Nach Lesen des Artikels muss ich sagen, dass sich der Autor es etwas zu einfach macht. Zunächst stört mich immens die kritiklos verwendete Phrase vom "jmd. als geisteskrank abstempeln". Sämtliche alte und neue psychische Störungen firmieren beim Autor unter dem Schreckensbild des "Geisteskranken". Da liegt doch das erheblichere Problem! Zunächst verstehe ich unter (der ohnehin rein umgangssprachl.) "Geisteskrankheit" nur einige wenige schwere psychiatrische Erkrankungen, jedoch weder ADHS noch leichtere Formen der Depression, sondern lediglich Schizophrenie, Wahnerkrankungen, Manien und schwere endogene Depressionen. Viel mehr nicht. "Abstempeln" psychisch Erkrankter ist doch durch die Verwendung des negativ konnotierten Wortes "geisteskrank" hier das Werk des Autors, während er es im gleichen Atemzug anderen vorwirft. Wenn es bewusst als Polemie gedacht ist, empfinde ich es infam und zynisch.
Warum sollten psychische Erkrankungen eine schlechtere soziale Stellung einnehmen als körperliche Erkrankungen? Was soll dieser Unsinn? Niemand käme auf die Idee, den Diagnosewert einer Rhinitis zu bezweifeln und dessen Erwähnung in medizinischen Standardwerken samt ICD-Nummer zu hinterfragen. Dabei ist damit nur ein simpler Schnupfen gemeint. Wird der Erkältungskranke damit etwa zum "Körperkranken abgestempelt"? Nein. Man kann mit etlichen körperlichen Diagnosen herumlaufen (ich z.B. Amblyopie, Rhinitis, Adipositas, ...) Warum also sollte das Bestehen einer zeitweiligen oder ständigen psychischen Diagnose problematischer sein? Da wird dann jemand mit dem angebl. Argument zitiert: "Die meisten werden wieder gesund". Ja, gottseidank, um Glück! Sind psychische Erkrankungen in der Vorstellung des Autors per se unheilbar und sollte nur das Diagnosewert haben? Wohl kaum, oder?
Da wird das Beipiel Schlafstörung durch Lärm angeführt. Ja, ist es denn keine Schlafstörung mit entsprech. Leidenssdruck, wenn es Umwelteinflüsse gibt, die der Betroffene nicht vermeiden kann? Wird er und sein Hausarzt nicht dennoch zumindest gelegtl. zum Schlafmittel greifen, auch wenn er dafür keine Diagnose im DSM findet?
Zum Vorwurf des Einflusses der Pharmaindustrie ist doch im Weiteren einzuwenden, dass die Mehrzahl der bisherigen und das gewaltige Gros der neuen Krankheitsbilder überhaupt nicht medikamentös, sondern psychotherapeutisch zu behandeln ist. Sicher gibt es auch da Interessen der Therapeuten und somit bedenkenswerte Interessenkonflikte, aber mit dem Pharmavorwurf greift man doch etwas sehr kurz und geht zu einseitig heran.
Antworten / Zitieren


