Forum: Panorama
Wie kann die Gesellschaft ein würdevolles Sterben ermöglichen?
Zwischen ärztlicher Ethik und selbstbestimmten Leben und Sterben oszilliert eine heikle Debatte um Sterbehilfe. Viele Menschen möchten Vorsorge treffen, am Ende ihres Lebens nicht der Automatik lebenserhaltender Maßnahmen ausgeliefert zu sein, die aus Sicht vieler nur die Qualen verlängern. Wie kann eine Gesellschaft würdevolles Sterben ermöglichen?
- #1 25.05.2012 10:12 von
Gegenfragen
Wie kann eine Gesellschaft würdevolles Sterben ermöglichen?
Auf die gleiche Weise, wie sie würdevolles Leben ermöglichen könnte: indem sie die dazu notwendigen Bedingungen schafft. Allerdings stellt sich zunächst die Frage, was zu einem würdevollen Sterben unbedingt erforderlich ist. Bisweilen reduziert sich das Verständnis von Würde auf Schmerzfreiheit.
Viele Menschen möchten Vorsorge treffen, am Ende ihres Lebens nicht der Automatik lebenserhaltender Maßnahmen ausgeliefert zu sein, die aus Sicht vieler nur die Qualen verlängern.
Die Gegenfrage dazu lautet: Und warum tun sie es dann nicht? Schließlich ist die Patientenverfügung schon lange ein sinnvoller Bestandteil einer Sterbevorsorge. Sie wird allerdings nur kaum (2005: 8%) genutzt.
Zwischen ärztlicher Ethik und selbstbestimmten Leben und Sterben oszilliert eine heikle Debatte um Sterbehilfe.
Diese Debatte entzündet sich an der Frage, was ein "selbstbestimmtes Sterben" ausmacht und der Rolle des Arztes bei diesem Ereignis. Zu sterben, wann ich es will, ist etwas anderes als eine Gestaltung der Umstände, unter denen es stattfindet. - #2 28.05.2012 08:19 von
würdevolles Sterben
Ein würdevolles Sterben wäre ganz einfach wenn wir akzeptieren würden, daß mit der Geburt bereits feststeht, daß wir diese Welt über den Tod wieder verlassen werden! Leider sehen das nur wenige so und deshalb werden die Patienten in Sterbezimmer gebracht wo man sie quasi ohne Zuwendung einschlafen läßt. Nur wenige Angehörige nehmen sich die Zeit den Sterbenden zu begleiten. Ausgebildetes Personal könnte die Begleitung bis zum Tod übernehmen dem Glauben des Sterbenden entsprechend. Doch Gott wird in unserer Gesellschaft völlig außen vor gelassen, warum weiß ich nicht- ich weiß nur niemand möchte, daß ein Sterbender noch Kosten verursacht die eine qualifizierte Sterbebegleitung verursachen würde!
- #3 28.05.2012 08:44 von
Eigentlich merkwürdig:
der Tod ist ein Thema, welches uns alle früher oder später betrifft.
Und dennoch: seit der Eröffnung dieses Themas ein(!) ganzer Beitrag, an anderer Stelle sind bei einer Dikussion über Lady Gaga schnell 50 Seiten gefüllt.
Irgendwie scheint der menschliche Verdrängungsmechanismus recht gut zu funktionieren. - #4 28.05.2012 14:34 von
Wie kann eine Gesellschaft würdevolles Sterben ermöglichen?
Dank an SPIEGEL, denn dieses Thema war längst fällig. Fehlt nur noch der anschließende Artikel SUIZID. Mein Patiententestament ist längst geschrieben und notariell bestätigt. Für einige Situationen behalte ich mir jedoch vor,mein Leben selbst beenden zu können. Allerdings die Mittel dazu sind verschreibungspflichtig - und welcher Arzt tut das? Aus meiner Depressionszeit habe ich noch Anafranil gehortet, das in entsprechender Lektüre als "Der sanfte Tod" bezeichnet wird. Nur ist dessen Vorratsdatum zwischenzeitlich abgelaufen, also unsicher.
Zur Würde eines Menschen gehört auch die Möglichkeit der Selbsttötung. Heutzutage werden "Selbstmörder" nicht mehr auf dem Schindanger verscharrt, aber immerhin ist der freie Erwerb der Mittel dazu verboten. Weshalb? Vielleicht wäre die sowieso steigende Suizidstatistik dem Staat nicht angenehm, weil er doch so gut sorgt. Allerdings verdienen im/am Endstadium eines alten Menschen Ärzte und Pharmaindustrie über durchschnittlich. Deshalb wohl auch fristet die Palliativmedizin noch ein kümmerliches Dasein. Die benötigte, um von erster Erkenntnis bis auf den heutigen Stand zu kommen, mindestens 60 Jahre. Seit dem schreienden Krebstod meiner Mutter, die erst von ihren Qualen erlöst wurde, als mein Vater um letale Morphingabe bat. Danach musste er dem behandelnden Arzt dafür 10.000 DM im neutralen Briefumschlag überreichen. - #5 28.05.2012 14:59 von
Hallo Jörn,
der Gedanke sich um zubringen, wird vor allem durch den Begriff Mord belastet, der Selbstmord ist belastet, vor allem durch Aktionen, die dem Selbstmörder ein christliches Begräbnis verweigern. Die Hinterbliebenen werden auch dadurch belastet, dass man ihnen eine Mitschuld zu spricht.
Außerdem schiebt fast jeder solche Gedanken weit von sich. Mein Freund, eigentlich ein zupackender Mensch, wollte das persönlich klären, wenn es soweit wäre. Das hat er immer gesagt und ging davon aus, dass man das nahende Ende schon irgendwie spüren würde.
Vor fast 3 Jahren, bekam er einen Schlaganfall, als er sich morgens fertig machen wollte und danach konnte er sich nicht mehr deutlich machen. Er verstarb jetzt vor 14 Tagen und durchlebte gerade das was er eigentlich vermeiden wollte. Für ihn und seine Frau eine wahnsinnige Belastung, aber unabänderlich.
Die Möglichkeit es zu verhindern wäre, die Frau hätte ihn nach Hause geholt und hätte ihn verhungern lassen. Das wäre nach unseren Gesetze möglich gewesen und nach Erklärungen von Medizinern auch nicht grausam gewesen, aber welcher Ehemann, welche Ehefrau zieht so etwas durch. 14 Tage, gegen alles zu handeln, was man sein Leben lang ausgeschlossen hätte. Eine Falle, aus der man kaum raus kommt.
MfG. Rainer - #6 28.05.2012 22:49 von
Recht auf den Tod
Indem ein Gesetz verabschiedet wird, das lautet:
"Die Würde des Menschen ist AUCH in seinem Recht auf einen freiwillig gewünschten Tod UNANTASTBAR, und das unabhängig vom Alter."
Und wenn der/die Betroffene im Koma liegt, OHNE eine Patientenverfügung -oder Ähnliches-vereinbart zu haben, nur dann sollte die Familie für sie/ihn entscheiden. - #7 29.05.2012 14:30 von
Sterbevorsorge-Tabu
Hallo Rainer,
auch jenseits einer christlichen Moral wird ein Suizid den Angehörigen angelastet, allerdings gilt dies kaum bei Sterbenskranken.
Auch erklärt sich die Abneigung gegen eine Sterbevorsorge wohl weniger aus einer überkommenen Moral, als denn aus einer allgemeinen Scheu vor dem Tod und allen Themen, die davon berührt werden, wie z.B. auch die Organspende.
Sterbevorsorge ist ein schwieriges Thema (, wie sich hier schon an der spärlichen Beteiligung erkennen lässt). Zwar wünscht sich niemand, einem über Jahre verzögerten Sterbeprozess ausgeliefert zu sein, anderenfalls überwiegt dem Tod gegenüber die abwartende Haltung, die eine menschliche Entscheidung darüber nach Möglichkeit vermeidet.
Auch kommt es angesichts des Sterbens häufig zu einem Meinungswechsel. Nicht nur die Mediziner kämpfen um ein Weiterleben ihrer Patienten; vielfach tun dies die Angehörigen und die Betroffenen selbst auch. Die Situation stellt sich grundlegend anders dar, sobald man selbst oder ein enger Angehöriger auf dem Sterbebett liegt.
Doch woran besseres soll man sich halten, wenn sich der Betreffende selbst nicht mehr äußern kann, als an dessen selbstverfasste PV? - #8 29.05.2012 14:41 von
Vorsorgevollmacht
Würde es ein solches Gesetz geben, dann wäre jeder Therapieversuch von Suizidalen strafbar.
Allerdings hat (fast) jeder Mensch auch ohne "Ihre" gesetzliche Forderung die Möglichkeit zum Suizid. Auch wird die Würde des Menschen wird nicht dadurch angetastet oder verletzt, dass andere seinem Sterbewunsch nicht nachkommen.
Auf die Entscheidung der "lieben Familie" verzichtet ein Großteil der Betroffenen aus guten Gründen. Auf Basis einer Vorsorgevollmacht ist die von Ihnen geforderte Entscheidungsmöglichkeit längst gegeben.
Allerdings gilt hier das gleich wie für die PV: Sie wird nur selten genutzt. - #9 29.05.2012 15:30 von
Jörn, die Zahlen sehen heute anders aus, jede Wette. Immerhin hat es ja bis 2009 gedauert, bis die politisch Verantwortlichen das bereits 2003 ergangene Leitsatzurteil des BGH in Gesetzestext umwandelten.
In meinem persönlichen Umfeld gibt es mittlerweile jedenfalls deutlich mehr Menschen die eine PV haben, als solche ohne.
Und viel mehr als eine PV zu verfassen können wir ja nun auch nicht tun. Außer natürlich, man machte der Sache irgendwann selbst ein Ende.
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