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Soll die umstrittene Nachkriegsarchitektur abgerissen oder erhalten werden?

Nach dem Krieg entstand um Zuge des Wiederaufbaus eine Architektur, deren Stil bis heute für Kontroversen sorgt. "Schön" oder "Häßlich" sind ästhetische Begriffe, die stets vom Blick des Betrachters abhängen. Wie sehen Sie die zweifelhaften Bauleistungen der 50er und 60er Jahre - abreißen oder aus historischem Interesse erhalten?
  1. #1

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Nach dem Krieg entstand um Zuge des Wiederaufbaus eine Architektur, deren Stil bis heute für Kontroversen sorgt. "Schön" oder "Häßlich" sind ästhetische Begriffe, die stets vom Blick des Betrachters abhängen. Wie sehen Sie die zweifelhaften Bauleistungen der 50er und 60er Jahre - abreißen oder aus historischem Interesse erhalten?
    Soll Denkmalschutz ein repräsentarives GESAMTBILD der Baugeschichte erhalten, ist selbstverständlich auch die Prägung des Stadtbildes durch die Wiederaufbauzeit in zahlreichen Beispielen Erhaltungswürdig...
    Durch politisch gewollte und unter'm Deckmäntelchen der "Asbestentsorgung" bereits vorgenommene Vernichtung der Erinnerung an eine ganze Epoche (die zudem zeitlich deckungsgleich ist mit "den besten Jahren", die Otto Normalverbraucher erleben durfte, SIND stilreine Neubauten aus der Ära "Wir sind wieder wer" bis in die Zeit der ersten Großen Koalition bereits selten geworden...

    Das spöttisch als "Satteldachhundehütte" titulierte meist dreistückige Wohnhaus, wie es meist am Rande vieler wachsender Städte - und auf zuvor unerschlossenen Flächen - gebaut wurde (NICHT so häufig auf vormaligen Trümmergrundstücken) bot ein Wohnqualität, die seinerzeit dem Wunschtraum nach dem eigenen Häuschen im Grünen nahekam, jedoch erschwinglicher war, und meist sogar mehr Wohnfläche bot.
    Im Grunde war die Zentrumsentrückte Lage bis in die späten 1970er Jahre attraktiv, als schließlich die alten Patrizierthäuser und Jugendstil-Mietskasernen frischrenoviert als Objekt der Wertsteigerung entdeckt wurden...
  2. #2

    Ich kann nicht verhehlen, daß ich immer dazu tendiere, erhalten zu wollen, was nun einmal steht - und jahrzehntelang ein Ortsbild zu prägen vermochte.

    Daß zudem in der Architektur der Nachkriegs- und Wiederaufbauzeit Beispiele für die Kombination traditioneller Baumaterialien mit neueren, großzügigeren Gestaltungen des Wohnumfeldes vorhanden sind, in ihrer Statik nachvollziehbar und zudem dem Wunsch nach Privatsphäre gemäß ebenso klar gegliedert - zeigt diese oft geschmähte Architektur immerhin den geglückten Interessanausgleich zwischen individuellem und öffentlichem LEBENSGEFÜHL einer ganzen Epoche.

    Zynisch gesagt: Kein Wunder, daß unsere HEUTIGE Gesellschaft, dies am liebsten komplett auszuradieren wünschte...
  3. #3

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Nach dem Krieg entstand um Zuge des Wiederaufbaus eine Architektur, deren Stil bis heute für Kontroversen sorgt. "Schön" oder "Häßlich" sind ästhetische Begriffe, die stets vom Blick des Betrachters abhängen. Wie sehen Sie die zweifelhaften Bauleistungen der 50er und 60er Jahre - abreißen oder aus historischem Interesse erhalten?
    Hier in Hamburg sehe ich gerade, wie ein Geschäftshaus am Eppendorfer Baum, das aus den 50er Jahren stammt, an die Größe , Höhe und Beschaffenheit der sich anschließenden Jugendstilhäuser angeglichen wurde: Ein Stockwerk wurde aufgesetzt, die Fenster vergrößert, das Treppenhaus erneuert, die Fassade - wie ich annehme, auch unter wärmedämmenden Gesichtspunkten - über den roten Backstein aufgesetzt.

    Auch im Schlachthofviertel habe ich solche Erntkernungsmaßnahmen beobachtet. Dort allerdings blieb nur die Jhdt.-Wende-Fassade stehen, während in dem Fall des 50er-Jahre-Modells die Bausubstanz verbessert wurde.

    Also - ich habe nichts dagegen, wenn man das Kleinkarierte, Schlechtisolierte, Behelfsmäßige, das dem schnellen Nachkriegsbaustil notgedrungen anhaftet, etwas großzügig wändeeinreißend erweitert und lichtdurchdringend erhellt. Nur muß es ja Leute geben, die das finanzieren können.
  4. #4

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Nach dem Krieg entstand um Zuge des Wiederaufbaus eine Architektur, deren Stil bis heute für Kontroversen sorgt. "Schön" oder "Häßlich" sind ästhetische Begriffe, die stets vom Blick des Betrachters abhängen. Wie sehen Sie die zweifelhaften Bauleistungen der 50er und 60er Jahre - abreißen oder aus historischem Interesse erhalten?
    Allein aus ästhetischen Gesichtspunkten sollte man erstmal garnichts abreissen, was noch gut funktioniert und genutzt wird.
    Mir persönlich gefallen über jahrhunderte gewachsene Städte durchwirkt mit authentischen architektonischen Baustilen aller Epochen. Gerade das Spannungsfeld zwischen alt und neu belebt die Städte und fordert die Architekten zu integrativen Entwürfen auf, die respektvoll Bezug auf das Alte nehmen.
    Vereinheitlichung des Baustils auf den einer Epoche wird heuer zurecht abgelehnt. Vor allem totalitäre Regime haben diese Gleichmacherei in Stil und auch Gestaltung immer wieder versucht.
    Selbst bei Neuplanungen ganzer Stadtviertel auf der grünen Wiese wird schon im städtebaulichen Entwurf auf eine gestalterische Vielfalt wertgelegt. Das Quartier muss individuell sein und Raum für Identifikation durch die Bewohner bieten.

    Zurück zur Ausgangsfrage:
    Wenn die 50er und 60er Jahrebauten von der Substanz in Ordnung sind oder mit relativ geringem Aufwand saniert werden können spricht nichts gegen eine Erhaltung.
    Auch denkmalschutzwürdige Bauten, die dann auch mal etwas mehr kosten dürfen sind einige dabei.
  5. #5

    pauschal allers erhalten ist genauso falsch, wie alles zerstören

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Nach dem Krieg entstand um Zuge des Wiederaufbaus eine Architektur, deren Stil bis heute für Kontroversen sorgt. "Schön" oder "Häßlich" sind ästhetische Begriffe, die stets vom Blick des Betrachters abhängen. Wie sehen Sie die zweifelhaften Bauleistungen der 50er und 60er Jahre - abreißen oder aus historischem Interesse erhalten?
    Erst einmal sind sie zeitgenössisch und somit erhaltenswerte Geschichte.
    Das sollte jedoch nicht so weit gehen wie in der DDR, als nach der Wende jede alte schiefe Hundehütte von oberwichtigen selbsternannten Denkmalschützern nur des Alters wegen zum Denkmal erkärt wurde, stilistisch interessante erhaltenswerte Bauten der 60er Jahre jedoch als wertlos und unbedeutend weggerissen werden konnten.
    Das geht einfach zu weit.
    Also ausgewählte Objekte durchaus erhalten und den Rest Schrott ersetzen, wenn unbewohnbar.
    Das war in der Geschichte der Menschheit schon immer so.
    Warum soll sich das ändern.
  6. #6

    Genau da

    Zitat von I'm a Substitute Beitrag anzeigen
    ...Daß zudem in der Architektur der Nachkriegs- und Wiederaufbauzeit Beispiele für die Kombination traditioneller Baumaterialien mit neueren, großzügigeren Gestaltungen des Wohnumfeldes vorhanden sind, in ihrer Statik nachvollziehbar und zudem dem Wunsch nach Privatsphäre gemäß ebenso klar gegliedert - zeigt diese oft geschmähte Architektur immerhin den geglückten Interessanausgleich zwischen individuellem und öffentlichem LEBENSGEFÜHL einer ganzen Epoche....
    liegt vermutlich das Problem. Für diejenigen unter uns, welche diese Epoche selbst miterlebt haben (was für mich zugegebenermaßen nur ansatzweise gilt), ist sie häufig mit positiven Aspekten besetzt. Die Erfolge des Wiederaufbaus, die politischen Entwicklungen einer Ära, in der nationale Politik noch sehr schnell und direkt etwas bewirken konnte, dazu sicher auch private Erlebnisse.
    Leider hat die Architektur dieser Zeit, bei objektivem Blick, nur sehr wenige Qualitäten aufzuweisen. Wie schon an anderer Stelle bemerkt: Der Verzicht auf nahezu sämtliche Stilelemente bedingt noch keinen eigenen Baustil. Die baulichen Produkte der 50er und 60er Jahre waren oftmals eher einer gewissen Ängstlichkeit der Architektenschaft geschuldet. Diese bevorzugte, aufgrund der Ungewissheit der weiteren politischen Entwicklung, eine Art des Bauens, bei der keine Gefahr bestand, dass man sie später einmal irgend einer Aussage bezichtigen konnte. Aus Sicht der Architekten verständlich. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mussten viele ihrer Kollegen dafür büßen, dass ihre Werke nicht mehr den, oftmals autoritären, Regimen ihrer Herkunftsländer gefielen. Da ging man doch lieber erst mal auf Nummer sicher. Die Politik selbst haute damals in dieselbe Kerbe, indem sie gleich alle Baustile der vorigen 100 Jahre als böse brandmarkte und sie, als vermeidlich direkte Verknüpfung zu den Fehlentwicklungen dieser Zeit, zum Abschuß freigab ("Entstuckungsprämie").
    Der Mangel an Ressourcen, verbunden mit den dringenden Anforderungen an neue Wohn- bzw. Arbeitsflächen tat ein übriges.
    Bedauerlicherweise sind die Erfahrungen und Gefühle früherer Generationen mit diesen Gebäuden aber nicht transportierbar. Unsere Nachkommen werden deshalb mit Innenstädten leben müssen, deren äussere Anmutung dann nur noch dem entspricht, was sie wirklich sind und waren: Beispiele für die geistige und materielle Armut der Nachkriegszeit. Der Spott ihrer globalen Zeitgenossen wird zukünftigen Generationen deshalb sicher sein.
  7. #7

    Zitat von Rudolf_56 Beitrag anzeigen
    Das sollte jedoch nicht so weit gehen wie in der DDR, als nach der Wende jede alte schiefe Hundehütte von oberwichtigen selbsternannten Denkmalschützern nur des Alters wegen zum Denkmal erkärt wurde, stilistisch interessante erhaltenswerte Bauten der 60er Jahre jedoch als wertlos und unbedeutend weggerissen werden konnten.
    Auf dem Gebiet der "Neuen Bundesländer" ist noch keine "schiefe Hundehütte" als erhaltenswert engestuft worden, nur weil sie alt gewesen wäre.
    Gerade, wo die Spuren der Geschichte der DDR teils "behoben", teils "sichtbar gemacht" werden sollen, ist doch Denkmalschutz politisch instrumentalisiert worden, um ausschließlich Schlösser und (jahrzehntelang ungenutzte) Kirchen zu neuem Glanz zu verhelfen, was gleichzeitig auch der Tourismusförderung teilweise zugutekam...

    Bauten der 60er Jahre wären ja "eigene Leistung der DDR" gewesen, und mußten tagespolitischem Konformismus wegen als "asbestverseucht" schnellstens abgerissen werden, DAMIT keine Erinnerung mehr blieb -etwa an den "Palast der Republik", an dessen Stelle nun die Simulation eines Schlosses (ähnlich wie in Braunschweig, wo jenes pseudohistorische Gebäude als Fassade für eine Shopping-Mall fungiert) errichtet werden soll.
    Schöner Schein - ein bißchen vom Kulissenbau des Theaters oder der Zirkuswelt, ein bißchen Hüpfburg...

    Entsprechend verwirrt wird dann auch das Historische Bewußtsein der Städtebesucher...
  8. #8

    Zitat von takeo_ischi Beitrag anzeigen
    Zurück zur Ausgangsfrage:
    Wenn die 50er und 60er Jahrebauten von der Substanz in Ordnung sind oder mit relativ geringem Aufwand saniert werden können spricht nichts gegen eine Erhaltung.
    Auch denkmalschutzwürdige Bauten, die dann auch mal etwas mehr kosten dürfen sind einige dabei.
    ZU VIELES ist bereits gewichen, um neuen Investitionruinen Platz zu schaffen...
  9. #9

    Zitat von LJA Beitrag anzeigen
    Leider hat die Architektur dieser Zeit, bei objektivem Blick, nur sehr wenige Qualitäten aufzuweisen. Wie schon an anderer Stelle bemerkt: Der Verzicht auf nahezu sämtliche Stilelemente bedingt noch keinen eigenen Baustil.

    Bedauerlicherweise sind die Erfahrungen und Gefühle früherer Generationen mit diesen Gebäuden aber nicht transportierbar. Unsere Nachkommen werden deshalb mit Innenstädten leben müssen, deren äussere Anmutung dann nur noch dem entspricht, was sie wirklich sind und waren.
    Zunächst einmal gibt es keine Architektur, die generell auf "nahezu sämtlich Stilelemente" zu verzichten imstande wäre.
    Zweitens konnten Architekten, wo sie denn beauftragt wurden, neues zu schaffen, ihre nicht realisierten Pläne aus der Vor- und Zwischenkriegszeit, als "Reformarchitektur" gedacht - aber Heimatschutzstil gebaut wurde - endlich entstehen lassen.

    Vielleicht muß man auch noch unterscheiden zwischen den ersten Jahren, in denen notgedrungen "planlos" aus Trümmerbeton kleine Budenhäuser und ebenerdige Quader als "Behelfs"-Hüllen, als Werkstätten, Warenlager und Verkaufsräume entstanden, und den späten 50er Jahren, als die Städte längst wieder "ein Gesicht" entstehen lassen wollten - nein, anders als Sie's ausmalen, sind "die Innenstädte" keineswegs geist- oder phantasielose Ensembles einheitlicher oder gar zeitgleich entstandener Bauten, derer man sich zu schämen hätte... Noch die begrenzte Fläche der Stadtzentren sind in einem Zeitraum von ca. 20-25 Jahren GEWACHSEN - und ökonomisch war es naheliegend, wachsenden Platzbedarf und den Wunsch nach "geschlossener" Bauweise (= nahtlos zusammenstehender Großeinheiten des Konsums, der Verwaltung und sonstiger Arbeitsplätze) in Gestalt des Brutalismus kostengünstig und betont sachlich/zweckdienlich hochzuziehen.

    Daß jetzt die Postmoderne mit ihren Kinderzeichnungen entlehnten Ziergittern und "never-before-in-stone" gezeigten Bonbonfarben die Städte verunziert, was Laien offenbar entzückt, macht die Städte, WO Verkehrsführung, Bebauungsdichte und Raumplanung tatsächlich besserungsfähig wären, NICHT schöner. Aber selbst die Glas/Betonfassaden der 60er Jahren werden jetzt nachräglich mit solchem Zierrat nachgerüstet, um weniger alt zu wirken... (WENN wir schon hamburger Beispiele sammeln: In der "Ehrenbergstraße" ist einiges an Anscheinsmodernisierungen verwirklicht; richtig erschrecken ist die Gegend um Rödingsmarkt/Großer Burstah, wo alte Jugendstil-Kontorhäuser mit ihren übergroßen Fensteröffnungen entsprechend unversprosste Fenster eingebaut bekamen - und nun löchrig wie ein osteoporöser Knochen ihr Innenleben (ob Fitnesstudio, ob Buchhandlung, wo vormals die Filiale einer Kaffeerösterei die Pendler aus den umliegenden Büros beglückte) wie ein zoologisches Stallungsgebäude der Straße offenbaren...


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