Wir hatten gerade Abitur gemacht und jede Menge Freizeit. Nach dem Abi gleich ins Studium oder zum Bund? – Für uns keine besonders drängenden Optionen, tolerante Elternhäusern finanzierten eine monatelange, bei einigen jahrelange, recht heitere Herumhängerei. Das war nicht ungewöhnlich Mitte der 80er Jahre; ich vermute, heute ist das nicht mehr so.
Und Whitney paßte da irgendwie rein, als ferne, aus unserem kleinen, albernen Kiffer-Universum nicht erreichbare Prinzessin. Was war die süß! Und welch überirdisch perfekter Gesang! Wir dachten: Besser geht's nicht. Und das stimmte ja auch. Ein Talent wie Whitney, das sich ganz auf ihre Stimme verlassen konnte, ist seit jenen Tagen nicht mehr aufgetaucht; heutzutage haben wir es eher mit Tanzdarbietungen zu tun, scheint mir, die Musik ist nurmehr Kulisse. Insofern hat die Welt sich wirklich gewandelt; es war nicht alles besser früher, aber auch nicht alles schlechter.
Keiner von uns war ausgesprochener »Whitney-Fan«. Aber sie genoß nicht nur Respekt, sie hatte eine gewisse Macht über uns. Jedenfalls war »Savin All My Love For You« ein Song, der schon beim ersten Hören die Notwendigkeit unterstrich, sich augenblicklich zu verlieben; Pech, wenn dann gerade keine Herzensdame zum Anbeten zu finden war, oder womöglich die falsche. Whitney war ein Kuss aus Neverland, ein zärtliches Flüstern im Traum, eine geniale Vision – weil sie so unerfüllbar war, jedenfalls kam es uns so vor in Hamburg-Niendorf. Als dann Jahrzehnte später durch die Medien ging, daß ausgerechnet Jacko einen Kumpel in einem der spießigsten Stadtteile der verschlafenen Elb-Metropole hatte, wurde mir etwas mulmig: Wenn Michael Jackson ganz real im Garstedter Weg rumhängt, in einem jener charakterlosen Einfamilienhäuser, in denen fast jeder von uns groß geworden war, dann wird Whitney möglicherweise nie so herrlich unerreichbar gewesen sein, wie wir uns das damals so bequem ausgemalt hatten! Ich muß die Geschichte meiner Jugend umschreiben, oder was!? Hätte ich intensiver träumen sollen? Da erzähle mir doch einer, das Surreale sei niemals ironisch ...
Als Anfang der Neunziger – Whitney war schon nicht mehr süß, sondern jetzt Diva – der Filmsong aus dem bekloppten Costner-Streifen ganz gehörig nervte, weil er die Rotation im Radio einfach nicht verlassen wollte, war Whitney entzaubert. Nervensäge, blöder Film, blödes Alles.
Danach war sie für mich eigentlich weg. So, wie man einen wunderschönen Traum einfach so und für immer vergißt. Kein Verlust, nicht einmal die Frage nach ihr blieb. Und nun ist sie so plötzlich wieder da, weil sie tot ist. Hätte ich ihr nicht zugetraut, so einen Coup, und schon gar nicht gewünscht. Wär sie doch nur beim Singen geblieben.
R.I.P.
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