Zitat: „Italienischer Lebenslust und Stilsicherheit begegnet man überall. Very british gibt man sich dagegen im Polo-Club, beim Schlangestehen und im Richmond Café zur heiligen tea time. In den Kaffeehäusern glaubt man sich hingegen eher nach Wien oder Prag versetzt, und die Melancholie der Vorstädte trägt osteuropäische Züge. Zu guter Letzt: Die Eleganz der Viertel Retiro und Recoleta zeugen von der Bewunderung für das Frankreich des Fin de siècle. Eigentlich ist Buenos Aires ein europäisches Gesamtkunstwerk, das es in der alten Welt so nie gegeben hat.“
Angenehm zu lesen. Ein Reisebericht soll animieren und nicht deprimieren, er soll die die Schönheiten eines Ortes herausstellen, Atmosphärisches einfangen, er soll Lust darauf machen, dorthin zu fahren. Gegen diese rosarote Brille ist nichts zu sagen, allerdings darf sie nicht zu tief eingefärbt sein, weil dann der Blick für die Realitäten verschmiert. Der Autor, Herr Rössig, erfährt man, ist ein Kenner Mittel- und Südamerikas, immer ein halbes Jahr lang zwischen Mexiko und Feuerland unterwegs, beneidenswert. Da kann ich nicht mithalten, aber einen Eindruck von Buenos Aires habe ich aus mehreren Besuchen. Ich will diesen Eindruck hier nicht ausführlich wiedergeben, das würde Seiten füllen, ich will auch kein Spielverderber sein und alles schlechtmachen, nur so viel: Buenos Aires ist nicht nur die Welt des Tango, der Leichtigkeit, der illustren Melancholie, des nostalgischen Fin de siècle-Feelings. Buenos Aires ist für mich auch kein nach Südamerika ausgelagertes Gesamtkunstwerk.
Buenos Aires ist auch eine Stadt der Verzweiflung, ein Moloch der Armut, einer der hässlichsten Orte der Welt. Herrn Rössig sei als Kontrastprogramm ein Besuch zum Beispiel der „Villa 31“ empfohlen, ausgesprochen „Vischa“, Villa 31 liegt in der Innnenstadt im Stadtteil Retiro, den Herr Rössig so elegant findet, also leicht zu erreichen. Die Villas miserias mit der beschönigenden offiziellen Bezeichnung „Villa de emergencia“ sind in keinem Stadtplan verzeichnet, sie wuchern namenlos weiter in der Peripherie der 3-Millionen-Stadt, in deren Großraum 12 Millionen leben, besser gesagt, mehrheitlich hausen. Mit dem Elendstourismus ist das so eine Sache... mir persönlich liegt er ebenso wenig wie der Tourismus mit der rosaroten Brille – aber trennen lassen sich beide nicht, besonders in den Mega-Städten nicht.
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