Heimat ist in erster Linie ein pathetischer, historisch vorbelasteter Begriff, den man so weit wie möglich vermeiden und umschreiben sollte. Wir kennen den Heimatfilm als verlogenes Machwerk aus einer finsteren Epoche. Wir kennen die „Heimatvertriebenen“ als vom Schicksal getroffene Opfer einer misslungenen Expansionspolitik und spüren die revanchistischen Ansätze im Kampfbegriff.
Das Lebensgefühl des Biedermeier, wo der Begriff Heimat sicher noch weniger belastet war, ist endgültig vorbei. Heute trifft die Verlogenheit der „Volksmusikanten“ auf eine knallharte industrielle Realität der sogenannten Moderne mit ihren Betonklötzen und bedrohlichen Glasarchitektur, die eine Verwurzelung des Menschen in seiner Umgebung brutal verhindert.
Im Moloch gibt es keine Idylle und im Nutzwald sind die Bäume nummeriert. Aus dem Fernseher dröhnt das kreischende Nichts und die Musik ist zu einer hypnotischen Dröhnung verkommen. Wir müssen immer weitere Strecken mit unserem geliebten Automobil zurücklegen, um zumindest noch ein akzeptables Stückchen Lebensraum zu finden, quasi ein Natur-Reservat für gestapelte Städter.
Eventuell ist es möglich, sich eine kleine Idylle im Grünen zu erwerben und dadurch ein „Heimatgefühl“ zu erzeugen, das sich beim durchschnittlichen Mieter in der Stadt wohl kaum einstellt. Das ist aber ein teurer Spaß. So versucht das gestresste Opfer des Modernismus also sein Glück in einer Pauschalreise zu immer entfernteren Locations und landet trotzdem meist im Plattenbau-Hotel. Immerhin ist für viele Mitbürger ja das Netz zu einer neuen Heimat geworden, wo man angeblich eine virtuelle Heimat bei Facebook findet.
Antworten / Zitieren


