Medizin, Altorientalistik,*Jura*oder doch Bühnentanz? Junge Menschen können zwischen rund 7000 Studiengängen wählen. Für viele ist das eine Qual. Helfen kann ein Studium generale - ein einjähriger intellektueller Selbstfindungstrip.
http://www.spiegel.de/unispiegel/stu...804551,00.html
Ich bin erstaunt, wie schwer das Prinzip zu verstehen ist, das ich verdeutlichen wollte. Ein Sozialpädagoge, der sich ein Semester lang mit Kernphysik befasst und sich in einem anderen mit Popper vertraut gemacht hat, ist immer noch ein Sozialpädagoge und musste dieselben Prüfungsleistungen erbringen wie jeder andere Sozialpädagoge. Absolut vergleichbarer Abschluss damals: Diplom-Sozialpädagoge. Nur mal so als Beispiel. Gilt natürlich auch für die Orchideenfächer Wirtschaftswissenschaften, Jura, Medizin - oder Bühnentanz.
Ja, das gebe ich zu. Tatsächlich war und ist die Interessenlage der meisten Studenten erstaunlich eingeschränkt. Aber immerhin hatte ich noch die Möglichkeit über den Tellerrand zu schauen und ich hab davon sehr profitiert - wie übrigens auch von den Jobs, mit denen ich mein Studium finanziert habe.
Denjenigen, die hier gemahnen, junge Menschen sollten sich in ihrer Berufswahl an den Bedürfnissen des Markts orientieren, kann ich nur sagen: Blöd, wenn die sich ändern und man selbst nicht gelernt hat, sich an mehr als einem Thema zu orientieren.
Und wenn wir ehrlich sind, gibt es doch so etwas wie eine absolute Fachbezogenheit gar nicht. Wer z.B. eine Fremdsprache lernt, wird seine Karriere-Chancen auch als Anwalt oder BWLer erheblich erhöhen - ohne gleich sein Leben an die Linguistik verschwendet zu haben
Es ist doch paradox nun zu erkennen, dass die Idee des Studium generale gar nicht so schlecht war und dass nun ein Loblied auf die Interdiszilinarität und die "intellektuelle Selbstfindung" gesungen wird und im selben Zug die Studiendauer bis zum ersten Abschluss auf sechs Semester reduziert wird... Man brauch erst mal zeit um sich selbst und eine Richtung zu finden. Ach?! Das war bei 15 Semester Diplomstudenten im Preis inbegriffen.
Und zu: "um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können und nun soll sie ein Jahr "Selbstfindung" studieren"
JA! Ganz genau das! Ein breit gebildeter, reflektierender Akademiker, der sich selbst und seinen Untersuchungsgegenstand aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann, der in verschiedenen Fachrichtungen mit verschiedenen Mentalitäten zusammengearbeitet hat und der eigenverantwortlich und -organisiert "rumstudiert" hat (von mir aus 15 Semester, davon 5 "umsonst", also mit allen Höhen und Tiefen) ist im internationalen Wettbewerb einem 6-Semester anglo-amerikanischen Bachelor einer staatlichen Universität im Job sowas von uneinholbar überlegen!
Abgesehen davon ist man mit 22/23 doch noch gar nicht gesetzt. Klar, das wollen Unternehmen "formbare" neue Mitarbeiter. Das ist bequem, aber letzten Endes ist ein Unternehmen darauf angewiesen, dass es von seinen Mitarbeitern, den Führungskräften geformt wird. Woher rekrutieren sich diese "Persönlichkeiten" wenn man nur wachsweiche Milchbubis aus dem glanzlosen Elfenbeinturm ausgespuckt bekommt? An einer Universität eignet man sich nicht nur Bildung an. Man sammelt Erfahrung über sich selbst und andere. Letzteres ist entscheidend für Wirtschaft und Gesellschaft! Und dieser Wettbewerbsvorteil (!) wurde in Deutschland systematisch zu Grunde gerichtet.
Und wer bis zum Abitur kein gescheites Hobby gehabt hat, benötigt wahrscheinlich auch Beratung. Armselige Kreaturen, die einfach kein Leben neben der Schule hatten. Deswegen dürften Mädchen/Frauen mit ihrer Studienwahl immer so komisch liegen. Meiner Erfahrung nach haben Mädchen eine unterdurchschnittliche Ausprägung von Interessen. Mädchen machen weniger Sport, basteln und tüfteln weniger, wahrscheinlich dichten sich auch weniger. Jetzt ernsthaft: Wenn ein Junge ein Mädchen erobern will, dann fängt er vielleicht an zu dichten. Andersherum läuft da gar nichts. Kein Mädchen schreibt für einen Jungen ein Gedicht. :-) Die meisten Mädchen aus meiner Jugend hatten vielleicht gute Zensuren, aber zu Hause wird dann vor Glotze herumgegammelt, meistens MTV. Aktives Musizieren wäre löblich, aber nicht dieser passive Musikkonsum. Jungen lesen ja auch unterdurchschnittlich häufig solche Nonsens-Magazine wie "Bravo".
Dass dann solche Studienrichtungen wie Soziologie gewählt werden, verstehe ich nicht. Germanistik oder Anglistik... gut und gerne, da hat jeder durch Deutsch- und Englischunterricht schon mal einen Anknüpfungspunkt und weiß ungefähr, was das ist und was einem erwartet. Aber Soziologie?
Ich habe Informatik studiert, weil ich gerne programmiert habe (neben der Schule) und für Mathematik (aber auch für Physik u. Chemie) immer schon ein Faible hatte. Die Wahl des Studienganges fiel mir entsprechend leicht. Man sollte das wählen, für das man sich ein Leben lang begeistern könnte. Das ist die größte Investition: Ein Beruf erlernen und ausüber, für den man sich nicht besonders motivieren braucht.
So ein Schmonzes wie "mit Menschen zu tun haben" oder "Menschen helfen" bringt einen doch nicht weiter. Außerdem hilft fast jeder Beruf Menschen, sonst würde das niemand bezahlen.
Bei allem Respekt: Ihr Beitrag zeigt offen gestanden vor allem, dass Sie offenbar in Ihrer frühen Jugend nicht viel Kontakt mit Mädchen hatten und Ihr Studienfach lässt vermuten, dass sich das sobald auch nicht geändert haben wird.
Das Studium Generale ist keine Pudding-Akademie für gelangweilte Höhere Töchter, sondern richtet sich durchaus an Interessenten beider Geschlechter. Wenn der Horizont natürlich nicht über angewandte und theoretische Mathematik hinaus geht, nutzt so ein Angebot wenig.
Genau den Kern getroffen!
Wir sind in Deutschland an einem Punkt angekommen, an dem Selbstverwirklichung keine Rolle mehr spielt. Hauptsache alle können (bzw. besser lernen) so schnell wie möglich dasselbe, um Vergleichbarkeit herzustellen. Dabei macht eine gesunde Gesellschaft doch genau das Gegenteil aus: Mit Individualität, Innovativität, Eigeninitiative und dem bekannten "Blick über den Tellerrand hinaus" schafft man Großes - nicht durch nachkauen, auswendig lernen und eine sture Vorgabe des Lehrplans!
Das System ist mitlerweile - um beim Bild zu bleiben - "krank" von oben bis unten. Es fängt schon in der Schule an: Dank G8 haben die Kinder schon früh vollgepackte Stundenpläne, d.h. weniger Zeit für Hobbys und zur Entwicklung von eigenen Interessen (was heute in Zeiten von Dauerberieselung von Fernsehen, Konsole und Facebook sowieso deutlich schwerer ist als vor 20 Jahren noch).
Und mit der Bologna-Reform wurde auch das Studium so verschulischt und zeitlich eingeschränkt, dass kaum Freiheiten dazu bleiben, um sich eigene Schwerpunkte zu setzen. Genauso wurde es zeitlich erschwert, neben dem Studium zu arbeiten - ein weiteres Feld, in dem sich junge Erwachsene ernome Kompetenzen aneignen, die das spätere Berufsleben stark beeinflussen können.
Das Schlimme ist, dass die, die das verschulden, bis die Folgen erkennbar sind schon lange nicht mehr in der Verantwortung stehen! Anstatt das Studium zu vereinheitlichen, hätte man die Energie und das Geld mal lieber in die Verbesserung der Studienbedingungen und der Schaffung von bezahlbarem Wohnraum gesteckt. Dann müssten die Studenten nicht mit Portalen wie WGcast selbst helfen...