Zitat von
Edog
Vorweg: Ich wurde in China geboren, bin in Deutschland aufgewachsen und habe in den USA studiert. Kenne daher sowohl die chinesische Mainstream-Sicht der Dinge als auch die westliche sehr gut. In diesem Forum sind viele deutsche Blogger ueber die Reaktion von Auslandschinesen empoert, dazu moechte ich meine Sicht erlaeutern, die vielleicht beide Seiten nachvollziehen koennen:
Vor dem Menschen Liu Xiaobo habe ich hohen Respekt. Er ist ein Idealist, der seit ueber zwei Jahrzehnten fuer seine Herzensangelegenheit eintritt, mit dem Ziel, die chinesische Gesellschaftsstruktur zu verbessern. Dabei hat er grosse persoenliche Opfer gebracht und ist nicht vor drakonischen Strafen zurueckgeschreckt.
Das Problem besteht darin, dass seine Ziele nur von einer Minderheit chinesischer Intellektuellen geteilt wird und ein noch kleinerer Teil der Gesellschaft sich mit seiner Thematik beschaeftigt. Das mag aus westlicher Sicht unverstaendlich sein, ist aber die Realitaet. Die Mainstream- chinesische Sicht ist eine utilitaristische: Wie kann man das Leben der Menschen konkret / messbar verbessern. Und da ist die Antwort der meisten Chinesen, dass Dinge wie Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit etc. bei Weitem weniger wichtig sind als Wirtschaftswachstum, weniger Korruption, geringere Arbeitslosigkeit, bessere Schulen etc. Und ja, fuer viele besteht dazwischen ein Gegensatz: Man schaue sich als Gegenbeispiel nur Indien oder Indonesien an. Deren Buerger besitzen deutlich mehr Buergerrechte als chinesische, und doch wuerden wohl nur die wenigsten Chinesen mit ihnen tauschen wollen.
Daher ist auch zu erklaeren, warum wahrscheinlich die Mehrheit der Chinesen die kommunistische Regierung unterstuetzen: In den letzten 30 Jahren hat sich der Lebensstandard im Land derart massiv verbessert (ja, trotz aller damit einhergehenden Probleme), dass viele gern ueber die mangelndeb politischen Rechte hinwegsehen. Auch die Mehrheit chinesischer Intellktuelle setzt darauf, dass Reformen langsam innerhalb der Partei stattfinden, anstatt durch eine revolutionaere Bewegung, die das Land in Chaos stuerzen koennte.