Thalheimer-Premiere in Frankfurt: Mutterliebe schockgefroren

Birgit HupfeldMedea ist die grausamste Frauengestalt in der griechischen Mythologie: Eine Mutter, die ihre eigenen Kinder tötet. Der Regisseur Michael Thalheimer besetzt sie mit Constanze Becker. Sie ist die Königin radikaler Frauenfiguren - und selbst Mutter.

http://www.spiegel.de/kultur/gesells...826579,00.html
  1. #1

    Na schön,

    es ist ja ein Thema, an dem ich mich auch sehr gern abarbeite. Ich dachte beim Lesen erst: Na, ist da nicht wieder ein bißchen Kontext verloren gegangen? Aber dann kommt es noch: eine isolierte, ausgestellte Fremde.

    Zum einen gibt es Medeas Vorfahren, die es schon selbst darauf anlegten, so grausam wie möglich zu erscheinen und gegenüber Eindringlingen vermutlich auch waren. Zum anderen kann man bei Diodor 4,47 z.B. lesen:
    "Medea zeigte den Argonauten den Weg zum Tempel des Ares, welcher 70 Stadien von der Stadt Sybaris, dem Sitz des Königs von Colchis, entfernt war. Sie trat bei Nacht vor die verschlossenen Tore und rief den Wächtern in Taurischer Sprache zu. Die Soldaten öffneten ihr als der Tochter des Königs ohne Bedenken. Da drangen die Argonauten mit gezogenen Schwertern ein. Viele der Barbaren wurden niedergemacht; die Übrigen flohen aus dem Tempel voll Bestürzung und Schrecken."

    Barbaren waren es also - ohnehin.

    Derartige Wortbrüche kommen in den Geschichtchen von Männerruhm und Männerphantasie, die so gern schreckliche Frauen ausstellt, öfter vor.
  2. #2

    36 Jahre nach Neuenfels

    Ob Thalheimer/Becker mit Neuenfels/Trissenaar mithalten können? Mir ist die seinerzeitige Medea-Aufführung in Erinnerung, als sei es vorgestern gewesen:

    DER SPIEGEL*48/1976 - Theater: Medea als Feministin

    Würde mich freuen, wenn das aktuelle Schauspiel Frankfurt sich zu ähnlichen Höhen aufschwingen könnte.