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Wut der Doktoranden: Wie Deutschland junge Forscher vergrault

CorbisUnsichere Zukunft, abhängig vom Doktorvater, schlecht bezahlt: Doktoranden in Deutschland forschen unter schlechten Bedingungen, viele verlassen deshalb das Land oder die Wissenschaft. Jetzt wehren sich die Nachwuchsforscher.

http://www.spiegel.de/unispiegel/job...829548,00.html
  1. #1

    Betrifft "Lehrjahre im Labor"

    Das galt vielleicht mal, früher. Heute wird ja bereits von Studierenden erwartet ihre Masterarbeit möglichst hochwertig zu publizieren. Das war vor wenigen Jahren noch nichtmal bei Promovierenden usus. Ich halte das keineswegs für schlecht aber dank der konsequenten Ökonomisierung der akademischen Landschaft werden immer mehr Aufgaben (Lehre, Forschung, Administration, Öffentlichkeitsarbeit) nach unten weitergereicht. So gesehen sind Doktoranden heutzutage fast vollwertige Mitarbeiter und man kann die Situationen unter denen die Herren und Damen der Generation von Peter Gruss die Doktorwürde erlangten mit denen von heute nicht mehr vergleichen. Es ist durchaus nachvollziehbar, dass Doktoranden nicht so hohe Vergütungen erhalten wie ein Professor, aber die Stipendienfinanzierung verbunden mit der Kompletteinbindung in den Lehrstuhl ist eine Schweinerei.

    Das Hauptproblem liegt in der Wissenskultur, die momentan in Deutschland herrscht. Überall wird Exzellenz gefordert aber es darf nichts kosten. Jeder sollte studieren können, aber nur wenn qualifizierte Fachkräfte dabei herauskommen, die möglichst viel Wirtschaftswachstum verursachen. Kurz: Studieren ja aber bitte nur wenn etwas sinnvolles für die Wirtschaft dabei rausspringt. Das ist kurzsichtig und für den Bildungsstandort Deutschland tödlich. Ich hoffe Deutschland wird den derzeitigen flächendeckenden Braindrain mal bitter bereuen.
  2. #2

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Unsichere Zukunft, abhängig vom Doktorvater, schlecht bezahlt: Doktoranden in Deutschland forschen unter schlechten Bedingungen, viele verlassen deshalb das Land oder die Wissenschaft. Jetzt wehren sich die Nachwuchsforscher.
    Junge Forscher: Max-Planck-Doktoranden wollen Stipendien abschaffen - SPIEGEL ONLINE
    Für mich ist es ein Artikel, in dem ich viel selbsterlebtes wiedererkenne. Manche meiner Freunde schüttelten nur mit dem Kopf, wenn ich mal wieder von meiner Promotionsstelle zählte. Meinen Doktortitel habe ich mittlerweile - eine Perspektive in Deutschland jedoch nicht.
    Auf dem deutschen Arbeitmarkt tummeln sich mittlerweile die vielen Bachelor of Science Absolventen, die keine "Lehrjahre im Labor" (Prof. Dr. Peter Guss) verbrachten, aber jünger und bezahlbarer für Aufgaben in der Wirtschaft sind. Mit den Gehaltsvorstellung aus dem Öffentlichen Dienst wird man da schon "ausgemustert".

    Ein Großteil der Stellenausschreibungen in den Naturwissenschaften spricht zukünftige Doktorand/innen an. Die Gehälter sind über drei Jahre garantiert niedriger als bei einem/r Technischen Assistent/in, der theoretisch die gleichen Datensätze liefern könnte, aber dafür keine Probleme lösen muss.
  3. #3

    Doktoranden sind billige Arbeitskraefte

    Anstelle einer festen Wissenschaftsstelle können Institute leicht 2 oder 3 Doktoranden finanzieren. Warum also nur eine Person vollzeit und festangestellt beschäftigen, wenn 2 oder 3 Doktoranden mehr Publikationen hervorbringen und dazu noch unentgeltlich in der Verwaltung und Lehre tätig sind?

    Doktoranden sind heute meist nur noch dazu da, um dem Professor the Publikations Liste auf besonders einfache und billige Weise zu verlängern. Hier bekommt man
    motivierte und gescheite Leute fuer ein lachhaftes Gehalt - was danach mit Doktoranden passiert ist doch egal. Wen kuemmert es so lange die Publikationen fliessen?

    Ist übrigens im Ausland auch nicht besser. Klar, hier gibt es tenure-track Stellen, aber da kommen in der Regel auf eine Stelle auch 50 oder mehr Bewerber. Also, die Aussichten sich eine tenure-track Stelle zu angeln sind auch im Ausland mehr als dürftig.
    Es werden einfach zu viele Doktoren produziert, weil man zu einfach an Gelder
    fuer Doktoranden kommt, aber keinen Cent fuer feste Stellen hat. So lange die Politik da nicht den Riegel vorschiebt, wird sich auch daran nichts ändern.
  4. #4

    Qualitätssicherung

    Was über die berechtigten Forderungen der Doktoranden hinaus noch wünschenswert wäre, ist die verbesserte Qualitätskontrolle von und Aufklärung über den Wert von Promotionen (und dem Weg bis zur fertigen Arbeit). Die Spanne ist nämlich riesig und sorgt auch für Wettbewerb, der nicht sein müsste (ganz direkt kann ich das in Medizin und nächstliegenden Naturwissenschaften beobachten). 98% aller Dr. med.'s kann man wissenschaftlich vergessen, das wissen inzwischen die meisten. In Teilzeit oder studienbegleitend geht einfach wenig bis nix, selbst wenn am Ende manche doch einige Zeit im Labor zugebracht haben. Diese Dr.s konkurrieren nicht selten mit richtigen Dr.s um sog. Postdoc-Stellen. Gewählt wird gerade an Unikliniken dann halt oft derjenige, den man auch mal in der Pat.versorgung einsetzen kann, finanziert werden die Projekte aber aus Forschungsmitteln. Ähnliches gilt in meinen Augen auch für Juristen oder Volkswirte, von denen - so wie ich das in verschiedenen Unigremien hörte - auch relativ viele ohne jegliche wissenschaftliche Perspektive berufsbegleitend vor sich hin promovieren, sich das lästige Beiwerk aber sparen und stattdessen kleine Vermögen in Unternehmensberatungen oder Großkanzleien verdienen. Die Verlierer sind die, die mit z.T. ganz großen Idealen in der Uni bleiben und die deutlich höhere wissenschaftliche Wertschöpfung haben. Diese Schieflage sollte imo viel mehr Thema sein und politisch angegangen werden. Eine Promotion soll auf selbstständiges Forschen vorbereiten, mit allem drum und dran (auch Lehre, Betreuung von Abschlussarbeiten). 50-70%-Stellen sind je nach Einbindung in Institutsarbeit ok, auch Stipendien haben ihre Daseinsberechtigung wenn bspw. ein ganz eigenes Thema eingebracht werden soll. In jedem Fall muss aber vertraglich geklärt sein, was dann Rechte und Pflichten des Kandidaten sind.
  5. #5

    Zitat von wind_stopper Beitrag anzeigen
    Ist übrigens im Ausland auch nicht besser. Klar, hier gibt es tenure-track Stellen, aber da kommen in der Regel auf eine Stelle auch 50 oder mehr Bewerber. Also, die Aussichten sich eine tenure-track Stelle zu angeln sind auch im Ausland mehr als dürftig.
    Nur zur Ergänzung: Ich hatte mitbekommen, dass auf eine Stellenausschreibung im Vertrieb, die explizit für pomovierte Biologen, Chemiker oder Pharmazeuten ausgerschrieben war, über 100 Bewerbungen eingingen. Ein Zehntel davon kam in die nähere Auswahl.

    Auf eine Stelle, die für Absolventen mit Bachelor, Master, Diplom oder Promotion ausgeschrieben war, hatten sich in den ersten zwei Wochen über 60 Bewerber gemeldet. In Deutschland suchen viele Akademiker einen Job.

    Die Versprechen zur Förderung der Molekularbiologie und Biotechnologie, wie sie Gerhard Schröder bei der Verleihung seiner Ehrendoktorwürde durch die Universität Göttingen versprochen hatte, sind nie eingelöst worden. Der "Neue Markt" ist Geschichte!
  6. #6

    Wissenschaftsstandort Deutschland schafft sich ab ...

    Meine ältere Tochter nahm an einer Kundgebung an ihrer Uni teil und rief mich nachher ganz entsetzt an. Ich schrieb auf, was sie da erfahren hatte:

    - Seit 1997 habe sich die Anzahl der Studierenden verdoppelt
    - Die Anzahl der Professoren sei gleich geblieben
    - Die Anzahl der Dozenten sei halbiert
    - 83% der Lehrkräfte beziehen einen Hungerlohn und befinden sich im befristeten Arbeitsverhältnis, oft nur mit einem Halbjahresvertrag.

    Die betroffenen Lehrkräfte haben Angst, sich zu wehren.
    Das Arbeitsklima erlaubt keine Forschung bzw. Experimentierfreude mehr.
    Die Verhältnisse sind sowohl in den USA, GB als auch in F wesentlich günstiger.

    Letztendlich ist dies nichts als verkappte Elitenförderung, denn nur noch die Kinder wohlhabender Eltern werden unter solchen Umständen eine wissenschaftliche Karriere anstreben können. Na ja, war in der Feudalgesellschaft auch nicht anders. :->
  7. #7

    Master & Slave

    ... unter dieser Überschrift faßte es einmal ein Brüssler Bildungssachverständiger zusammen, wenn er ans deutsche Promotionssystem denkt.
    Das ganze Promotionssystem in Deutschland gehört auf den Prüfstand!
  8. #8

    Angebot und Nachfrage

    Vielleicht sollten sich die Wissenschaftler das Prinzip von Angebot und Nachfrage zu Gemüte führen. Gibt es zu viele Wissenschaftler für die Stellen, dann muss man denen kein gutes Angebot machen.
    Einige glauben ja noch, was ihnen der Lehrer in der Schule erzählte: Wissen ist Macht, und wer viel kann bekommt auch viel.

    Manche sind der irrigen Meinung in einer Markwirtschaft solle sich Leistung lohnen. Dabei ist das Prinzip der Marktwirtschaft die Knappheit.

    Wer glaubt denn noch einem Politiker, der in einer Sonntagsrede behauptet, dass wir als rohstoffarmes Land auf den Rohstoff in unseren Köpfen setzen müssen.
    Insofern habe ich da wenig Mitleid. Wer im wissenschaftlichen Betrieb gelernt hat Fakten zu analysieren und daraus logische Schlüsse zu ziehen, wird danach den akademischen Betrieb verlassen.
    Jeder Wissenschaftler, der in der Forschung bleibt, sagt letztendlich, dass die Bedingungen für ihn akzeptabel sind. Daher ist eine Änderung auch nicht notwendig.

    Als Wissenschaftler zu arbeiten, und dann sich darüber beklagen, zeugt von Inkonsequenz.
  9. #9

    Ein Doktorand dient primär der Sicherung der Lehre. Damit das nicht zu traurig klingt, bekommt dieser die Möglichkeit zur Promotion.
    Der Doktortitel muss also enorm hoch dotiert sein. Sonst rechnet es sich bei dem Gehalt nicht. Gibt es die Promotion also nur weil kein Geld in den Uni-Kassen ist? In der Wirtschaft ist ein Dr. vor dem Namen jedenfalls weniger wert als mancher glaubt.
    Werden Wissenschaftler überhaupt gebraucht?
    Aus wissenschaftlicher Sicht dauert Fortschritt drei bis maximal fünf Jahre. Eben solange, wie ein Vertrag läuft. Projekte sind natürlich zeitlich und finanziell begrenzt. So gesehen befindet sich der Wissenschaftler in der Position eines Free-Lancers. Es sollte also einen Markt für Wissenschaftler geben. Aber wo findet Wissenschaft denn nun eigentlich statt?

    Aus Mangel an Perspektive habe ich meinen Doc nicht abgeschlossen.








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