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Hygiene in Krankenhäusern - was muss geändert werden?

Jährlich sterben in Deutschland viele Menschen, weil sie sich in Krankenhäusern mit Keimen angesteckt haben. Sind die Vorschriften zur Hygiene ausreichend und werden nur nicht hinreichend angewendet? Oder besteht grundsätzlich Handlungsbedarf?
  1. #380

    Netzwerker, Forschungsgelder und eine Leiche im Keller

    Zitat von TLR9 Beitrag anzeigen
    Gute Argumentation. Diesen Text hätte ich auch als Ghostwriter in einem DFG-Antrag verwenden können. Ich bin "nur" Biologe und musste meinem Mediziner "dienen".
    Vor kurzen musste ich mich mit einem Rechtsmedizinischen Gutachten befassen, dass im Zuge eines Ermittlungsverfahrens erstellt wurde. Dieses Verfahren bezog sich auf einen ungeklärten Todesfall in einem Städtischen Klinikum. So weit so schlimm, and make a long story short: Es handelte sich dabei offensichtlich um ein Gefälligkeitsgutachten, welches die Ärzteschaft und letztlich auch das Klinikum, mit geradezu haarsträubenden und aus den „Fingern gesaugten Argumenten“, entlastete. Im anschließenden Gespräch, mit einem erfahrenen Rechtskundigen, brachte ich mein Entsetzen zum Ausdruck, ob solch (gerichtsmedizinischen) Humbugs - mithin erhielt ich folgende Antwort von ihm: „Nun, diese Gutachter wollen ja auch nicht ewig in der Pathologie rumhängen und an Leichen herumschnibbeln… Die wollen natürlich Karriere machen, und wenn die dann rausgehen, z.B. in die Forschung, dann brauchen die natürlich Forschungsgelder…/…/ So, und von wem kriegen die dann diese Forschungsgelder? Nun ja, da gibt es einige Möglichkeiten, solche Gelder zu erhalten, aber ganz bestimmt erhalten die keine Mittel von den Firmen, dessen Produkt(e) / Substanzen sie vormals als Gutachter in einen Ursachenzusammenhang gebracht haben, der maßgeblich oder möglicherweise maßgeblich, für das Ableben eines Patienten verantwortlich zeichnet.

    So läuft das eben. Das Ganze ist ein gigantisches Netzwerk, ähnlich einem Spinnennetz: Es klingelt Alarm im Süden, wenn sich im Norden, ein, das System störender, Fremdkörper an einem der Fäden verfangen hat, der natürlich - diskret und spurlos - beseitigt werden muss. Man könnte dieses Netzwerk auch mit einem bestimmten T-Helferzellen-Typus vergleichen, nur mit diametraler Aufgabenstellung.

    Ein Kennzeichen der Macht also: Alles soll so bleiben wie es ist.

    Und dafür können eben auch Rechtsmediziner möglicherweise manchmal recht dienlich sein.

    Ja, ja - selbstverständlich arbeitet die überwiegende Mehrzahl der Rechtsmediziner absolut seriös!

    P.S. I.
    Rechtsmedizin und Städtisches Klinikum haben den gleichen Arbeitgeber.

    P.S. II.
    Und im Aufsichtsrat sitzt wer?
  2. #381

    Zitat von exmachina Beitrag anzeigen
    Ein Kennzeichen der Macht also: Alles soll so bleiben wie es ist.
    Manche Mediziner hören es vielleicht nicht gern. Aber auch sie sind Menschen, die Fehler machen können. In manchen Fällen kann ein Behandlungsfehler zum Tod führen. Wie man damit umgeht, sollte ein/e Mediziner/in mit ihrem/seinem eigenen Gewissen vereinbaren.

    Dass manche medizinische Gutachten nicht negativ für behandelnde Ärzte ausfallen, ist auch irgendwie offensichtlich. Auch einem Gutachter kann ein Fehler unterlaufen. "Und keine Krähe hackt der anderen Krähe ein Auge aus." Ein erfolgreicher Mediziner versteht es, seine Arbeit "wegzuturfen" - also auch die Zeit für Gutachten.

    Um auf das Thema zurückzukommen, fällt mir nur ein, dass sich das Klinikpersonal auch nicht im Bezug zur Hygiene vorbildlich verhält. Ich habe des Öfteren erlebt, dass Verwaltungsangestellte nach „großem oder kleinerem Geschäft“ sich nicht die Hände wuschen. Die Damentoilette soll mehrfach in einem desolaten Zustand angetroffen worden sein.

    Ok, eine brieflich zugestellte Krankenhausrechnung stellt noch keine Bedrohung dar. Aber wenn man in der Mensa einen Mediziner in OP-Kleidung antrifft, dann wurde eine Anweisung zur Krankenhaushygiene mal wieder nicht beachtet. Es wird auch niemand darauf hingewiesen, dass dies eigentlich untersagt ist.

    Der Transfer von antibiotikaresistenten Bakterienstämmen aus und in den OP ist potentiell möglich. Neben Medizinern sind der Mensa ja auch Besucher, Patienten und Studenten anwesend. Wenn man die Regeln zur Krankenhaushygiene besser einhalten würde, hätte man schon einen kleinen Anfang gemacht.
  3. #382

    Zitat von TLR9 Beitrag anzeigen
    Aber wenn man in der Mensa einen Mediziner in OP-Kleidung antrifft, dann wurde eine Anweisung zur Krankenhaushygiene mal wieder nicht beachtet. Es wird auch niemand darauf hingewiesen, dass dies eigentlich untersagt ist.

    Der Transfer von antibiotikaresistenten Bakterienstämmen aus und in den OP ist potentiell möglich. Neben Medizinern sind der Mensa ja auch Besucher, Patienten und Studenten anwesend. Wenn man die Regeln zur Krankenhaushygiene besser einhalten würde, hätte man schon einen kleinen Anfang gemacht.
    Es ist nicht immer alles so wie es aussieht. Nur weil ein Arzt oder sonstiges OP-Personal in OP-Kleidung in der Mensa sitzt, bedeutet das noch lange nicht, dass genau diese Kleidung im OP getragen wurde oder wird. OP-Kleidung ein und auszuziehen geht viel schneller als "normale" Kleidung. Was untersagt ist, ist dieselbe Kleidung innerhalb und außerhalb des OPs zu tragen. Keiner hat ein Problem damit, wenn diese jeweils in der Schleuse gewechselt wird.
  4. #383

    Zitat von Softship Beitrag anzeigen
    Es ist nicht immer alles so wie es aussieht ...
    Ihr Einwand stimmt schon.

    Durch meine Tierexperimente weiss ich auch, wie lästig das ist. Aber wenn ich mit OP-Kleidung vor den Tierstall gegangen wäre, wie einige Raucher es gerne getan hätten, dann hätte ich einen Verweis bekommen. Mein Fehlverhalten hätte man mir per Aufzeichnung nachweisen können.
    Aber ich wurde von einem Arzt, der gerade aus dem OP kam, darauf hingewiesen, dass es generell nicht erlaubt wäre, mit OP-Kleidung außerhalb der OP-Bereiche herumzulaufen. Manche Ärzte kommen auch mit Kittel in die Mensa und hängen diesen nicht, wie eigentlich vorgeschrieben, an einen Haken auf.
    Man kann aber auch immer mutmaßen, wie ein Bakterienstamm auf eine Station gekommen ist. Aber auf der anderen Seite sollte man auch die Möglichkeiten der potentiellen Quellen minimieren.
    Ein Krankenhaus könnte man auch mit einem S2 Labor der Mikrobiologie vergleichen. Und je nach Schulung des Krankenhauspersonals ist es wahrscheinlicher gerade im Krankenhaus eine bakterielle Infektion zu bekommen.
    Der DFB-Sportdirektor und ehemalige Weltklasse-Fußballer Matthias Sammer hatte in Folge einer Routine-OP am Knie eine bakterielle Infektion bekommen und musste seine Karriere beenden. Mehrere Quellen weisen auf eine MRSA-Infektion hin.

    Uniklinikum Münster (Teil 1):*Kampf gegen die Keime*-*Thema: Die Krankenhäuser in Münster im Überblick*-*Münstersche Zeitung

    Die Ironie der Geschichte der Krankenhaushygiene besteht darin, dass Ignaz Semmelweis, der Begründer von Hygienevorschriften, nach einer relativ kleinen Verletzung an einer Sepsis verstarb - in einer Irrenanstalt.
  5. #384

    Schätzung

    Zitat aus dem von Ihnen zitierten Artikel: „2009 schickte der Keim 1500 Menschen in den Tod – so eine Schätzung der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene.“

    Wissen Sie, weshalb die Zahlen von der dgkh geschätzt werden müssen?
    Durch welchen Augenschein, Erfahrung oder durch welche statistisch-mathematische Methode wurde die „Schätzung“ ermittelt?

    Bin etwas ratlos, mit diesen Zahlenangaben der DGKH.
    Vielleicht haben Sie eine Quelle?
  6. #385

    Zitat von exmachina Beitrag anzeigen
    Wissen Sie, weshalb die Zahlen von der dgkh geschätzt werden müssen? Durch welchen Augenschein, Erfahrung oder durch welche statistisch-mathematische Methode wurde die „Schätzung“ ermittelt?

    Bin etwas ratlos, mit diesen Zahlenangaben der DGKH.
    Vielleicht haben Sie eine Quelle?
    Wie die Zahlen zustandekommen, kann ich Ihnen auch nicht erklären. Bei dieser Thematik konkurriert die "Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene e.V." (DGKH; seit 1990 mit Sitz in Berlin) mit der "Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie" (DGHM; seit 1906 mit Sitz in Münster, u.a. Robert-Koch-Institut).

    Als Biologe (u.a. Mikrobiologe) wüsste ich, welche Konferenz ich besuchen würde, weil die Inhalte wesentlich wissenschaftlicher aufbereitet sind. Ich kann nur ein Werk zum Selberlesen empfehlen, dass ich bisher nur überflogen habe: http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/...ublicationFile
    Nebenbei muss ich anmerken, dass die von mir vorgefundenen Hygienezustände an der Klinik eines Vorstandsmitgliedes der DGKH vorgefunden habe. Aber seine Kollegen kann man sich auch nicht aussuchen. Und die Problematik der Krankenhaushygiene ist ja auch nur ein Produkt von Ignoranz. Zu Zeiten von Semmelweis war dies ja auch nicht viel anders.
    Die Schätzung einer Zahl erkläre ich mir dadurch, dass man nicht bei jedem Todesfall infolge einer Infektion die Suche nach dem "Erreger" unternommen wird. Die "zwölf bis 20 Euro" spart man postmortem ein. Bei einer Pneumonie oder Meningitis scheint zudem die Ursache klar zu sein. Und erst wenn man danach sucht, wird man auch etwas finden.
  7. #386

    Zeit

    Meine Großmutter wäre im Krankenhaus fast verhungert. Sie war zu stolz, zuzugeben, dass sie wegen Arthritis in den Daumen nicht mehr ohne Hilfe essen konnte. Die Krankenhäuser haben so krassen Personalmangel, dass niemandem auffällt, wenn eine Patientin täglich ihr ganzes Essen unangetastet zurückgehen lässt und wenn sie chronisch abmagert. Für bettlägerige Patienten kann es auch sehr schwierig sein, etwas zu Trinken zu bekommen oder rechtzeitig die Bettpfanne gebracht zu bekommen.
    Da sollte es niemanden wundern, dass auch für Hygiene keine Zeit bleibt. Bzw dass eine katastrophal überlastete Krankenschwester Dienst nach Vorschrift macht (z.B. neuen Kittel überziehen auf Intensivstation) und alles was darüber hinaus sinnvoll wäre aber aus Sicht der Vorgesetzten nur kostet und aufhält (z.B. Haube, Hundschutz, Handschuhe, Schuhe wechseln) unterlässt.

    Zum Teil liegt es aber auch an Budgetierung. Die Uni-Klinik Essen hat vor Jahren die Eingangshalle neu gestaltet, teuer mit Marmor (wohl damit man auch schön hart fällt), während gleichzeitig die Einwegspritzen und -handschuhe rationiert waren, denn das wurde aus verschiedenen Töpfen bezahlt. Sowas sollte nicht sein.
    Und dann ist da auch die Einstellung. In Reportagen sehe ich immer wieder wie Krankenschwestern ihre wallende Haarpracht über offenen Wunden schwenken. Das muss auch nicht sein.
    Ärzte halten sich oft sehr bedeckt und verraten Patienten nicht freiwillig, wie sie diese therapieren, z.B. welches Antibiotikum sie verordnen. Das kann ja auch überhaupt nicht wichtig sein für Nachbehandlung nach Entlassung; das muss man als Patient ja überhaupt nicht wissen, dass man's dem Hausarzt weitersagen könnte, das ist schließlich Berufsgeheimnis. Auch das müsste so nicht sein.

    Es geht nicht um Vorschriften. Davon haben wir schon etliche bescheuerte, die zB dazu führen, dass Angehörige bei Besuchen auf einer Intensivstation einen Kittel anziehen müssen, aber die Straßenschuhe anbehalten dürfen. Wichtiger wäre m.E., dem Personal genug Zeit einzuräumen, dass alles getan werden kann was sinnvoll ist. Vorausgesetzt natürlich sie wissen an sich wie Hygiene funktioniert und wie man mit Antibiotika umgeht.
  8. #387

    Metallspritzen

    Zitat von herr soumlar weber Beitrag anzeigen
    Ich möchte auch noch erwähnen, daß bis vor kurzem alle Drogenabhängige für die Verbreitung von Hepatitis C verantwortlich gemacht wurden.
    Eine Ärztin aus der Goethe Uni in Frankfurt sagte mir,daß es aber die Krankenhäuser, Ärzte, speziell die Zahnärzte sind die Hepatitis C verbreiten. Ein Freund von mir hat sich die Krankheit ebenfalls durch einen Doktor in Niederbayern eingefangen, der noch Metalspritzen verwendete.
    Das tut mir sehr leid für Ihren Freund. Ich nehme an Sie meinen mehrfach verwendbare Metallspritzen im Unterschied zu Einwegspritzten (die auch Metallnadeln haben)? Das sollte bei korrekter Handhabung aber auch nichts ausmachen, wenn denn die Dinger ordentlich ausgekocht werden. Soweit ich gelesen habe ist Tätowieren mit benutzten Nadeln eine der Hauptursachen für Hepatitis C.
  9. #388

    Resistenz

    Zitat von Internetnutzer Beitrag anzeigen
    Auch durch richtige Antibiotikabehandlung werden resitente Stämme gezüchtet.
    Eigentlich nicht. Das Antibiotikum muss hoch genug dosiert sein und lange genug eingenommen werden. Das muss auch jemand kontrollieren, denn unbeaufsichtigt hören viele Patienten auf, das Medikament einzunehmen, sobald es ihnen etwas besser geht. In einem Krankenhaus muss man außerdem alle paar Monate das STandard-Antibiotikum wechseln. Natürlich muss man auch mit anderen Methoden (Seife, Alkohol, UV-Licht, Auskochen, ...) die Bakterienpopulation insgesamt klein halten.

    Immerhin sind Antibiotika hier verschreibungspflichtig und nicht wie Hustensaft im Supermarkt zu kaufen wie in den USA, wo dementsprechend die multiresistenten Keime häufiger vorkommen.
  10. #389

    Zitat von Miere Beitrag anzeigen
    ... Da sollte es niemanden wundern, dass auch für Hygiene keine Zeit bleibt. Bzw dass eine katastrophal überlastete Krankenschwester Dienst nach Vorschrift macht (z.B. neuen Kittel überziehen auf Intensivstation) und alles was darüber hinaus sinnvoll wäre aber aus Sicht der Vorgesetzten nur kostet und aufhält (z.B. Haube, Hundschutz, Handschuhe, Schuhe wechseln) unterlässt ...

    Wichtiger wäre m.E., dem Personal genug Zeit einzuräumen, dass alles getan werden kann was sinnvoll ist. Vorausgesetzt natürlich sie wissen an sich wie Hygiene funktioniert und wie man mit Antibiotika umgeht.
    Sie sprechen ein gundlegendes Problem der Kliniken an. Das Personalmanagement in Deutschland ist einfach eine Katastrophe. Krankenschwestern, Pfleger und Assistenzärzte sind meist überlastet. Überstunden sind die Regel. Und mehr Personal wird trotzdem nicht eingestellt. In der Schweiz soll dies anders geregelt sein.

    Man kann man es daher auch verstehen, dass das Pflege- und Arztpersonal keine Zeit hat, richtige Hygienemaßnahmen anzuwenden. Es sei denn, man ist Patient auf einer Privatstation. Es lebe die Dreiklassen-Gesellschaft der Krankenhauspatienten!

    Nebenbei bekommen Politiker diese Mängel nicht mit, weil sie als Patienten damit rechnen können, dass sich die Chefärzte bei Ihnen blicken lassen, und das Personal sich vorbildlich um sie kümmern wird. Im Kontrast dazu habe ich schon mal gehört, dass ein Patient hinter einer Fensterfront im Gang vergessen worden sein soll und an einem Hitzschlag verstarb.

    Für die Verbesserung der Hygiene muss man jedoch auch investieren, um die Verbreitung von MRSA und die Entstehung einer Sepsis zu vermeiden. Die Folgekosten für die Behandlung einer Sepsis liegen bei 100.000 Euro. In Deutschland geht man von 110.000 bis 154.000 Sepsis Patienten pro Jahr aus, wobei die Häufigkeit einer schweren Sepsis und septischen Schock auf Inensivstatione auf 51.000 bis 75.000 Fälle pro Jahr geschätzt wird (Brunkhorst, 2006). Im Jahr 2000 verursachten 751.000 Sepsis-Patienten, die im Durchschnitt 19,6 Tage im Krankenhaus verbrachten, Gesamtkosten in Höhe von 16,7 Milliarden Dollar pro Jahr (Angus und Wax, 2001; Angus et al., 2001).

    Die Ironie liegt darin, dass die Mediziner, die die eine Verbesserung der Krankenhaushygiene beschließen könnten, an den Behandlungskosten für MRSA-Patienten und Patienten mit Sepsis mitverdienen.








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