Forum


 

Vorgefiltertes Web: Die ganze Welt ist meiner Meinung

Es ist eine schleichende, unheimliche Veränderung: Bei Facebook, Google oder Amazon entscheidet Software, was der Nutzer zu sehen bekommt und was nicht. Nur wenigen ist bewusst, wie stark Algorithmen inzwischen unser Bild von der Wirklichkeit bestimmen - was nicht passt, schluckt der Filter.

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0...750111,00.html
  1. #100

    filter bubble

    Eli Pariser schreibt gerade ein Buch über die "Filter Bubble", wie er die Auswirkungen der Filter-Algorithmen nennt. Bei seinem Vortrag sprach er von einer "unsichtbaren algorithmischen Redaktion" des Webs. Seine Befürchtung: "Wir bewegen uns in eine Welt, in der das Internet uns nur Dinge zeigt, von denen es denkt, dass wir sie sehen müssen, nicht aber, was wir sehen sollten."
    Der Witz ist vielleicht, dass uns hier nur sehr deutlich vorgeführt wird, wie an sich die Wahrnehmung funktioniert: dass wir immer nur sehen, was wir sehen wollen? Dass wir alle einen eingebauten filter bubble haben?
  2. #101

    Aha

    Genau so etwas ist mir selbst vor etwa einem Monat aufgefallen, als ich von einem meiner Freunde keine Nachrichten mehr sah und ihn dann einfach einmal angeschrieben habe, ob er vielleicht nichts mehr schreiben würde. Er antwortete und ich sah wieder seine Meldungen (wobei ich mir weiter keine großen Gedanken gemacht habe). Nun hat mich dieser Artikel wirklich zum Nachdenken gebracht.
  3. #102

    Filtern ist das Natürlichste auf der Welt

    Zitat von mkp Beitrag anzeigen
    Der Witz ist vielleicht, dass uns hier nur sehr deutlich vorgeführt wird, wie an sich die Wahrnehmung funktioniert: dass wir immer nur sehen, was wir sehen wollen? Dass wir alle einen eingebauten filter bubble haben?
    Ja, das ist es wohl. Allein aus der Tatsache heraus, daß man nicht auf alle Phänomene der Realität das gleiche Mass an Aufmerksamkeit verwenden kann, ist man als wahrnehmendes Wesen schon seit je auf Relevanzfiltern angewiesen. Man braucht sich ja nur mal die Fähigkeiten der Savants anzusehen, bei denen dieses Ausfiltern anscheinend argen Störungen unterliegt.
    Neben der Filterung, die wir selbst lebensnotwendigerweise durchführen müssen, ist auch die Filterung von aussen her für uns nichts Neues. So steht ja nicht allzuweit unter der aktuellen Erdbebenkatastrophe in Japan, bei der wir am Rande eines neuen Tschernobyls stehen, der Abstiegskampf irgendeines Bundesligaclubs, etwa hier bei Spiegel online. Nun, was ist wirklich "relevant"? Jeder Einzelhändler, der ein Schaufenster dekoriert, filtert - nicht für sich, sondern für die Vorbeigehenden. Dabei ist das Filtern keine einseitig funktionierende Einbahnstrasse, sondern Teil eines Regelkreises: Der, für den gefiltert wird, gibt mit seiner Reaktion eine Rückkopplung an den Filterungsalgorithmus: Geht in das Geschäft oder daran vorbei. Liest einen der vorgeschlagenen Artikel in Spiegel online oder geht vielleicht lieber zu FAZ.net. Das permanente Überangebot in der Welt des Netzes, seien es die hunderte von "Freunden", die man da auf einmal hat oder schlicht die paar tausend Treffer bei einer Webrecherche, machen das Filtern schlichtweg genauso notwendig, wie bei einem Gang durch eine Fussgängerzone. Die neue Weltverschwörung fällt wahrscheinlich vorerst aus...
    :-)
  4. #103

    Dem kann man sich entziehen...

    Zitat von Habeshah Beitrag anzeigen
    Dank google merkt man wie sehr die Zeitungen dieser Welt gleich geschaltet sind. Alle bedienen sich von den wenigen Nachrichtenagenturen. Einen Artikel kann man dann 137 Mal wieder finden. Oft jedoch über ein Zeitraum von mehren Tagen verteilt.
    ...indem man zum Vergleich auf die news anderer Länder zugreift.

    Der aufgedrängten Verlinkung von facebook, wayn, etc aber kann man sich nur noch durch Abstinenz entziehen.
    Ich werde von wayn erpresst, dass videos nur noch eingesetzt werden können, wenn ich diese Verlinkungen gestatte.
    Dementsprechend verzichte ich nun auf diesen "service".

    Da sind einige zu gross für ein freies web geworden.
  5. #104

    so 1983 ??

    Zitat von jury Beitrag anzeigen
    Wer liest schon noch "alte" Einträge in Foren? Da braucht man doch eigentlich nichts zu löschen, oder?

    Anders sieht das schon mit Spiegel-Artikeln aus. Ich finde es schon kurios, wie beharrlich man suchen muss, wenn man z.B. die Skandal-Serie des Spiegel über die Verstrickungen Weizsäckers in die Kampfstoffproduktion bei Böhringer nachlesen möchte.

    Aber das ist ja die Methode - alles ist da, man sorgt nur dafür, dass kein "Falscher" zufällig darüber stolpert.
    dioxin alias agent orange

    schwebt mir noch so vor
  6. #105

    zensur oder auswahl

    Zitat von s.burkard Beitrag anzeigen
    ... in dem Artikel wohl ein berechtigter Sorgenpunkt angesprochen wird denke ich dass die Macht von Facebook aus Panik vor Entmündigung und Entmachtung immer noch unnötigerweise potenziert wird.


    Mann muss die Sache stets als Ganzes betrachten, was schwer ist. Aber man sollte immer darum bemüht sein dies zu tun. Damit meine ich dass bei all' der berechtigten Sorge die Menschen sich selbst alternativen schaffen müssen und wenn (derer gibt es ja unzählige) das der Fall ist sollte man sie einfach unterstützen.


    Klar ist mir bewusst dass z. B. Twitter in einigen Situationen der aktuellste Infoweg ist den die Welt derzeit kennt, ähnlich wie Facebook - da er in Ländern greift in denen es schwer ist an Nachrichten heranzukommen.
    Erstmal wird Facebook warum auch immer sehr hoch bewertet.

    Das schlimme daran ist, das die Filterung unbewusst geschieht. Wenn ich den Filter einschalten und ausschalten kann, dann ist das eine Auswahl, so ist das Zensur. Und das von Mitteilungen meiner Freunde. Das ist schon frech.

    Bei Google habe ich noch Verständnis dafür, weil man etwas sucht und dort etwas themenspezifisch. Die Suchmaschine trifft sowieso eine Auswahl, nur halt individuell.

    Bei Twitter folge ich bestimmten Personen und lese daher bewusst nur diese. Ich lese ja auch z.B. nicht die Bild Zeitung, oder das goldene Blatt.


    Bei Facebook gehe ich aber davon aus, das ich alle Mitteilungen meiner Freunde sehe. Wenn es eine Auswahl ist, dann muss ich das Wissen und es gegebenenfalls abschalten können. So ist das Zensur.
  7. #106

    ...

    Zitat von Schweijk Beitrag anzeigen
    braucht diesen Quatsch wie facebook und twitter schon. Nur die die einen ausgeprägten hang zum exhibitionismus haben und sich gern auspionieren lassen.
    Indeed. Das Einzige, was mich ab und zu daran nicht langweilt, sind Charlie Sheens Twitter-Nachrichten. Gott sei Dank muss ich dafür weder dort noch bei Facebook angemeldet sein. Insofern: WINNING!
  8. #107

    sehr wohl

    Zitat von GeorgAlexander Beitrag anzeigen
    Hätten Sie auch gerne den Schichtplan der Moderatoren?
    den hätte ich gerne.
    schön das es noch jemandem aufgefallen ist
  9. #108

    ???

    Zitat von mkp Beitrag anzeigen
    Keine Ahnung ob das schon jemand hier erwähnt hat (ich habe nicht alle 100 Beiträge gelesen) aber genau das macht SPON auch. Ich bekomme immer die 'passende' Werbung (d.h. die zu meinen sonstigen Surf-Gewohnheiten passt).
    Sie kriegen noch Werbung?
  10. #109

    Realitätsverdrängung

    Linguistisch bzw. psychologisch äußerst interessant finde ich, daß noch im Jahr 2011 sogar von offenbar netzaffinen Menschen die fehlerhafte Dichotomie "Internet" - "reale Welt" gepflegt wird.

    Das Internet ist ein Teil der Realität, nicht ihr Gegenstück.

    Niemand unterscheidet etwa zwischen der Welt der Briefkorrespondenz und einer irgendwie abgeschiedenen "realen Welt" oder zwischen Telefonaten, Zeitungen, Fernsehen und dem "real life". Alles ist real. Alle Botschaften entspringen einer subjektiven Position. Jede Kommunikation findet in irgendeiner Sprachform statt, und keine sprachlich ausgedrückte Aussage ist mit der vollen Realität ihres Gegenstands identisch. Es ist immer Objekt und Abbild. Und über das Wesen der Fiktion sind wir uns alle bewußt. Die Internet-Technologie grenzt seine Nutzer nicht stärker oder grundlegend anders von der Realität ab als alle möglichen anderen Medien auch. Die Erfindung der Schrift war ein viel größerer Abstraktionsschritt.

    Ähnlich sieht es mit den Filtern aus, wie schon mehrmals in diesem Thread angesprochen. Das Neuartige besteht einzig darin, daß Algorithmen zur individuell unterschiedenen Behandlung jedes einzelnen Teilnehmers eingesetzt werden. Klassische Massenmedien konnten das in der Form nicht leisten, haben aber Ähnliches selbstverständlich auch seit jeher versucht, sei es aus Gründen politischer Zensur oder um die Zielgruppen für die Werbekunden besser definieren zu können.

    Das macht die Sache natürlich noch nicht gleich unproblematisch, im Gegenteil. Das Netz sollte ein Medium sein, in dem einem nicht unsichtbare Scheuklappen aufgesetzt werden, sondern wo man selbst mündig die Auswahl seiner Quellen und Information treffen kann. Im Netz als solchem ist das auch noch möglich - auch wenn das Wissen darüber zu schwinden scheint, aber das Netz ist ja nicht identisch mit Facebook und Google. Die Einflüsse, die diese Unternehmen mit ihrer Marktmacht ausüben, sind allerdings trotzdem nicht zu ignorieren, und ganz besonderes Augenmerk verdient die aktuelle Debatte um Netzneutralität und (immer noch) Netzsperren. Hier liegen die Gefahren einer allumfassenden Inhaltsfilterung, die von nur wenigen mächtigen Instanzen intransparent kontrolliert werden kann.








TOP



TOP