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Wut der Doktoranden: Wie Deutschland junge Forscher vergrault

CorbisUnsichere Zukunft, abhängig vom Doktorvater, schlecht bezahlt: Doktoranden in Deutschland forschen unter schlechten Bedingungen, viele verlassen deshalb das Land oder die Wissenschaft. Jetzt wehren sich die Nachwuchsforscher.

http://www.spiegel.de/unispiegel/job...829548,00.html
  1. #30

    Unter deutschen Professoren...

    Seit dreißig Jahren hat sich besonders unter den Naturwissenschaftlern ein Sklavensystem entwickelt, welches mittlerweile 80% der Grundlagenforschung in Deutschland ausmacht, von denen ja etliche hier glauben, die sei überflüssig, weil nicht wirtschaftlich verwertbar. Wohl dem, der schon damals für ein Jahr eine befristete Stelle mit halber Vergütung in Vollzeitarbeit (60-70 Std./Woche) bekam oder ein Stipendium (wenn auch ohne Sozialversicherung) für seine Arbeit im Labor und bei Lehrtätigkeiten bekam. Mehr und mehr setzte sich aber besonders bei den Biowissenschaftlern das System "Rajewsky" (ein Ex-Genetik Professor) durch: Willst du bei mir promovieren, dann arbeitest du hier erstmal ohne Vergütung, vielleicht bekommst du dann ein viertel Stipendium für 6 Monate. Und bevor du hier deine Ergebnisse publizierst, gebührt mir erstmal das Recht, das Patent deiner Entwicklungen auf meinen Namen (des Herrn Professors, nicht des Doktoranden!) zu beantragen. Den ich bin ja dein Teamleiter. Nicht nur die Knock-out Mäuse des Herrn Rajewsky wurden von un(ter)bezahlten Doktoranden entwickelt. So ziemlich alles, was aus deutschen Universitäten patentrechtlich auf Professors Namen geschützt wurde, ist auf den Mist von Doktoranden gewachsen. Als Post-doc geht das Spielchen in Deutschland weiter. Ich selber hab allein an der Charité 8! Zeitverträge von 3 - 10 Monaten gehabt. Das Patent für den von mir zuvor entwickelten Autoallergie-Immunotest streicht natürlich mein Ex-Chef ein, derweil ich als überqualifiziert nun mit 50 zwischen H4, 7€ Callcenterjob oder freiberuflichem Künstler/Gutachterprekariat wählen kann. Ich wähle letzteres, weil wenn schon auf H4, dann wenigstens selbstbestimmt. Wenn aber das System Rajewsky sich noch auf den Ingenieursberuf ausdehnen sollte, geht das deutsche Volk endgültig unter. Den Braindrain in beidem, Natural Science und Engineering verkraftet keine Industrienation!
  2. #31

    Lehrling mit abgeschlossenem Studium

    Zitat von hartholz365 Beitrag anzeigen
    Jeder weiss wie der Hase während und nach einer Promotion läuft. Befristete Jobs die Regel, Taschengeldgehalt, Sklavenarbeit für den Prof,... Das muss ein ganz bestimmter Typ Mensch sein, der auf Selbsterniedrigung steht, anders kann ich mir das nicht erklären.
    Der Grund ist leicht zu erklären: Vor dem Studium wird einem eingeredet, man hätte mit Studium bessere Karrierechancen (Naturwissenschaften sowieso!), während des Studiums wird einem eingeredet, man hätte mit Master bessere Karrierechancen, nach dem Studium stellt man fest, dass Firmen selbst für Realschulabgänger-taugliche Tätigkeiten gern Promovierte suchen. In gewissen Fächern, Chemie zum Beispiel, ist es einfach Standard, zu promovieren. Darum machen die Leute das, ganz einfach. Hinterher gibt es dann zu wenig interessante Stellen in der Industrie (wer macht schon einen Dr., nur um dann in den Vertrieb zu gehen?) und so bleiben die Leute als Post-Docs an der Uni.

    Natürlich könnte man, wenn man das System einmal verstanden hat, das Studium wechseln und etwas lukrativeres studieren oder sogar eine Ausbildung machen. Aber das sieht im Lebenslauf auch nicht besonders gut aus, oder?

    "Marktwirtschaft", wie es die Spötter hier nennen, funktioniert eben nicht so einfach. Im idealen Fall der freien Marktwirtschaft bietet der Arbeiter seine Tätigkeit gegen Geld und kann sich jederzeit einen neuen Arbeitgeber suchen. Als Doktorand will man jedoch noch zusätzlich etwas vom Arbeitgeber (Prof) - den Doktortitel. Diejenigen, die am härtesten arbeiten und am wenigsten jammern, bekommen am Ende ihr summa cum laude. Das macht unfrei und abhängig.

    Außerdem widerstrebt es mir, etwas wie Grundlagenforschung als "Markt" bezeichnet zu sehen. Grundlagenforschung erwirtschaftet keinen Gewinn, denn sie nützt uns allen, sogar der ganzen Menschheit. Jede besiegte Krankheit basiert auf Erkenntnissen der Grundlagenforschung. Es gibt keinen bestimmten "Bedarf" an Forschern - im Gegenteil, je mehr, desto besser!

    Gerade den Doktoranden könnte durchaus mehr Respekt entgegen gebracht werden. Dass selbst ein Prof einen fertigen Akademiker nur als Lehrling sieht, ist beschämend. Ich wette, viele Profs könnten ohne fremde Hilfe die Experimente ihrer (naturwiss.) Doktoranden gar nicht selbst durchführen. Zum Glück sind aber nicht alle so arrogant.
  3. #32

    Viel hat sich also

    nicht in den letzten 20 Jahren nach meiner Promotion geaendert. Nach dem PostDoc habe ich in einer Unternehmensberatung angeheuert. Einige Kollegen dort promovierten so nebenbei. Diese Gefaelligkeitspromotionen in Jura, Geisteswissenschaften und Medizin gehoeren abgeschafft. In den Naturwissenschaften ist die Promotion entbehrungsreich aber das System viel zu hierarchisch. Wie vor 50 Jahren herrschen hier Grossordinarien ueber Gruppen von 30 und mehr Leuten. Das angelsaechsische System mit Lecturer, Reader und Prof. fand ich sehr viel produktiver. Kostet aber auch mehr.
  4. #33

    Perspektiven und Zwölfjahresklausel

    Das schlimmste am Forschungssystem ist, dass die Perspektiven so extrem sind. Mit geringerer Bezahlung als in der Wirtschaft könnte man ja noch leben, wenn man sich damit seinen Traum von der Forschung erfüllen könnte. Die eigentliche Krux ist doch die Zwölfjahresklausel im Hochschulrahmengesetz - im Prinzip besagt die doch: Arbeite bis Ende 30 in befristeten Verträgen, dann wirst Du entweder selbst Professor, oder Du erhältst in Deutschland Berufsverbot. .

    In meiner Firma (in der u.a. auch mehr als 300 promovierte Naturwissenschaftler arbeiten) frage ich die Neueinsteiger immer gerne, warum sie nicht an der Uni geblieben sind. Fast immer kommt als Antwort auch "Hochschulrahmengesetz".
  5. #34

    Demokratie

    Zitat von ASDFZUIOP Beitrag anzeigen
    "Marktwirtschaft", wie es die Spötter hier nennen, funktioniert eben nicht so einfach. ...Außerdem widerstrebt es mir, etwas wie Grundlagenforschung als "Markt" bezeichnet zu sehen. Grundlagenforschung erwirtschaftet keinen Gewinn, denn sie nützt uns allen, sogar der ganzen Menschheit. Jede besiegte Krankheit basiert auf Erkenntnissen der Grundlagenforschung.
    Zitat von joka_110 Beitrag anzeigen
    Wenn man hier liest wie wichtig und toll doch Angebot und Nachfrage sind dann muss man ja gleich jubeln. Hat einer der Foristen überhaupt eine Ahnung welche Entwicklungen der Grundlagenforschung zuzuordnen sind? Da können wir ja schon mal mit dem dollen Internet anfangen was nen paar von diesen "Deppen" am CERN entwickelt haben. Diese Idioten, wollten nicht mal Geld dafür. Begreift hier denn keiner wie wichtig Grundlagenforschung eigentlich ist gerade auch ohne vordergründige finanzielle Interessen. All diese Ergebnisse werden ja auch von der Industrie intensiv genutzt. Das sich dann die Betroffenen beklagen und von den Geldschubsern aus der Wirtschaft nur Häme ernten zeigt doch mal wieder das wir gesellschaftlich noch nix begriffen haben. Ohne Grundlagenforschung hat die Wirtschaft, zumindest die die noch was produziert, auch nix mehr zu lachen. Dann kann man sich das x-te Finanzprodukt überlegen mit dem wieder mal nix bleibendes Geschaffen hat ausser Papier. Tolle Einstellung.
    Wenn das Argument Marktwirtschaft nicht zieht, wie wäre es mit Demokratie?

    Ein Politiker kann wählen, ob er lieber z. B. eine Rentenkürzung durchsetzt, und damit seine Wiederwahl gefährdet, oder aber bei Bildung und Forschung kürzt bei der man:
    a) Die Folgen der Kürzung nicht sofort sieht,
    b) es sowieso nur "priviligierte Studierte" trifft, die keine Lobbygruppe haben?

    Wer also in Deutschland forscht, versteht erstens nicht was Marktwirtschaft ist, und stellt sich auch noch gegen die Demokratie.
  6. #35

    Wenn man die Kommentare hier teilweise so liest...

    Sie, lieber Leser, befinden sich gerade offensichtlich im Internet. Herzlichen Glückwunsch, sie nutzen eine der Errungenschaften, die vielmehr nebenbei bei der Grundlagenforschung abgefallen ist. Und damit meine ich nicht einmal den PC, an dem sie sitzen, und dessen Halbleiter es sonst so gar nicht gebe, sondern das Netz als Idee und Systematik. Und nein, Halbleiter und Prozessoren sind vielleicht manchmal in Schichten aufgebaut, aber sie werden nicht fertig aus irgendwelchen prähistorischen Gesteinsschichten gehauen.
    Gehen wir nun einmal davon aus, dass sie ohne die Grundlagenforschung überhaupt noch leben würden und nicht an einem der unzähligen kleinen Wehwehchen in ihrem Leben gestorben wären. Was sehen sie? Gut. Als erstes bitte entfernen sie alle Elektronik, was allerdings nicht so schlimm ist, denn ohne die Grundlagenforschung hätten sie vermutlich eh keinen Strom. Die Wände wären vermutlich auch nicht so strahlend weiß. Doch ja, sie hätten immer noch Wände, und ein Dach. Denn nein, wir Wissenschaftler sind nicht so arrogant zu behaupten, dass die ganze Welt nur an uns hinge. Ohne geschickte Handwerker, ja selbst ohne geschickte Finanziers, gäbe es auch unsere Forschung nicht. Wir sind im Prinzip nichts anderes als kopfbasierte Handwerker - Denkwerker sozusagen (nicht jeder kann geschickt mit den Händen sein). Und wir setzen viel Ehrgeiz, Schweiß und - ja auch Träume in unsere Projekte. Damit sie in einigen Jahren nach CD, DVD und Blue-Ray das nächste Spielzeug im Laden finden können (oder darüber ihren Lebensunterhalt verdienen). Damit sie nicht an der nächsten neuen Krankheit sterben. Damit die Welt als ganzes ein Stück mehr Wissen gewinnt. Wir haben uns damit abgefunden, nicht die Topverdiener zu sein. Denn ganz ehrlich, die meisten von uns sind immer noch lieber ärmer und ein Weltverbesserer, als ein reicher Vernichter. Aber wenn man uns dafür als dumm und selbst schuld deklariert (ohne überhaupt die einzelnen Geschichten zu kennen, sondern weil wir Wissenschaftler sind), zeigt das doch nur ihre eigene Unzulänglichkeit. Denn ohne uns bliebe ihnen nicht viel.

    T'schau
    Tami
  7. #36

    Vorteile des angelseachsischen Systems

    Im Artikel steht>
    " "Über eine Stelle als Assistant Professor lässt sich viel leichter eine Karriere aufbauen", erklärt Sabine Jung. Denn anders als in Deutschland können diese Professoren eine unbefristete Stelle bekommen, wenn sie sich als Wissenschaftler bewähren, also viele Aufsätze publizieren oder Drittmittel einwerben. In Deutschland dagegen fehlt ein solches Karrieremodell für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Auch Juniorprofessoren müssen sich häufig neu bewerben, wenn ihre Stelle ausläuft."

    Ein grosses Problem ist dass es in Deutschland eben nur eine Professur oder abhaengige Arbeit gibt. Es verwundert mich immer noch das die wirklich positiven Seiten des angelsaechsischen Systems - naemlich die selbststaendigen Stellen der 'Lecturer' (UK) oder 'Assistant Professors' (USA, Kanada) nicht uebernommen worden sind, wohl aber das ziemlich nutzlose Bachelor und Master System. In England wird durch die Selbststaendigkeit auch der jungen Forscher (die als lecturer auch das Promotionsrecht haben) eine ganz andere Dynamik freigesetzt als in Deutschland. In D gehen die aktiven Leute weg, diejenigen mit ausgepraegtem Hang zur Regionalitaet und zu Seilschaften werden Professor und alles plaetschert so dahin. Einmal angekommen, wird auf einem ueberholten und ineffizienten System beharrt weil man davon nun profitiert. Eine Veraenderung wird aus Prinzip abgelehnt, weil der Erfolg der deutschen Wirtschaft ja auf diesem System beruht (allerdings auf der Arbeit der vorvorherigen generation, als die Studentenzahlen noch wesentlich geringer waren und das System funktionieren konnte). Eine Veraenderung des Professoralsystems ist absolut notwendig und ueberfaellig, aber da traut sich natuerlich keiner von aussen ran und an den Unis selbst darf keiner der nicht Prof ist etwas sagen weil sonst...
    NDeswegen ist ja auch die Zahl der gestellten und auch die der erfolgreichen EU-Antraege von deutschen Unis im Vergleich mit anderen europaeischen Laendern so gering.
  8. #37

    Zitat von joka_110 Beitrag anzeigen
    Begreift hier denn keiner wie wichtig Grundlagenforschung eigentlich ist gerade auch ohne vordergründige finanzielle Interessen. All diese Ergebnisse werden ja auch von der Industrie intensiv genutzt. Das sich dann die Betroffenen beklagen und von den Geldschubsern aus der Wirtschaft nur Häme ernten zeigt doch mal wieder das wir gesellschaftlich noch nix begriffen haben.
    Das sagen Sie mal der Politik bzw. dem gesellschaftlichen Mainstream, der ja nicht nur seit den 80-er Jahren - ab da erst intensiv - das, was die "Geldschubser" von sich geben - in der Regel Typen wie Hans-Werner Sinn - geradezu wie Manna aufgenommen und verbreitet wird.

    Das ökonomisierte Denken, also alles, was in einer Gesellschaft geschieht, unter dem Diktat der Ökonomie zu sehen bzw. es ihm zu unterwerfen, ist langfristig der Tod jeder zivilisierten (Industrie-)gesellschaft.
  9. #38

    Demokratie 2

    Zitat von Tamahra Beitrag anzeigen
    ...sie nutzen eine der Errungenschaften, die vielmehr nebenbei bei der Grundlagenforschung abgefallen ist...Aber wenn man uns dafür als dumm und selbst schuld deklariert (ohne überhaupt die einzelnen Geschichten zu kennen, sondern weil wir Wissenschaftler sind), zeigt das doch nur ihre eigene Unzulänglichkeit.
    Zitat von gerald246 Beitrag anzeigen
    ...alles plaetschert so dahin. Einmal angekommen, wird auf einem ueberholten und ineffizienten System beharrt weil man davon nun profitiert. Eine Veraenderung wird aus Prinzip abgelehnt, weil der Erfolg ...auf diesem System beruht (allerdings auf der Arbeit der vorvorherigen Generation, als die Studentenzahlen noch wesentlich geringer waren und das System funktionieren konnte)...Deswegen ist ja auch die Zahl der gestellten und auch die der erfolgreichen EU-Anträge von deutschen Unis im Vergleich mit anderen europäischen Laendern so gering.
    Es isr die Unzulänglichkeit der Demokratie. Das Volk ist der Souverän. Wie können also Entscheidungen getroffen werden, die nicht dem Wohle des Volkes dienen?
    Nehmen wir einmal das MP3 Format. Entwickelt vor 30 Jahren vom Fraunhofer-Institut. Erst jetzt hat digitale Musik den Verkauf von CDs überholt, also nach 30 Jahren.
    Wer verdient? Unter anderem eine schwedische Firma wie Spotify AB, also im Ausland.
    Man lese einmal MP3
    Welcher Politiker hat etwas davon, etwas zu unterstützen dass
    a) mehr als drei Jahrzehnte benötigt sich durchzusetzen, also erst nach seiner politischen Karriere
    b) dafür noch nicht einmal eine sichtbare Unterstützung der heimischen Industrie aufweisen kann?
    Es gewinnt immer noch der Politiker die Wahl, der etwas unmittelbares vorweisen kann.
    Verändern sie die Demokratie und schaffen sie die Unzulänglichkeiten ab. Bis dahin sollte man den akademischen Betrieb vermeiden.
  10. #39

    Nicht ganz

    Zitat von joka_110 Beitrag anzeigen
    Da können wir ja schon mal mit dem dollen Internet anfangen was nen paar von diesen "Deppen" am CERN entwickelt haben. Diese Idioten, wollten nicht mal Geld dafür.
    Äh, da ging aber was durcheinander. Das Internet ging aus dem ARPANET hervor, das zwar Unis und Forschungseinrichtungen vernetzte, aber vom US-Verteidigungsministerium sehr gezielt finanziert wurde.
    Am CERN wurde von nur einem "Deppen" das World Wide Web entwickelt, also eine Hypertext-Dokumentenstruktur, die das damals schon seit gut 20 Jahren bestehende Internet als Infrastruktur verwendet.
    (Lustigerweise wurde die Originaleinreichung des Papers bei einer Konferenz erstmal abgelehnt, da als wenig relevant bzw. originell eingestuft.)


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