Forum


 

Talkshow-Verflachung: Der Betroffene hat immer Recht. Oder?

Betroffenheit, das klingt nach siebziger Jahren und Sitzblockaden. Jetzt sitzt der Betroffene plötzlich wieder auf allen Stühlen - seit "Anne Will" auch in den politischen Talkshows. Die Konfrontation mit persönlichen Schicksalen entzieht jedem Diskurs die nötige Schärfe.

http://www.spiegel.de/kultur/gesells...512069,00.html
  1. #70

    Ausgeglichenheit

    Zitat von klaus meucht Beitrag anzeigen
    Wenn es z.B. um Arbeitslosigkeit geht, so hat sowohl der Politiker, der Unternehmer, der Wirtschaftswissenschaftler, der Arbeitslose, der Arbeitende mit den hohen Abzügen seine eigene Sicht. Keiner von denen nimmt den Gesamtüberblick in gleicher Schärfe war, dazu sind die Probleme zu komplex.
    Genau da liegt der Punkt: Wenn Sie den Arbeitlosen und den Arbeitenden mit den hohen Abzügen als Betroffene einladen, dann kann das durchaus ein Gewinn für eine Diskussionsrunde sein. Wenn Sie aber nur einen Betroffenen einladen, dann wird die Diskussionsrichtung nicht unwesentlich davon abhängen, ob dieser Betroffene ein Arbeitsloser oder ein Arbeitender mit hohen Abzügen ist.
  2. #71

    Fakten und Beispiele...

    Zitat von Enjo Beitrag anzeigen
    Ganz einfach, wie kann jemand Fakten leugnen wenn es ein lebendes Beispiel vor Ort gibt für einen Fakt ?
    Noch einen Kommentar zu dieser Aussage: Mal angenommen, die Redaktion einer Talkshow ist der Meinung, dass die Sozialleistungen in Deutschland viel zu hoch sind, und lädt als Beleg hierzu den durch die Zeitung mit den vier großen Buchstaben bekannt gewordenen "Florida-Rolf" oder einen ähnlichen Fall ein. Sind Sie dann auch der Meinung, dass die Sozialleistungen noch weiter deutlich gekürzt werden müssen? Sie haben ja schließlich ein lebendes Beispiel, dass diesen Fakt belegt...
  3. #72

    Betroffen sein

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Betroffenheit, das klingt nach siebziger Jahren und Sitzblockaden. Jetzt sitzt der Betroffene plötzlich wieder auf allen Stühlen - seit "Anne Will" auch in den politischen Talkshows. Die Konfrontation mit persönlichen Schicksalen entzieht jedem Diskurs die nötige Schärfe.

    http://www.spiegel.de/kultur/gesells...512069,00.html
    Unter betroffen sein kann man verschieden Dinge verstehen (schönen Gruß an Bastian Sick):
    ich bin von schlimmen Vorgängen betroffen worden, durch die ich selbst Schaden genommen habe, oder
    ich bin "betroffen" über etwas, das sich nicht mit meiner Weltanschauung deckt.

    Die stärkere Wirkung in Talkshows geht von der moralischen Betroffenheit aus, vorausgesetzt, sie gehorcht der "korrekten" Denkweise.
  4. #73

    Zitat von Enjo Beitrag anzeigen
    Ein Betroffener ist ein Fakt, wenn es in einem Gespräch bzw. Thema und Behinderte geht kann ich doch nicht nur Gesunde einladen.

    Ich will nicht wissen was Gesunde und Unbeteiligte über Behinderte denken und fantasieren sondern von Behinderten Fakten aus erster Hand hören und nachvollziehen können.

    Auch will ich in einer Sendung über das Leben mit H4 nicht 5 Politiker mit 10.000 Euro Monatsverdienst fantasieren und fabulieren hören die keinen Tag mit H4 gelebt haben.

    Auch will ich beim Thema Mindestlöhne keiner hochbezahlten Lobbyisten und Expertenrunde lauschen die gegen Mindestlöhne sind aber unter 5mio Euro garnicht erst antanzen.

    Wenn Sie meinen das Ihnen das Leben von realitästfernen Eliten erklärt werden muss bzw. Sie die Realität nicht mehr ernstnehmen gar sehen wollen dann tun Sie mir aufrichtig leid.

    Wahrscheinlich auch so einer der damals noch an den Endsieg geglaubt hätte als die Russen schon in Berlin standen oder der einfache Landser bzw. kleine Major gewusst hat das die Tage gezählt sind.

    Man muss halt Experte sein um über Hartz4 reden zu dürfen, der Hartzler darf das nicht der ist zu blöd obwohl er H4 live hat.

    Also diese Logik erklären Sie mir mal.
    Der typische Betroffene wird deshalb in eine Talkshow eingeladen, weil er ein einziges Liedchen spielen soll: Ja, mir geht es schlecht. Beispielsweise AGL IV: Ich bekomme zu wenig Geld zum Leben. So, rumms. Ja, danke. Dann wird noch zehnmal nachgefragt von der Moderatorin: Ist es wirklich hart mit Hartz IV? Fühlen Sie sich eigentlich noch ernstgenommen von der Politik? Fühlen Sie sich betrogen? Finden Sie, dass ein Manager, der Millionen Euro kassiert, zu viel Geld bekommt? usw. usw. usw. Polemik, Populismus, wen interessiert's. Blöde Fragen, blöde Antworten.

    Keinen interessiert's, weil die Antwort sowieso von vornherein feststeht. Dann will ich lieber einen Experten (nicht Politiker!) hören, einen Sachverständigen, der mir etwas sagen kann zur statistisch untermauerten "Realität". Denn eine Statistik muss zwar mit großer Vorsicht betrachtet werden, aber sie ist immer noch aussagekräftiger als die gefärbte, persönliche Einzelsicht eines Einzelnen. Oder ich würde zum Beispiel lieber einen Anwalt hören, selbst nicht betroffen, der aber tagtäglich mit irgendwelchen Betroffenen redet und insofern etwas mehr zu den wirklich relevanten Problemen sagen kann. Aber ich möchte keinen Betroffenen hören. Betroffener A sagt, die Milch sei zu teuer und das müsse doch bitteschön wieder geändert werden, Betroffener B sagt, er bekomme zu wenig Geld vom Staat, Betroffener C sagt, er sei ganz zufrieden so, Betroffener D sagt, Kinderschänder gehörten bitteschön öffentlich gehängt. Wem hilft das? Mehr Geld will sowieso jeder.

    Einzelschicksale sagen nichts aus über die Realität. Und das hat noch gar nichts damit zu tun, dass sich so mancher auch gerne selbst belügt, was die Ursachen seiner Arbeitslosigkeit angeht.
  5. #74

    Beispiel Anne Will

    Heute Abend bei Anne Will geht es übrigens um das Thema Energie und steigende Preise. Ankündigung: "Millionen deutscher Haushalte müssen bald mehr für ihren Strom zahlen. Vattenfall hat schon die Preise erhöht, E.ON und RWE ziehen nach. Eigentlich hätten die Strompreise durch mehr Wettbewerb sinken sollen, aber Energie wird immer teurer. Wie lange wird sich die Preisspirale weiterdrehen? Und was können die Kunden dagegen tun?"

    So. Als Betroffener eingeladen ist ein Herr Schuster. Warum? Weiß keiner. Bezug zum Thema? Er ist Elektroingenieur (!) und hat in seinem Haus eine Photovoltaikanlage installiert, lebt daher heute "völlig autark vom Stromnetz". Na, das ist aber interessant. Und so wird von der knappen Stunde Talkshow eine gute Viertelstunde für diese völlig belanglose Geschichte draufgehen, die zumindest mich nicht interessiert.
  6. #75

    Betrifft: sachliche Diskussion

    Es ist doch schon erstaunlich wie dieser Artikel (miss-) verstanden wurde und wie reflexartig sich mit den Betroffenen solidarisiert wird. Dabei wird doch an der misslichen Situation des wovon auch immer Betroffenen gar nicht gezweifelt. Es wird nur eine sachliche und scharfe Diskussion im Schatten des Einzelschicksals unmöglich gemacht. Es wird in jedem Kontext immer jemand zu finden sein, den eine bestehende oder geplante Regelung besonders hart (be-)trifft. Es kann eben nicht jeder individuelle Fall Berücksichtigung finden. Am Steuersystem lassen sich diese Auswüchse sehr schön veranschaulichen und die hiesigen Befürworter der Zurschaustellung von Betroffenen schließen sich vermutlich der Meinung an, dass ein einfacheres Steuersystem ohne unendlich viele Ausnahmen und Sonderregeln effizienter, weniger bürokratisch, kostensparender und damit in Summe auch gerechter wäre, da eben auch nicht jeder in den Genuss der Ausnahmen kommt und diese für sich nutzen kann.
    Die Politik sollte aber doch Regelungen finden die für die Mehrheit der Bevölkerung unter den gegebenen Rahmenbedingungen (finanzielle, soziale, kulturelle, ökologische und ökonomische) die bestmögliche Lösung darstellt, wovon wir aufgrund von Populisten zum einen und Lobbyisten zum anderen oft leider weit entfernt sind. Dass extreme Einzelschicksale in einem zivilisierten Land ausgeschlossen sein sollten und wir keine amerikanischen Zustände brauchen, ist dabei auch klar. Wir sind in diesem Lande von objektiv unzivilisierten und unsozialen Zuständen (verglichen mit anderen Ländern) aber sehr weit entfernt, es ist wieder mal das typisch deutsche Jammern auf hohem Niveau.
    Also, es kann und sollte doch nur neue Regelungen geben, die im Durchschnitt gute Auswirkungen zeigen und für die Mehrheit eine (Achtung: vielleicht auch erst mittelfristige oder langfristige) Verbesserung darstellen. Selbstverständlich gibt es immer eine Minderheit, die davon benachteiligt sein kann. Aber wieso sollte stets eine Minderheit oder gar einzelne über die Maßen berücksichtigt werden, wenn die Mehrheit der Betroffenen (da sind sie wieder, allerdings auf der anderen Seite) oder die Wirksamkeit der Maßnahmen darunter leidet?
    Das hat dann wirklich nichts mehr mit Solidarität zu tun.
    Der Ruf nach Selbstbestimmung, individueller Lebensgestaltung, freien Entfaltungsmöglichkeiten mit dem Wunsch nach Selbstverwirklichung und die gleichzeitige vehemente Ablehnung der Einmischung des Staates in die eigene Lebensführung ist nur allzu häufig gepaart mit der Forderung finanzieller Unterstützung des Lebensunterhaltes, nach kostenloser Ausbildung (die keinesfalls bedarfsorientiert sein darf), Kinderbetreuung (am besten die gesamte Erziehung gleich die Schule verlagern, es macht ja dann doch sehr viel Arbeit), medizinischer Komplettversorgung, in Summe also gepaart mit dem Ruf der sozialen Absicherung jeder teils noch so selbstverschuldeten Misere.
    Jeder will zunächst mal machen was er will und wenn das dann in die Hose geht schreit er nach der Solidargemeinschaft.
    (Wer unverschuldet in Not geraten ist, soll sich von dieser Mentalitätskritik nicht angesprochen fühlen.)

    Fazit: Die überproportionale Berücksichtigung einzelner Betroffener kann in einer Diskussion keinen produktiven Beitrag zum Gemeinwohl der Mehrheit der Betroffen leisten und ist daher nur populistische Effekthascherei.








TOP



TOP