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Literatur - Was lohnt es noch zu lesen?

Bücher sind populär, über Bücher wird gestritten, manchmal werden Bücher noch verboten, sogar im Fernsehen erzielen Literatursendungen ("Lesen!") nach wie vor ansehnliche Quoten. Gute Zeiten für belletristische Literatur? Oder haben es literarische Texte heute schwerer denn je, inmitten der PR-Gewitter ihr Publikum zu finden? Gibt es noch die Lust auf den unbekannten Text oder ist gängige Literatur fast nur noch leicht verdauliche Häppchenware für Party-Smalltalk?
  1. #23770

    Zitat von Xircusmaximus Beitrag anzeigen
    Der Kritiker Burkhard Müller watscht die aktuelle deutschsprachige Gegenwartsliteratur in ihrer Gesamtheit missmutig ab.
    Es steht tatsächlich nicht zum Besten mit der Gegenwartsliteratur; man schreibt leicht zu Drehbüchern adaptierbare Romane über Familien, die jeweils in bewegter Zeit auch wirklich ALLES erleben, was man aus heutiger Sicht als "zeittypisch" erachtet - das nennt sich dann "historischer Roman" oder "Zeitgeschichte".
    Nur konsequent ist also, dass den Deutschen Buchpreis der Roman "Landgericht" von Ursula Krechel erhalten hat. Eine kompetente Besprechung des Romans findet man in der Zeitschrift "Glanz und Elend".
  2. #23771

    Zitat von Hawkeye 1 Beitrag anzeigen
    Wieso ist, und woran machen Sie fest, daß Thomas Mann total überbewertet ist? Ein paar Argumente wirken da recht nett....
    Das Nobelpreiskomitee selbst war ja gar nicht so überzeugt von seinen literarischen Qualitäten - und scheint ihm den Preis praktisch "mangels Konkurrenz" zuerkannt zu haben...
  3. #23772

    Was wird heutzutage nicht überbewertet?

    Zitat von Montanabear Beitrag anzeigen
    Jo, ich finde z.B. , dass Thomas Mann recht ueberbewertet wird.
    Immer wieder stößt man - nicht nur in Foren - auf diese Feststellung. Möglicherweise wird auch das Leben angesichts seiner Kürze überbewertet oder die Gravitation, die sich im Universum auf wenige Schwarze Löcher konzentriert und sonst nur in unwesentlichen Ausprägungen anzutreffen ist.

    Vielleicht wird vor allem die Formulierung "... wird überbewertet" selbst überbewertet, was ihren inflationären Gebrauch erklären würde. Überstrapazierte Redewendungen offenbaren zumeist eine gewisse Denkfaulheit, die sich hinter einer Fassade tiefster Einsichten zu verbergen versteht. Dafür ist der Überbewertungssatz geradezu ideal. Man kann ihn in Gesellschaft anbringen, um einen akustischen Geräuschpegel aufrechtzuerhalten, der immer noch den phonetischen Eindruck eines Gespräches vermittelt, oder man zitiert ihn, wie hier, in eingeschläferten Foren, um eine mentale Restaktivität zu simulieren.

    Rührende, teilweise auch (selbst?)ironische Dokumente gut gemeinter Hilflosigkeit - aber hilfreich?
    Vielleicht!
  4. #23773

    Thomas Mann oder Ursula Krechel?

    Zitat von Ion Beitrag anzeigen
    Es lohnt sich auf jeden Fall die Klassiche Literatur zu lesen.


    Mit den turnusmäßigen Buchpreisen hat es eine irreführende Bewandtnis: Irgendjemand muss ihn schließlich bekommen. Damit will ich nicht sagen, dass Ursula Krechel ihn nicht verdient hätte, aber der Deutsche Buchpreis wird, wie auch der Nobelpreis, jährlich verliehen und oft genug findet man unter den Preisträgern auch die berüchtigten Verlegenheitslösungen. Aber auch so erfüllt ein Preis zumindest seine wichtigste Aufgabe, die Kulturinteressierten auf ein Werk zu konzentrieren, damit der Partysmalltalk nicht gleich nach der Frage "Wie finden Sie "Landgericht" von Ursula Krechel?" zum Erliegen kommt.
    Dass Frau Krechel nun "die verlorenen Erinnerungen der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit" hervorholt, wie die Zeit meint, darf bezweifelt werden, denn diesem Kapitel unserer jüngsten Geschichte haben sich eine Menge, um nicht zu sagen, die Mehrzahl deutschsprachiger Schriftsteller bereits angenommen. Aber sie beschreibt die Geschichte einer erfolgreichen gesellschaftspolitischen Restauration in der Verquickung mit dem scheiternden Versuch einer persönlichen Restaurierung. Das ist in der Tat ein neuer, ambivalenter Blick auf die posttraumatischen Mechanismen der Nachkriegsära.

    Soweit so gut und wen dies interessiert, der wird fündig. (Man kann Schriftstellern (wie auch Historikern) übrigens schlecht vorwerfen, dass sie sich ausschließlich und immerzu mit der Vergangenheit beschäftigen: dies ist der Boden, auf dem die Saat der Literatur aufgeht.)

    Nicht fündig wird derjenige Leser, der über das Thema hinaus am Umgang und an der Verwendung der deutschen Sprache interessiert ist. Nimmt man vergleichsweise den "überbewerteten" Thomas Mann (was zugegebenermaßen unfair ist), dann erscheint mir Frau Krechels Stil als aufgedreht, übertrieben und unpräzise, eher ambitioniert als befähigt. (Habe länger nach einer mitgliedsfreien Leseprobe aus "Landgericht" gesucht: http://www.goethe.de/mmo/priv/9853963-STANDARD.pdf)

    Da ärgere ich mich nicht nur über die "Backenknochen", es scheint, als wolle die Autorin mit nervösen Aufzählungen von Nebensächlichkeiten literarische Potenz vermitteln. Als Kontrasterlebnis möchte ich das erste Kapitel aus Manns "Zauberberg" dagegenstellen: Auch hier geht es um Reise, Bahnhöfe und Fuhrwerke und um "Ankunft": http://awah.at/book/Mann,%20Thomas%2...Zauberberg.pdf

    Wen(n) es interessiert: bitte gerne widersprechen!
  5. #23774

    Zitat von Jörn Bünning Beitrag anzeigen
    ...Wen(n) es interessiert: bitte gerne widersprechen!
    Wie könnte man? Ich hab die überflüssigen Adjektive bei dem Text von Ursula Krechel nicht gezählt, dazu bin ich zu faul.
    Jedenfalls danke dafür, daß Du mir die Denkarbeit abgenommen hast, wieder ein Buch das ich nicht kaufen brauche und nicht lesen muß.

    Hatte gleich den Verdacht, nach dem Lesen des ersten Zeitungskommentars, daß es sich um eine Zeitgeist-Entscheidung handelt und es weniger um Literatur geht.
    Leider kann ich mich im Moment nur mit einem englischsprachigen Tipp revanchieren:

    Howard Jacobson, "Whatever It Is, I don't Like It", eine Sammlung seiner in den Jahren ab 1998 erschienen Kolumnen. Selbst wenn ich zuvor nichts von Jacobson gelesen hätte - was ich aber habe -, allein der Titel, ein Zitat der Marx Brothers aus "ANight in the Opera" hätte mich überzeugt, ist er doch fast mein Lebensmotto. ;-)

    Whatever It Is, I Don't Like It by Howard Jacobson

    "The Finkler Question" vom selben Autor gibt es inzwischen in deutscher Übersetzung (für die ich nicht garantieren kann) und ich lege diese Buch jedem ans Herz, der intelligente Texte und jüdischen Humor liebt und am aktuellen Dilemma, das Juden in aller Welt mit ihrer Identität und mit der Politik Israels haben, interessiert ist.
  6. #23775

    I like this

    Zitat von Marbot Beitrag anzeigen
    [...]Leider kann ich mich im Moment nur mit einem englischsprachigen Tipp revanchieren:

    Howard Jacobson, "Whatever It Is, I don't Like It", eine Sammlung seiner in den Jahren ab 1998 erschienen Kolumnen. Selbst wenn ich zuvor nichts von Jacobson gelesen hätte - was ich aber habe -, allein der Titel, ein Zitat der Marx Brothers aus "ANight in the Opera" hätte mich überzeugt, ist er doch fast mein Lebensmotto. ;-)

    Whatever It Is, I Don't Like It by Howard Jacobson

    "The Finkler Question" vom selben Autor gibt es inzwischen in deutscher Übersetzung (für die ich nicht garantieren kann) und ich lege diese Buch jedem ans Herz, der intelligente Texte und jüdischen Humor liebt und am aktuellen Dilemma, das Juden in aller Welt mit ihrer Identität und mit der Politik Israels haben, interessiert ist.
    Oh, danke für Deine zügige Replik mit dem humorvollen Tipp!
    Es muss ja auch nicht immer alles teutsch sein, was man/frau liest! Auf dem Gebiet des tiefgründigen Humors sind wir Deutschen ja noch nicht besonders weit vorgedrungen. Da werde ich auch gleich zum "Rassisten" und bescheinige den Juden einen epochalen Vorsprung. Wahrscheinlich gedeiht diese Art des Humors nur auf Böden, die jahrhundertelang vom Schmerz durchtränkt wurden.

    Dabei klingt der Kernsatz "Whatever it is, I don't like it" recht nach meinem Lebensmotto: "Ich bin dagegen!" Wer alt wird und nicht grantelt, der verpasst etwas.

    Hier im SpOn bemüht sich ja Frau Sybille, diese Nische zu besetzen. Doch wogegen die Berg-Ziege auch meckert: Es ist garantiert bitterernst und geeignet für Humorallergiker. Ich bezweifle, dass die Deutschen dieses Defizit noch aufholen können. Vielleicht ist es auch besser so, denn dazu müssten wir wohl eher am Galgen enden, als welche aufzurichten.

    Lacht keiner? Wusst' ich's doch!
  7. #23776

    Ergänzung

    Zu den letzten Beiträgen noch eine sinnvolle Ergänzung von R. Ranicki: "Sind die Klassiker die besseren Bücher?"
  8. #23777

    Zitat von Jörn Bünning Beitrag anzeigen
    ... Wer alt wird und nicht grantelt, der verpasst etwas.

    ...
    Das Alter, oder zumindest das Erwachsensein hat aber auch noch andere Vorzüge:
    Gleich in der ersten Geschichte des von mir empfohlenen Buches "Whatever It Is, I Don't Like It" beschreibt Jacobson ein Spektakel, das im Mai 2006 in der Londoner City veranstaltet wurde und wofür man einen Teil der Straßen für den Verkehr gesperrt hatte:

    The Sultan's Elephant - Wikipedia, the free encyclopedia

    Ein riesiger mechanischer Elephant, von innen bewegt und gelenkt, der unter anderem auch die kreischenden und begeisterten Zuschauer mit seinem Rüssel naß spritzte.
    Jacobson beobachtet seine eigenen Reaktionen und die der kleinen und großen Zuschauer und kommt zu dem Schluß, daß eigentlich nur Erwachsene so etwas richtig genießen können: Ein märchenhaftes Riesenspielzeug in seiner ganzen Absurdität. Für kleine Kinder, so meint er, ist das noch nichts Besonderes, erst als Erwachsener weiß man den Luxus eines eigentlich überflüssigen Spielzeugs und das Wunderbare einer solchen Ausnahme-Märcheninszenierungen wirklich zu schätzen.
    Was schließen wir daraus: Ein Besuch im Disneyland mit den Kindern ist eigentlich Geldverschwendung. Aber wahrscheinlich nehmen die meisten Erwachsenen sie ohnehin nur als Alibi mit. ;-)
  9. #23778

    Zitat von Jörn Bünning Beitrag anzeigen

    Wen(n) es interessiert: bitte gerne widersprechen!
    Ich lese schon lange keine zeitgenössischen Romane mehr, da ich immer wieder enttäuscht wurde. Außerdem verschieben sich die Interessenlagen im Alter erheblich. Beispiel: Habe in der Jugend mit Begeisterung Tolstoi „Krieg und Frieden“ gelesen. Heute interessieren mich mehr die Fakten im Detail, wie das Buch „1812“ von Adam Zamoyski. Oder Goethe, hier zum Beispiel das Buch von Theda Rehbock „Goethe und die Rettung der Phänomene“. (Philosophische Kritik des naturwissenschaftlichen Weltbilds am Beispiel der Farbenlehre.) Diese Problematik hat zeitlebens Goethe mehr beschäftigt, wie seine allgemein bekannten Dichtungen. Die philosophische Problematik reicht bis in die aktuelle Physik hinein. (Quantentheorie) Sachbücher dominieren deshalb, weil sie primär die Sache im Auge behalten. Natürlich gehört zu der Ratio immer auch Empathie und Phantasie, besser vielleicht Intuition und ein erweitertes Vorstellungsvermögen. Diese Symbiosen sind nicht zu trennen, so wie ein Klassiker von einem Sachbuch immer weniger zu trennen ist. Wo verortet man ein Buch von Roger Willemsen „Momentum“? (Habe übrigens von dem Buch mehr erwartet, bin also eher enttäuscht.) Oder lese gerade Christian Thielmann „Mein Leben mit Wagner“, also eher sachorientiert, wobei der emotionale Aspekt und Phantasie ebenso einen hohen Stellenwert haben. (Wie könnte es in der Musik anders sein!) Bringt für mich erheblich mehr, wie die unzähligen billigen Romane, besonders wenn es um Tiefe und Verständnis geht.
    Ergo, müßig darüber zu debattieren, was wertvoll ist. Der Anspruch von Wert oder einer Wertigkeit liegt zunächst in jedem selbst begründet , wobei die Prioritäten sich im Laufe des Lebens auch ändern bzw. verschieben können.
  10. #23779

    Zitat von _oasis_ Beitrag anzeigen
    Besten Dank im Voraus für Anregungen
    Bevor noch jemand hier im tosenden Hilfsbereitschaftssturm untergeht, hier zur Info:
    Habe mich anstelle von Literatur (ein Buch reicht völlig als Geschenkbeigabe) für das Minderheitenquartett entschieden.

    Danke für die Inspiration! :)


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