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Wissenschaftssprache: Juhu, niemand versteht mich

DPAStudenten hassen verkorkste Wissenschaftssprache - und nutzen sie doch selbst: Bei Diskussionen gibt es immer Schlauberger, die in jeden Satz fünf Fremdwörter einflechten. Die Kommilitonen sind genervt und doch irgendwie beeindruckt. Warum nur, fragt sich Katrin Langhans, 25.

http://www.spiegel.de/unispiegel/stu...827862,00.html
  1. #10

    Zitat von shokaku Beitrag anzeigen
    Bei wirklicher Wissenschaft ist die Sprache meist recht einfach. Gilt es doch Wissen zu vermitteln, häufig auch an Leute, die nicht Muttersprachler sind.
    Ich würde eher sagen, dass die Sprache prägnant ist. "Einfach" ist relativ, und "einfach" bietet wie "kompliziert" auch immer die Gefahr von Heissluft-Geschwafel. Ausserdem, auch in klar und schnörkellos formulierter Wissenschaft ist die Fachterminologie natürlich eine Grundvoraussetzung. Entsprechend ist das selten leicht verständlich für fachfremde Personen.

    Alles in allem ginge es darum wohl um dem Kontext angemessene Sprache, was ein gar nicht so trivialer Balanceakt ist. Bei der auch der Empfänger immer eine Rolle spielt, d.h. zu Kollegen sollte man über die gleiche Thematik anders sprechen als mit Studenten oder gar der Öffentlichkeit.
  2. #11

    "Schwafelwissenschaften, und um die scheint es bei dem besprochenen Thema ja zu gehen, haben ihren Namen aber nicht ganz umsonst bekommen."

    Dumme Bemerkung. Sie sollten verstehen lernen, dass Wissenschaft nicht zwingend "harte", zahlengestützte Experimentalwissenschaft ist, sondern sehr wohl "weich" sein muss. Schwerer Fehler, etwa Ökonomie für eine "harte" Wissenschaft zu halten. Da erleben wir grade die katastrophalen Auswirkungen mathematisierter Volkswirtschaft neoliberalen Gepräges.

    Und selbstredend sind auch harte Wissenschaften nicht herrschaftsfrei - wie wär's mal mit einem Grundkurs in Wissenschaftskritik und - geschichte.
  3. #12

    Die Wissenschaftssprache ist Englisch und ...

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Studenten hassen verkorkste Wissenschaftssprache - und nutzen sie doch selbst: Bei Diskussionen gibt es immer Schlauberger, die in jeden Satz fünf Fremdwörter einflechten. Die Kommilitonen sind genervt und doch irgendwie beeindruckt. Warum nur, fragt sich Katrin Langhans, 25.

    Wissenschaftssprache: Juhu, niemand versteht mich - SPIEGEL ONLINE
    ... im Übrigen gilt: Je weniger sogenannte "Fachausdrücke" ein Fachgebiet braucht, desto mehr Wissenschaft ist 'drin. Vergleiche Medizin mit Physik ...
  4. #13

    titel

    [QUOTE=Bono Beau;10044139
    Und selbstredend sind auch harte Wissenschaften nicht herrschaftsfrei - wie wär's mal mit einem Grundkurs in Wissenschaftskritik und - geschichte.[/QUOTE]

    Das ist vergebene Liebesmüh. Egal welcher Aufhänger, es kommt immer die zweite oder dritte Reihe Dipl.-Irgendwas aus den Löchern hervor, um ihr Studienfach als das schwerste von allen und die einzig wahre Wissenschaft anzupreisen, und alles andere ist natürlich nur Gefasel oder bestenfalls "abgeleitet".

    Dann können sie wieder Zahlen in die Formeln anderer Leute einsetzen und meinen, damit die Welt zu verstehen.

    In dem Sinne: Suum cuique per me uti atque frui licet.
  5. #14

    ...

    Zitat von Zitrone! Beitrag anzeigen
    Man muss unterscheiden zwischen Zuhörern, die aus dem gleichen Fach kommen … , und Zuhörern, die vermeintlich die gleiche Sprache sprechen … , aber mit dem Fachvokabular nicht vertraut sind.
    Letztens las ich so schön und wahr einen Ausspruch Jean Pauls: „Sprachkürze bringt Denkweite.“

    Sie haben vollkommen recht: Fachsprache muss nicht für Außenstehende verständlich sein. Die Verwendung von Fachwörtern ist erlaubt. Der Sinn von Fachwörtern ist aber die einfachere Verständigung zwischen Fachleuten; sie sollen die Verständigung einfacher machen!

    Wenn man vor einem Fachpublikum spricht, dann darf man unter zwei Bedingungen Fachwörter verwenden: Erstens wenn sie dem Publikum allgemein bekannt sind und zweitens wenn sie die Aussage kürzer und prägnanter vermitteln können als der Versuch sie in „normaler“ Sprache zu umschreiben.

    Überspitzt dargestellt: Ein Seemann wirft ein Tau über einen Poller; ein Nicht-Seemann wirft das dicke Seil um die dicke, im Boden verankerte Stahlstange mit der Verdickung oben. Natürlich ist hier die Verwendung von Fachwörtern akzeptabel und sinnvoll.

    Inakzeptabel und sinnlos hingegen ist, die Aussage durch Fremdworte zu verstecken. Man beachte: Fremdwort, nicht Fachwort! Für Geologen ist Hiatus ein Fachwort, für alle Anderen ist es ein Fremdwort für das schöne deutsche Wort Kluft. Seine Verwendung verbietet sich, wenn man verstanden werden will. Im beschriebenen Fall geht es um die Kluft zwischen Heimat und Fremde. Das geologische Fachwort wird also von einem Überklugen in die Welt der Soziologie übertragen und die armen Soziologen verstehen kein Wort – verständlicherweise!

    Hiatus war mir tatsächlich ein Begriff; ich habe das Wort wahrscheinlich irgendwann mal gelesen und nachgeschlagen, ich habe es aber noch nie verwendet. Ich habe den Satz daher verstanden; allerdings muss ich ihn zweimal lesen und kurz nachdenken - im geschriebenen Wort bedenklich, im gesprochenen Wort unmöglich!

    Leider beobachtet man immer wieder, dass manche Sprecher oder Schreiber sich lieber in ihrer eigenen vermeintlichen Genialität sonnen anstatt sich Gedanken zu machen über die Verständlichkeit ihrer Aussage.

    Durch die komplexe grammatikalisch Struktur, das künstliche Aufblähen der Wortzahl und die Verwendung von Fremdworten wird diesem Satz keine noch so kleine Information hinzugefügt.

    „Das Individuum kann erst in örtlicher Diskrepanz zum Ursprungsland den Hiatus zwischen dem Eigenen und dem Fremden erfassen“ und „kulturelle Unterschiede erkennt man erst auf Reisen“ sind zwei Sätze, deren Bedeutung zu 100% übereinstimmt. Der zweite Satz ist gutes, kurzes, verständliches Deutsch, der erste Satz ist verboten!

    Wie Sie sagen: Innerhalb der Wissenschaft soll die Sprache einfach sein. Der Hiatussatz ist daher vollkommen unwissenschaftlich; der Satz über die kulturellen Unterschiede ist wissenschaftlich vollkommen korrekt. Eine einfache Regel, die sowohl in der Wissenschaft als auch überall sonst gilt lautet: Der einfachste Satz, der die Information vollständig transportiert ist stets der beste Satz! Wer das anders sieht, der möge Schriftsteller werden und Fiktives schreiben, dann kann ich entscheiden, ihn nicht zu lesen.

    Selbst in der deutschen Sprachkunst hält man sich daran. Schiller und Goethe haben eine schöne aber ausgesprochen einfache Sprache verwendeten. Vielleicht war Deren Sprache ja gerade deswegen schön.

    Nach langem Text nochmals: Sprachkürze bringt Denkweite!
  6. #15

    xxx

    Zitat von mborevi Beitrag anzeigen
    ... im Übrigen gilt: Je weniger sogenannte "Fachausdrücke" ein Fachgebiet braucht, desto mehr Wissenschaft ist 'drin. Vergleiche Medizin mit Physik ...
    Ich frage mich, wie man zu solchen Stammtischaussagen gelangt. Sowohl die Physik als auch die Medizin haben viele Fachausdrücke. Und welches von beiden Gebieten ist Ihrer Ansicht nach keine Wissenschaft bzw weniger wissenschaftlich?

    Je komplexer das ist, was man mitteilen möchte, desto wichtiger sind Fachbegriffe. Die dienen nämlich der sprachlichen Genauigkeit und Vereinfachung. Wenn über die genaue Verwendung eines Fachbegriffes Einigkeit besteht, verkürzen Sie das Gesagte erheblich, ohne an Präzision einzubüßen. Hinter jedem Fachbegriff stehen komplexe Konzepte, Sachverhalte, Theorien etc. Wenn man die ohne Fachbegriff beschreiben müßte, bräuchte man wesentlich mehr Wörter. Oder sind Sie in der Lage, Fachbegriffe wie "Elektron" (Physik), "Theta-Marker" (Sprachwissenschaft),"Partikularismus" (Politikwissenschaft), "Anomie" (Soziologie), "Gini-Koeffizient" (empirische Sozialforschung), "Psychose" (Medizin) etc jeweils durch einen einzigen deutschen Begriff zu ersetzen, ohne jeglichen Verlust/Verzerrung der genauen Bedeutung des Fachbegriffs? Nicht mal bei einem Wort wie "Zylinderkolben" funktioniert das, ohne daß Sie mindestens ein paar Zeilen auf die Umschreibung verwenden müssten.

    Das heißt, Fachbegriffe machen die Kommunikation komplexer Inhalte überhaupt erst möglich.
  7. #16

    Das Problem sind ja nicht Begriffe wie "Elektron", sondern Fremdwörter, die nur um des Fremdwortbenutzens wegen benutzt werden und keinerlei zusätzliche Informationen gegenüber der deutschen Entsprechung (Pendant ;-)) haben. Wenn man dann noch 5 solcher Worte in einem Satz benutzt, dient es nur dazu, möglichst intelligent zu klingen, nicht aber darum, dass der andere mich versteht. Und das sollte das eigentliche Ziel von Sprache sein.
  8. #17

    Das Problem sind ja nicht Begriffe wie "Elektron", sondern Fremdwörter, die nur um des Fremdwortbenutzens wegen benutzt werden und keinerlei zusätzliche Informationen gegenüber der deutschen Entsprechung (Pendant ;-)) haben. Wenn man dann noch 5 solcher Worte in einem Satz benutzt, dient es nur dazu, möglichst intelligent zu klingen, nicht aber darum, dass der andere mich versteht. Und das sollte das eigentliche Ziel von Sprache sein.
  9. #18

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Studenten hassen verkorkste Wissenschaftssprache - und nutzen sie doch selbst: Bei Diskussionen gibt es immer Schlauberger, die in jeden Satz fünf Fremdwörter einflechten. Die Kommilitonen sind genervt und doch irgendwie beeindruckt. Warum nur, fragt sich Katrin Langhans, 25.

    Wissenschaftssprache: Juhu, niemand versteht mich - SPIEGEL ONLINE
    Insbesondere bei den "Schwafelwissenschaften" darf eine Sache nicht vergessen werden: was Fachfremden als Geschwafel erscheint, sind unter Umständen auch einfach Fachtermini.
    Wissenschaft ist nunmal was anderes als Vulgärweisheit, darum braucht man eben auch präzise Ausdrücke, selbst wenn 5 Stück davon nur jeweils leichte Abweichungen von einer einzelnen Sache bezeichnen.

    Aber natürlich gibt es auch tatsächliche Schwafler, und manchmal kann das auch richtig Spaß machen. Ein weiteres Problem ist meines Erachtens, dass viele Studierende einfach nichts mit wissenschaftlichem Geist anfangen können und darum Probleme haben damit.
  10. #19

    Zitat von Zitrone! Beitrag anzeigen
    Man nehme nur mal das Wörtchen "Theorie", um das hier im Forum schon wahre Kriege geführt wurden. Umgangssprachlich hat das eine ganz andere Bedeutung als z.B. unter Physikern.
    Das gilt aber nur, wenn man "Theorie", "Fachwissen" und "Hypothese" munter durcheinander bringt. Bei korrektem Sprachgebrauch kann ich nicht wirklich einen Unerschied ausmachen.

    Zitat von andreseite Beitrag anzeigen
    Begriffe sind dort ohnehin nur auswendig gelernte Definitionen und beeindrucken niemanden. Im Gegenteil: Wer unbekannte Begriffe benutzt, wird genötig diese erst zu Definieren.
    Nun, ganz so edel sind die Mathematiker dann auch wieder nicht, Dort wird stattdessen halt mit Worten wie "trivial", "offensichtlich" oder "wie man leicht sieht" Eindruck geschunden, um damit Unterschiede in der Auffassungsgeschwindigkeit der Zuhörer hervorzuheben.

    In den Laberfächern ist es aber sicher allzu oft schlicht so, dass sich wissenschaftliche Erkenntnisse in den Texten gar nicht finden, so dass der Gebrauch einer scheinbar schwierigen Sprache Wissenschaftlichkeit überhaupt erst herstellen soll!
    Selbst bei durch Statistiken "untermauerten" Hypothesen habe ich in jenen Schwurbeleien, denen sich von Soziologen über Politikern bis hin zu Unternehmensberatern gerne alle bedienen, die eigentlich kene Aussage haben, noch nie eine mitgelieferte Analyse dieser Statistiken gesehen oder gehört. Man kann sich da schon glücklich schätzen, wenn die Stichprobe sauber abgegrenzt wird. Bei solch unwissenschaftlichem Gebaren wundert es nicht, dass sprachliche Mittel zur Verschleierung herhalten müssen.








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