Forum: Panorama
Was muss die katholische Kirche zur Aufklärung der Missbrauchsfälle tun?
Die Diskussion über die Missbrauchsfälle in Einrichtungen der katholischen Kirche hält an. Was muss die katholische Kirche zur Aufklärung der Missbrauchsfälle tun?
- #350 04.03.2010 11:21 von
[QUOTE=Stefan Albrecht;5131838]Was mich besonders am Fall des heute 60ig Jährigen erschüttert ist, dass die Kinder damals vor allem von ihren Eltern allein gelassen wurden. Wenn ich in den frühen 80ern auf meiner Schule so etwas erlebt hätte, wären mein Vater oder meine Mutter oder beide in der Schule vorstellig geworden und hätten mich von der Schule genommen.
Meine Eltern hatten mich auch in ein katholisches Internat geschickt (1960, ich war 10 Jahre alt und fing mit der Sexta an), geleitet von Missionspatres. Ich weiß, daß meine Eltern der Auffassung waren, mir damit etwas Gutes zu tun. Haben sie aber nicht und ich konnte ihnen das auch klar machen, denn sie nahmen mich am Ende der Quarta gottseidank auf meinen dringenden Wunsch davon runter. Die 3 Jahre im Internat waren, gelinde gesagt, scheiße. Noch mit 35 hatte ich einen bestimmten Alptraum : Ich ging noch mal in das Internat zurück, um dort das Abitur (das ich schon 16 Jahre an einer anderen Schule gemacht hatte) nachzuholen. Ich kann mich daran erinnern, daß ich von unserem Pater, einem sadistischen und launischen Vertreter seiner Zunft, gehänselt wurde, als er erfuhr, daß ich weggehen würde.'Ich könne wohl nichts aushalten, das würde ich noch bereuen' usw. Der Tagesablauf : 6 Uhr Aufstehen,stand man nicht sofort auf, setzte es Schläge mit dem sog. Zingulum, einer Art gehäkelter dicken Kordel mit eingehäkeltem Holzknauf, die die Patres um den Bauch geschlungen hatten und die herunterbaumelte. 6.30 Uhr hl. Messe, danach Frühstück (Brot, Margarine und Marmelade. Versteht sich von selbst, daß die Patres, die mit uns im Refektorium aßen, was besseres bekamen) 8-13 Uhr Unterricht. Danach Mittagessen, schweigend. Dann zum Dankgebet 15 Min in die Kapelle. Anschließend Spülen, in der Regel mit kaltem Wasser und ohne Spülmittel. Entweder 15 oder 30 Min, je nach dem, ob man spülen mußte, Pause auf dem Klosterhof, gesittetes Umhergehen. 14-16 Uhr Silentium, und wehe, man war nicht ruhig, dann setzte es Hiebe. 16-16.20 Uhr Kaffeetrinken mit anschließendem Spülen. Bis 17.00 Uhr Freizeit. 17-18.30 Uhr noch mal Silentium und gegen Ende Doppelkopf o.ä. 18.30-19.00 Uhr geistliche Übungen (für 10-12-jährige!)19.00-19.20 Uhr Abendessen mit Spülen, danach wieder in die Kapelle. 19.30-20.00 Uhr Spiele oder im Sommer draußen. Danach Abendgebet, sodann gesittet und langsam durch die heiligen Klosterflure in unseren Schlafsaal. War ich etwas lauter oder lief, kam der Sadist und stieß mich mit voller Kraft mit dem vorgeschobenen Mittelfingerknochen in Rücken oder an den Kopf. Schuhe putzen. Im Wachsaal kalt waschen, ausziehen, ins Bett, Licht aus. Es war ca. 20.15. Benedicamus dominus. Deo gratias.
Sonntags 2x Messe, 3x Beten nach den Essen in der Kapelle, idR noch Nachmittagsandacht. Dafür erst um 06.30 Uhr aufgestanden.
Einer von uns lief dann eines Tages weg und rannte 40 Km zu Fuß nach Hause. Ein anderer schaffte 60 Km in 21/2 Tagen.
Über einen in meinen Augen sehr liebenswürdigen und verständnisvollen Pater hörte ich später, daß er, als ich schon weg war, sich an einen meiner Klassenkameraden herangemacht hätte. Der erzählte mir das anläßlich eines Klassentreffens vor einigen Jahren. Der Klassenkamerad ist dann Psychologe geworden. Der Pater ist verstorben.
Vor einigen Jahren, vielleicht ist es 10 oder 15 Jahre her, gab es in WDR3 einen bewegenden Dukumentarspielfilm über das Leben in einem katholischen Klosterinternat aus Sicht des kleinen Schülers. Ich heulte wie ein Schloßhund. - #351 04.03.2010 11:33 von black wolf
Vergewaltigung ist ein systematisch eingesetztes Machtinstrument, so schon in der Bibel beschrieben. Ob sich das Gruppen von Katholiken zum Vorbild genommen haben weiss ich nicht. Es geht um autoritäre Machtausübung, die sich ggf. die sexuellen Neigungen von Gruppenmitgliedern quasi als Exekutive zunutze macht. Das Problem sind unkontrollierte Machtverhältnisse, die im Fall religiöser Gruppen zusätzlich den Nimbus himmlischer Autorität bzw. jenseitiger Strafandrohung ausnutzen. Wenn man solche Machtgruppen bildet und sie schalten und walten läßt, kommen dabei früher oder später immer Gräueltaten heraus. Das weiß man nicht erst seit dem 20. Jahrhundert oder den Milgram-Experimenten. Das kann auch der Kirchenregierung nicht unbekannt gewesen sein, und dennoch wurden diese Machtstrukturen beibehalten und aktiv gefördert.
Leider ist es so, dass bei religiös etikettierten Gruppen zumindest bis heute ein ungeschriebenes Unantastbarkeitsprinzip galt. Von außen trauten sich Staatsanwaltschaft und Polizei vielerorten nicht heran, und von innen wurde gedeckelt, verschoben, gemaulkorbt und eingeschüchtert.
Das ein "katholisches System" zu nennen wäre zuviel der Ehre für den Katholizismus. Die brauchten das nicht zu erfinden, nur zuzulassen. - #352 04.03.2010 11:35 von
Wenn Sie glauben, dass Sie mit solchen Menschen vernünftig reden können,
sind Sie meiner Meinung nach im Irrtum.
Diese Leute haben sich ein äußerst wackliges Weltbild gemacht bzw. aufzwingen lassen, das Sie durch Ihre Äußerungen heftig zum Schwanken bringen.
Also werden diese Menschen alles unternehmen, um den Einsturz ihres Weltbildes zu verhindern.
Mit so jemandem kann man nicht vernünftig reden.
Dessen panische Angst ist viel zu stark. - #353 04.03.2010 11:36 von
Denkfehler sind gefährlich
Ich habe fast keine Hoffnung mehr, dass die Seuche einer Massenhysterie eingedämmt werden kann.
1. Erst 2000 wurde das elterliche Züchtigungsrecht abgeschafft. Mit strafrechtlichen Konsequenzen.
2. Daraus folgt jedoch leider, dass vor 2000 Prügelstrafe erlaubt war, wenn sie ohne Körperverletzungen oder gar Tod blieb, was in der Bevölkerung nie als Bagatelle angesehen wurde.
3. Kindererziehung. Ich kenne keine Methode, die auf Dauer ohne Druck, Zwang, Strafe auskommt. Damit denke ich nicht an Straftaten, sondern nonverbale Handgreiflichkeiten bei Kleinkindern, besonders bei gefährlichen Situationen, während später verbale Botschaften gesendet werden. Gelungene Erziehung heisst dann, dass Jugendliche ihr Handeln vernünftig selbst kontrollieren.
4. Gibt es Kritiker, die Eltern prinzipiell das Recht auf "Erziehung" absprechen? Egal wie ungebildet Eltern sind, erziehen sie. Niemand wirft Eltern vor, lediglich wegen einer sexuellen Perversion ihre Kinder zu missbrauchen. Auch nach berühmten Strafprozessen wird in den Elternhäusern nicht ermittelt.
5. Wie kann gerechtfertigt werden, dass Erziehern in bestimmten Einrichtungen pauschal kriminelle Handlungen unterstellt werden? Oder eine unsaubere Moral schon bei der Berufswahl, damit kriminelle Taten begangen werden können? Die dann auch noch traditionell vertuscht werden? Warum wird haargenau dasselbe nicht auch Eltern unterstellt?
6. Niemand, der noch bei Verstand ist, nimmt Einzelfälle, selbst schwerster Straftaten, zum Anlass, um pauschal Eltern zu diffamieren. Oder ganze Nationen. Aber ganze Religionen mit ihrer Kirche, sie dürfen sehr wohl belästigt und verfolgt werden. Der ungebildetste Spinner darf vorverurteilen und verdammen.
7. Wenn es zu Medienkampagnen kommt, wird zeitweise der Rechtsstaat deaktiviert. Beschuldigte müssen ihre Unschuld beweisen. Gewisse Ordensvorgesetzte in der Kirche selbst stellen ihre Gruppen unter Generalverdacht und rufen nach überlebenden Opfern, die dann die Massnahmen nachträglich rechtfertigen könnten.
8. In derselben Logik müssen ab sofort vorgeburtliche Unterlassungserklärungen unterzeichnet werden, dass der Mensch nicht beabsichtigt, später dumme Sachen zu machen, worauf seine Gene ja hinweisen. Sorry, wir sehen bloss die Spitzen der Eisberge. Irgendwo müssen doch die Massen der unterirdischen Täter sich verbergen.
9. Ich kann mit Genugtuung feststellen, dass ich den Hauptübeltäter lokalisieren konnte. Es ist die Menschheit!
Seit heute werden Menschen in Gruppierungen zu je 100000 in die gerade errichteten Räumlichkeiten des Regelvollzuges einziehen. Ich werde die Entwicklung im Auge behalten. Man könnte viel Geld sparen, wenn wir die bisherigen Häuser und Wohnungen für den Regelvollzug nutzen würden. Dann müsste niemand umziehen, die Betreuung läuft dann ambulant ab. - #354 04.03.2010 11:37 von
- #355 04.03.2010 11:44 von
Generalabrechnung wegen Schädigung insgesamt
"Hat der Glaube Hoffnung?"
Der streitbare Theologe Eugen Drewermann hat selten zuvor die Schattenseiten der Religionen so klar hervorgehoben, ihre Funktion als Herrschafts- und Vertröstungsmittel in dieser Schärfe attackiert. "Kein Krieg ohne kirchlichen Beistand", schreibt Drewermann. Ob bei den Giftgasangriffen vor Verdun oder beim Abwurf der Atombombe auf Hiroshima - geistliche Würdenträger standen den Militärs stets hilfreich zur Seite. Drewermann kommentiert: "So nutzte die Religion dem Staatserhalt, so diente sie der Stählung und Stärkung des Gruppenegosimus der jeweiligen Kirchenklientel, so erwies Gott der Allmächtige seine Macht - und war doch bei alledem nichts weiter als ein ohnmächtiger Popanz, ein mißbrauchter Götze in den Händen spielender Pastöre, ein scheinbar unentbehrliches Dekorativum bestimmter Traditionsverbände. Zu spät der Aufruf der römischen Kirche im Jahre 2000 für eine Generalamnesie all ihrer Fehler und Verbrechen. Die Toten stehen nicht mehr auf, und die Überlebenden sind gewarnt."
Lest dieses Buch.
Dann werdet ihr verstehen, warum hier und überhaupt besonders die RKK so vehement in der Kritik ist - wo eine Generalabrechnung stattfindet, die zwar themenbezogen oft nicht direkt zur Sache passt, aber indirekt in jedem Fall!
Die Herrschsucht der Kirchenvertreter verhindert Sehnsüchte friedliebender Menschen, was zu schlimmen Mangelsituationen führt. - #356 04.03.2010 11:47 von reuanmuc
Den Text kann man nur mit Erschrecken und Wut im Bauch zur Kenntnis nehmen. Leider schaffen es die Bischöfe nicht, in ihrer infantilen Sucht nach Selbstverteidigung und Unschuldsbeteuerungen, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das Problem als solches zu lenken, auch weil sie selber in diesem traditionell patriarchalischen System gefangen sind.
- #357 04.03.2010 11:48 von
- #358 04.03.2010 11:51 von
Ich darf Sie an Ihre Worte von gestern erinnern????
"Meine Perspektive? Ok. Ich persönlich bin zu der Auffassung gelangt, dass das ganze Problem nur angemessen angegangen werden kann, indem man auf die Opfer hört - und selbst erst mal schweigt. Ich habe - gerade aus persönlicher Betroffenheit heraus - auch versucht, Ursachenforschung zu betreiben. Ich habe Geissler zugehört und Mixa, ich habe "Kirche von unten" zugehört und Zollitsch, ich habe den Papst um Verzeihung bitten gehört und Frau Leutheusser-Schnarrenberger anklagen. Auf all diese Stellungnahmen habe ich reagiert, wie man es eben in Debatten tut. Aber wachsend ein diffuses Gefühl gehabt, dass hier am eigentlichen Thema vorbeigeredet wird. Auch von mir. Zu diesem Gefühl haben Sie auch beigetragen. Sehr viel stärker wurde es, als ich Norbert Denef in dieser Sendung sah. Dann gab mir jemand aus meinem direkten Freundeskreis einen Hinweis auf den Anonymus-Artikel im Vatican-Magazin. Der Anonymus ist mir persönlich gut bekannt - aber ich hatte keine Ahnung gehabt über diese Sache. Das hat letztlich meine Sicht auf den Kindesmißbrauch in der Kirche drastisch verändert, weil ich nicht mehr so sehr über "Aufklärung" und "Prävention" nachdachte, sondern erstmalig selbst tief innen getroffen war über die DIMENSION der ganzen Sache. Und ich habe mir vorgenommen, das nicht mehr wie ein zu diskutierendes Thema wie jedes andere zu sehen, sondern erst mal den Opfern zuzuhören. Auch wenn es verdammt weh tut."
Missbrauchsfälle - tut die katholische Kirche genug zur Aufklärung? - #359 04.03.2010 11:55 von
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