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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Nächstes Jahr werden wir leben

Früher nannte man*es Klassenkampf, heute nennt man es Angestelltenverhältnis: Den ganzen Tag ducken, nach Dienstschluss in eine Bar. Den Stress wegsaufen - und auf den Sommer hoffen: Nicht der Urlaub ist der Ausnahmezustand, der Rest des Jahres ist es.

http://www.spiegel.de/kultur/gesells...761192,00.html
  1. #20

    wie war!

    ja so ist es !
  2. #21

    Schätzung

    Zitat von firstart Beitrag anzeigen
    Wundervoll beschrieben!

    Nur - die meisten merken es gar nicht und schimpfen dann auf die, die den Finger in die Wunde legen.

    Ich tippe darauf, das 70% der Bevölkerung einer Tätigkeit nachgehen auf die sie gar keinen Bock haben und die tägliche Show so verinnerlicht haben, das sie glauben zu sein was sie vorgeben.
    Die Schätzung ist zwar aus der Luft gegriffen, könnte aber dennoch stimmen. Die Frage ist: was machen sie falsch oder die restlichen 30% richtig?
  3. #22

    Wie in der DDR und anderswo

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Früher nannte man*es Klassenkampf, heute nennt man es Angestelltenverhältnis: Den ganzen Tag ducken, nach Dienstschluss in eine Bar. Den Stress wegsaufen - und auf den Sommer hoffen: Nicht der Urlaub ist der Ausnahmezustand, der Rest des Jahres ist es.

    http://www.spiegel.de/kultur/gesells...761192,00.html
    "Es kommen Leute mit großen Wunden
    unaufhörlich blutend und tragen
    sie in die Büros...

    ...sie schleppen ihre Seelen hinter sich her
    verheerend wie Abgas
    und verlieren alle Kontrolle
    über sich an andere
    Brüder und Schwestern
    Menschen und Unmenschen...."


    Auszug aus Günter Kunert: Die Verursacher.

    Aus: Unterwegs nach Utopia. Gedichte.
    Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1980

    Günter Kunert ist seit 40 Jahren mein Lieblingslyriker. Er hat in seinen Gedichten u.a. genau das beschrieben, was S. Berg in ihrer Kolumne beschreibt: das Elend der entfremdeten menschlichen Existenz und Arbeit.

    Empfehlenswert: "Das kleine Aber" und "Unterwegs nach Utopia".
  4. #23

    Dobu ist überall

    Schön geschrieben und treffend. Ich würde die Selbständigen aber dazunehmen.

    Was Frau Sibylle da so wunderbar schreibt, ist m.E. nicht nur die Ursache für die jährliche gesteuerte Stampede in den Süden sondern auch für das zumindest aus Intellektuellen-Sicht unverschämt schlechte Fernsehprogramm. Und es ist natürlich auch die Ursache für unser irres Konsumverhalten, denn in der wenigen, scheinbar freien, Zeit muss man sich ja etwas gönnen.

    Für viele geht einfach am Abend nichts mehr, als genau dieses Fernsehprogramm zu schauen, die Qutoten sagen's ja. Die Leute sind nicht zu blöd für besseres Fernsehen, sondern zu fertig. Und im Urlaub geht nicht mehr als die zwei Quadratmeter Sand und Sonne.

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Ich arbeite gerne (...) Für wen eigentlich?
    http://www.spiegel.de/kultur/gesells...761192,00.html
    Mir fällt da John Carpenters Film "They Live" ein. Da gibt es diese Sonnenbrillen bei deren Aufsetzen für den Träger die Welt schockartig abgeschminkt wird. Der Dollarschein erscheint plötzlich nur noch als Stück Papier auf dem steht: 'Dies ist dein Gott'.

    Werbeplakate werden zu weißen Wänden, auf denen in fetter schwarzer Schrift 'Konsumiere', 'Gehorche' 'Schlafe weiter!' 'Stelle Authoritäten nicht in Frage', 'Sieh fern!' aufscheint. Und die Brille enthüllt das wahre Gesicht der Kapitalisten und ihrer Helfer: eine Clique totenkopfhässlicher Außerirdischer, die den Menschen diese ganze Illusionswelt geschaffen hat um selbst darin ein feines fettes Luxus- und Machtleben zu zelebrieren.

    Und ein wenig glaubt man schon - auch ohne Carpenters Wundersonnenbrille-, durch die Gesicher der Marbella- und St.Mortitz-Mumien genau diese Totenköpfe durchschimmern zu sehen.

    Im Grunde könnte man ja sagen, dass diese Arbeitskultur eigentlich ne gute Sache ist. Sie hat uns viele Annehmlichheiten beschert. Wenn wir nur nicht so verdammt viel Planet dazu bräuchten, um dieses Spiel aufrechtzuerhalten. Und wenn die Menschen damit glücklich wären.

    Die meisten spielen einem ja vor, dass sie glücklich sind, aber wenn man ihnen dann sagt, dass man ihnen ihr Arbeitsglück von Herzen gönnt, dass man selbst aber mit 10 Stunden Erwerbsarbeit in der Woche ganz zufrieden ist, kommen oft Reaktionen, die darauf schließen lassen, dass da doch etwas an ihnen nagt.

    Aber wir sind nunmal in dieser Kultur gefangen und wir verbreiten sie über die ganze Welt. In unserem Verständnis können doch unsere lieben PIGS ihr angeblich parasitäres Schweinedasein nur überwinden, indem sie so fleißig werden wie wir.

    Erinnert mich an die Dobu-Insulaner, deren Kultur der Anthropologe Reo Fortune einst untersuchte und zu denen der amerikanische Psychologe Mihaly Csiszentmihalyi schreibt:

    In der Kultur der Dobu-Insulaner (...) wird ständige Furcht vor Zauberei, Mißtrauen sogar unter engsten Verwandten und rachsüchtiges Verhalten gefördert. Schon das Austreten wird zum Problem, weil es bedeutet in den Busch zu gehen, denn jeder erwartet, allein unter Bäumen von schwarzer Magie angegriffen zu werden. Die Dobuaner schienen diese Eigentümlichkeiten, die ihre Alltagserfahrung durchdrangen, nicht zu mögen, aber sie kannten keine Alternative. Sie waren in einem Netz von Überzeugungen und Praktiken gefangen, die sich im Laufe der Zeit entwickelt hatten und die es ihnen sehr schwer machten, psychische Harmonie zu empfinden.

    Wir leben eben auch in unserem Netz von komischen Überzeugungen...
  5. #24

    Grundeinsicht

    Klasse Beitrag!
  6. #25

    Augen auf bei der Berufswahl

    Es mag viele Menschen geben, die ihr Leben so wie im Artikel beschrieben erleben.

    Und das ist sicher eine ungesunde Mischung von "selber schuld" (zu faul sich einen guten Job zu suchen, zu faul für die Entwicklung von Fachkompetenz, zu faul sich persönlich weiterzuentwickeln) und "Pech gehabt".

    Ich selber bin auch Angestellter (Ingenieur), gehe jeden morgen gerne zur Arbeit, habe einen menschlichen und klug agierenden Chef.

    Und arbeite in einer Firma die damit aussergewöhnlich erfolgreich ist, weil es eben nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist, dass wir vernünftige Menschen beschäftigen.

    Tja. Mir geht es gut. Und nu?

    Wechselt den Job, ändert die Verhältnisse in Euren Arbeitsverhältnissen oder akzeptiert es, aber belästigt micht nicht mit dem Gejammer.

    Bitte.
  7. #26

    recht treffend

    Beim Lesen der Kolumne habe ich mich ertappt, ständig innerlich zustimmend mit dem Kopf zu nicken. Im großen und ganzen scheint mir das genau so zu laufen. Für die meisten ist der Job stressig und man lebt immer nur bis zum nächsten Wochenende oder Urlaub.

    Andererseits bin ich mir nicht sicher wer ‚schuld’ ist oder was man genau ändern kann. Früher wars ganz sicher auch nicht besser. Die Leute mussten noch länger arbeiten und hatten noch weniger Freizeit, aber wahrscheinlich weniger als heute das Gefühl, dass ihnen was fehlt. Vielleicht weil’s früher kaum Vergleich gab (mangels Medien und Reisemöglichkeiten). Ohne Vergleich hat man nicht das Gefühl etwas zu vermissen.

    Ich habe für mich bis heute noch keine echte Lösung gefunden, wie aus dem Hamsterrad der Arbeitsroutine auszusteigen und trotzdem genug für meinen Lebensunterhalt zu haben.

    Meine Arbeit ist an sich gar nicht so schlecht – aber ich würde definitiv gerne sehr viel weniger arbeiten um mehr Zeit und Luft für andere Dinge zu haben. Und ich denke, das geht vielen genau so, leider reicht dann das Geld zum Leben meist nicht. Aber wie das ändern – keine Ahnung.
  8. #27

    angestelltenverhaeltnis versus klassenkampf

    das waf rueher klassenkampf war soll heute angestelltenverhaeltnis sein? Leuchtet mir irgendwie nicht so ein. Ansonsten findet man sich ja im Artikel etwas wieder, muss man zugeben. Aber die Realitaet ist sicher fuer die meisten nicht, nach Feierabend einen trinken gehen, sondern sich um die Kinder zu kuemmern oder die alten Eltern.... oder um den Hund oder den Garten... man hat doch immer was zu tun, und im Urlaub sich an den Strand legen, kenn ich auch niemanden, der das macht, das ist doch unrealistisch. Die Sinnfrage dagegen stellt man sich auch oft bei seinem Tun..... man stellt sich aber auch die Frage, ob das was die Chefs so machen, die tollen Bildungsbuerger, so dolle ist. Die sind doch Sklaven ihres Lifestyles, muessen super verdienen, damit sie Golf spielen koennen und sich vom Heer ihrer Knechte abheben koennen, sonst haben die nicht viel drauf.
  9. #28

    was soll die Kolumne

    Zitat von sponleser_2011 Beitrag anzeigen
    ...Was soll also die Kolumne? Jammern kann jeder, aber wo ist die Lösung? Oder geht es hier mehr darum, dass sich eine Schriftstellerin versichern will, dass sie die bessere Lebensentscheidung getroffen hat?!
    Das habe ich mich auch gefragt!
    Jammern ( in diesem Fall Vorjammern) können wir ja gut.
    Ich kenne all die angeführten Aussagen, alles nichts Neues,
    nur Aufgewärmtes.

    Nächste Kolumne bitte in gleicher Länge mit Visionen
    für die Zukunft. Das wäre ein Knaller.
  10. #29

    So schön

    So schön - die Sonne scheint, ich lese Sibylle Berg, sie zieht mich wie immer runter und am Ende sitze ich mit einem Lächeln im Gesicht total deprimiert, aber glücklich da.

    Wie geht das???








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