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Studienanfänger-Tagebuch: Vergiss die Regelstudienzeit

Was macht man mit Bachelor einer Geisteswissenschaft? Irgendwas mit Medien. Oder den Master. Steile Karriereplanung klingt anders - aber Larissa, Fabienne und Marc haben eigene Pläne. Hetzen lassen wollen die Erstsemester-Kolumnisten sich nicht und suchen nach Sinn und Spaß im Studium.

http://www.spiegel.de/karriere/beruf...811281,00.html
  1. #20

    Zitat von Hamsi Beitrag anzeigen
    Die Aufhebung der Anwesenheitspflicht kann ich nur befürworten. Aus eigener Erfahrung habe ich die Vorlesungen und Kurse in guter Erinnerung, zu denen man nicht zwangsweise erscheinen musste, sondern auch bequem mit dem Script für die Klausuren lernen konnte.
    Ich plaudere mal aus dem Nähkästchen.

    Ich gebe Sprachkurse an der Uni, am Ende steht eine Schlussklausur. Diese Sprachkurse finden aus stundenplantechnischen Gründen zu Zeiten statt, die für jemanden mit normalem Biorhythmus eigentlich unzumutbar sind. (Ich bin Frühaufsteher, mir macht es nichts aus - das ist aber nicht der Grund für die frühe Uhrzeit.)
    Es gibt Leute, die kommen so gut wie nie. Mir ist das recht - dann habe ich kleinere Gruppen, und diejenigen, die kommen, zählen zu den motivierteren oder wenigstens disziplinierteren Studenten.

    Von denen, die nie kommen, fallen viele durch. Gut, das ist dann eben so; die müssen sich fragen, ob sie nicht möglicherweise besser daran getan hätten, sich eben doch aus den Federn zu quälen. Dumm gelaufen, aber sie haben eine zweite Chance. Manchmal lernen sie daraus, manchmal nicht.

    Es gibt aber auch die anderen. Die erkundigen sich per Mail, wie weit wir gekommen sind, und lernen das Zeug für sich. Und wenn etwas unklar bleibt, schreiben sie mir eine Mail. Dann schlagen sie zur Klausur auf und laufen mit 12-15 Punkten heraus.

    Und nun mögen diejenigen, die für die Anwesenheitspflicht plädieren, mir erklären: warum um alles in der Welt sollen Leute, die offenbar wunderbar in der Lage sind, sich die nötigen Kenntnisse in Eigenregie anzueignen, sich zu nachtschlafernder Zeit aus dem Bett quälen, wenn sie es doch ebensogut zu Zeiten tun können, zu denen sie wach sind? (Oder auch: warum sollen diese Leute meinen Unterricht besuchen - vielleicht liegt ihnen auch mein Stil nicht? Das wäre ja auch nicht schlimm, es kann schließlich nicht jeder mit jedem klarkommen. )

    Oder soll ich im Interesse derer, die nicht kommen und dann durchfallen, von allen die Anwesenheit verlangen?

    Erstens: dass diese Leute mit regelmäßiger Unterrichtsteilnahme bestanden hätten, ist im Einzelfall auch nicht sicher. Die Chance wäre höher, aber mehr auch nicht.

    Zweitens: für wen bin ich eigentlich da? Für diejenigen, die man triezen und treten muss, damit sie das tun, was man in einem selbstgewählten (!) Studienfach tun muss? Oder für diejenigen, die Motivation, Begabung und Disziplin schon mitbringen und nur Anleitung, Zielsetzung und Feedback benötigen?
  2. #21

    Zitat von lindenbast Beitrag anzeigen
    Und nun mögen diejenigen, die für die Anwesenheitspflicht plädieren, mir erklären: warum um alles in der Welt sollen Leute, die offenbar wunderbar in der Lage sind, sich die nötigen Kenntnisse in Eigenregie anzueignen, sich zu nachtschlafernder Zeit aus dem Bett quälen, wenn sie es doch ebensogut zu Zeiten tun können, zu denen sie wach sind?
    Wegen der Bildungsgerechtigkeit. Es ist nicht gerecht, dass dem einen der Stoff „einfach so“ zufällt, der andere aber dafür früh morgens malochen muss. Ihre Feststellung hier ...

    Zitat von lindenbast Beitrag anzeigen
    Das Examenszeugnis bekommt man schließlich für die erlittenen Unbilden, nicht etwa dafür, dass man etwas kann.
    ... ist so falsch nicht. Schließlich will ihr zukünftiger Arbeitgeber nicht nur wissen, ob Sie Portugisisch können, sondern auch bescheid über Ihre Belastbarkeit, Stressresistenz und Ihre Fähigkeit, Weisungen zu befolgen, deren Sinn Sie aus Ihrer eingeschränkten Perspektive nicht unmittelbar einsehen.

    Dem gleichen Ziel dienen übrigens auch die neuen (oben schon ansatzweise erwähnten) Lehrmethoden an den Schulen. Während ein Lehrer an der Tafel doziert, kann ein Schüler, dem der Stoff schon bekannt ist, seinen Vorsprung weiter ausbauen, indem er zum Beispiel im Lehrbuch das übernächste Kapitel liest. Das ist hochgradig ungerecht gegenüber seinen Mitschülern. Beauftragt der Lernbegleiter dagegen seine Schutzbefohlenen, sich den Lehrstoff in einem Gruppenpuzzle selbst zu erarbeiten und in einer Powerpoint-Präsentation vorzustellen, kann sich der Streber nicht einfach ausklinken und mehr lernen als die anderen. Damit stellt sich auch hier letztendlich Bildungsgerechtigkeit ein: Jeder erreicht das gleiche Ziel, und jeder musste exakt gleich lange dafür arbeiten. Der Widerspruch, den Sie konstruieren, löst sich auf: Das Zeugnis bestätigt das Erreichen des Lernziels, welches durch einen festgelegten „Workload“, also eine bestimmte Menge „Lernarbeit“, gemessen in Semesterwochenstunden, definiert ist.
  3. #22

    Zitat von lindenbast Beitrag anzeigen
    Genau. Und wenn eine Romanistik-Studentin Portugiesisch als zweite Muttersprache hat, dann darf das noch lange kein Grund sein, sich darum zu drücken, brav an den Sprachkursen Portugiesisch I, II, III und IV teilzunehmen. Das Examenszeugnis bekommt man schließlich für die erlittenen Unbilden, nicht etwa dafür, dass man etwas kann.
    Ich bin sehr froh, dass es bei uns in solchen Fällen einen Einstufungstest gab und die Leute entsprechend ihren Kenntnissen in den entsprechenden Sprachkurs gesteckt wurde und bei sehr guten Kenntnissen einfach nur die Abschlussprüfungen mitschrieben.
  4. #23

    Zitat von hjm Beitrag anzeigen
    Der Widerspruch, den Sie konstruieren, löst sich auf: Das Zeugnis bestätigt das Erreichen des Lernziels, welches durch einen festgelegten „Workload“, also eine bestimmte Menge „Lernarbeit“, gemessen in Semesterwochenstunden, definiert ist.
    Bekenne mich schuldig. Irgendwie will und will es mir nicht gelingen, diesen Denken, wiewohl es mir natürlich bekannt ist, zu internalisieren. Geistige Besitzstandswahrung, was sonst?
  5. #24

    Zitat von Hamsi Beitrag anzeigen
    Ich bin sehr froh, dass es bei uns in solchen Fällen einen Einstufungstest gab und die Leute entsprechend ihren Kenntnissen in den entsprechenden Sprachkurs gesteckt wurde und bei sehr guten Kenntnissen einfach nur die Abschlussprüfungen mitschrieben.
    Na, hören Sie mal. Da könnte ja jeder kommen. Wo bleibt denn da der Workload?
  6. #25

    Nachtrag zur Anwesenheitspflicht: In manchen Veranstaltungen besteht bei uns eine. Soll heißen, wenn Studenten öfter als x-mal fehlen, muss man ihnen Gelegenheit geben, den Workload durch Extraaufgaben (natürlich vom Dozenten zu stellen und zu kontrollieren) zu erreichen. Sie können sich vorstellen, wie groß die Motivation der Dozenten ist, zu bemerken, dass Student X nun schon zum vierten Mal fehlt.








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