Kehrseite eines Traumberufs: Wilder Westen Werbebranche

Mit dem Image der anderen kennen Werbeagenturen sich aus, ihr eigenes schert sie wenig - die Bewerber stehen doch Schlange. Bald lernen viele Berufsstarter die dunkleren Schattierungen der funkelnden Reklamewelt kennen: Ackern bis zum Anschlag, miese Bezahlung, fiese Verträge.

http://www.spiegel.de/karriere/beruf...761788,00.html
  1. #10

    *narf*

    also....mal ganz ehrlich...mein mitleid hält sich doch arg in grenzen!
  2. #11

    andere, geregeltere Tätigkeiten :)

    Das zitierte "Die Werbebranche bietet ein dynamisches, junges und kollegiales Arbeitsumfeld" heißt übersetzt folgendes:

    "Jung" bedeutet nicht das es eine neue Branche ist (Werbung dürfte neben Prostitution die älteste Branche überhaupt sein, das erklärt auch die vielen Gemeinsamkeiten), sondern es bedeutet das ihre Hauptqualifikation ist, unter dreißig zu sein, wenig zu kosten und ggf. ein großes soziales Kontaktpotenzial (fb, twitter, etc) mitzubringen. Sollten Sie kein Totalausfall sein, ist das meiste Andere sekundär, da ein Großteil der Arbeit ohnehin von Kunden, ihren eigenen Beratern oder Zulieferern wie z.B. Fotografen erledigt wird. Allerdings kann man sich bei Überangebot im Nachschub (5000 Absolventen pro Jahr allein in Berlin, plus Zuzügler) natürlich auch die Rosinen rauspicken.
    Wenn sie zu alt sind schmeißen wir sie raus, Punkt.

    Ich habe selbst Personalplanungsgespräche geführt bei denen es um ein "kleines Altersstrukturloch" zwischen 20 und 27 ging. Auf meine Frage nach dem Loch zwischen 33 und 65 bekam ich keine Antwort.

    "Dynamisch" meint die Bereitschaft schon in ihren mehreren Praktikanten und Traineee-Jahren klaglos bis Nachts um drei zu arbeiten und das nicht als Überstunden sondern als Wertschätzung zu verstehen, die günstigstenfalls mit Nägeln oder Blechorden im Sinne eines arbeitstechnisch völlig irrelevanten Titels bezahlt wird. Überstunden gibt es nur in Verwaltungen und in Fabriken, hier heißt das Motivation.

    Kollegial bedeutet, das ihnen ein Kicker für die Cafeteria gestellt wird und das z.B. ein längerer Krankheitsfall einer Kollegin dazu genutzt wird sie vollständig zu diskreditieren und ihr den beruflichen Stuhl unterm Hintern wegzuziehen um selber darauf Platz zu nehmen.
  3. #12

    Werbung?

    Kann die Erfahrungen nur bedingt teilen. Als studierter Bachelor-Mediendesigner bin ich quasi von der FH direkt im Geschäftsleben gelandet. Meine Aushilfszeit wurde nach dem Abschluss direkt in ein dreimonatiges Praktikum bei einer IT-Firma umgewandelt. IT-Firma? Ja richtig, man muss seine Seele nicht an den Teufel verkaufen, sondern es gibt auch faire Alternativen zum Agenturleben.
    Nach drei Monaten wurde ich fest angestellt bei einem Gehalt von 2400,- Brutto. Für einen Berufsanfänger nach dem Studium ohne Familie ist das ein Traumgehalt! Nach 2 Jahren gabs die erste Gehaltsanpassung nach oben und Raum für mehr ist ebenfalls in Sicht. Man muss natürlich auch technisches Know How mitbringen und dieses auch kommunizieren.

    Mit dem ersten Gehalt kommt dann natürlich auch der Bedarf nach einer eigenen Wohnung, nach einem Transportmittel und nach Freizeit und Urlaub. Von meinem Gehalt bleibt heute nicht mehr viel übrig, aber ich kann nicht behaupten, nicht einen angemessenen Lebensstandart zu führen. Wenn ich weiter kommen will, muss ich eben auch weiter gehen...

    Vielleicht habe ich auch einfach Glück mit meinem Arbeitgeber, den ich bisher als äußerst fair kennengelernt habe.


    Was ich bei weniger erfolgreichen oder effizienten Kommilitonen damals festgestellt habe, war eine in der Branche weit verbreitete Naivität über den Lauf der Arbeitswelt und der kindliche Irrglaube, dass allein die "Kreativität" (wer soll die bitte messen?) die Moneten in Massen reinflattern lässt.

    Für viele beginnt die Kreativität schon beim Züchten des obligatorischen Drei-Tage-Bartes und bei der Auswahl der extravagenten Accessoires für das Bourgeoisie-Leben. Die Alternative Rock Scheiben und die skandinavischen Elektropop-Platten dürfen da keineswegs fehlen. Das Essen in Designer-Restaurants und der überteuerte Kaffee bei Starbucks, der Minicooper und das MacBook Pro machen den medialen Lifestyle natürlich kostspielig und attraktiv. Aber nur weil man sich wie ein "Kreativer" gibt, ist man noch lange kein produktiver oder erfolgreicher Arbeiter.

    Ein bisschen Bodenhaftung, Pragmatismus und Realismus täte vielen in der Branche gut. Sowohl den höheren Etagen, als auch bei den verblendeten Kindern, die sich wie Fliegen um einen großen Haufen tummeln.
  4. #13

    Gegenseitig

    Zitat von blowup Beitrag anzeigen
    Und nicht vergessen, liebe Kreative: Nicht jeder kann Kreativ-Direktor werden und so ist mit spätestens Mitte 40 Schluss. Dann ist man als Grafiker oder Texter zu teuer und die Agenturen beuten lieber Frischfleisch aus.
    Dann bleibt nur die Selbständigkeit oder ein anderer Job. Also am besten bei Berufsstart schon den Plan B in der Tasche haben. Oder noch besser: erst gar nicht in die Werbung gehen.
    Wer in Propagandaabteilungen, nichts anders ist Werbung, tätig sein will muß als Grundvoraussetzung ein negatives Menschenbild besitzen.
    Er achtet mich nicht als Mensch, warum sollte ich in achten.
  5. #14

    Die Werbeagentur in der ich gearbeitet habe...

    ...war der letzte Mist!
    Leider war ich jung und brauchte das Geld, zudem auch total ahnungslos, was man denn so nach der Ausbildung wert ist.
    Ich bekam einen Job in einer Kölner Werbeagentur im Frontoffice - also mehr oder weniger Büroverwaltung und Mädchen für alles.

    2-Jahres-Befristung, 42 Stunden/Woche, 1.700 Euro brutto, 22 Urlaubstage, Überstunden sind mit dem Gehalt abgegolten. Soweit die Theorie.
    In der Praxis war es nie unter einer 48 Stundenwoche, 6 Tage vor Ende der Probezeit wurde ich rausgeschmissen, weil ich nur als Mutterschutzüberbrückung ausgenutzt wurde (natürlich ohne dass ich es vorher wusste).
    Seit dem sind Werbeagenturen für mich gestorben.
  6. #15

    da kocht das Hirn

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Trainee Moritz Dornig schrecken solche Negativ-Erfahrungen nicht: "Ich kann mir durchaus vorstellen, längere Zeit bei derselben Agentur zu bleiben."
    Wenn die Agentur das denn auch so sieht... ;)
    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    vollkommen unwichtiger artikel. hab nur die überschrift und den anfang gelesen. aber bei den fotos, hätte interessant sein können, sie fühlt sich manchmal (26 J) steinalt. die soll mal arbeiten gehen. hab noch einen arbeitsplatz im strassenbau frei. nach 8 std bordsteine schleppen fühlt man sich steinalt. und das 40 jahre lang. und selbst im büro sitz man öfter bis weitweit in die nacht oder bis zum morgen, wenn etwas, angebot, rechnung fertig werden muss. armes land mit solchen luschen. aber ist ja erstmal bequem im büro.
    Zulange in der prallen Sonne Bordsteine geschleppt??? Der Kommentar laesst solcherlei vermuten. Aber gluecklicherweise kann man sich ja auch nur Bilder angucken. :)

    von einem der auch ueber Baustellen robbt...
  7. #16

    selber schuld

    zu ergänzen ist noch, dass sich die branche damit systematisch selbst den ast absägt. nicht umsonst ist sie in der krise und alles schwenkt in richtung online (auch, wenn man da kaum etwas sinnvoll machen kann).

    denn während sich alternde werbebosse (mccann, jung von matt) die eigenen taschen vollschlagen, klüngeln und dafür nur noch verachtung für die welt übrig haben, die so dumm ist für sie zu arbeiten als praktikant oder als kunde(!), wird der großteil der täglichen werbung bestimmt von überlasteten, unerfahrenen, nicht im leben stehenden jung-werbern, die entweder sinnlosen werbequark verzapfen, sich als künstler verstehen oder wahnsinnig "hipp" sind - leider allerdings dabei oft am großteil der verbraucher vorbei arbeiten.
    die werbung in deutschland ist nicht kreativ?
    stimmt meist auch, denn viele kunden setzen vor soviel unfähigkeit die marktforscher und die killt den rest.

    ausnahmen? agenturen mit hirn und herz: wie kolle rebbe und grabbarz (und ebensolche kunden)

    und (erfahrene) werber mit privatleben (statt 24/7), die kontakt zu normalen menschen haben. im supermarkt, am strand, in der schule der kids - und nicht nur beim italiener, im beachclub und auf der voll geilen party am wochenende.



    Zitat von president Beitrag anzeigen
    Das sage ich schon seit Jahren. Ich arbeite seit 18 Jahren im Filmgeschäft. In meinen jungen Jahren habe ich genau den gleichen Fehler gemacht: viel arbeiten, 24/7 für wenig Geld. Der Job ist natürlich super-interessant und mega-abwechselnd - wenn man Single ist oder keine Kinder hat - und man nimmt deshalb gerne die miesen Nebeneffekte in Kauf. Weil man es ja nicht merkt. Mit Ende 20 hat man den Wahnsinn auf der linken Arschbacke weggerockt. Mit Mitte 30 kamen dann die ersten Zweifel und Ermüdungserscheinungen, die man runtergeschluckt hat. Mit Anfang 40 und Burn-Out wird es dann kritisch, denn Generation "unsterbliche Superhelden im Jugend- und Dauerpartywahn" sterben ja nicht aus.

    Speziell die Werbe-, Film- und Postproduktionsbranche ist ein wildes Desperado ohne Strukturen. Die größeren Firmen können vielleicht Optionen und Perspektiven bilden. Die kleinen Firmen werden jedoch von Kreativen geführt, die keine Unternehmer mit Standing und Weitsicht sind. Den Mitarbeitern werden Versprechungen gemacht, die nicht eingehalten werden. Der Markt ist wegen ständigem Dumping problematisch. Solange der Dom-GF schlechtbezahlte Sub-Mitarbeiter 24/7 zur freien Verfügung hat, ist das ja auch kein Problem. Das perverse ist, dass aufgrund der miesen Bezahlung, die vielleicht gerade mal für den Lebensunterhalt reicht, die Mitarbeiter extrem abhängig sind und sich nicht vorstellen können, woanders zu arbeiten oder einen anderen Job zu bekommen. Im Maschinenbau kann ich z.B. nicht als Praktikant starten und bin in 2 Jahren Chefingenieur. In der Werbung ist das alles möglich. Junior AD nach einem Jahr mit EUR 1.500,00 Brutto. Und das für die nächsten 10 Jahre. Geil!

    Die im Artikel angegebenen Gehälter der Trainees sind jenseits der Realität. Wenn überhaupt, dann gibt es EUR 400,00 bis 800,00. In kleinen Firmen mit arroganten GF, die glauben, sie wären eine dicke Nummer, gibt es nur Versprechungen, Druck und sonst gar nichts.

    Ich könnte einen Roman über diesen Schwachsinn schreiben. Der liest sich haaresträubend, aber deshalb realistischer, als der Spiegelartikel.
  8. #17

    Bretto vom Nutto!

    Zitat von Noctim Beitrag anzeigen
    Nach drei Monaten wurde ich fest angestellt bei einem Gehalt von 2400,- Brutto. Für einen Berufsanfänger nach dem Studium ohne Familie ist das ein Traumgehalt!
    Ein Bürokaufmann/-frau kommt mit durchschnittlich 1.938,60 EUR nach hause, Sekretär/in mit 2.315,79 EUR, Buchhalter/in mit 2.441,00 EUR und ein Berufskraftfahrer mit 1.950,00 EUR.

    http://www.nettolohn.de/top50/beruf-daten.html
    Das sind NETTOlöhne in Ausbildungsberufen!
    Wenn sie immer noch den Eindruck haben das sei ein Traumgehalt, sollten sie mal abwarten bis ab 35 der Tiefschlaf einsetzt, dann wird es richtig aufregend.
  9. #18

    Wieviele Artikel denn noch?

    Kommt jetzt vier Wochen lang jeden Tag über die Werbebranche?

    Ist das Schleichwerbung, ne Imagekampagne oder sollen diese Dauerwasserstandsmeldungen aus den Werbekaschemmen Deutschlands?
  10. #19

    the truth

    meine ausbildung war erstklassig. studium in ny, volontariat bei diversen modezeitschriften milano und ny, zusammenarbeit mit absoluten top-fotografen, kam ich des ersten hypes um berlin wegen in dieses moloch von grossstadt. da es weder mode noch entsprechende zeitschriften gab ging ich zum ersten hause der werbung in den 90ern um dort die fff aufzubauen. ich bekam eine probezeit...alles lief bestens...eine kampagne wurde immer wieder mit gold ausgezeichnet, kurz vor ablauf der probezeit wurde mir nahegelegt, das das zusammenarbeiten mit mir "schwierig" sei, und man die probezeit gerne verlaengern wuerde...abgesehen mal von dem fakt, das natuerlich jmd auf probe auch billiger ist, und jederzeit kuendbar ohne ansprueche, fand ich in meinen jungen jahren nichts daran. natuerlich wurde mir nie gesagt, wer das zusammenarbeiten mit mir schwierig fand, denn vorne rum klappte alles weiter. nur dem chef - dem war ich suspekt. wahrscheinlich deshalb weil ich tatsaechlich mehr new yorker war und frei in meinem geist und koennen,
    bekam ich anti-fleisskarten morgens auf den tisch wenn ich 5 min zu spaet war...das ich aber 3 std und laenger abends in dem laden blieb sei unerwaehnt.
    eines tages wurde ich dann ins chefbuero abends zitiert - ich dachte : fein, endlich kriegst du die festanstellung denn von meiner produktivitaet her, haette es der laden gar nicht besser treffen koennen. stattdessen sagte mir, noch nicht mal der chef selbst, sondern ein sehr ambitionierter stiefellecker , das er mich entlassen muesse, und ich muesse das da unterschreiben. unter traenen und ohne lesen unterschrieb ich: darin stand das ich keinerlei ansprueche gegen die agentur habe. ich habe es damals absolut nicht verstanden. fuer mich zaehlte die arbeit nicht die politik! hinterher stellten sie eine tante ein, die mir noch nicht mal vom koennen und talent her nicht ueber das stiefelmass hinauskam, aber sie war schmierig und schleimte bis der arzt kam. sie verwendete alles was ich aufgebaut hatte und blieb in dem laden sehr lange. sie passte eben hinein - ich tat es nicht. zum glueck dauerte es nicht lange und mir war das ganze eher recht als unrecht. fuer meine begriffe ist derartiges vergleichbar mit fast jeder werbeagentur in deutschland - mittelmass und talentlosigkeit setzt bedingungslose treue voraus, oder umgekehrt, und das ist was die agenturen in ihrem gruppen-denken haben wollen. das geduze und kdf-dampferartige ausfluege ist NUR fuer mitlaeufer und nichtskoenner gemacht. wer wirklich weit kommen will muss sich frueher oder spaeter selbstaendig machen - dann beginnt das spiel von neuem.
    eine scheiss branche. laecherlich. die werbung sieht doch auch scheisse aus. mal ein gluecksgriff hier und da - aber honestly : ich mach doch lieber ein covershooting mit schoener mode und schoenen menschen als mich mit der cremekonsistenz von joghurt auseinanderzusetzen.