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SPIEGEL-Gespräch: "Die Moderne ist eine Haltung"

Der Düsseldorfer Architekt Christoph Ingenhoven über seinen heftig umstrittenen Masterplan für den Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs, die deutsche Historismus-Seligkeit und die Schönheit des Notwendigen.

http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,701908,00.html
  1. #1

    Die Bahn gehört über die Erde

    In dem Artikel heisst es "... erweitert sich die Fläche der Innenstadt um 20 bis 30 Prozent". Das bedeutet, dass diese Fläche dann mit Autos zugestellt und mit neuen Straßen zugepflastert werden soll? (Nach dem Motto: die Bahn kommt unter die Erde damit Autos die Stadt noch mehr verpesten können?).

    Oder sollen dort Parks und öffentliche Flächen entstehen?

    Generell stehe ich dem Ansatz Bahnen (also auch U- und S-Bah) unter die Erde zu verlegen sehr kritisch gegenüber. Denn eine Bahn unter der Erde verhindert auch das Menschen damit fahren wollen oder können. Entweder ist es Angst (Nachts allein durch dunkle Tunnel und Rolltreppen tief in den Untergrund absteigen) oder es wird verhindert das Menschen mit schwerem Gepäck, Kinderwagen oder Fahrrädern mit Gepäck vernünftig die Gleise erreichen können. Fahrstühle an Bahnhöfen sind oftmals nach der Ankunft eines Zuges durch Reisenden mit Rollkoffer komplett ausgelastet, so dass man mit einem Kinderwagen oder Fahrrad schonmal zehn oder fünfzehn Minuten warten kann bis man an die Reihe kommt. Vordrängeleien und Pöbeleien an Gleis-Fahrstühlen habe ich schon des öfteren erlebt. Wenn man dann noch einen Gleiswechsel machen muss um einen Anschlusszug zu erreichen und nur ein paar Minuten Zeit dazu hat (weil die Bahn mal wieder Verspätung hat), dann ist das mehr als unangenehm.

    Die Bahn gehört über die Erde. In den Sichtbereich der Menschen. Ebenerdig erreichbar für alle Menschen mit schwerem Gepäck oder Behinderungen. Alle Gleise müssen ohne Barrieren von jedem Menschen schnell erreicht werden können. Das sollte für alle Bahnhöfe selbstverständlich sein!

    Das ist meine Meinung.

    Heinzer.
  2. #2

    Darum geht´s nicht!

    Meiner Meinung nach geht´s bei Stuttgart21 doch gar nicht um Kritik an der Architektur, die ich persönlich toll finde, sondern um 10 Jahre massivste Behinderungen und Einschränkungen für das Versenken von - mit Sicherheit weit - mehr als 4Milliarden € für absolut lächerliche Fahrzeitreduktionen der Bahn.

    Es geht überhaupt nicht um alt gegen neu, sondern um den Nutzen u Mehrwert den diese Maßnahme erbringt. Natürlich muss man erneuern, aber doch bitte nicht um jeden Preis.
  3. #3

    Wie lauten eigentlich die Gründe der Gegner?

    Davon steht im Artikel nix und warum gerade dieser Entwurf überzeugte auch nicht.

    Note für Interviewer: 5+
  4. #4

    Was für ein erfreuliches Interview!

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Der Düsseldorfer Architekt Christoph Ingenhoven über seinen heftig umstrittenen Masterplan für den Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs, die deutsche Historismus-Seligkeit und die Schönheit des Notwendigen.

    http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,701908,00.html
    Mit Meinungen und Einsichten jenseits von Binsenweisheiten, nachvollziehbar begründet. Meine eigene Haltung zur modernen Architektur ist mir dadurch viel klarer geworden.

    Spätestens jetzt bin ich auch für Stuttgart 21. Hoffentlich wird es nicht nur so schön wie auf den Bildern, sondern auch alltagstauglich für Bahnreisende. Den Hbf Berlin hat der Architekt Gerkan ja ziemlich versemmelt, mit zu schmalen Bahnsteigen und anderen Schikanen. Um so wichtiger ist es, mal zu zeigen, dass es auch besser geht.
  5. #5

    Die Sehnsucht nach einer Baukunst

    Die Ablehnung solcher Großprojekte sind Zeichen dafür, dass die Bürger auch in der zweiten und dritten Nachfolgegeneration nicht bereit sind, die Zerstörung ihrer Städte einfach hinzunehmen und sie sind Antwort darauf, dass moderne Architekten, Stadtplaner aber auch Denkmalpfleger es in einem halben Jahrhundert nicht geschafft haben, den Bürgern Städte zu geben, die von ihnen akzeptiert und gemocht werden.
    Als Grund für den ständig zunehmenden Rekonstruktionswunsch nennt Rainer Haubrich (Architekturkritiker und Ressortleiter Feuilleton der Tageszeitung Die Welt) zu recht »die Enttäuschung vieler Menschen über die Ergebnisse moderner Architektur und Stadtplanung. Wären unsere wiederaufgebauten Innenstädte Wunder an Ästhetik und Sensibilität, würde sich kaum jemand für die einstigen Bauten der Feudalgesellschaft interessieren.
    Damit korrespondiert die Sehnsucht nach einer Baukunst jenseits der kühlen Rationalität oder oberflächlichen Effekthascherei.«
  6. #6

    -

    Der Architekt ist ein Enthusiast, der seinen Beruf wirklich als Berufung versteht und dies auch argumentativ bestärkt. Eine seltene Art von Mensch, aus der aber oft auch großartige Entstehungen hervorgehen.

    Als Kölner bin ich nicht wirklich "befugt" in dieser Diskussion zu entscheiden da ich die Gegenargumente nicht kenne, aber nach dem Interview bin ich geneigt, dem Architekten zuzustimmen.
  7. #7

    Fiktion und Realität

    Zitat von 6fp Beitrag anzeigen
    Meiner Meinung nach geht´s bei Stuttgart21 doch gar nicht um Kritik an der Architektur, die ich persönlich toll finde, sondern um 10 Jahre massivste Behinderungen und Einschränkungen für das Versenken von - mit Sicherheit weit - mehr als 4Milliarden € für absolut lächerliche Fahrzeitreduktionen der Bahn.

    Es geht überhaupt nicht um alt gegen neu, sondern um den Nutzen u Mehrwert den diese Maßnahme erbringt. Natürlich muss man erneuern, aber doch bitte nicht um jeden Preis.
    Genau so seh ich die Sache auch. Sinnloses geld ausgeben damit sich politiker ein denkmal setzen können, nichts anderes ist das. Aber anscheinend haben wirs ja!
  8. #8

    Tolle Hochglanzmodelle...

    ...die dann mit der Realität nur noch wenig zu tun haben. Ich lebe weit weg von Stuttgart, eigentlich kanns mir egal sein. Verstehen kann ich die Reaktion der StuttgarterInnen sehr gut. Was man da einen demokratischen Entstehungsprozess nennt, hat mit echter Demokratie wenig zu tun sondern ist eher Formaldemokratie. Zu Demokratie gehört auch eine Informationsbringeschuld derer, die einen Prozess in Gang bringen wollen. Natürlich liegen da Pläne öffentlich aus, man erfährt das wenn man den Formalteil der Lokalzeitung aufmerksam liesst. KritikerInnen werden bei solchen Projekten üblicherweise zu Beginn abgebügelt und als Spinner hingestellt die gegen alles Neue sind. Meist gelingt es aber nach vielen Jahren die Öffentlichkeit doch noch zu erreichen und klar zu machen , was ein Projekt wirklich bedeutet und welche konkreten Auswirkungen es hat. Meisst begreifen die Leute dann was ihnen da untergeschoben wurde und beginnen sich zu wehren. Dann komt von "Oben" der Vorwurf "Ihr hättet euch ja vorher beteiligen Können - jetzt ist es zu spät". Da nicht Jede/r Nutzungspläne lesen kann und daraus Nachteile ableiten kann, ist dieser "Demokratische" Prozess nichts anderes als würden Bundestagswahlen komplett auf Chinesisch abgehalten. Da müsste man die Fotos der Kandidaten als Maßstab für eine Wahlentscheidung nutzen .. und die sind "Hochglanz" und haben mit der Realität meisst wenig zu tun...
  9. #9

    Das ist kein Mißtrauen sondern begründete Ablehnung

    Was soll denn modern sein, an einem Projekt, das nur neu aber nicht besser, das alte bewährte Infrastruktur beseitigt, das offensichtliche funktionale Mängel hat, dessen Kosten nicht sauber kalkuliert sind, dessen Finanzierung nicht gesichert ist und das mit Schönfärberei verkauft wird?

    Liegt das vielleicht daran, daß die Argumente wirtschaftlich, praktisch, preiswert, schnell, bequem, sicher auf S21 nun mal nicht anwendbar sind und nur so schwammiges nichtsagendes wie chance, modern und zukunft paßt.








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