzieren. Bitte mal vorher informieren, was Werbung im heutigen Sinne bedeutet und dann posten.

    Keine Ahnung was Mathematiker mit dem Thema "Ausbeutung in der Werbebranche" zu tun haben. Ich persönlich mache sehr gerne B2B in der Hightech Branche, weil mich die Themen einfach faszinieren und ich immer wieder meinen Horizont erweitern kann. Und ja: B2B ist auch Werbung.

    Also als einer von denen, die die Werbung sinnvoll maachen sollen, als als Endverbraucher kann ich dazu nur sagen:

    Wir werden mit Werbung so zugeschüttet, dass wir versuchen, ihr zu entfliehen - oder:

    Kennen Sie unter fechfremden Leuten welche, die sich die Werbung im Briefkasten (wenn nicht dort verboten angegeben, mit in die Wohnung nehmen und dort anschauen?

    Kennen Sie Fernseh-Zuschauer, die beim TV-Konsum zueinander sagen: "ich kann jetzt nicht reden/in die Küche kommen - hier läuft gerade die Werbung"

    Im von einem Foristen als Neuland erwähnten Internet: wenn ich nach etwas google, über das ich mich informieren will, dann sind die meisten Seiten einfach Werbung - ich kann dann 15 Minuten versuchen, auch mal Informationen über das zu finden, das mich interessiert - oder sofort wieder wegklicken, nachdem ich einen Blick darauf geworfen habe (weshalb übrigens die berühmten "Klicks auf die Seite" überhaupt nichts aussagen. Mindetens 99% meiner "Klicks" dauern genau 2 Sekunden.)

    Und das erwähnte Logo? Wer kauft denn wohl was wegen des künstlerisch besonders wertvollen Logos???
  5. #84

    Auf welcher Ebene

    ist dieser Artikel zu verstehen? Wird zwischen dem Bereich Werbung (und Agentur) und Marketing unterschieden? Bedeutet das konkret, dass schon bei der Wahl des Studiengangs in Betrachtung gezogen werden sollte, welche katastrophalen Aussichten in der Werbebranche sich nach Abschluss des Studiums ergeben werden? Würde dieser Artikel dann eher zu einem BWL-Studium mit möglichem Marketing-Schwerpunkt oder zu einem Studium raten, das von vornherein auf Marketing ausgerichtet ist (wenn auch auf betriebswirtschaftlichen Grundlagen basierend)? Wie kann man den Artikel auf das Feld der Studienwahl beziehen?
  6. #85

    Wild West at its Best

    Ich bin Geschäftführer im Werbefilmgeschäft und habe davor 10 Jahre Tag und Nacht gearbeitet. Dazu muß ich sagen, dass es eine Mischung aus Druck durch Deadlines und die damit verbundenen Konsequenzen "Jammern hilft nicht, es geht eben nicht anders!", übertriebener Perfektionismus gepaart mit extremer Motivation war, weil ich meinen Traumjob gefunden hatte. Und schlechte Planung. Ich hätte mir einige Wochenenden ersparen können. Wollte ich aber scheinbar nicht. Man mußte mir nicht sagen, wie lange ich arbeite. Ich habe es einfach gemacht. Als junger naiver Mensch hatte ich andere Prioritäten, lächerliche Kosten im Monat und Zeit war relativ. Das Geld war mir deshalb egal. Hauptsache cooler Job. Mit mehr Erfahrung und Erkenntnis weiß man natürlich, dass das totaler Schwachsinn ist, denn es geht nicht um die ständig gelobte "Selbstverwirklichung", sondern um: "Vernünftige Planung und Kommunikation. Ich liefere zuverlässig Leistung und Qualität, die entsprechend bezahlt werden muß."

    Nachdem ich 4 Beziehungen verschlissen hatte und in die Selbständigkeit gerutscht bin, ging das Workoholic-Dasein erst einmal weiter. Die kaufmännische Lernkurve eines Kreativen ist ja bekanntlich steiler. Aber es gab gute Nachrichten. Früher konnte ich Nacht- und Wochenendschichten mit der linken Arschbacke abrocken, aber irgendwann ging es nicht mehr. Nein es ging mir auf den Sack, weil ich ausgebrannt war, teilweise undankbare und cholerische Kunden hatte, die in der gleichen Falle steckten, aber immerhin einen Porsche oder Maserati fuhren: "Steter Kundentropfen höhlt den Kreativen!"

    Kurz vor einer Insolvenz konnte ich über einen harten Lernprozess von über einem Jahr, das Ruder herumreißen. Ich gründete eine neue Firme und startete mit viel Selbsterkenntnis in die nächste Phase. Mittlerweile hatte ich die Frau meines Lebens gefunden und eine Familie gegründet, die diesen ganzen Wahnsinn am längsten durchgehalten hatte und es ging erst einmal anstrengend weiter. Aber ich machte nicht mehr die alten Fehler. Ich entschied mich nur noch für die Leitung der Firma und überließ die Jobs meinen Mitarbeitern, die das besser können. Zweigleisig fahren würde wieder in einen 24/7 Job enden mit schlechter Laune und hohen Erwartungen gegenüber meinen Kollegen, die das Herz des Unternehmens sind. Mir reicht der alltägliche Kampf mit den inkompetenten, jungen und unerfahrenen Mitarbeitern meiner Kunden. Ich höre immer wieder Sprüche: "Ihr seid die Einzigen, die für Änderungen sofort Geld aufrufen. Ihr seid die Einzigen, die über Weihnachten und Neujahr nicht arbeiten wollen. Der Kunde möchte alles eine Woche früher haben. Warum soll das mehr kosten? Ihr habt doch jetzt eine Woche weniger Arbeit!" Die Liste der unprofessionellen Wahnsinnskommentare aus der Kundenhölle ist lang. Da hilft nur noch eine Gestaltterapie, um Agressionen abzubauen. Aber was soll man erwarten, wenn Agenturen junge Menschen beschäftigen, die keinen Plan und Eier haben. Hier regiert der Druck von oben, der unsachlich weitergegeben wird.

    Leider bin ich hier auch 3.500 Zeichen limitiert. Ich könnte ein Buch über den Wahnsinn schreiben und mein größtes Problem sind natürlich die jungen Mitbewerber, die im Grunde die gleichen Fehler machen, in der Hoffnung auf den großen Durchbruch, der nie passieren wird, wenn man nicht klare Ziele setzt und Ansagen macht, zuverlässig und termingerecht liefert, vernünftig plant und Dumpingprojekte mit unrealistischen Zeitfenstern kategorisch ablehnt.
  7. #86

    Selbst auf der Galeere

    Zitat von kunstdirektor Beitrag anzeigen
    ... für 900 Euro und 60 Stunden die Woche arbeiten will, möchte ich nicht aufhalten. Schlechter hatten es nur die Galeerensklaven.
    gab es Hähchen zum Mittagessen, damit der Kapitän danach Wasserski laufen konnte.

    Disclaimer: jede Ähnlichkeit mit deutschen Marineoffizieren ist zufällig und ungewollt!
  8. #87

    Akademiker im Straßenbau

    Zitat von bananenrep Beitrag anzeigen
    vollkommen unwichtiger artikel. hab nur die überschrift und den anfang gelesen. aber bei den fotos, hätte interessant sein können, sie fühlt sich manchmal (26 J) steinalt. die soll mal arbeiten gehen. hab noch einen arbeitsplatz im strassenbau frei. nach 8 std bordsteine schleppen fühlt man sich steinalt. und das 40 jahre lang. [...] armes land mit solchen luschen. aber ist ja erstmal bequem im büro.
    Sorry, aber so unwichtig, wie Sie diesen Artikel finden, finde ich Ihren Beitrag.

    "8 Stunden im Straßenbau Bordsteine schleppen - die soll mal arbeiten gehen" zeugt ja nicht gerade von besonders viel Weitsicht. Wenn alle Straßen bauen würden, wären wir sicherlich keine sog. Hochleistungswirtschaft.

    Ich komme auch aus der Werbebranche und würde im Straßenbau wohl auch keine 2 Stunden durchhalten und damit ihr Gespött ernten - ich habe das allerdings auch nicht gelernt. Guten Morgen: Freie Berufswahl in Deutschland!

    Es geht hier um die Ausbeutung von jungen Berufsanfängern und Akademikern, die sie offensichtlich als unnötig in der Gesellschaft erachten. Ich wundere mich, warum sie so wenig Respekt vor anderen Berufsfeldern haben.

    Sie haben von einem "Bürojob" und dessen mitunter unbestreitbar belastendem Alltag genauso wenig Ahnung wie ich vom Straßenbau.
  9. #88

    Architekten sind nicht besser

    Gut, daß überhaupt endlich eine breitere Sensibilisierung für dieses Thema stattfindet. Die Ausbeutung betrifft auch andere, stillere Branchen. Meine Erfahrungen mit den Architekten und Landschaftsarchitekten decken sich größtenteils mit den beschriebenen Zuständen.

    Für Wettbewerbe (also freiwillige Projektbearbeitung, um einen bezahlten Auftrag zu ergattern) werden in manchen Büros das ganze Jahr über irrsinnige Nacht- und Wochenendschichten geschoben: übertriebener Perfektionismus und keinerlei Interesse an vernünftiger Zeit- und Budgetplanung, sind die Hauptgründe. Die bunte Welt der Werbebranche ist direktes Vorbild für diese Entwicklung, auch als Architekt will man sich schließlich zu den hippen Kreativen zählen.

    Als junger Mitarbeiter kann man meistens nicht unterscheiden zwischen sinnvollem Extra-Einsatz und struktureller Ausbeutung ohne Ergebnis.
    Es gibt immer genug neue Leute, die sich den Kick aus der Selbstausbeutung holen, wetteifern, mit wie wenig Schlaf man möglichst viel Produktion schafft, und sich damit von den unflexiblen "nine-to-five"-BWL-Typen abgrenzen.
    Die Büros, die selber meist auch nicht viel verdienen und unter den ständig steigenden Qualitätsanforderungen der Aufraggeber leiden, kalkulieren mit dieser Arbeitshaltung, mit unterbezahlten Praktikanten und Mitarbeitern, die zu endlosen Überstunden bereit sind - oder sich dem sozialen Druck beugen, jeden Abend im Büro zu verbringen wie die Kollegen.

    In späteren Jahren wünscht man sich dann, einen halbwegs sicheren Job zu haben, in dem man zur tariflich festgelegten Zeit alles aus der Hand fallen lassen könnte, andernfalls stünde die Gewerkschaft auf der Matte. Das ist dann übrigens auch der entscheidende Unterschied zum Straßenbau.
  10. #89

    Traurig aber wahr!

    Sehr geehrter Herr Lill,

    die Verdi sollte sich schämen, dass Sie Ihre Vergleiche mit überbezahlten doofen Einzelhandelskaufleuten nicht angeht! Traurig aber wahr, dass in Deutschland ehrliche Arbeit keine Anerkennung mehr findet. Vielleicht sollte sich die Verdi mal Ihre Strategie im Hinblick auf die Entwicklung der Mitgliederstatistik überlegen, siehe Artikel: http://www.zeit.de/2011/38/Gewerkschaft-Verdi

    Viele Grüße
    XYZ