Einspruch: Wahrheit und Wirklichkeit

Ferdinand von Schirach über die Prozesse gegen Verena Becker und Jörg Kachelmann

http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,725497,00.html
  1. #1

    Noch ein Einspruch

    Zitat aus dem Artikel: „Ein Strafprozess lebt von Streit um das Recht.“

    Nein – das widerspricht meinem Verständnis von Rechtsfindung. Das Ziel eines Strafprozesses ist es, den eines Verbrechens verdächtigen Angeklagten zu einer seiner Tat angemessenen Strafe zu verurteilen, indem ihm die Gerichtsverhandlung die Tat durch Beweise nachweist, oder durch eindeutige Indizien mit Beweiskraft. Die in der Strafprozessordnung angelegte Ausseinandersetzung zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung bildet nicht das prinzipiell tragende Element eines Strafprozesses, es handelt sich dabei um eine nachrangige, aber notwendige Verfahrensweise, um die Evidenz zu erhöhen – besonders auch im Interesse des Angeklagten, wenn sie nicht hergestellt werden kann. Außerdem wird durch die beiden Gegenparteien das zu erwartende Strafmaß strittig erörtert, was aber mit dem Nachweis der Tat primär nichts zu tun hat.
  2. #2

    Belehrung

    In einem Punkt bezüglich des Kachelmann-Prozesses fordert der Artikel zum Widerspruch heraus:

    Der Ablehnungsantrag kam nicht zu früh. Die Verteidigung konnte doch nicht ernsthaft damit rechnen, dass das Gericht eine Belehrung der Zeugin kategorisch ablehnen würde. Der Antrag auf Belehrung der Zeugin hatte offensichtlich nur den Zweck, "optisch" einen Punkt zu machen. Die Verteidigung stellt einen Antag auf Belehrung, das Gericht belehrt früher oder später.
  3. #3

    Doch, so ist es

    Zitat von Ylex Beitrag anzeigen
    Zitat aus dem Artikel: „Ein Strafprozess lebt von Streit um das Recht.“

    Nein – das widerspricht meinem Verständnis von Rechtsfindung. Das Ziel eines Strafprozesses ist es, den eines Verbrechens verdächtigen Angeklagten zu einer seiner Tat angemessenen Strafe zu verurteilen, indem ihm die ....
    Doch, genau darum geht es. Die Staatsanwaltschaft vertritt eine Position, die Verteidigung die andere. Die Staatsanwaltschaft tritt im Namen des Staates als Kläger auf, die Verteidigung vertritt den Angeklagten. Beide möchten erreichen, dass das Gericht sich ihrer Auffassung anschließt. Sie wollen also einerseits aufklären und andererseits überzeugen. Insofern ringen sie um die Wahrheit ebenso wie um die rechtliche Beurteilung des Falls. Das hierbei viele Facetten zu berücksichtigen sind, verstehet sich von selbst, denn alle Beteiligten sind subjektiv urteilende Menschen. Es geht also darum, eine Wahrheit zu finden, der sich die urteilende Person anschließt.
  4. #4

    Aktenkenntnis

    Mir stellt sich nach Lektüre des Artikels eigentlich nur die Frage, woher Herr von Schirach Kenntnis der 1400 Seiten Chat-Protokolle aus dem Kachelmann-Verfahren hat. Schließlich ist er m.W. weder Verteidiger noch Nebenklagevertreter in dieser Sache. Dass er sich als bloßer Prozessbeobachter in das Verfahren begibt, erachte ich doch für unwahrscheinlich.
  5. #5

    .

    Hat Herr von Schirach die einzelnen Gutachten gelesen?

    Kennt er den genauen Inhalt des Beschlusses des OLG?

    So kann man nicht beurteilen, ob seine Kritik fundiert ist.
  6. #6

    Papierkrieg

    Es ist beeindruckend und zugleich amüsant zu sehen, wie bei solchen Prozessen ganze Wagenladungen an Akten umhergefahren und auf den Verhandlungstischen aufgebaut werden. Eine Seite "bewirft" die andere dann mit Papier. Papierkrieg.
  7. #7

    Ich verstehe nicht!

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Ferdinand von Schirach über die Prozesse gegen Verena Becker und Jörg Kachelmann

    http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,725497,00.html
    "Eine Frau behauptet, sie sei vergewaltigt worden, der Mann streitet es ab. Aussage steht gegen Aussage. Die Beweislage ist schwierig."

    Also entweder kann man die Tat beweisen oder der Angeklagte ist freizulassen. Alles andere zählt meiner Meinung nach nicht. Was soll das mit den Gutachtern, jeder kann sich ein Gutachten kaufen das das Gegenteil von dem belegt was ein anderes Gutachten belegt hatte.
    Aber der alte Grundsatz: im Zweifel für den Angeklagten zählt in Deutschland nicht viel. Z.B. ist Vera Brüne eine Tatbeteiligung nie nachgewiesen worden. Sie war auch zu stolz um Gnade zu erbeten für eine Tat von der sie selbst sagte, dass sie sie nicht begangen hat.
    Kein Richter wurde je für Fehlurteile zu Lasten des Angeklagten belangt. Er riskiert also nichts, wenn er nach Gutdünken urteilt.
    Also nochmal: Ein Richter der jamanden verurteilt soll demjenigen gefälligst die Tat nachweisen oder ihn freilassen. Punkt!
  8. #8

    Ich habe mir das durchgelesen und gehe davon aus, ...

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Ferdinand von Schirach über die Prozesse gegen Verena Becker und Jörg Kachelmann

    http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,725497,00.html
    dass der von Schirach ein ganz übler Blender ist, der nur allein aus PR-Gründen an die Öffentlichkeit tritt und mit seinen noch recht jungen Berufsjahren den lächerlichen Eindruck erweckt, als habe er das Recht erfunden; der soll mal mit zu Guttenberg einen gemeinsamen Heimatverein gründen - die passen wie der Hintern auf den Eimer.

    Und der Spiegel sollte mal langsam den Seitenblick von FOCUS nehmen, sich ernsthafte Journalisten aufbauen (es geht nicht darum, das menge Qualität verdrängen muß) und back to the root in Richtung: Rudolf Augstein "marschieren".

    Anderweitig läuft der Spiegel doch Gefahr, nur noch die Trittfläche und das Verbreitungsmedium von irgendwelchen inhaltsschwachen Egozentrikern zu sein.

    Und dafür ist nun wirklich nicht die Zeit und der Zweck des Titels: SPIEGEL auch nicht erfüllt.
  9. #9

    .

    Ein alles in allem gelungener Artikel, aber ich frage mich doch auch, wie der Autor an chat-Protokolle und Gutachten gekommen ist ;) Nun ja, lassen wir es bei dem Justiz-Thriller der sich dazu im meinem Kopf zusammenspinnt.

    Das eigentliche Dilemma des Strafprozesses ist doch aber, dass genau diese Umstände, die Unmöglichkeit der Wahrheitsfindung und die in vielen Fällen schlussendliche Diskrepanz zwischen Wahrheit und Wirklichkeit den Prozess eigentlich unntöig erscheinen lassen. Wir mögen weit gekommen sein mit den Wissenschaften, die sich mit dem menschlichen Wesen und seinen psychischen Eigeschaften beschäftigen, aber diese sind ebenfalls bestenfalls eine nette Krücke und ich wage zu behaupten, dass sich JEDES psychologische Gutachten durch ein genauso glaubwürdiges und fundiertes, im Kern jedoch total konträres Gutachten entkräften ließe. Bin kein großer Freund dieser Wahrscheinlichkeitswissenschaften und ich vermute die angesprochene "Brillianz" des das Greuel-Gutachten bestätigenden Kröber-Gutachtens liegt tatsächlich in der Relativierung der Quintessenz ~Es ist vermutlich so, dass .. aber es könnte eben auch doch sein, dass ... ~ Tja, man steckt halt nicht drin, nä?
    Was bleibt is also am Ende eben immer nur der/die Richter, die ganz subjektiv jeweils dem einen oder eher dem andere zuneigen. Tragisch in jedem Falle, der dunklen Wirklichkeit die niemand kennt, ein leuchtendes Mäntelchen aus Wahrheit umzuhängen, welches man beim Blick in seine Glaskugel gefunden hat. That´s what it all comes down to ...