Zitat von
w.blankschein
Liebe Frau Sibylle,
in meinem realen Berufsleben als Deutsch- und Philosophielehrer kommt eine solche Einschätzung eines Textes nur höchst selten vor: Im Ausdruck sehr talentiert, inhaltlich schlichweg ungenügend. Ganz ehrlich: Den Bildungsgrad (nicht: Ausbildungsgrad) einer Abiturientierin vermag ich in dieser Kolumne nicht mehr zu erkennen. Geradezu jede(r) Engagierte kommt nicht gut weg in Ihrem Kommentar.
Seltsam: Viele meiner KollegInnen beklagen schon seit vielen Jahren, dass nachwachsende Schülergenerationen weniger in der Lage sind, Kritik sinnvoll zu artikulieren, geschweige denn ihre Interessen sicher wahrzunehmen. Allerdings - und möglicherweise meinen Sie diese um sich greifende Haltung - können mobbernde Einstellungen durchaus lautstark vorgetragen werden.
Die klassische Philosophie begann mit dem Zweifel: an vorgegebenem und eigenem Wissen, an der eigenen Urteilsfähigkeit. Die Grenzen des eigenen Wissens einzuräumen, hat die modernen Wissenschaften erst auf den Weg gebracht. In der heutigen Zeit regiert der Kotau vor dem (vermeintlichen) Wissen des bloß Faktischen, komplexe und widersprüchliche Zusammenhänge werden allzu gern ausgeblendet - entsprechend eingeschränkt bleibt das verantwortungsvolle Handeln.
Unsere Welt wird in atemberaubenden Tempo verändert durch global wirksame Kräfte, deren Auswirkungen auf den Einzelnen kaum mehr durchschaubar sind. Gerade Spiegel online wirft der Bundesregierung - zu Recht - vor, nicht schnell und zukunftsgerichtet genug in Europa zu agieren. Die Bürger dieses Landes kommen in ihren Handlungen doch gar nicht hinterher, wie sollten sie sich denn bitteschön als mitverantwortliche Individuen und Teilhaber von Gruppeninteressen handelnd verhalten? Abwarten, hinnehmen und akzeptieren, was ihnen als Auswirkungen in ihrem Leben begegnen wird in den Jahren nach Entscheidungen der wirtschaftlichen und politischen Elite? Dass immer weniger real Einfluss genommen werden kann auf den Gang der Ereignisse, ist doch wohl kaum mehr bestreitbar. Meines Erachtens gibt es viel noch zu wenig verantwortungsvolle (!) Interessenartikulation und Einschaltung in die Machtverschiebungen! Eigentlich dürften nicht Grüppchen von Hunderten oder wenigen Tausend Menschen gegen das Diktat unkontrollierter Spekulanten und Großbanken auf die Straße ziehen, wirksamer wären vermutlich friedliche Zeichen des Protestes von Millionen. Ebenso unbedingt gefragt sind wissenschaftlich begründbare Entwürfe realistischer Alternativen - meines Erachtens versagen nicht nur Politiker, mindestens ebenso versagen die Fachwissenschaften. Ein wirklicher Rat (eine nachhaltige Mahnung) der Weisen ist schon lange verwaist in diesem Land.
Sie sollten deutlicher artikulieren, welche anderen Haltungen und Handlungen Sie sich wünschen, Frau Sibylle!