S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Überdosis Weltgeschehen

Ratlosigkeit ist das Gefühl, das Sascha Lobo angesichts der allzu tiefen, oft allzu persönlichen Informationsflut*des Netzes beschleicht. Wenn man dem Leid und Unglück anderer Menschen so einfach so nah kommen kann - wie soll man das aushalten, ohne zum Zyniker zu werden?

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0...748536,00.html
  1. #60

    @dannyboy wieso falsch?

    Nur weil Sie seine Meinung und Einstellung nicht vertreten ist sie "FALSCH"?? Es ist wie es ist, er wünscht sich nen unverbrauchten Planeten den er genießen kann und Sie haben allem anschein nach gerne Recht ohne die Person zu kennen und nehmen sich das Recht eines Urteils herraus was wer wann wo tun würde?
    Pax Vobiscum
  2. #61

    nicht deshalb

    Zitat von thefatman1982 Beitrag anzeigen
    Nur weil Sie seine Meinung und Einstellung nicht vertreten ist sie "FALSCH"?? Es ist wie es ist, er wünscht sich nen unverbrauchten Planeten den er genießen kann und Sie haben allem anschein nach gerne Recht ohne die Person zu kennen und nehmen sich das Recht eines Urteils herraus was wer wann wo tun würde?
    Pax Vobiscum
    Das soll jetzt kein Privataustausch werden (dafür wären die Mitteilungskanäle ja da), aber kurz richtigstellen möchte ich: Ich habe gar keine Meinung des Vorposters kritisiert, sondern seine Aussage darüber, was er tun würde, wenn er "wieder" in der Steinzeit landete. Ich halte die (ohnehin sehr hypothetische) Vermutung für falsch. Und habe es geschrieben, nicht um mir irgendein Recht herauszunehmen, sondern weil es ein meines Erachtens typischer Denkfehler der "Zurück-zur-Natur"-Bewegungen aller Couleur ist, die Sehnsucht nach einem Rückzug aus der Zivilisation mit dem Gefühl zu verwechseln, das vorzivilatorische Menschen hatten. Auf diese Fehler wollte ich hinweisen. In der Sache recht haben, kann man im Übrigen tatsächlich ohne Ansehen der Person, die in einer Sache eventuell unrecht hat. So weit so gut.
  3. #62

    reaktionär, antiaufklärerisch, beliebig bis zum Erebrechen

    Das Internet besteht wie das TV aus Reizüberflutung, es ist Ablenkung ohne Ende, ganz ohne klare Maßstäbe. Unmengen Zeug, aber das meiste ist absolut wertlos. In meinem Beruf gibt es gar nichts Interessantes ohne daß man löhnt. Auch Gesetze kann man nur teilweise aufrufen, die Ausführungsbestimmungen gar nicht, ähnlich wie etwa die sauteuren Normen. Ein paar verläßliche Adressen habe ich, keine zehn, meist zu Geschichte oder Literatur.

    Im Grunde geht es doch um das Urteilsvermögen. Was ist etwas wert und was nicht ? Was kann ich brauchen, was gibt mir was ? Die Semester, die ich benötigt habe, um den Wert einer Vorlesung beurteilen zu können, wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht. Heute brauche ich ein paar Minuten, um aus einem dicken Ordner die zwei wesentlichen Sätze herauszufinden, bei einem Portal sind es Sekunden. Äußere Aufmachung, Systematik, ein paar Sätze lesen. Neulich konnte ich in der Bücherei den Kauf von mehreren Büchern durch ein paar Seiten Lektüre abwenden, dauerte allerdings zwei Stunden.

    Erst wollte ich schreiben, daß Kinder und Jugendliche diesem Wust hilflos ausgeliefert sind. Und dann fiel mir zum Glück ein, daß Kinder sauklug sind, und sehr wohl Wesentliches von Unwesentlichem trennen können. Ganz sicher nicht alle, aber sie sind dem Internet nicht völlig hilflos ausgeliefert wie mancher Ältere, der schon mit der Tastatur Probleme hat.

    Ganz sicher probiert jeder mal aus. Aber letztlich bekommen wir einen neuartigen Selektionsmechanismus. Wer läßt sich treiben und vergnügen und ablenken vom Internet, und wer hält Distanz und nimmt nur das, was ihm nutze sein kann ? Und wer hält durch, der Prozeß der Erkenntnis dauert nämlich ziemlich lange, genauer gesagt ein Leben lang.

    Langfristig werden sich Finanzinteressen durchsetzen. Man merkt es schon heute deutlich, wie im Briefkasten die Reklame, die mit falschen Tatsachenbehauptungen an meinen Geldbeutel will. Oder ich bekomme Wissenschaft, aber entweder von der einen Partei oder der anderen, eine Grundlage für Entscheidungen bekomme ich nicht. Da helfen nur eigene Kenntnisse und Wahrscheinlichkeitsvermutungen, die auch nur mit Kenntnissen halbwegs funktionieren.

    Insgesamt läßt sich nur feststellen, daß das Internet ein Verdummungsapparat ist, und dessen Fähigkeiten werden kräftig ausgebaut. Man sehe einfach mal in die Medien. Egal was man über Libyen hört, es ist frei erfunden oder absichtlich erlogen, allseitig. Die Meldung gewinnt, hinter der der meiste Zaster ist. Mich würde nur interessieren, was den CIA (oder einen anderen Wahrheitsverein) so ein Film über eine echte Steinigung kostet.
  4. #63

    Widerspruch!

    Zitat von Ylex Beitrag anzeigen
    mit dem Anbau von Möhren im eigenen Garten werden Sie kaum die Welt verändern, und mit mehr Kinderbetreuung werden Sie den „Sklavenfabriken des Finanzwesen“ nicht beikommen.
    Dem möchte ich entgegenhalten, dass vielleicht nicht mehr, wohl aber bessere Kinderbetreuung sehr wohl zur Revolution des Finanzwesens beitragen kann. Allein dadurch, dass diese Kinder in einigen Jahrzehnten sich dieser Krake gegenübersehen und die Auswüchse der Macht dort erkennen und bekämpfen können. Dafür können und dürfen wir uns aber nicht auf die Schulen verlassen, das beginnt mit der Verantwortung der Eltern.

    Die Möhren im eigenen Garten sind ein Schritt zur Unabhängigkeit, weg von der Notwendigkeit, alles mit Euro bezahlen zu müssen. In der Summe, zusammen mit den Möglichkeiten einer aktiven, integrierten Nachbarschaft lässt sich so durchaus die Welt verändern - in dem man selbst Beispiel gibt, wie es besser funktionieren kann.

    Jene, die die Welt retten wollen, dabei aber immer auf das Verhalten der anderen schauen, sind zum Scheitern verurteilt. Anderen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben, ist zutiefst undemokratisch: Man darf nie vergessen, dass der Weg zur Hölle mit guten Absichten gepflastert ist. Aber zu zeigen, dass es anders und gleichzeitig besser geht, wird zum Selbstläufer. Wenn andere das eigene Verhalten imitieren, weil es für sie Vorteile bringt, hat man die Welt schon mehr verändert als jedes Gesetz es je könnte.

    Mir fällt es jedenfalls nicht schwer, mir Konsequenzen der Informationsrevolution vorzustellen:

    Entweder: werden wir zurückfinden zu einer Gemeinschaft, in der "Privatsphäre" - jene auch von mir hoch geschätzte Erfindung der individualisierten Gesellschaft - beschränkt bleibt auf das eigene Schlafzimmer, und sich das Alltagsleben wieder in einer, auf die lokalen Begebenheiten zugeschnittenen, Gemeinschaft stattfindet (z.B. Kinderbetreuung durch Oma und Opa, Einkaufverbände für die (demokratische) Bündelung der Macht des Konsumenten, Behandlung von Problemen wie z.B. Jugendgewalt oder präkäre Verhältnisse an der Wurzel). Die Gefahr, dass dieser persönliche Bürger-Überwachungsstaat sich zum Stasi-Staat entwickelt, existiert natürlich, aber es liegt allein in der Verantwortung der aufgeklärten Bürger, dass es nicht soweit kommt.

    Oder: Wir machen weiter wie bisher, weil die individuelle Freiheit unser höchstes Gut ist, und persönliche Verantwortung für die gesellschaftliche Realität abgelehnt wird. Wir delegieren unsere Macht weiter an Ämter und Verwaltungen, an Renten- und Krankenkassen. Wir hoffen weiter darauf, dass unsere Institutionen besser mit der von uns gestifteten Macht umgehen können als wir selbst, und erhalten dafür dann die Herrscher, die wir verdienen.

    Man kann so weitermachen wie bisher, doch sollte man nicht darauf hoffen, dass irgendeine Organisation unsere Probleme lösen wird. Wenn eine unserer Institutionen versagt, liegt es an uns, die Aufgaben dieser Institution wieder an uns zu nehmen, und auf der kleinstmöglichen, lokalen Ebene mit deren Bearbeitung anzufangen. Deswegen wäre es z.B. ein erster Schritt, wenn sich jede deutsche Stadt eine eigene Währung geben würde, deren Verfügbarkeit nicht vom Wohlwollen der Banken abhängt, sondern unter demokratischer Kontrolle der Bürger dieser Stadt steht - globale Veränderung wird sich ergeben, wenn lokale Veränderung Erfolg hat und sich deswegen auch über das Internet verbreitet.
  5. #64

    Hinzu kommt, daß wir alle.....

    Zitat von albert schulz Beitrag anzeigen
    Das Internet besteht wie das TV aus Reizüberflutung, es ist Ablenkung ohne Ende, ganz ohne klare Maßstäbe. Unmengen Zeug, aber das meiste ist absolut wertlos.
    Hinzu kommt, daß wir alle (mich zu einem großen Teil eingeschlossen)süchtig nach dieser Reizüberflutung sind.
    Sie glauben das nicht? Dann führen Sie mal folgenden Test an sich selbst durch: Drei Wochen lange kein Internet, kein TV,kein KIno, kein Radio, keine Tageszeitung, keine Illustrierten, keine Litfaßsäulen sowie keine Werbeplakate bewußt anschauen, keine Literatur (also kein Buch lesen),kein Theater und keine Konzerte.....
  6. #65

    "Das Aleph"

    "In Borges' Geschichte "Das Aleph" aus den vierziger Jahren findet der Held eine irisierende Kugel, die das gesamte Universum beinhaltet."
    ---------------------------------------------------------
    Hehe, also auch ihn selbst. BAM, ich finde ne funkelnde Kugel in der ich selbst drin bin. Why not. OK, ich kenn die Schwarte nicht, weiß also nicht, wie der Autor den Bogen gekriegt hat.

    Und wer akute Reizüberflutunmg an sich feststellt, dem kann ich ein ganz einfaches Mittel dagegen empfehlen.
    G.D.H. "Glotz Die Hälfte" und dann von der Hälfte die Hälfte etc.. Warum? Weil wir fast alle kleine Würstchen darstellen und daher 99,9% aller Nachrichten völlig belanglos für uns sind.
    Da guck ich lieber "Abenteuer Survival" mit Bear Gryllis, da lern ich wenigstens wie ich in der Wüste (in der ehem. DDR :-)) überlebe, und zwar mittels Schlange, die ich erlegen und ausziehen muss, weil ich deren Haut als Transportschlauch für meine Körperflüssigkeiten verwenden kann, damit ich nicht verdursten muss! Oder wie ich in einem abstürzenden Fahrstuhl überleben kann. Oder wie ich einen leider nicht funktionierenden Holzvergaser baue, wenn die Zivilisation untergeht, weil ich Strom brauche.

    Aber was die UNO, EU oder selbst die Bureg beschließt, da kann ich mich drüber aufregen oder sehr selten drüber freun, aber beeinflussen kann ich es nicht und um in die Politik einzusteigen, ist mir das Geschäft zu schmutzig.

    Einfach mal vier Wochen keine Nachrichten im TV und im Internet, das ist wie eine Befreiung.
  7. #66

    Glücksmaschine, Lebensersatz

    Zitat von Magentasalex Beitrag anzeigen
    Hinzu kommt, daß wir alle (mich zu einem großen Teil eingeschlossen)süchtig nach dieser Reizüberflutung sind.
    Sie glauben das nicht? Dann führen Sie mal folgenden Test an sich selbst durch: Drei Wochen lange kein Internet, kein TV,kein KIno, kein Radio, keine Tageszeitung, keine Illustrierten, keine Litfaßsäulen sowie keine Werbeplakate bewußt anschauen, keine Literatur (also kein Buch lesen),kein Theater und keine Konzerte.....
    Buch, Theater und Konzerte hätte ich rausgelassen. Mit dem Verzicht auf TV hatte ich noch nie Probleme, es war immer ein Lückenfüller. Wenn ich die Möglichkeit habe, im Dunklen durch den Regen zu laufen, kann dies reizvoller sein.

    Die modernen medialen Instrumente sind eine Art Lebensersatz, Menschenersatz. Man hat eine Lust auf Menschen, aber man will wissen was passiert, was die Leute meinen, will ihnen was erzählen. Bösartig ausgedrückt wird das dusselige Teil zum Partner. Der hat den Vorteil keine Launen zu haben, keinen Hunger, auch sonst keine Bedürfnisse. Er selbst ist Bedürfnisbefriedigungsmaschine. Wenn auf dem Hbf in D'dorf die Hälfte aller Frauen ein Handy an ihren Schädel drückt, frage ich mich auch, in welcher Klapse ich gelandet bin. Diese Geräte verschaffen Glück, echtes unverfälschtes Glück. Ob es hilft, vor allem auf Dauer, läßt sich bezweifeln. Es schützt nur momentan vor der Leere, der Einsnamkeit. Man meint man wäre Mensch, aber das ist ein Irrtum. Man ist längst Schrott, lebendig begraben.
  8. #67

    Überdosis...

    Genau diese Überdosis hatte ich gestern Abend durch youtube, als ich mir Videos von 9/11 angesehen habe - mehr zufällig und auch nicht sehr lange, weil es eben kaum auszuhalten ist.

    Was aber fast noch schlimmer war, waren viele der Kommentare, die eben weder mitleidig noch geschockt oder erschrocken waren, sondern einfach zynsich. Oder vielleicht auch "nur" ratlos, aber ohne darüber zu reflektieren.