Zitat von
bananencharlie
Das Lesen scheint mir zu einem Statussymbol verkommen zu sein. Will man seinen materiellen Reichtum zur Schau stellen, lohnt sich ein BMW, will man seinen Intellekt veräußern, lohnt sich das Halten eines dieser vielen Reclam-Bücher. Zum Einen erkennt man sie schon aus der Ferne, zum Anderen weiß der Bildungsbürger, dass ein Blick hinein nicht verkehrt sein kann. Doch ist das Halten eines Buch, das weiß man doch, ein zu oberflächlicher Akt, um sich und andere vom eigenen Intellekt zu überzeugen. Der Inhalt sollte schon verinnerlicht werden. „Er macht dies, sie macht das, dann knallts. Ein einzigartiger Stil.“ Doch was sollte ich lesen? Man ließt dafür das Feuilleton, da sind Profis am Werk, die was davon verstehen. Oder man nimmt Leute aus dem Umfeld, die was drauf haben, und erhorcht einen Lesetipp. So spricht sich das dann rum und, oh Wunder, auf der nächsten Party hat man tatsächlich ein gutes Gespräch übers zuletzt gelesene Buch. Auf der einen Seite wissen wir nun voneinander, dass wir uns auf gleicher Wellenlänge befinden, auf der anderen Seite weiß nun jeder für sich, daß er/sie Teil der hochkulturellen Bewegung ist.
Doch hat das Lesen nicht eine viel wichtigere Funktion als eine soziale? Die Funktion, die mir da vorschwebt, ist eigentlich dieselbe, die das Schreiben für den Schriftsteller hat: seiner eigenen Welt näherzukommen, sich selbst auf das, was ist, zu beziehen. Dies macht man, schreitet man bewusst durch die Welt, nicht nur beim Lesen. In jedem Atemzug, in jeder kleinen Sequenz zeigt sich eine Einzigartigkeit, die uns die Welt zu einem faszinierenden oder beängstigenden oder erheiternden oder verhasste Rätsel werden lässt. Der Blick in die Kunst lässt uns einen Blick in die Welt einer anderen Seele schauen. So finden wir vielleicht etwas, das es sonst für uns nicht gab. Und doch ist der Blick durch die Augen eines anderen immer noch mein Blick, meine Welt. Den unendlichen Reichtum dieser Welt einfach nur zu befeiern, führt bei mir zu Unbehagen. Ist sie doch, schaut man genau hin, nicht einfach Unterhaltung. Sie ist unfassbar und das macht Angst. Darum teilen wir unsere Erfahrungen, um nicht alleine mit ihnen dazustehen. Dies ist gerechtfertigt, ist doch der Mensch so sensibel. Und schon haben wir einen beachteten Literaturkanon. Und dennoch sind wir mit unser Welt allein.
Warum sorgen wir uns um nicht auffindbare Prachtwerke? Warum fragen wir danach, was wir lesen sollten oder geben anderen diesbezügliche Ratschläge? Was haben wir Angst zu verlieren? Ist die Welt denn nicht genug?