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Was ist Heimat?

Wenige Begriffe sind so diffus und gleichzeitig so emotional aufgeladen wie "Heimat". Wo liegt dieser Ort? Der Ort der Geburt oder der, wo man Wurzeln geschlagen hat? Ein geistiger oder sehr konkreter, physischer Ort? Ausdruck einer Idee oder gänzlich konkret voller Geschmack, Bildern und Aromen? Irgendeine Heimat beansprucht nahezu jeder Mensch auf der Erde. Was ist Heimat für Sie?
  1. #160

    Pass spielt keine Rolle

    Zitat von rolfbrunner@live.de Beitrag anzeigen
    Da Heimat ein Gefühl und kein Ort ist, also wie die Liebe im Kopf stattfindet, gelten diese Regeln:

    1. Wo immer Du auch hingehst, Du nimmst Dich selber mit.

    2. Wenn das Umfeld - im realen als auch imaginären Sinn - für Dich passt, dann bist Du "zu Hause".

    3. Etwas über sich selbst herausfinden ist per Ortswechsel einfacher als durch Tapetenwechsel in den eigenen vier Wänden.

    4. Soziale Beziehungen sind wichtiger als Landschaften.
    ...
    Dieser Beschreibung von sich "beheimatet"-Fühlen kann ich zustimmen. Von Robert Musil stammt die Feststellung, dass die bei Menschen häufig anzutreffende merkwürdige Überhöhung (im Extremfall bis zur Verkitschung reichende) Verwendung des Heimatbegriffs wohl aus der Hordenzeit stammt, wo man sich die besten Futterplätze merken musste. Ich vertrete eine ähnlich Auffassung wie sie: Heimat liegt für mich dort, wo ich mich jeweils wohlfühle. Der Pass spielt dabei überhaupt keine Rolle.
  2. #161

    Zitat von Montanabear Beitrag anzeigen
    "hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein ! " besser kann man es kaum sagen.
    Meine Kinder sind in drei verschiedenen Laendern geboren, ich habe auf drei Kontinenten gewohnt. Wenn ich an die Nordseekueste , kommen schoene Erinnerungen, aber alles ist so veraendert, das warme Gefuehl will nicht aufkommen.
    Wo ist unsere Heimat ? Wenn wir um den runden Tisch sitzen und der Kluntje knistert, wenn der Tee eingeschenkt wird; wenn die Sahne wie eine duenne Wolke in der Tasse schwebt; wenn wir Geschichten erzaehlen von den vielen Tanten und Onkels und Oma und Opa - dann haben wir die Heimat bei uns. Und die Teestunde gibt uns den Frieden und das Gefuehl von Dazugehoerigkeit, das, was eine Heimat ausmacht.
    Diejenigen, die das Glueck haben, noch dort zu leben, wie sie geboren wurden, haben ein anderes Verhaeltnis zu ihrer Scholle. Es gibt Kraft und Zufriedenheit und wehe dem, der sich darueber mockiert. "..doch wer's nie gekonnt, der stehle weinend sich aus diesem Rund.."
    Das kann ich so betsätigen, Montana. Als Kind habe ich es geliebt, mit anderen Jugendlichen irgendwelche "Teufelsbahnen" im Schlitten herunterzukrachen, im Karpfenteich zu tauchen und da ganz mutig unter Wasser die Aufen aufzumachen, auf den vereisten Elbwiesen hinterm Bleckeder Schlo Eishockey zu spielen -- wir hatten, ganz wie die Frau Dreyer es hier auf "SPON" beschrieb, eine unbeschwerte Kindheit wie in Bullerbü: ein Lindgren-Idyll. Unsere Eltern sagten nur: "Wenn die Straßenlaternen angehen, müßt Ihr wieder zuhause sein" -- was wir bis dahin taten, war ihnen egal, denn sie wußten, sie konnten uns vertrauen.

    Später, als ich 16 war, mich für Computer und für Mädchen (in dieser Reihenfolge) zu interessieren begann, wollte ich nur noch weg aus diesem provinziellen Nest. Mir war klar, daß ich dort keine Arbeit finden würde, ich haßte es plötzlich, wenn jeder jeden kannte, und wollte weg, in die weite Welt, in die Anonymität der Großstadt.

    Doch heute, so mit 40, freue ich mich immer wieder, wenn ich als Besucher in diese Gegend komme, wenn ich sehe daß die immer noch Pferdeköpfe auf den Dachgiebeln sind, das sich eigentlich nicht viel verändert hat, wenn ich mit dem Hund über die Elbwiesen laufen kann, dann denke ich mir, ja: Hier würde ich gerne meinen Lebensabend verbringen, genau hier im ehemaligen Zonenrandgebiet, wo nix los ist.

    Warum haben eigentlich so viele Deutsche ein Problem mit dem Wort "Heimat"? Man kann es doch auch ganz unbefangen benutzen, für das, was man liebt, für den Ort, an dem man sich zuhause fühlt. Ich will es mir jedenfalls nicht von Blut-und-Boden-Patrioten oder bierseligen Schützenkönigen wegnehmen lassen -- dafür ist es viel zu wertvoll.
  3. #162

    Ich bitte die vielen Tippehler zu enrschuldigen. Das war mein erstes Posting hier, gesendet von einem Android-Smartphone. Es ist ein müsames Geschäft, aber es geht. :)
  4. #163

    Euphemismus "Umsiedler"

    [QUOTE=n+1;9993902]ich weiß, ist dieses Lied aus der Ostzone.
    Aber stimmen tuts trotzdem.[/QUO

    Die Ostzone hat dieses Gefühl - politisch korrekt - allerdings den Heimatvertriebenen nicht zugestanden.
  5. #164

    Zitat von Morotti Beitrag anzeigen
    Was jetzt aber ein Aufreger ist?
    Nur für Sie Morotti, schließlich wollten Sie kämpfen. Der Rest des Forums diskutierte einfach nur über den Begriff Heimat und wie er manchmal missbraucht wurde. Alle Beteiligten können trotzdem gut schlafen.
  6. #165

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Wenige Begriffe sind so diffus und gleichzeitig so emotional aufgeladen wie "Heimat". Wo liegt dieser Ort? Der Ort der Geburt oder der, wo man Wurzeln geschlagen hat? Ein geistiger oder sehr konkreter, physischer Ort? Ausdruck einer Idee oder gänzlich konkret voller Geschmack, Bildern und Aromen? Irgendeine Heimat beansprucht nahezu jeder Mensch auf der Erde. Was ist Heimat für Sie?
    Für mich ist Heimat ein Sehnsuchtsort - dort wo ich meine Kindheit verbringen durfte und wo ich eines tages, wenn ich meine Aufgaben im Leben erledigt habe zurückgehen werde.
    Es sind die Felsen am Strand eines kleinen südafrikanischen Nestes. Es ist das Dorf in Baden-Württemberg (samt nahegelgener Stadt). Es ist der Lago Maggiore im Tessin und ein bisschen ist es auch der Odenwald um Mosbach herum.
    Eben die Orte, an denen ich mich in meiner Erinnerung rumtollen sehen kann.
    Und wenn mir das Glück hold ist, kann ich, wenn ich meine Qualifikationen zusammen habe Düsseldorf verlassen (obwohl hier die Leute nett sind und die Stadt auch in Ordnung ist) und wieder dort sein, wo ich mich heimisch fühle...
  7. #166

    Revier- und Rangstreben sind eine uralte Basis für das Heimatgefühl

    Zitat von axstein Beitrag anzeigen
    Dieser Beschreibung von sich "beheimatet"-Fühlen kann ich zustimmen. Von Robert Musil stammt die Feststellung, dass die bei Menschen häufig anzutreffende merkwürdige Überhöhung (im Extremfall bis zur Verkitschung reichende) Verwendung des Heimatbegriffs wohl aus der Hordenzeit stammt, wo man sich die besten Futterplätze merken musste. Ich vertrete eine ähnlich Auffassung wie sie: Heimat liegt für mich dort, wo ich mich jeweils wohlfühle. Der Pass spielt dabei überhaupt keine Rolle.
    Aus meiner Beratungszeit weiss ich: Ein bekanntes Revier verlässt man nicht so leicht, weil man sich halt "zuhause" fühlt. Das ist der Motivationsforschung als Sicherheitsbedürfnis gut bekannt.

    Auch das soziale Rangstreben ist in einem überschaubaren Umfeld irgendwann mal "befriedigt". Allerdings ist die dann gefundene Ordnung sehr schwer zu ändern. (Man schau sich mal dörfliche Strukturen an.) Junge Leute geben oft diese "Heimat" gerne auf um sich im ungeordneten städtischen Umfeld "neu zu erfinden".

    Allerdings steht an der Spitze der Motivationshierarchie der Begriff "Selbstverwirklichung". Und sein Selbst, das mehr als das Ich ist, kann man leichter finden wenn man Wagnisse eingeht. In der Mythologie z.B. ist der "Held" immer einer der auszieht.

    Fazit: Die wirkliche Heimat muss erobert/geschaffen werden.
    Allerdings ist es einfacher "vor Ort" zu bleiben. Und das tut die Mehrheit. Modern ist das nicht. Wir brauchen mehr Mobilität.
  8. #167

    Zitat von n+1 Beitrag anzeigen
    ich weiß, ist dieses Lied aus der Ostzone.
    Aber stimmen tuts trotzdem.
    Und um Ihre Kenntnisse über den deutschen Osten noch etwas zu erweitern: dort wurden ganze Liederbücher neu getextet und komponiert, die ebenfalls viel Wahres enthielten. Sicherlich war auch mancher Text daneben. Aber so ist das nunmal mit der Meinungsfreiheit auch für Dichter. Selbst Nobelpreis tragende Schriftsteller ecken an und müssen ihre druckfrischen Werke selber korrigieren.
  9. #168

    Zitat von Heitgitsche Beitrag anzeigen
    Die Ostzone hat dieses Gefühl - politisch korrekt - allerdings den Heimatvertriebenen nicht zugestanden.
    Und es war strategisch klug, die gesamte Eingliederung der Ost-Heimatvertriebenen in den Vordergrund zu rücken - so, wie man heute auch die Integration der Einwanderer in den Vordergrund stellt. Die Vertriebenen bekamen als Umsiedler die Möglichkeiten, eine neue Heimat zu finden: die aus ländlichen Gegenden als Neubauern, die aus Städten in Ortschaften/Betrieben. Damit wurden diese speziellen Opfer des Ostfeldzuges eingebürgert und nicht als politische Waffe benutzt wie in den Vertriebenenverbänden, Landsmannschaften etc.
  10. #169

    Sie Stratege-Sie!

    Zitat von Berg-neu Beitrag anzeigen
    Und es war strategisch klug, die gesamte Eingliederung der Ost-Heimatvertriebenen in den Vordergrund zu rücken - so, wie man heute auch die Integration der Einwanderer in den Vordergrund stellt. Die Vertriebenen bekamen als Umsiedler die Möglichkeiten, eine neue Heimat zu finden: die aus ländlichen Gegenden als Neubauern, die aus Städten in Ortschaften/Betrieben. Damit wurden diese speziellen Opfer des Ostfeldzuges eingebürgert und nicht als politische Waffe benutzt wie in den Vertriebenenverbänden, Landsmannschaften etc.
    Und vor allem Berg, was haben die Menschen für lustige Heimat- Lieder auf den Lippen gehabt, wo Sie damals über die zugefrorene See in Pommern marschieren durften- so mit richtig echter Action der Tiefflieger von der Sowjetarmee und nur mit einem Koffer in die neue Heimat...


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