24 Stunden im Krankenhaus: Stress pur bis morgens um sieben

Tumore entfernen, Blut abnehmen, Bäuche abtasten: Mehrmals im Monat ist eine junge Berliner Assistenzärztin für Rund-um-die-Uhr-Schichten eingeteilt. Chirurgin will sie werden und hält im Krankenhaus Charité mitunter auch 36 Stunden am Stück durch - nur selten kann sie ein Viertelstündchen schlummern.

http://www.spiegel.de/karriere/beruf...756669,00.html
  1. #110

    Freizeit

    Zitat von Owlyard Beitrag anzeigen
    lieber chefarzt von frau n,
    spätestens seit diesem artikel wissen sie, dass eine ihrer mitarbeiterinnen sich nicht an das arbeitszeitgesetz hält, und selbst wenn sie es nicht verlangen, dulden sie es.
    ich empfehle, dass sie sich den rat eines juristen einholen und frau n. nach 24h konsequent nach hause zu schicken. soll eben jemand anderes diktieren.
    Darf der Chefarzt verbieten, was jemand in seiner Freizeit macht?
    Was glauben sie was in einer Uniklinik noch an Forschung laufen würde, wenn nur noch diejenigen forschen, die dafür freigestellt sind?
    In Deutschland ist ein Großteil der Forschung eben Feierabend- bzw- Wochenendforschung.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Boldt ist ein Beispiel wie man es in Deutschland macht: In Gießen habilitiert, danach APL-Professur und dann Chefarzt. 2009 Kongresspräsident auf dem Deutschen Anästhesiecongress (DAC).

    Auch der Spiegel hat über ihn geschrieben: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-76121103.html

    Als Direktor am Klinikum Ludwigshafen hatte er jahrelang Geld für Vorträge ... bezogen.
    Boldt ist ein exzellenter Redner...
    Boldt [war] genau der richtige Mann: ehrgeizig,...
    Unter den jungen Ärzten dort gab es seinerzeit ein großes Ziel: viel Geld zu verdienen. "Ab einer Million fängt der Mensch an" - das, so erinnert sich ein Zeuge, sei die Devise gewesen. Gegrüßt wurde auch mal mit: "Sieg, Heil und fette Beute".
    Selbst in einen Leitlinien-Arbeitskreis der Bundesärztekammer schaffte es Boldt.
  2. #111

    Definition: Bereitschaftsdienst

    Zitat von sponleser_2011 Beitrag anzeigen
    Hoffentlich tut der Gesetzgeber bald was gegen so ein eklatantes Arbeitszeitmodell! Niemals möchte ich von einem Arzt operiert werden müssen, der seit mehr als 10 Stunden im Dienst ist, geschweige denn 20!
    Dafür müssten Bereitschaftsdienste grundsätzlich verboten werden. Zumindest müssten sie für alle Fachbereiche, in denen auch invasiv gearbeitet wird, verboten werden. Andererseits möchte ich auch in einem Notfall, in dem es nicht um etwas Invasives, sondern zum Beispiel "nur" um die richtige Entscheidung für eine medikamentöse Behandlung geht , nicht von einem Arzt abhängig sein, der bereits seit mehr als 8 Stunden gearbeitet hat.
    Für den Anfang könnte man ja schon mal dafür sorgen, dass in Bereitschaftsdienstzeiten wirklich nur Notfälle behandelt werden und keine elektiven Eingriffe in diese Zeiten gelegt werden.
    Man könnte auch darauf achten, dass die in den Tarifverträgen festgelegten Kriterien für die Zulässigkeit von Bereitschaftsdiensten eingehalten werden. Der entscheidende Satz lautet: "Der Arbeitgeber darf Bereitschaftsdienst nur anordnen, wenn zu erwarten ist, dass zwar Arbeit anfällt, erfahrungsgemäß aber die Zeit ohne Arbeitsleistung überwiegt."
    Ich zitiere mal aus dem Tarifvertrag zwischen dem MB und der Vereinigung kommunaler Arbeitgeber:
    Bereitschaftsdienst und Rufbereitschaft
    (1)
    1 [.....]
    2
    Der Arbeitgeber darf Bereitschaftsdienst nur anordnen, wenn zu erwarten ist, dass zwar Arbeit anfällt, erfahrungsgemäß aber die Zeit ohne Arbeitsleistung überwiegt.

    (2) Wenn in die Arbeitszeit regelmäßig und in erheblichem Umfang Bereitschafts-
    dienst der Stufen I oder II fällt, kann unter den Voraussetzungen einer
    - Prüfung alternativer Arbeitszeitmodelle,
    - Belastungsanalyse gemäß § 5 ArbSchG und
    - ggf. daraus resultierender Maßnahmen zur Gewährleistung des Gesund-
    heitsschutzes
    im Rahmen des § 7 Absatz 1 Nr. 1 und 4, Absatz 2 Nr. 3 ArbZG die tägliche Ar-
    beitszeit im Sinne des Arbeitszeitgesetzes abweichend von den §§ 3, 5 Absatz
    1 und 2 und 6 Absatz 2 ArbZG über acht Stunden hinaus auf bis zu 24 Stunden
    verlängert werden, wenn mindestens die acht Stunden überschreitende Zeit als
    Bereitschaftsdienst der Stufen I oder II abgeleistet wird.

    (3)
    1
    Wenn in die Arbeitszeit regelmäßig und in erheblichem Umfang Bereitschafts-
    dienst der Stufe III fällt, kann unter den Voraussetzungen einer
    - Prüfung alternativer Arbeitszeitmodelle,
    - Belastungsanalyse gemäß § 5 ArbSchG und
    - ggf. daraus resultierender Maßnahmen zur Gewährleistung des Gesund-
    heitsschutzes im Rahmen des § 7 Absatz 1 Nr. 1 und 4, Absatz 2 Nr. 3 ArbZG die tägliche Ar-
    beitszeit im Sinne des Arbeitszeitgesetzes abweichend von den §§ 3, 5 Absatz
    1 und 2 und 6 Absatz 2 ArbZG über acht Stunden hinaus auf bis zu 18 Stunden
    verlängert werden, wenn mindestens die acht Stunden überschreitende Zeit als
    Bereitschaftsdienst abgeleistet wird.
    2
    In einer Betriebs-/Dienstvereinbarung
    kann die tägliche Arbeitszeit über acht Stunden hinaus auf bis zu 24 Stunden
    unter den Voraussetzungen und im Rahmen des Satz 1 verlängert werden,
    wenn mindestens die acht Stunden überschreitende Zeit als Bereitschaftsdienst
    abgeleistet wird.
  3. #112

    Ich weiß...

    Zitat von ichbinarzt Beitrag anzeigen
    So einfach dürfen Sie es sich nicht machen.
    Ein Honorararzt trägt alle Kosten für Sozialabgaben (KrV, Rente ...) selber, also Arbeitgeberbeitrag und Arbeitnehmerbeitrag.
    Er erhält keinen bezahlten Urlaub und keine 6 Wochen Krankengeld. Wenn ich im Jahr an 50 Orten verteilt in Deutschland für je vier oder fünf Tage arbeite habe ich schon gewisse Kosten.
    Ich weiß-ich bin als Honorararzt tätig.
    Deswegen weiß ich im Gegensatz zum Mitforisten wovon ich rede..

    Man arbeitet nich an 50 Orten für 4 Tage-man arbeitet monatsweise (oder länger) und nach 8 Monaten macht man den Rest des Jahres frei-außer es kommt ein wirklich gutes Angebot rein-dann unterbricht man die Freizeit eben mal.
  4. #113

    Wunschträume

    Zitat von Oma Kasupke Beitrag anzeigen
    Für den Anfang könnte man ja schon mal dafür sorgen, dass in Bereitschaftsdienstzeiten wirklich nur Notfälle behandelt werden und keine elektiven Eingriffe in diese Zeiten gelegt werden.
    Man könnte auch darauf achten, dass die in den Tarifverträgen festgelegten Kriterien für die Zulässigkeit von Bereitschaftsdiensten eingehalten werden.
    Jederman weiß es, bzw. könnte es wissen, dass elektive OPs in manchen Häusern um Mitternacht beginnen.
    Dass die Belastungsanalyse gemäß § 5 ArbSchG völliger Hohn ist, schrieb ich schon.

    Selbst wenn ein Jurist den Artikel liest, glaube ich kaum, dass sich dort: http://www.charite.de/avt/aerzte/aerzte.htm irgend etwas ändern wird.
  5. #114

    Publish or perish

    Zitat von windhauch Beitrag anzeigen
    Ich hing selbst in der dieser Mühle drin: Mit 26 in einem chirurgischen Fach an einer Uniklinik angefangen, mit 30 habe ich aufgehört und mache seitdem etwas ganz anderes, das nichts mehr mit Medizin zu tun hat.
    Dieser ganze Irrsinn zwischen dem "normalen" Tagesgeschäft, den Nacht- und Wochenendiensten und zusätzlicher wissenschaftlicher Arbeit war nur schwer zur ertragen und hat bei mir persönlich zu massiver Lebensunzufriedenheit geführt.

    An sich habe ich die Arbeit gerne gemacht, es ist schade drum. Leider sind diese Arbeitsbedingungen in Deutschland systemimmanent und die Option Auszuwandern und als Arzt fernab der Heimat zu Arbeiten habe ich nach einigem Überlegen verworfen.
    Chirurgie in Uniklinken heißt ja letztendlich: nach knapp 30 Stunden Dienst ab ins Labor zum Forschen. Publish or perish... Letztendlich führt das dazu, das man die wenige Freizeit immer mit einem latenten Druckgefühl "geniesen" kann, man sollte doch wieder was für die Forschung machen..
  6. #115

    Wie werde ich bloß Ärzte los?

    Wie man an einfachsten Ärzte vergrault macht der Spitzenverband der kranken Kassen ;-) heute klar:

    Stackelberg will die Honorare kürzen und zukünftig die Praxen enteignen.
    Zitat aus der Meldung des ÄND vom 23.4.11:
    Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen fordert, dass Ärzte ihre Kassenzulassungen nicht mehr verkaufen oder vererben dürfen, berichtet die "Berliner Zeitung" (Samstagausgabe). Stattdessen sollen diese bei Aufgabe der Praxis verfallen. Auf diese Weise wollen die Kassen die Zahl der Ärzte in den Städten schrittweise abbauen.

    Das haben die Kommunisten in der DDR mit dem Mittelstand auch gemacht.

    Ökonomisches Aushungern nennt man so etwas. Kein Mensch wird noch Geld in die Hand nehmen, wenn er am Berufsende seine Lebensarbeit einer Firma nicht mehr verkaufen darf.


    Es lebe der Sozialismus. Weder Ochs noch Esel halten Stackelberg auf.

    Als Ossie staune ich immer wieder, dass sowas in der Bundesrepubklik möglich ist. Nach der Wende wurdeich immer gefragt: "Warum habt Ihr Euch das gefallen lassen?" Die Frage gebe ich jetzt zurück.
  7. #116

    Vom Osten lernen heißt siegen lernen

    Zitat von ichbinarzt Beitrag anzeigen
    Auf diese Weise wollen die Kassen die Zahl der Ärzte [...] schrittweise abbauen.
    Dies ist doch nur ein weiterer Beweis dafür, dass es einen Ärztemangel nicht gibt. Jeder Politiker oder Journalist, der dies noch behauptet, demonstriert nur seine Unkenntnis.

    Im August letzten Jahres schrieb ein SPD-Politiker ein Buch, das demografische Probleme beinhaltete. Im aktuellen Spiegel kommt auch ein Artikel auf das Thema Demografie zu sprechen: "Tod auf Raten".

    Dort schreiben sie: Erst gibt es nicht genug Arbeit, dann verschwinden die Geschäfte, die Vereine lösen sich auf, die Ersten wandern ab. Ein Trend ist gesetzt, das Ende vorbestimmt.

    Dies war im Osten Deutschlands bekannt, aber ist für den Westen wohl komischerweise neu. Hier kann der Westen noch vom Osten lernen.

    Wenn ein Arzt sich niederlassen will, dann will er nicht nur die Oper in der Nähe, Bundesliga-Stadion, Mehrspartentheater, Edel-Boutique, Sushi satt und Spitzenköche. Er will einfach eine Zukunft. Also will er für die nächsten drei Jahrzehnte ein Auskommen mit dem Einkommen haben. Vielleicht will er dann noch weitere zwei, drei Jahrzehnte dort seinen Ruhestand verbringen. Er hat also einen Zeithorizont von mehr als einen halben Jahrhundert für seine Niederlassung zu berücksichtigen. Vielleicht hat er Kinder und möchte nicht, das sie nach der Grundschule pendeln müssen, und spätestens nach Schulabschluss ausziehen müssen.

    Wenn also eine Gemeinde keinen Landarzt findet, dann haben die Ärzte einfach bewusst oder unbewusst der Gemeinde eine schlechte Zukunftsprognose ausgestellt.

    In dem Artikel zählt jemand den Kies in den Vorgärten als Zeichen für den Niedergang einer Gemeinde. Man kann es sich noch einfacher machen: Gibt es dort keinen Arzt mehr, dann kann man einfach mit den Abrissprogrammen und Renaturierungsarbeiten beginnen. Denn es ist weder aus ökonomischen aber auch nicht aus ökologischen Gründen sinnvoll, schlechten Strukturen gutes Geld nachzuwerfen.

    Im Osten Deutschlands kehren die Wölfe zurück. Deutschland wird bald wieder so sein wie es Tacitus in http://de.wikipedia.org/wiki/Germania_%28Tacitus%29 beschrieb.
  8. #117

    .

    Zitat von Martin Franck Beitrag anzeigen
    Dies ist doch nur ein weiterer Beweis dafür, dass es einen Ärztemangel nicht gibt.
    Von Mangel spricht man, wenn die Nachfrage größer als das Angebot ist. Momentan scheint die Lage eindeutig, es herrscht Mangel.

    Ob die Kassen das nun anders nennen, ist vollkommen gleichgültig.

    Das Thema ist nun auch in der Presse angekommen, wohltuend liest man mittlerweile nicht mehr nur vorurteilsvolle Tiraden gegen faule und porschefahrende Ärzte, sondern näher sich dem Problem und fragt nach den Ursachen. Die sind leicht zu finden.
  9. #118

    Relativer Ärztemangel!

    Zitat von ichbinarzt Beitrag anzeigen
    Von Mangel spricht man, wenn die Nachfrage größer als das Angebot ist. Momentan scheint die Lage eindeutig, es herrscht Mangel.

    Ob die Kassen das nun anders nennen, ist vollkommen gleichgültig.

    Das Thema ist nun auch in der Presse angekommen, wohltuend liest man mittlerweile nicht mehr nur vorurteilsvolle Tiraden gegen faule und porschefahrende Ärzte, sondern näher sich dem Problem und fragt nach den Ursachen. Die sind leicht zu finden.
    Es gibt sicherlich keine absoluten Ärztemangel, NUR wem nützt denn das.

    In jeder Krankenhausabteilung fehlt nach einer Studie des deutschen Ärzteblattes vor wenigen Wochen wenigstens 1 Arzt in 25 & mehr als drei. Nach Aussage eines chirurgischen Chefarztes werden nicht einmal mehr Anzeigen aus Kostengründen und mangels Bewerber im deutschen Ärzteblatt mehr geschaltet. Man behilft sich vielmehr mittlerweile mit Headhuntern und Honorarärzten und insbesondere ausländischen Ärzten, die in der Regel keinerlei wesentlichen Deutschkenntniss besitzen.

    In den Praxen dagegen gibt es NATÜRLICH immer noch viel zu viele Ärzte in bestimmten Regionen, trotzdem diese jedoch langsam altersgemäß zunehmend aussterben. Jeder Arzt im niedergelassenen Bereich schafft sich hier seine eigenen Patienten und um auf 2000 Patienten pro Quartal zu kommen, muss man diese NUR regelmäßig wieder zu irgendwelchen meist vollständig unnötigen Kontrolluntersuchungen bei zumeist vollständig Gesunden einbestellen, dann reicht auch eine Patientenstamm von vielleicht 8000 bis 10.000 Patienten aus.

    Wenn man jedoch auf vollständig zumeist vollständig unnötige Kontrolluntersuchungen verzichten würde, bzw. die Patienten diese, sofern gewünscht selbst bezahlten müssten und sich auf "wirklich" kranke Patienten konzentrieren würde, dann könnten man sicherlich in einer Größenordnung von 4 von 5 Fachärzten verzichten.

    NUR soweit wird es NIEMALS kommen, da auch der Patient offensichtlich meint, dargestellt mit sagenhaften und unglaublichen 18 Arztbesuchen pro Jahr, meint Anspruch auf eine letztlich absurd und groteske Leistung zu haben!

    Zwischen unsäglichen Ärzten und unsäglichen Patienten besteht damit eine unheilvolle Allianz, die meiner Meinung nach niemand durchbrechen kann bzw. will.
  10. #119

    .

    Zitat von doc 123 Beitrag anzeigen
    In den Praxen dagegen gibt es NATÜRLICH immer noch viel zu viele Ärzte in bestimmten Regionen, trotzdem diese jedoch langsam altersgemäß zunehmend aussterben. Jeder Arzt im niedergelassenen Bereich schafft sich hier seine eigenen Patienten und um auf 2000 Patienten pro Quartal zu kommen, muss man diese NUR regelmäßig wieder zu irgendwelchen meist vollständig unnötigen Kontrolluntersuchungen bei zumeist vollständig Gesunden einbestellen, dann reicht auch eine Patientenstamm von vielleicht 8000 bis 10.000 Patienten aus.

    Wenn man jedoch auf vollständig zumeist vollständig unnötige Kontrolluntersuchungen verzichten würde,...
    Stichwort Kontrolluntersuchungen: Krankheiten haben es nunmal an sich, dass man sie fast nie in einer Sitzung vollständig diagnostizieren und therapieren kann, von einer Erkältung mal abgesehen. Einen am Handgelenk operierten muß man mehrere Male nachsehen, eine Augenentzündung auch, und Rückschmerzen gehen auch nicht von einer Sitzung in den Orkus. Diabetiker und Herzkranke, was soll man noch alles aufzählen?

    Natürlich leben wir alle auf hohem Niveau, und wenn wir es erhalten wollen, dass muß es bezahlt werden.