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Soll die umstrittene Nachkriegsarchitektur abgerissen oder erhalten werden?

Nach dem Krieg entstand um Zuge des Wiederaufbaus eine Architektur, deren Stil bis heute für Kontroversen sorgt. "Schön" oder "Häßlich" sind ästhetische Begriffe, die stets vom Blick des Betrachters abhängen. Wie sehen Sie die zweifelhaften Bauleistungen der 50er und 60er Jahre - abreißen oder aus historischem Interesse erhalten?
  1. #10

    in Wort und Bild

    Zitat von takeo_ischi Beitrag anzeigen
    Allein aus ästhetischen Gesichtspunkten sollte man erstmal garnichts abreissen, was noch gut funktioniert und genutzt wird.
    Das ist leider sehr missverständlich. Ich habe es zuerst so verstanden, dass es ästhetische Gründe gibt, nichts abzureißen, was noch funktioniert. Was allerdings nicht logisch wäre.
    Dann habe ich langsam gemerkt, wie Sie es wahrscheinlich meinen: Man soll bei der Beurteilung die Ästhetik nicht über die Funktion stellen und nichts abreißen, nur weil es einem optisch nicht mehr gefällt.
    Zitat von takeo_ischi Beitrag anzeigen
    Vereinheitlichung des Baustils auf den einer Epoche wird heuer zurecht abgelehnt. Vor allem totalitäre Regime haben diese Gleichmacherei in Stil und auch Gestaltung immer wieder versucht.
    Sie selbst Architekt, gell? Die lieben nämlich solche Nominalsätze ;-)
    Zitat von takeo_ischi Beitrag anzeigen
    Das Quartier muss individuell sein und Raum für Identifikation durch die Bewohner bieten.
    Wie soll das bitteschön gehen? Heißt es nicht besser: Das Quartier sollte Raum für Individualität lassen, damit sich die Bewohner mit ihm identifizieren können?

    Zitat von takeo_ischi Beitrag anzeigen
    Wenn die 50er und 60er Jahrebauten von der Substanz in Ordnung sind oder mit relativ geringem Aufwand saniert werden können spricht nichts gegen eine Erhaltung.
    Mit dieser Einschränkung haben Sie das Todesurteil geschickt mit eingebaut. Denn mit 'relativ geringem Aufwand' lässt sich heute kein Haus mehr vorschriftsmäßig sanieren. Weder die Fassade (Energie, Abdichtung), noch das Innenleben (Heizung, Installationen).
  2. #11

    Barbaren und Bomber

    Zitat von Rudolf_56 Beitrag anzeigen
    Also ausgewählte Objekte durchaus erhalten und den Rest Schrott ersetzen, wenn unbewohnbar.
    Das war in der Geschichte der Menschheit schon immer so.
    Warum soll sich das ändern.
    Hart, aber herzlich formuliert. Ich bin noch quer durch flachgebombte Städte gelaufen und hatte den freien Blick auf ein paar Kirchenruinen und sowas. Kurz vor Ende des Krieges sinnlos zerstörte Kulturgeschichte. Aber vielleicht war das der Sinn: Die Geschichte ist eine Geschichte der Sieger, da müssen Zeugnisse, die die eigene Überlegenheit in Frage stellen, beseitigt werden. Die Naziarchitektur, die im Wesentlichen aus Protzbauten und Lagerbauten bestand, tat den Rest dazu: Protzbauten wollte und konnte man nicht mehr, Lagerbauten waren unverfänglich und außerdem 'konnte' man die. Der ganze schnelle Wiederaufbau orientierte sich an einfachsten Konstruktionen in Leichtbauweise mit teilweise schrottigem Pressmaterial aus Ruinenstaub.
    Einige Kunstwerke ('Kunst am Bau')der Zeit möchte ich ausdrücklich von Kritik ausnehmen: Sie zeigen den Geist der Epoche, der verzweifelt versuchte, zur Zivilisation zurückzukehren.
    Schon richtig, man muss versuchen, den 'Schrott' wie Sie sagen, zu verwerten, umzunutzen oder abzureißen, ohne die unglaubliche Leistung der Wiederaufbauer herab zu setzen.
    Wenn man die Bilder der zerstörten Städte und Brücken sieht (von tieffliegenden Bombern im Nachhinein fotografiert http://www.spiegel.de/international/...694779,00.html ), kann man sich nicht vorstellen, wie schnell das wieder hingebogen und zum Wirtschaftswunder durchgestartet wurde, das die Grundlage unseres heutigen Wohlstandes bildet. Im Vergleich zu heute, wo trotz massenhaften Maschineneinsatzes die kleinste Baustelle einige Jahre dauert - die ewige Planungs- und Genehmigungszeit nicht mitgerechnet - und alles auf Pump zu Lasten der Nachkommen finanziert wird.
    Also: Das Gute bewahren, die Lagerbaumeister (auch die modernen) ad acta legen und wieder anknüpfen an eine jahrhundertelange Kulturtradition und Berufsethik, die vor den Barbaren und Bombern das Bild der Städte bestimmt hat.
  3. #12

    Aufstieg aus Schutt und Schuld

    Ich wurde durch den obigen Reiztitel in dieses Forum geführt, weil ich seit meinen elf Jahren von katholischen Eltern und aus einer Familie abstammend, von denen niemand in der Partei war, gegen die Konstruktion einer deutschen Kollektivschuld bin - wie ich dies auch für alle anderen Völker annehme, in denen der Einzelne keinen Einfluss hat, und selbst dort, wo er Einfluss hätte und zu feige ist, sich gegen das Unrecht zu wehren, dass seine Regierung anderen Völkern gegenüber begeht um nicht als unbequemer Querulant zu gelten und seinen Job zu verlieren. Als ich im Auftrage meines Vaters die alte Freundin seiner Familie in einem Altersheim in Chicago aufsuchte, sagte sie mir, Hitler sei nur eine Episode gewesen. Man müsse sich an die grossen deutschen Klassiker erinnern. Ich möchte also den Spiegel, der in jüngster Zeit immer wieder nicht sehr "pingelig" im Umgang mit Begriffen wie Schuld ist - sie kann jeweils nur die des Einzelnen sein, dass keinem Land eine Kollektivschuld angelastet werden kann, wohl aber einzelnen Personen, die in verschiedenen Ländern ihre Macht missbrauchen um sich zu bereichern, Hass zu schüren, Kriege anzuzetteln oder Terrorismus zu verbreiten. Warum übrigens der Titel des Forums sich mit der deutschen Nachkriegsarchitektur befasst, während der Einstieg über den weit provokanteren Titel läuft ist mir unklar.
  4. #13

    Paläste fürs Volk

    Warum gleich abreißen? Der Diskurs über Architektur ist so alt wie die Architektur selber. Auch über die "Neue Sachlichkeit" wurde ewig dikutiert und ein Glück für den Bauhausstil, dass er so gut in den momentanen Zeitgeist passt. Wir sollten uns lieber Gedanken darüber machen, wie heute gebaut wird. Meines Erachtens teilweise ziemlich einfallslos. Da sind mir die "Paläste fürs Volk" auf der Frankfurter Allee in Berlin oder auf der Wilsdruffer Straße/Ecke Altmarkt in Dresden viel lieber.
  5. #14

    Definition bitte

    [QUOTE=LJA;551338
    Bedauerlicherweise sind die Erfahrungen und Gefühle früherer Generationen mit diesen Gebäuden aber nicht transportierbar. Unsere Nachkommen werden deshalb mit Innenstädten leben müssen, deren äussere Anmutung dann nur noch dem entspricht, was sie wirklich sind und waren: Beispiele für die geistige und materielle Armut der Nachkriegszeit. Der Spott ihrer globalen Zeitgenossen wird zukünftigen Generationen deshalb sicher sein.[/QUOTE]

    Sie haben ja definiert, was Sie wohl mit "geistiger Armut" in der Architektur meinen. Da kann man zustimmen oder auch nicht - die Definition sit jedenfalls da.

    Aber wie diefiniren Sie in Ihrem Satz: "Beispiele für die geistige und materielle Armut der Nachkriegszeit" diese geistige Armut?
  6. #15

    Es ist wohl

    Zitat von alte unke Beitrag anzeigen
    Sie haben ja definiert, was Sie wohl mit "geistiger Armut" in der Architektur meinen. Da kann man zustimmen oder auch nicht - die Definition sit jedenfalls da.

    Aber wie diefiniren Sie in Ihrem Satz: "Beispiele für die geistige und materielle Armut der Nachkriegszeit" diese geistige Armut?
    kein Geheimnis, dass man sich im West-Deutschland der direkten Nachkriegszeit, also ca. die 20 Jahre nach 1945, in der Öffentlichkeit so wenig wie möglich über politische Themen äussern wollte, wenn man denn kein entsprechendes Amt inne hatte. Die Bundesrepublik als ganzes war, eigentlich bis 1990, ein begrenzt souveränes Land, das eindeutig an der Seite der USA stand. Politische, aber auch modische, künstlerische oder wissenschaftliche Trends wurden oft von dort übernommen, häufig kritiklos. (Das wir uns nicht falsch verstehen, es gab zahlreiche gute Gründe dafür, das soll hier keine hochnäsige Kritik sein, es war halt so.) Aber auch eine wirkliche Aufarbeitung der Periode von 33-45 hatte noch nicht eingesetzt, diese begann erst Ende der 60er Jahre.
    Bis es dazu kam, war Deutschland ein strukturell ehr spiessig-kleinbürgerliches Land, in dem es sich mit Voranschreiten des "Wirtschaftswunders", für das viele Menschen ja auch hart arbeiten mussten, immer besser leben ließ, dass aber in weiten Teilen auch behäbig und selbstgenügsam in sich ruhte. In gewisser Weise kann man sagen, dass Langeweile Trumpf war. Nach den Erlebnissen einer brutalen Diktatur und eines Weltkrieges kann etwas Langeweile wohl auch durchaus wohltuend sein. Aber die Erde drehte sich weiter.
    Große Teile der Gesellschaft haben diese Haltung leider bis heute nicht überwunden. In einer zunehmend globalisierten Welt, wird sie jedoch immer mehr zum Hindernis.
  7. #16

    [QUOTE=I'm a Substitute;5513429]Auf dem Gebiet der "Neuen Bundesländer" ist noch keine "schiefe Hundehütte" als erhaltenswert engestuft worden, nur weil sie alt gewesen wäre.

    ]
    Es ist doch so.
    Z.B. in Halle an der Saale wurde jedes Haus Denkmal, das vor 1910 gebaut worden ist.
    Egal ob schöner Jugendstilbau oder stillose Kiste.
    Hauptsache alt.
    Das sind Tatsachen.
    Muss man nicht unbedingt verdrängen.
  8. #17

    abreissen!

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Nach dem Krieg entstand um Zuge des Wiederaufbaus eine Architektur, deren Stil bis heute für Kontroversen sorgt. "Schön" oder "Häßlich" sind ästhetische Begriffe, die stets vom Blick des Betrachters abhängen. Wie sehen Sie die zweifelhaften Bauleistungen der 50er und 60er Jahre - abreißen oder aus historischem Interesse erhalten?
    Die meisten dieser Bauten sind nicht nur hässlich, sie sind zusammengeschustertes Flickwerk, in Zeiten mit Raumnot und Geldnot schnell und billig hingestellt.
    Die eine oder andere Ausnahme kann man ja stehen lassen.
  9. #18

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Nach dem Krieg entstand um Zuge des Wiederaufbaus eine Architektur, deren Stil bis heute für Kontroversen sorgt. "Schön" oder "Häßlich" sind ästhetische Begriffe, die stets vom Blick des Betrachters abhängen. Wie sehen Sie die zweifelhaften Bauleistungen der 50er und 60er Jahre - abreißen oder aus historischem Interesse erhalten?
    Erhalten natürlich - Üble Architektur entstand erst Ende der Sechziger und,k mal abgesehen von Wohnhochhäusern, ist es heute noch immer nicht besser geworden.
  10. #19

    ich fände es schade...

    Zitat von Gunhild Simon Beitrag anzeigen
    Also - ich habe nichts dagegen, wenn man das Kleinkarierte, Schlechtisolierte, Behelfsmäßige, das dem schnellen Nachkriegsbaustil notgedrungen anhaftet, etwas großzügig wändeeinreißend erweitert und lichtdurchdringend erhellt. Nur muß es ja Leute geben, die das finanzieren können.
    Das sind Bauten der Fünfziger - sollte man die abreissen?


    http://www.flickr.com/photos/1400515...58630/sizes/l/

    http://www.aufbau-ffm.de/serie/Teil2...er/junior2.jpg

    dieses hier wurde bereits abgerissen, ist das nicht schade?

    http://farm1.static.flickr.com/109/2...2bd297f728.jpg








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