Kümmern sich die Unternehmen genug um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter?

Der Job macht viele Menschen fertig - Stress, Überstunden, kurze Pausen verlangen immer mehr Anstrengungen von den Arbeitnehmern. Burnout ist inzwischen kein exotisches Phänomen mehr in deutschen Betrieben, sondern häufige Diagnose bei Krankheit. Kümmern sich die Unternehmen ausreichend um die Gesundheit ihres Personals?
  1. #230

    Nur die halbe Wahrheit in SPIEGEL und FOCUS

    Wie und ob sich Unternehmen um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter kümmern, ist ja heute ein Dauerthema. Im SPIEGEL gab es dazu in diesem Jahr bisher gleich zwei Titelseiten.

    Im FOCUS war “Die Burn-out-Gesellschaft” Titelthema im März 2010. Leider erzählen die Artikel beider Wochenmagazine wiederholt nur die halbe Wahrheit. Zum FOCUS-Artikel gab es einen Brief der IG-Metall, der (nach meiner Kenntnis) aber im FOCUS nicht veröffentlicht wurde: http://blog.psybel.de/focus-widmet-d...t-keine-silbe/

    Sicherlich sind weder SPIEGEL noch FOCUS Gewerkschaftszeitungen. Aber sie sollten auch keine Magazine zur Selbstdarstellung der Gesundheitsmanager der Unternehmen sein.
  2. #231

    Sie beschreiben leider den Normalfall

    Zitat von Johann61 Beitrag anzeigen
    Zitat von psybel Beitrag anzeigen
    Da nannte ich ja schon die Alternative: Ein persönliches Gespräch z.B. mit Fachleuten von der Berufsgenossenschaft und/oder von der Gewerbeaufsicht.
    Die Leute von der Berufsgenossenschaft und der Gewerbeaufsicht kommen bei uns maximal einmal im Jahr und dann meist angekündigt, werden von den Chefs durch den exra für den angekündigten Besuch hochglanzpolierten und gut vorbereiteten Betrieb geführt. Ein paar inszenierte Gespräche mit meist ausgewählten Beschäftigten, die wissen, was sie zu sagen haben, das wars dann.
    Warum sollte sich jemand, der tatsächlich Probleme hat, einem Verbandsvertreter anvertrauen, der eine solche Beamtenmentalität bei seinen wenigen Besuchen an den Tag legt und von dem er den Eindruck bekommen muss, er wolle nur wieder mal kostenlos die kulinarischen Kostbarkeiten, die ihm der Gastgeber anbietet, genießen?
    Ja, Ihre Beobachtung beschreibt wohl leider den Normalfall. Trotzdem empfehle ich sowohl Unternehmern wie auch Arbeitnehmervertretern das Gepräch mit den Berufsgenossenschaften und den Gewerbeaufsichten. (Einzelne Mitarbeiter können das nur unter bestimmten Bedingungen tun.) Nur so wird der Normalfall zur Ausnahme. Oder haben wir uns schon daran gewöhnt, dass Schutzgesetze nur auf dem Papier stehen? Wären wir nicht selbst daran schuld, wenn diese Chinesischen Verhältnisse (ich hatte 18 Monate dort gearbeitet) auch bei uns zum Normalfall werden?

    Mir ist klar, dass die momentane Situation nicht gut ist. Diese von Ihnen geschilderte Art von Besuchen der Aufsicht bei Unternehmen muss aber nicht sein. Wenn die Aufsichtsorgane ihre Arbeit täten, dann würden heute die Mehrheit der Unternehmer nicht mehr die Regeln des ganzheitlichen Arbeitsschutzes so offen missachten können, wie sie das seit 1996 tun. Wichtig: Die Aufsichtler an der Front werden von ihren (politischen) Führungen wohl nicht gerade motiviert, ihre Arbeit gründlich zu tun.

    Aber ohne die Aufsichtler nicht immer und immer wieder beharrlich zu fordern, läuft hier nichts. Sie wollen genauer prüfen, als sie dürfen. Auf einer Tagung sagte mir einmal eine Gewerbeaufsichtlerin, sie dürfe bei einem Unternehmen erst aktiv werden, wenn es dort zuginge, wie bei France Télécom. Vielleicht hilft es der Gewerbeaufsicht und der Berufsgenossenschaft sogar, wenn Arbeitnehmervertreter sie beharrlicher fordern würden?

    Viele Betriebsräte geben hier zu schnell auf und müssen sich erst noch Kompetenz aneignen (http://blog.psybel.de/kompetenz-von-...rvertretungen/). Die Mitarbeiter sollten sich selbst einmal genauer über den Arbeitsschutz informieren und dann den Arbeitnehmervertretern (wenn sie diese anständig wählen konnten) kräftig in den Hintern treten. Im Arbeitsschutz haben Arbeitnehmervertreter nicht nur das Recht zur Mitbestimmung, sondern die Pflicht! Sie haben da auch viele Möglichkeiten, nur müssen sie diese kennen.

    Hier müssen sehr dicke Bretter gebohrt werden. Kompetenz, hohe Frustrationstoleranz und Beharrlichkeit sind hier die Schlüssel zum Erfolg. Es geht ja im Grund um die Veränderung ganzer Unternehmenskulturen und Führungsmethoden (die mit psychischem Druck operierten). Das ist ein hartes Geschäft. Aber es gibt genügend viele gute Betriebsräte und Personalräte, die gezeigt hatten und weiterhin zeigen, dass das geht. Mit diesem Wissen könnten die nächsten Besuche von Aufsichtspersonen in Ihrem Betrieb etwas interessanter gestaltet werden.
  3. #232

    Zitat von psybel Beitrag anzeigen
    Mir ist klar, dass die momentane Situation nicht gut ist. Diese von Ihnen geschilderte Art von Besuchen der Aufsicht bei Unternehmen muss aber nicht sein.
    Sie dürfen nicht vergessen, dass auch diese Leute ganz normale Menschen sind. Warum sollten sie sich anders verhalten? Da würde für sie selbst doch mehr Arbeit bedeuten? Was nach meiner Erfahrung vor allem in größeren Unternehmen gerne gemacht wird, ist, dass man diesen Aufsehern ausgewählte Mitarbeiter präsentiert, welche nach langer Betriebszugehörigkeit gleich nach Beginn der Unkündbarkeit zufälligerweise die Lust am Arbeiten verloren haben und sich seither häufig krank melden. Die wissen sich zumeist sehr gut als Burnout-Opfer oder, was immer gerade gefragt ist, zu verkaufen. Die Betriebe hegen damit die Hoffnung, dass die entsprechenden Besucher ein wenig Einfluss auf eine vorzeitge Zurruhhesetzung nehmen können, möglichst ohne allzu hohe Einkommensverluste für den Beschäftigten. Dann sind alle Seiten zufrieden, die Aufseher haben ein paar Fälle, um die Kosten der Geschäftsreise bei ihrem eigenen Chef zu rechtfertigen, das Unternehmen ist eventuell einen nicht mehr leistungsbereiten Mitarbeiter los und der Mitarbeiter kann morgens ausschlafen, ohne jedesmal zum Arzt gehen zu müssen.
  4. #233

    Lieber SPIEGEL, bitte bei der nächsten Reportage besser recherchieren!

    Zitat von Johann61 Beitrag anzeigen
    Sie dürfen nicht vergessen, dass auch diese Leute ganz normale Menschen sind. Warum sollten sie sich anders verhalten? Da würde für sie selbst doch mehr Arbeit bedeuten? Was nach meiner Erfahrung vor allem in größeren Unternehmen gerne gemacht wird, ist, dass man diesen Aufsehern ausgewählte Mitarbeiter präsentiert, welche nach langer Betriebszugehörigkeit gleich nach Beginn der Unkündbarkeit zufälligerweise die Lust am Arbeiten verloren haben und sich seither häufig krank melden. Die wissen sich zumeist sehr gut als Burnout-Opfer oder, was immer gerade gefragt ist, zu verkaufen. Die Betriebe hegen damit die Hoffnung, dass die entsprechenden Besucher ein wenig Einfluss auf eine vorzeitge Zurruhhesetzung nehmen können, möglichst ohne allzu hohe Einkommensverluste für den Beschäftigten. Dann sind alle Seiten zufrieden, die Aufseher haben ein paar Fälle, um die Kosten der Geschäftsreise bei ihrem eigenen Chef zu rechtfertigen, das Unternehmen ist eventuell einen nicht mehr leistungsbereiten Mitarbeiter los und der Mitarbeiter kann morgens ausschlafen, ohne jedesmal zum Arzt gehen zu müssen.
    Ich versuche, die Situation anscheinend etwas diplomatischer zu beschreiben, als Sie das tun. Ich möchte auf die Aufsichtler nicht allzusehr eindreschen, denn die haben keine einfache Arbeit. (Denken sie an die in Hessen weggemobbten Steuerfahnder, die doch nur ihre Arbeit ordentlich machen wollten.) Ich lasse (auch wegen Urlaubs...) Ihre gute Antwort ansonsten mal unkommentiert, auch wenn sie für mich gut nachvollziehbar ist. Aber der SPIEGEL sollte auch angesichts Ihres Kommentars wirklich mal merken, dass er bei diesem Thema noch kräftig nachrecherchieren muss, wenn er sich ihm wieder einmal widmen sollte (was nötig wäre).
  5. #234

    Zitat von psybel Beitrag anzeigen
    Ich versuche, die Situation anscheinend etwas diplomatischer zu beschreiben, als Sie das tun. .
    Ich versuche nur deutlich zu machen, welche Schwächen Ihre bisherigen Vorschläge und Hinweise in der gelebten Praxis haben. Organisationen wie die Berufsgenossenschaften sind im Alltag zu weit weg von der betrieblichen Wirklichkeit, von den dort agierenden Menschen, um ein konkretes, einigermaßen objektives Bild zu haben. Und wie es überall so ist, ...sowohl diese Organisationen, wie auch die Unternehmen sind nicht etwas Abstraktes, welche von einer abstrakten Führung oder Macht geleitet werden, es sind im Gegenteil immer konkrete Menschen, welche sich richtig oder falsch verhalten. Bereits die Verwendung des Begriffs „Arbeitgeber“ führt hier in die Irre, weil sie ein personifiziert kaum zu fassendes Abstraktum suggeriert. In mittleren und größeren Unternehmen sind es überwiegend selbst Arbeitnehmer, welche agieren, nur halt in Arbeitgeberfunktionen. Wenn aber schon in solchen Unternehmen Betriebsbesichtigungen der von ihnen genannten Organisationen von den Beschäftigten als bürokratische Farce erlebt werden, wie soll man da in kleinen Personengesellschaften, wo es noch den konkreten Arbeitgeber als Person gibt, etwas bewegen wollen? Es gibt in unserem Land ja eine Vielzahl von staatlichen und halbstaatlichen Organisationen, welche irgendeine Form der Aufsichtsaufgabe haben. Beispiel: Externe Datenschutz- oder Gleichstellungsbeauftragte usw. Diese Organisationen haben viel zu viel Fett angesetzt, ohne auch nur annähernd ihren eigentlichen Aufgaben nachzukommen. Unseren regionalen Datenschutzbeauftragten habe ich das letzte mal vor 10 Jahren gesehen, als er in anderer Funktion noch ein Kollege von mir war. Der bereitet sich nach eigenen Angaben längst auf seinen Ruhestand in 10 Jahren vor. Da er inzwischen einen unkündbaren Job hat, sagt er, wenn ihm jemand blöd kommt, dann flüchte er sich halt in die Krankheit. Die Gleichstellungsbeauftragte beharrte vor Jahren auf einen ausreichend großen Büroraum für sich selbst in unserer Firma, was dazu führt, dass 4 andere Beschäftigte in ein 2-Mann-Büro ziehen mussten, mangels Platz, und das nur für 1 Bürotag in der Woche, welche die Dame hier ist, weil an diesem Wochentag unsere Kantine das Essen anbietet, das der Dame am besten schmeckt. Der Ruf solcher Leute ist vor Ort zurecht nicht der schmeichelhafteste.
  6. #235

    Nicht "hat", sondern "könnte haben"!

    Zitat von Bergaubraune Beitrag anzeigen
    ... Jeder heutige PC hat Internet. ...
    Nur weil Sie sich etwas nicht vorstellen können heißt das nicht, dass es nicht so ist. Ich kenne die beschriebene Situation von einem guten Bekannten her, der ebenfalls im Büro als Staubfänger fungierte, vor einem PC, der KEINEN Internetzugang hatte, weil der nur für die oberen Chargen frei geschaltet war.
    Da er ein Einzelbüro ("Sterbezimmer" finde ich einen treffenden Ausdruck) hatte, konnte er wenigstens mal abschließen und sich einen runterholen... ;-)
  7. #236

    Warum nur?

    Zitat von redhead72 Beitrag anzeigen
    Was ich mich frage? Warum tut sich dieser Beamte seine "Unterforderung" überhaupt so lange an? Wieso quittiert er nicht einfach seinen Dienst? Offenbar macht er das nicht, weil er eben DOCH auf seinen Beamten-Sold (und die Unkündbarkeit) nicht verzichten möchte. ...
    Kluge Vorschläge machen ist gar nicht schwer. Wie wär's?
    Betätigen Sie sich ehrenamtlich, statt für Geld zu arbeiten, macht unheimlich zufrieden, so altruistisch zu sein.
    Verzichten Sie auf Sex, Ihr Schlaf wird es Ihnen danken, und Beziehungsstress hat man ohne Frauen auch bedeutend weniger.
    Und bleiben Sie doch in Zukunft im Urlaub daheim, schont prima die Umwelt.
    Jaja, Sie wollen nicht auf Geld, Frauen und Reisen verzichten, dachte ich mir...
  8. #237

    Vollkasko-Mentalität ablegen

    Wir geben allzu bereitwillig unsere Eigenverantwortung aus der Hand, schieben den Schwarzen Peter anderen zu, um uns in das bequeme deutsche Vollkasko-Sofa plumpsen zu lassen. Dabei sollten wir erst versuchen, den Hintern selbst hochzubekommen. Wenn dann noch der Arbeitgeber präventiv oder unterstützend aktiv wird, umso besser!

    Ein selbstbestimmtes Leben kann anders aussehen und mit allem beginnen, auch mit einem Auszug aus einer Hamburger Wohnung an der Elbe in einen winzigen Camper. Mit diesem reisten mein zuvor am Burn-out erkrankter Partner und ich in zweieinhalb Jahren von Alaska bis Feuerland. Leseproben, die unsere Erfahrungen mit einem Burn-out und der Reise beschreiben unter http://www.freigelassen.com/Buch/Les...Leseprobe.html
  9. #238

    Zitat von freigelassen Beitrag anzeigen
    Wir geben allzu bereitwillig unsere Eigenverantwortung aus der Hand, schieben den Schwarzen Peter anderen zu, um uns in das bequeme deutsche Vollkasko-Sofa plumpsen zu lassen.
    Die meisten zahlen 500 Euro Prämie für 200 Euro Vollkasko-Gegenwert.
  10. #239

    Zitat von Johann61 Beitrag anzeigen
    Ich versuche nur deutlich zu machen, welche Schwächen Ihre bisherigen Vorschläge und Hinweise in der gelebten Praxis haben.
    Die Vorschläge sind keine Vorschläge, sondern Beschreiben die Praxis. Allerdings trifft zu, dass diese Praxis bisher nur in wenigen Betrieben funktioniert.
    Zitat von Johann61 Beitrag anzeigen
    Organisationen wie die Berufsgenossenschaften sind im Alltag zu weit weg von der betrieblichen Wirklichkeit, von den dort agierenden Menschen, um ein konkretes, einigermaßen objektives Bild zu haben.
    Die Aufsichtspersonan an der "Front" der Berufsgenossenschaften und Gewerbeaufsichten sind motiviert und zunehmend kompetenter. Sie wissen ziemlich gut, wie es um die betriebliche Wirklichkeit bestellt ist.
    Zitat von Johann61 Beitrag anzeigen
    Und wie es überall so ist, ...sowohl diese Organisationen, wie auch die Unternehmen sind nicht etwas Abstraktes, welche von einer abstrakten Führung oder Macht geleitet werden, es sind im Gegenteil immer konkrete Menschen, welche sich richtig oder falsch verhalten. Bereits die Verwendung des Begriffs „Arbeitgeber“ führt hier in die Irre, weil sie ein personifiziert kaum zu fassendes Abstraktum suggeriert.
    Auch hier zeigt die Praxis das Gegenteil. Organisationsstrukturen und Rechtsstaatlichkeit sind sogar etwas sehr Konkretes. Man muss nur gelernt haben, in und mit Organisationen auch gut organisiert zu arbeiten.
    Zitat von Johann61 Beitrag anzeigen
    Es gibt in unserem Land ja eine Vielzahl von staatlichen und halbstaatlichen Organisationen, welche irgendeine Form der Aufsichtsaufgabe haben. Beispiel: Externe Datenschutz- oder Gleichstellungsbeauftragte usw. Diese Organisationen haben viel zu viel Fett angesetzt, ohne auch nur annähernd ihren eigentlichen Aufgaben nachzukommen.
    Hier ist auch die Eigenverantwortlichkeit der zu schützenden Menschen gefragt. Sich z.B. nur von den Aufsichtsorganen und dem Betriebsrat bedienen zu lassen, funktioniert nicht so gut. Die maulenden Klienten dieser Organe sollten sich mal fragen, ob sie denen, die sich um sie kümmern, auch die Informationen geben, die sie brauchen.
    Zitat von Johann61 Beitrag anzeigen
    Unseren regionalen Datenschutzbeauftragten habe ich das letzte mal vor 10 Jahren gesehen, als er in anderer Funktion noch ein Kollege von mir war. Der bereitet sich nach eigenen Angaben längst auf seinen Ruhestand in 10 Jahren vor. Da er inzwischen einen unkündbaren Job hat, sagt er, wenn ihm jemand blöd kommt, dann flüchte er sich halt in die Krankheit. Die Gleichstellungsbeauftragte beharrte vor Jahren auf einen ausreichend großen Büroraum für sich selbst in unserer Firma, was dazu führt, dass 4 andere Beschäftigte in ein 2-Mann-Büro ziehen mussten, mangels Platz, und das nur für 1 Bürotag in der Woche, welche die Dame hier ist, weil an diesem Wochentag unsere Kantine das Essen anbietet, das der Dame am besten schmeckt. Der Ruf solcher Leute ist vor Ort zurecht nicht der schmeichelhafteste.
    Au weia. Da haben Sie allerdings ein Problem. Das ist aber kein Zustand, den ich für sehr repräsentativ für die Zustände in Deutschland halte.