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Umstrittenes Psychologie-Werk: Katalog der Störungen

Getty ImagesBurnout ist keine Krankheit, viele Esstörungen sind es dagegen schon. So lautet jedenfalls die Definition des Handbuchs für psychische Störungen. Das Standardwerk beeinflusst, wer hierzulande als krank gilt - und welche Therapie die Kasse zahlt. Ein Überblick.

http://www.spiegel.de/gesundheit/psy...838447,00.html
  1. #30

    Witzig

    Zitat von fpa Beitrag anzeigen
    Was heißt im Sinne der Aufklärung? Reduktionistisch? Wenn man also nur bei jedem individuellen Fall tief genug untersuchen würde, würde man irgendwann auf Kausalketten stoßen, die man dann auf verschiedene Weise brechen kann, in dem man nur die Parameter darin verändert?

    So funktioniert Psyche aber leider nicht. Wenn Sie die Klassifikationen in der DSM als Anleitung für eine Art Arbeit am Seziertisch auffassen (a'la Pflanzenbestimmungsbuch), dann wird das ganze natürlich geradezu absurd und sehr fragwürdig. Betrachten Sie es hingegen als Patterns und Cluster im Sinne einer Mustererkennung, dann wird es auf einmal hilfreich und sinnvoll. Natürlich nur im statistischen Sinn. Die Beurteilung des Einzelnen obliegt allein dem Arzt oder Therapeuten. Ein solchen Manual bietet ihm dafür eine Art Richtschnur, die sowohl dem allgemeinen Konsens der Fachwelt (im Sinne der Vereinheitlichung und Qualitätssícherung von Diagnose und Therapie) als auch dem allgemeinen Konsens in der Gesellschaft (im Sinne der Kosten für die Gesellschaft) gerecht zu werden versucht.

    Aus alles drei Punkten,
    - der grundsätzlich nicht deterministischen Struktur der Psyche, besser der gesamten Psycho-(Endokrino-)Neuro-Immunologie plus Genetik (*)
    - dem einer steten Wandlung und Weiterentwicklung unterliegenden Wissen der Fachwelt
    - und den sich verändernden Gesellschaftloichen Rahmenbedingungen
    ergibt sich zwangsläufig (und keinesfalls willkürlich), dass diese Manuals alle paar Jahre wieder neu angepasst werden müssen.

    (*) Das ist genau der Punkt, den Sie hier mit Recht ansprechen
    Nur dass im Basismodell der Psycho-Neuro-Immunologie diese von außen kommenden Einflüsse Stimuli heißen
    Ich meine wenn Sie diese Schiene als wissenschaftlich ansehen und verfolgen wollen, dann machen Sie doch einfach bei allen Gentests zwecks Diagnose (dann wären wohl die allermeisten Menschen nur noch scheinbar psychisch gesund) - ansonsten könnte man auch anfangen Erbrochenes zu klassifizieren, um daraus dann Rückschlüsse auf irgendwelche Krankheiten zu finden - wobei es ja sowieso nur darum ginge den Brechreiz zu unterdrücken, ohne die Nahrung in Frage zu stellen. Irgendwo stellt sich die Frage wie sich das Ganze selbst auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auswirkt bzw. schon etabliert und ausgewirkt hat - "Schöne Neue Welt"....? Wem's gefällt......
  2. #31

    Psyche

    Zitat von Schizo-Gen Beitrag anzeigen
    .. dann wären wohl die allermeisten Menschen nur noch scheinbar psychisch gesund..
    Glauben Sie wirklich, dass man eine Diskussion über "psychisch krank" oder "psychisch gesund" führen sollte, bevor man einen Konsens darüber hat, was Psyche überhaupt ist?
  3. #32

    Kommuniktion

    Zitat von fpa Beitrag anzeigen
    Schade, jetzt haben sich die beiden Beiträge überschnitten. Und ich muss wieder Fragen: Was verstehen Sie genau unter einer systemischen Sicht? Solange sich dahinter nicht ein nur anders gearteter Reduktionismus versteckt, stimme ich Ihnen voll zu.

    Warum ich noch mal Frage? Weil mir ihre obigen Ausführungen zur Rolle der Gene immer noch wie eine Suche nach einem alles-oder-nichts vorkommen. Diese Frage geht aber an ihrem Charakter vorbei. Das Kodierungsprinzip der Gene ist anders. Wenn Sie viel Zeit haben, schauen Sie sich bitte diese 3 Stunden Vorlesung an:
    21. Chaos and Reductionism - YouTube
    22. Emergence and Complexity - YouTube
    Was Sie dort finden werden, ist das genau Gegenteil von "Binsenweisheiten". Ein Blick über den Tellerrand, der vielleicht nötig ist, um sich bestimmter Paradigmen im eigenen Denken überhaupt bewußt zu werden.

    Wenn Sie mit der Historie der Wissenschafsttheorie so weit vertraut sind, skippen Sie die Einleitung. Die Erläuterung, warum die reduktionistische Herangehensweise auf Gene nicht angewendet werden darf, beginnt im ersten Teil so um Minute 35. (An beliebige Stellen springen ist bei diesen Streams kein Problem, man muss nicht warten bis alles heruntergeladen wurde.)
    Klar spielen die Gene eine Rolle, sonst könnten auch Affen und Frösche lernen sich wie Menschen zu benehmen - das geht aber nur eingeschränkt. Ein Vorreiter systemischer Betrachtungsweisen war Gregory Bateson ( Gregory Bateson ), falls man sich dafür interessiert...
  4. #33

    Prima

    Zitat von Schizo-Gen Beitrag anzeigen
    Klar spielen die Gene eine Rolle, sonst könnten auch Affen und Frösche lernen sich wie Menschen zu benehmen - das geht aber nur eingeschränkt. Ein Vorreiter systemischer Betrachtungsweisen war Gregory Bateson ( Gregory Bateson ), falls man sich dafür interessiert...
    Dann sind wir ja fast auf einer Schiene:
    Robert Sapolsky - Wikipedia, the free encyclopedia

    Deren beider Annäherung zum Thema ist ja geradezu parallel: Anthropologe, Biologe, Sozialwissenschaftler, Kybernetiker. Ein markanter Unterschied: Gregory Bateson (geb. 1904), Robert Sapolsky (geb. 1957). Bateson konnte Wissen, das erst nach seinem Tode (1980) erarbeitet wurde - und in 32 Jahren entsteht viel neues Wissen -, noch nicht in seine Positionen einbauen. Vielleicht würde er heute das gleiche wie Sapolsky sagen.
  5. #34

    nene

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Burnout ist keine Krankheit, viele Esstörungen sind es dagegen schon. So lautet jedenfalls die Definition des Handbuchs für psychische Störungen. Das Standardwerk beeinflusst, wer hierzulande als krank gilt - und welche Therapie die Kasse zahlt. Ein Überblick.

    DSM-5: Das neue Handbuch für psychische Störungen und Diagnosen - SPIEGEL ONLINE
    ......

    Es gibt ja diese netten Versuche, da sich Journalisten mit klarer, identischer Symptombenennung verschiedenen Psychologen und Kliniken vorstellten und von sieben "Fachleuten" acht verschiedene Diagnosen bekamen.
    Das wundert nicht, ist doch gerade die Psychologie keine exakte Wissenschaft und spielt gerade bei ihr die Position des "Fachmanns" eine wesentliche Beurteilungsrolle.
    Einen chemischen Wert im Blut zu bestimmen, ist da wesentlich leichter und exakter.
    Diese Diagnosen sind im übrigen nur zwecks Kommunikation und Angang für die Fachleute von Belang, und natürlich für die Versicherungen, die dann auslosen können, wofür sie zahlen und wofür nicht. Wissenschaftlich und praktisch haben sie reine Null-Bedeutung, können höchstens noch die Betroffenen erfreuen oder verschrecken, je nachdem...
    rabenkrähe
  6. #35

    Diagnosen und gesellschaftliche Zusammenhänge

    Unbestritten ist es überfällig, den jeweils aktuellen Forschungsstand auch im DSM abzubilden, allerdings leistet das DSM eines nicht - die jeweilige prozentuale Häufigkeit von diagnostizierten resp. behandelten Störungen in die jeweiligen gesellschaftlichen Zusammenhänge einzubinden ...

    Wenn ich von den wirklich schwerwiegenden Störungen einmal absehe, gibt es zwischen den einzelnen Ländern und Zeiten recht deutliche Unterschiede. So wissen wir, das z.B. die Depression in südlichen Gefilden seltener diagnostiziert wird, eine der Erklärungen ist die längere und intensivere Einwirkung des (Sonnen-) Lichtes auf den Menschen und eine Therapieform bei uns die Lichtwand.

    Aber ist es nicht auch so, daß in anderen Gesellschaften vielleicht anders miteinander umgegangen wird, heute "Störungen" mit Pharmacie und gutbezahlten Therapeuten begegenet wird, die vielleicht vor 100 Jahren noch selbstverständlich im Familienverband mitgetragen wurden?

    Viele Störungen sind vielleicht eher Ausdruck einer gestörten Gesellschaft, die Abweichungen und verminderte Leistungsfähigkeit ausgrenzt, anstatt sie als normale Vielfalt menschlichen Lebens zu begreifen ....
  7. #36

    Wer sagt irgendwo irgendetwas von Gentests für die Diagnose?

    Zitat von Schizo-Gen Beitrag anzeigen
    dann machen Sie doch einfach bei allen Gentests zwecks Diagnose
    Diese Aussage irritiert mich jetzt. Ich hatte Ihren Beitrag #27 als zustimmende Ergänzung zu Punkt 1 meines Beitrages #22 aufgefasst.

    Falls Sie meinen, mir damit widersprochen zu haben, muss ich annehmen, dass Sie den dort verlinkten Clip The Genetics Myth - Clip from Zeitgeist 3: Moving Forward - YouTube leider gar nicht angeschaut haben.
  8. #37

    Wissenschaft

    Zitat von fpa Beitrag anzeigen
    Diese Aussage irritiert mich jetzt. Ich hatte Ihren Beitrag #27 als zustimmende Ergänzung zu Punkt 1 meines Beitrages #22 aufgefasst.

    Falls Sie meinen, mir damit widersprochen zu haben, muss ich annehmen, dass Sie den dort verlinkten Clip The Genetics Myth - Clip from Zeitgeist 3: Moving Forward - YouTube leider gar nicht angeschaut haben.
    Gegen Gen-Tests kann man gar nichts einwenden - diese werden aber sinniger Weise nie angewandt, weil man daraus auch nicht schlau wird. Trotzdem wird an diesen Behauptungen von genetischen *Ursachen* festgehalten und über die Motive kann man prima spekulieren. Dabei kann es genauso krank sein unter bestimmten Bedingungen nicht krank zu werden - ansonsten endet der Mensch bestimmt irgendwann im Hühnerkäfig, wo er brav, pflegeleicht und glücklich hochmotiviert seine Eier legen darf. Es ist also letzlich die Frage, ob (genetisch bedingte) Sensibilität gut oder schlecht für eine Gesellschaft ist - genauso wie man sich über die Vor- und Nachteile eines empfindlichen Magens streiten könnte. Derzeit gilt ein empfindlicher Magen als krank, weil er nicht alles fressen kann - könnte sich aber irgendwann auch herausstellen, dass es gar nicht so gut und gesund war alles zu fressen? Andererseits - wie und warum soll man was dagegen tun, dass jemand im Hühnerkäfig glücklich wird?
  9. #38

    Psychologen + Pharmaindustrie

    Na, da hat man wohl die beste Kombination. Diplomierte Idioten als Frontleute einer der gewinnträchtigsten und rücksichtlosesten Industrie. Statt mal ernsthaft über seine eigene dumme Mentalität nachzudenken, hat man jetzt auch hier die Hysterie aus den VS übernommen. Das abnormale an diesen Leuten ist nur, daß sie sich anreden, geistig krank zu sein wenn es um normalem, menschlichem Benehmen geht. Aber das ist doch der Trend geworden: die heutige Generation will nie die Verantwortung für sich selbst übernehmen, sondern sucht nur Ausflüchte. Und dann deren bedauernswerte Kinder; in den Staaten wird schon jedes dritte Kind mit Medikamenten total kaltgestellt weil Eltern und Lehrer zu faul sind, sich einem Kind zu widmen. Was früher in rückständigen Nervenkliniken angewandt wurde und damals von der Bevölkerung als widerwärtig und unmenschlich beurteilt wurde, ist jetzt fashion. Und so zu sehen in den Kommentaren hier, ist die Generation Weicheier auch in D schon weit verbreitet.
  10. #39

    Zitat von Schizo-Gen Beitrag anzeigen
    Irgendwo ist es eine Binsenweisheit, dass alles was im Menschen passiert mit Genen zu tun hat. Auch ein Schnupfen kann auf einen Gendefekt zurückgeführt werden, nämlich den einer fehlenden Immunität. Das heisst aber nicht, dass ich unbedingt einen Schnupfen bekommen werde - nämlich nur dann wenn ich unglücklicher Weise mit dem entsprechenden Virus konfrontiert werde. Psychische Erkrankungen sind ebenso Resultat genetischer Potenziale und schicksalhafter Fügungen. Man könnte statt "Krankheiten" auch von Problemen oder Krisen sprechen. Das entspräche dann mehr der systemischen Sicht, die sich aber nicht durchsetzen konnte. M.E. kann man sich eh nur selbst helfen - insofern auch egal.
    es gibt ja auch verschiedene Probleme an der systemischen Sicht. Einmal erklärt sie nicht warum die Patienten verschiedene Erkrankungen bekommen. Sie können in Studien die familiäre Häufung von psych. Krankheiten beobachten und außerdem die Umstände vergleichen, und sie werden sehen, dass die gleichen Umstände nicht jeden krank machen, sondern eine gewisse Anfälligkeit vorhanden sein muss. Bei manchen Patienten ist die Anfäälligkeit so hoch, dass sozusagen ein kleiner Schubs reicht (Prüfungen, Pubertätsbeginn, Streit in der Beziehung) um krank zu werden, bei anderen ist eine wirklich lebensbedrohliche Situation "nötig" und der große Rest liegt dazwischen. Natürlich muss man bei psychischen Erkrankungenn das Umfeld mit ein beziehen. Aber (wie bei der systemischen Sicht) die Symptome und den so genannten "Symptomträger" selbst so sehr zu ignorieren finde ich problematisch. Man kann natürlich in jedem "System" Fehler finden, aber die Symptome gehen davon nicht weg, so wie auch das Verlassen einer belastenden Lebenssituation (z.B. Verlassen des trinkenden Ehepartners) nicht automatisch zur Verbesserung der Symptome (z.b. Depression der Ehefrau) führt. Außerdem impliziert die systemische BEtrachtungsweise auch immer, dass die Symptome entstehen, weil sie "gebraucht" werden, damit dass System funktioniert. Stattdessen passt sich aber das System auch oft einfach an die Symptome an um weiter funktionieren zu können, d.h. die Frau des Trinkers lügt für ihn bei der Arbeit um weiter eine "gute" Ehe führen zu können. Jetzt zu behaupten, dass er trinkt weil die Ehe das braucht, finde ich sehr zweifelhaft.


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