[QUOTE=Stefan Albrecht;5131838]Was mich besonders am Fall des heute 60ig Jährigen erschüttert ist, dass die Kinder damals vor allem von ihren Eltern allein gelassen wurden. Wenn ich in den frühen 80ern auf meiner Schule so etwas erlebt hätte, wären mein Vater oder meine Mutter oder beide in der Schule vorstellig geworden und hätten mich von der Schule genommen.
Meine Eltern hatten mich auch in ein katholisches Internat geschickt (1960, ich war 10 Jahre alt und fing mit der Sexta an), geleitet von Missionspatres. Ich weiß, daß meine Eltern der Auffassung waren, mir damit etwas Gutes zu tun. Haben sie aber nicht und ich konnte ihnen das auch klar machen, denn sie nahmen mich am Ende der Quarta gottseidank auf meinen dringenden Wunsch davon runter. Die 3 Jahre im Internat waren, gelinde gesagt, scheiße. Noch mit 35 hatte ich einen bestimmten Alptraum : Ich ging noch mal in das Internat zurück, um dort das Abitur (das ich schon 16 Jahre an einer anderen Schule gemacht hatte) nachzuholen. Ich kann mich daran erinnern, daß ich von unserem Pater, einem sadistischen und launischen Vertreter seiner Zunft, gehänselt wurde, als er erfuhr, daß ich weggehen würde.'Ich könne wohl nichts aushalten, das würde ich noch bereuen' usw. Der Tagesablauf : 6 Uhr Aufstehen,stand man nicht sofort auf, setzte es Schläge mit dem sog. Zingulum, einer Art gehäkelter dicken Kordel mit eingehäkeltem Holzknauf, die die Patres um den Bauch geschlungen hatten und die herunterbaumelte. 6.30 Uhr hl. Messe, danach Frühstück (Brot, Margarine und Marmelade. Versteht sich von selbst, daß die Patres, die mit uns im Refektorium aßen, was besseres bekamen) 8-13 Uhr Unterricht. Danach Mittagessen, schweigend. Dann zum Dankgebet 15 Min in die Kapelle. Anschließend Spülen, in der Regel mit kaltem Wasser und ohne Spülmittel. Entweder 15 oder 30 Min, je nach dem, ob man spülen mußte, Pause auf dem Klosterhof, gesittetes Umhergehen. 14-16 Uhr Silentium, und wehe, man war nicht ruhig, dann setzte es Hiebe. 16-16.20 Uhr Kaffeetrinken mit anschließendem Spülen. Bis 17.00 Uhr Freizeit. 17-18.30 Uhr noch mal Silentium und gegen Ende Doppelkopf o.ä. 18.30-19.00 Uhr geistliche Übungen (für 10-12-jährige!)19.00-19.20 Uhr Abendessen mit Spülen, danach wieder in die Kapelle. 19.30-20.00 Uhr Spiele oder im Sommer draußen. Danach Abendgebet, sodann gesittet und langsam durch die heiligen Klosterflure in unseren Schlafsaal. War ich etwas lauter oder lief, kam der Sadist und stieß mich mit voller Kraft mit dem vorgeschobenen Mittelfingerknochen in Rücken oder an den Kopf. Schuhe putzen. Im Wachsaal kalt waschen, ausziehen, ins Bett, Licht aus. Es war ca. 20.15. Benedicamus dominus. Deo gratias.
Sonntags 2x Messe, 3x Beten nach den Essen in der Kapelle, idR noch Nachmittagsandacht. Dafür erst um 06.30 Uhr aufgestanden.
Einer von uns lief dann eines Tages weg und rannte 40 Km zu Fuß nach Hause. Ein anderer schaffte 60 Km in 21/2 Tagen.
Über einen in meinen Augen sehr liebenswürdigen und verständnisvollen Pater hörte ich später, daß er, als ich schon weg war, sich an einen meiner Klassenkameraden herangemacht hätte. Der erzählte mir das anläßlich eines Klassentreffens vor einigen Jahren. Der Klassenkamerad ist dann Psychologe geworden. Der Pater ist verstorben.
Vor einigen Jahren, vielleicht ist es 10 oder 15 Jahre her, gab es in WDR3 einen bewegenden Dukumentarspielfilm über das Leben in einem katholischen Klosterinternat aus Sicht des kleinen Schülers. Ich heulte wie ein Schloßhund.



