Forum: Politik
Ruanda - kann die Justiz für Versöhnung sorgen?
In den vergangenen Jahren sind durch Erlasse des Präsidenten Paul Kagame 60.000 Täter des Genozids in Ruanda aus den überfüllten Gefängnissen entlassen worden. Die Justiz will - auch aufgrund der Überlastung - auf Versöhnung anstatt auf Vergeltung setzen. Was denken Sie - kann Ruanda so zur Ruhe kommen?
- #1 06.04.2009 14:22 von descartes101
Klar. Bis zum nächsten Mal, wenn einer meint, sein Nachbar vom anderen Stamm hätte eine Ziege mehr als er selbst. Dann geht das ganze Machetenhackdrama von vorne los.
Es ist geradezu erschütternd dumm, wie einige unser kuschelweiches Verständnis von Schuld und Sühne auf eine Welt übertragen wollen, die in jedem einzelnen Punkt diametral von unserer entfernt ist.
Ein übler Fehler übrigens, den schon die ersten und alle folgenden Missionare gemacht haben, in deren Gefolge die Kolonialmächte kamen. Jeder weitere Massenmord in Afrika ist beider alleinige Schuld. - #2 06.04.2009 14:37 von
Die Bundesregierung sollte die ruandischen Maßnahmen voll unterstützen und auch mögliche Täter ausliefern (z.B. inkl. Rechtsbeistand). In Ruanda wurde mehr und besseres Vollbracht als es jemals - insbesondere in Europa - für möglich gehalten wurde. Die Bundesrepublik hatte die hiesigen großen wie kleinen Despoten und Schlächter des Nazi-Wahnsinns weitestgehend integriert. Und dies geschah obwohl es eine "ordentliche" Rechtsprechung gab und sicher mehr möglich gewesen wäre. Was spricht vor diesem Hintergrund dagegen, die dortige Versöhnungskampagne und die Arbeit der Dorfgerichte als wertvoll anzuerkennen - zumal es an geeigneteren Alternativen mangelt.
- #3 06.04.2009 14:39 von Vincent_Vega
Tod durch Wegsehen
Netter Vorsatz der Regiereung, nur, wie lange soll das gutgehen?
Im übrigen: Wen interessierts? Laufen doch genug Verbrecher ungestraft in dieser Welt herum und freuen sich ihrs Lebens - egal ob einfache Leute oder ehem. Staatoberhäupter und deren Schergen.
Die Welt hat jahrelang weggeschaut als es in Ruanda zum Völkermord kam, nach dem Motto: wenn die da unten mit sich selbst beschäftigt sind, kommen sie nicht auf die Idee, irgendetwas von uns zu wollen. Wer sich jetzt darüber empört, soll mal kürzer treten und sich fragen, wie weit wir an der Entwicklung mitschuldig sind? - #4 06.04.2009 14:43 von
Gerechtigkeit? Versöhnen kommt von sühnen.
Die Justiz kann generell dadurch Versöhnung ermöglichen, dass sie ihre primäre Aufgabe erfüllt, nämlich für Gerechtigkeit zu sorgen (versöhnen kommt übrigens von sühnen). Gerechtigkeit ist die Voraussetzung für alles Folgende, die Schuldanerkenntnis durch den Täter, die (unverzichtbare) Wiedergutmachung und - im Idealfall - die Aussöhnung zwischen den Opfern und Tätern.
Ich kann nicht beurteilen, ob die massenhafte Entlassung von Gefangenen, welche sich möglicherweise schwerster Verbrechen schuldig gemacht haben, bei den Opfern bzw. den Angehörigen der Opfer das Gefühl erzeugt, es sei Gerechtigkeit geschehen. Falls nicht, kann Versöhnung nicht gelingen. - #5 06.04.2009 14:48 von
"As we forgive" ist ein Bericht darueber wie Moerder und Genozid-Ueberlebende kooperieren um Ruanda wieder aufzubauen.
http://www.poptech.org/popcasts/popc...viewcastid=242 - #6 06.04.2009 14:57 von
Das ein solcher Völkermord überhaupt möglich war, ist eine Schande, jawohl eine Schande, für die Weltgemeinschaft.
Da ich als Demokrat die Menschenrechte als unerschütterlichen Grundwert ansehe, der unter KEINEN Umständen - in welcher Art auch immer - beschnitten werden darf, schäme ich mich ganz persönlich für Vorfälle wie diese. Vor allem wenn man mal "3. Welt Verhältnisse" live - nicht während des Urlaubs - gesehen hat (war letztes Jahr in Zimbabwe und bin zurzeit in Indien).
und solche Kommentare sind ein Sinnbild für eine (sicherlich nicht böse gemeinte) westliche Arroganz und eine naive Herangehensweise an ein sehr komplexes Thema. Denn jeder der auch nur ein bisschen über diesen Konflikt Bescheid weiß, wird wissen, dass es in Ruanda um mehr geht als um den "Nachbar vom anderen Stamm" der meint jemand "hätte eine Ziege mehr als er selbst". Ich gehe aber davon aus, dass diese Aussage etwas überspitzt dargestellt wurde, denn der Rest des Beitrages war durchaus nicht sinnfrei.
Ich glaube schon, dass Ruanda eine vernünftige Zukunft vor sich hat, auch wenn bis zur Lösung vieler großer Probleme noch einige Jahr(zenhnt)e ins Land ziehen dürften.
Denn wie überall muss erst ein Wechesel im Denken stattfinden und der findet meistens erst in der nächsten, nicht vom Konflikt direkt geprägten Generation statt (s. 68er in Deutschland - was immer man auch von Ihnen haltem mag). - #7 06.04.2009 15:26 von Dschinny
Unfassbar!
Es kann doch nicht sein, dass ein bekannter MASSENmörder in Deutschland eine Duldung oder gar Asyl erhält - aufgrund der Bürgerkriegsbedingungen in Ruanda, die er selbst herbeigeführt hat - hier frei rumlaufen und sogar noch politisch aktiv sein kann. Wenn er nicht in seine Heimat bzw. Tatort abgeschoben werden kann, dann sollte man ihm zumindest am internationalen Gerichtshof den Prozess machen.
Schlimm genug, dass die UNO damals keinen Biss zum Schutz der Flüchtlinge hatte, aber es ist unmöglich, dass diese Mörder aus der bequemen Deckung unseres Rechts- und Sozialstaates heraus heraus weiterhin Unfrieden stiften und die Ärmsten der Armen in ihrer Heimat um alles zu bringen versuchen, was die in mühevoller Kleinarbeit aufbauen. - #8 06.04.2009 15:27 von
Wenn es so etwas wie eine "geistig kulturelle Schicht" beim Menschen gibt, dann ist diese aus Sicht des "aufgeklärten Europäers" beim Afrikaner recht dünn. Womöglich rührt daher unser Unverständnis, dass es Massenmördern und den Hinterbliebenden der Opfer so leicht fällt, zu verdrängen und wieder in friedlicher Eintracht nebeneinander zu leben. Aber das friedliche Nebeneinander wiederum dürfte, eben wegen dieser "dünnen Schicht", nur temporärer Natur sein!
- #9 06.04.2009 15:37 von
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