Studentenjammer - Deutschland Weltmeister beim Unifrust?

Dass die Deutschen sich gern, ausführlich und übertrieben Sorgen machen und jammern, steht für viele andere Nationen fest. Auch die Studenten sind hier anscheinend keine Ausnahme: Sie klagen über Studiengebühren-Nöte, Angst vorm Bildungsnotstand und anderes. Sind deutsche Jung-Akademiker wirklich wehleidiger als ihre Kommilitonen in anderen Ländern? Oder haben sie Recht - kann man als Student in Deutschland nur verzweifeln?
  1. #1

    Zitat: Dass Studenten für solch eine Leistung auch bezahlen müssen, versteht in England jeder. Aber anstatt die Einführung von Studiengebühren als Chance zu sehen, zukünftig auch in Deutschland eine solche Ausbildungsleistung der Universität einzufordern (und die Autofahrer dafür hupen zu lassen!), soll lieber alles so bleiben, wie es ist: mies, aber kostenlos und erzwingbar - statt gut, bezahlbar und unabhängig. Zitatende.

    Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/st...,360578,00.html

    Und wir regen uns über läppische 500 € pro Semester auf. Man soll ja nicht mit Pauschalurteilen um sich werfen, aber die Behauptung, wir Deutsche sind die Weltmeister im Jammern und im Haare in der Suppe finden, scheint sich durch das Wehklagen der heimischen Akademiker zu bestätigen. Die sollten bloß nicht nach Großbritannien hinüberschauen; wahrscheinlich würden die einen Herzinfarkt erleiden.

    Kritik an Studiengebühren kann ich nur insofern akzeptieren, als daß geklärt werden muß, wo die Einnahmen letztendlich hingehen. Studiengebühren müssen den Universitäten zugute kommen und nicht den Länderhaushalten.
  2. #2

    etikettenschwindel

    was der artikel von adrian schimpf vermissen lässt ist, die studentische sicht: den meisten studenten geht es nicht um die studiengebühren als solche, sondern um die tatsache, dass 1) 50% der zu zahlenden gebühren bereits durch den verwaltungsaufwand gefressen werden. 2) die verbleibenden 50% nicht notwendigerweise in die ildung reinvestiert werden solen, sondern dem stopfen von haushaltslöchern zu gute kommt. 3) dadurch in naher zukunft die studiengebühren auf ein englisches niveau steigen müssen damit überhaupt ein be(i)trag für die bildung übrigbleibt. es geht also darum ein fehlerhatfes konzept zu bekämfen bevor es in kraft tritt damit nicht zukünftige studentengenerationen mit ähnlicher britischer letargie sagen können das war halt schon immer so.
    ein gängiger englischer witz über schlechte zustände in einem urlaubsort schliesst übrigens mit der pointe: unfortunately there weren`t any germans to complain about it.
  3. #3

    gesunder Menschenverstand -> Kritik != Gejammere

    Sicherlich gibt es in anderen Ländern Menschentypen, die optimistischer in die Zukunft blicken als wir Deutschen.

    Als jemand, der seinen Master in Gorßbritannien gemacht hat, konnte ich die angeblichen Wesensunterschiede jedoch nicht bemerken.

    Das liegt vielleicht auch daran, dass ich dazu tendiere, mich mit kritischen Zeitgenossen zu umgeben - wahrscheinlich im Gegensatz zu Herrn Schimpf (um mal die Polemik-Schublade zu bedienen).

    Was Herr Schimpf übersieht, ist, dass wir in Sachen Sozialabbau den Briten ein paar Jahre hinterherhinken: Dort wurden Studiengebühren vor Jahren eingeführt. Hier gibt es viele, die noch voller Hoffnung kämpfen. Wie Schimpf nun darauf kommt Gejammere und politisches Engagement gleichzusetzen vermag ich nicht zu verstehen. Was er in seinem Artikel sagt ist doch: Akzeptiert doch endlich den Sozialabbau und die Zunahme sozialer Ungerechtigkeit - Augen zu, studieren, Schulden anhäufen!

    Schimpfs Ideologielieferantin schon aus Großbritannien. Diese hat als Eiserne Lady nämlich verkündet "TINA - There is no alternative."

    Dass es Alternativen gäbe, wenn unsere sich an Blairs New Labor orientierende Regierung nicht die Körperschaftssteuer faktisch abgeschafft hätte, große Konzerne und die best-verdienenden Steuern zahlen würden, wenn auf internationaler Ebene Globalisierung gestaltet würde, darüber sollte Schimpf (und die Spiegel Redaktion) mal nachdenken.
  4. #4

    Na das ist doch einmal ein guter Artikel von Adrian Schimpf zu dem Problem der Studiengebuehren. Nur leider lesen es wahrscheinlich wieder die Falschen, damit meine ich diejenigen die dem Artikel zustimmen.

    Den einzigsten Punkt den ich beim deutschen System gut finde, ist die Moeglichkeit fuer nicht vermoegende ueber ein BaFoeg (in Form eines Darlehens) ihr Studium zu finanzieren.

    Ich hab BaFoeg erhalten und hab es spaeter auch gerne zurueckbezahlt. Es hat sich in meinem Berufsleben schon lange bezahlt gemacht.

    Ein Darlehen fuer ein Studium (wer gibt schon einem Habenichts ein Darlehen und das auch noch fuer ein Studium?) haette ich von den Banken doch nicht bekommen.

    Gruss
    G. Schneider
  5. #5

    You get what you pay for

    Nun, es ist ja bekannt, dass es bei uns in US Geld kostet, zu studieren. Wir wachsen damit auf und keiner stellt das System in Frage.

    Ich kann mich aus meiner Sicht nur wundern, dass viele Deutsche es als Naturrecht ansehen, umsonst zu studieren. Studium ist eine Investition. Typischerweise geht man mit einem Uni-Diplom in der Tasche in eine Karriere, in der man mehr Geld verdient als eine Nicht-Akademiker. Das ist doch irgendwie Sinn und Zweck des ganzen. Habe selbst in Deutschland und in US studiert und hab mich immer ueber meine deutschen Kommilitonen gewundert, die mir ganz offen sagten, dass ihr Studium eigentlich eher Selbstzweck ist. Frage: warum soll eine Gesellschaft es bezahlen, wenn Studenten ihr Studium als, tja, als Selbstzweck betrachten? Viele meiner Kommilitonen waren in ihrem 14 oder 16. Semester. Das muss alles bezahlt werden. Aber keiner machte sich - damals - Gedanken darueber.

    Mein Studium hier in US war ganz anders strukturiert. Wesentlich verschulter, man koennte auch sagen, "strukturierter". Keiner besucht Kurse, weil "es Spass macht". Ein Kurs in meiner Uni kostete so um die $ 1.500. Da ueberlegt man es sich zweimal.

    Andererseits behaupte ich, dass ich hier in US viel mehr Wissen absorbiert hab als in meiner deutschen alma mater. You get what you pay for. Und ich unterstuetze meine hiesige alma mater immer noch per Spenden. Das machen alle hier so.
  6. #6

    Artikel

    Der Artikel ist zwar mit Polemik überschrieben, allzu überspitzt erschien er mir letztlich nicht, vielmehr machte er den Eindruck, Tatsachen zu präsentieren, insbesondere was das englische Studium betrifft. Auch sonst wirft er mit Gemeinplätzen um sich - die bösen Gewerkschaften, der überbordende Sozialstaat. Gerade was Schimpfs Beispiel mit den Arbeitslosen betrifft, müsste er als Jurist eigentlich besser informiert sein. In Großbritannien gibt es nämlich keine Arbeitslosenversicherung, währenddessen die Beiträge in Deutschland ja zu einem eigentumsähnlichen Anspruch führen, der über Art. 14 geschützt wird. Das heißt, der Staat muss schon gute Gründe haben, versprochene Leistungen zu kürzen à la Hartz IV.

    Zu den Studienbedingungen in England: Ich habe ein Jahr am University College London Jura studiert, noch nie hatte ich in einem so angenehmen Umfeld studiert - und noch nie hatte ich so leicht gute Noten bekommen wie dort, trotz Sprachbarriere! Mit den Studiengebühren und der allgemeinen Verschultheit der Hochschulen, so scheint mir, haben die Engländer jeglichen Anspruch an ihre Studenten über Bord geworfen. Man brauchte kein tiefgehendes Wissen über die Rechtsmatiere, vielmehr konnte man in den Abschlussprüfungen 4 aus 8 Fragen wählen - das heißt, man brauchte nicht einmal den berühmten Mut zur Lücke, es reichte, einfach die Hälfte zu lernen. Im Grunde kann man nicht mehr durchfallen, wenn man 3000 Pfund pro Jahr bezahlt, so sieht es nämlich aus. Abschlüsse werden quasi gekauft. Sobald man angenommen wird, zählt die alljährliche Studiengebühr mehr als die Leistung der Studenten --- so sagt es der Verfasser des Artikels selbst, nur er scheint sich darüber zu freuen?!

    Wahr ist, dass die Betreuung vor Ort unglaublich gut war, nicht nur für die Gaststudenten, sondern auch für die Einheimischen. In den Tutorials wurde man mit Namen angesprochen und erzeugte dadurch einen gewissen Druck, sich vorzubereiten. Es gab gerade 100 Studenten im Jahr.

    Auf die allgemeine Qualität der Ausbildung hat das jedoch nur wenig Auswirkungen - abgesehen von den eingehaltenen Regelstudienzeiten. Stattdessen reicht es in England, auswendig zu lernen. In Deutschland hingegen dominiert die Anwendung und Umsetzung des Wissens, die Argumentation und die Findung des richtigen Lösungsansatzes. Deutsche Jura-Studenten sind genau deswegen bei internationalen law firms sehr gefragt.

    Nebenbei gesagt, ist mir die gute englische Platzierung bei PISA sehr suspekt. Mir ist zwar bewusst, dass die PISA-Studie hauptsächlich Lösungsansätze und Verständnisprobleme betrifft, aber die Allgemeinbildung der Engländer scheint arg darunter zu leiden. Ich habe unter den Studenten - immerhin gehört UCL zu den 5 Top-Unis Englands - teilweise unglaubliche Wissenslücken festgestellt, sogar was ihre eigene, die britische Geschichte und Geographie betrifft. Kein Wunder, wenn man sich schon in der 10. Klasse auf 3-4 A-Levels spezialisieren muss.

    Ich bin zwar grundsätzlich für Studiengebühren, auch und gerade als Druckpotenzial für Langzeitstudenten, denke aber, dass das britische Modell keinen Vorbildcharakter hat. Die Betreuung an den Universitäten wäre sicherlich ein Punkt, der bei uns verbesserungswürdig ist, aber ich halte es für fragwürdig, Hochschulen einzig als Dienstleistungsanbieter anzusehen.
  7. #7

    It is time for a change

    Leider sieht es mit unserem Bildungsystem im Vergleich zu England nicht gut aus. Mein Sohn hat die beiden letzten Jahre seiner Schulzeit in England verbracht und auch seine ganze Studienzeit bis zum Bachelor-Examen (nach drei Jahren) in England verbracht. Das war in der Tat nicht billig, aber die Investition hat sich gelohnt. Die Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt scheinen recht gut für ihn zu sein im Vergleich zu Mitbewerbern, die oft höchstens ein Auslandssemester vorweisen können.

    Zum deutschen Schul-und Hochschulwesen fällt mir das Heine-Zitat ein: "Bei uns bleibt alles hübsch im Gleise, Wie angenagelt, rührt sich kaum." Man nölt hierzulande arrogant (seit der Pisa-Studie und der einsetzenden Verkürzung der Schulzeit ist es allerdings etwas ruhiger geworden) über das englische "Turbo-Abitur" nach 12 Jahren und vergisst dabei die Tatsache zu erwähnen, dass englische Schüler nach 12 Jahren mehr Schulstunden absolviert haben, als deutsche nach 13 Jahren. Das Studium in England ist ähnlich "verschult" (auch so ein Jammerausdruck) und Bummeln, nicht nur weil es teuer wäre, ist so gut wie unmöglich. Ein Treppenwitz in Zeiten der Europäischen Union ist, dass Deutschen mit englischem Schulabschluss in der Regel ein Studium an deutschen Hochschulen mit allen möglichen bürokratischen Hürden verwehrt wird.

    Wir kommen aus der Misere nur heraus, wenn wir die Probleme Studienabbrecherquote und Langzeitstudenten in den Griff bekommen. Das hat sich wohl inzwischen auch herumgesprochen und erste Ansätze sind zu erkennen. Dennoch aus englischer Sicht kann einem wieder Heines Reminizenz an Deutschland in den Sinn kommen: "Mir ist, als hört ich fern erklingen Nachtwächterhörner, sanft und traut."

    Die Studenten hierzulande allerdings solitär für das Gejammere verantwortlich zu machen, geht ein bisschen zu weit. Sie kennen es nicht anders und stecken mitten in einem verkrusteten System mit verbeamteten Dozenten und anderen Besitzstandswahrern, die im Vergleich zu ihren englischen Kollegen kaum ein Jobrisiko haben und für die "ranking" ein Fremdwort ist.

    Eines ist sicher, wir können uns diesen "Luxus" nicht mehr lange leisten. Man kann nur hoffen, daß das deutsche Hochschulwesen aus der Krise herauskommt in der es sich nun seit ca. 40 Jahren befindet. Damals, ich erinnere mich noch gut an meine Studienzeit, fing der ganze Unsinn mit ASten, Fachschaftsvertretungen und endlosem sinnlosen Palaver und Gejammere an.
  8. #8

    Einfach ignorieren

    Wie habe ich mich in dem Beitrag wieder gefunden ...! Und wie sehr haben mich die Argumente an meine eigenen Studienzeit erinnert! Die ist zwar schon rund 20 Jahre her, aber es scheint sich nicht viel geändert zu haben.

    Ich kann es nicht mehr hören, das Lied vom armen Studenten, der sich die hohen Studiengebühren nicht leisten kann. Dabei geht es zurzeit um läppische 500 Euro pro Semester - 1.000 Euro pro Monat (!) wären angemessen.

    Das Problem mit den Studenten ist ihre Masse und ihre Homogenität. Diese Mischung verschafft Lautstärke. Andere haben diese Möglichkeiten des Lärmmachens nicht: zum Beispiel die Meisterschüler oder die Kindergarteneltern.

    Studiengebühren müssen her, alleine schon um einer ganzen Reihe Schnarchnasen Dampf unter den Hintern zu machen.
  9. #9

    Studiengebühren als allheilmittel?

    Studiengebührn als allheilmittel wie sie verschiedene Institute (CHE/ Bertelsmann), Organisationen (BDI, CDU) und auch Adrian Schimpf proklamieren sind nichts als eine große MÄR. Aktuell ist dies besonders am vorherigen Musterknaben Australien zu besichtigen. Spiegel Online berichtete:
    http://www.spiegel.de/unispiegel/gel...360506,00.html
    Heute ist das Studium wie Herr Schimpf sagt Mies und Kostenlos. Die Alternative sieht aber nicht so aus wie er sie beschrieben hat, sondern vielmehr:
    Mies, Kostenpflichtig und für einige unbezahlbar.

    Die Reformen die an den Universitäten überfällig sind, lassen sich alle ohne Studiengebühren verwirklichen.
    Freie Bildung ist ein Bürgerrecht, das es zu verteidigen gilt. Die BRD sollte sich vielmehr an den nordischen Ländern orientieren als an den anglo-amerikanischen.

    mfG
    PW