für ein sehr gescheites Interview. Hat richtig Spaß gemacht, das zu lesen!
Getty ImagesZurück zur Natur! Gemeinwohl! Edler Wilder! Die moderne Welt verdankt Jean-Jacques Rousseau viele berühmte Schlagwörter. Zum 300. Geburtstag des Philosophen spricht der Experte Joseph Vogl über dessen Ansichten zur guten Erziehung, erotischen Vorsorge - und perfekten Regierung.
http://www.spiegel.de/kultur/gesells...840805,00.html
für ein sehr gescheites Interview. Hat richtig Spaß gemacht, das zu lesen!
...sich lang und breit über Erziehung ausließ, seine eigenen fünf Kinder jedoch im Waisenhaus ablieferte, hat mich nie so ganz überzeugt.
Zitat: „SPIEGEL ONLINE: In seiner Heimatstadt Genf wird Rousseau derzeit vor allem als Befürworter der direkten Demokratie geehrt.“
Zitat: „SPIEGEL ONLINE: Man ist bei Rousseaus Utopien an die Roten Khmer erinnert. Ist Rousseau also doch Urvater der Totalitarismen?“
Was ist das? Ein merkwürdiger Widerspruch. Rousseau, mit dem ich mich nicht sehr gut auskenne, scheinen innere Widersprüche ausgezeichnet zu haben – den Eindruck vermittelt jedenfalls dieses interessante Gespräch. Einerseits empfand Rousseau den Naturzustand ernsthaft als den einzigen, in dem der Mensch gut sein kann, andererseits konzipierte er seine neue Zukunftsgesellschaft als die einzige Gemeinschaft, in der der Mensch gut, das heißt seinen problematischen Eigenschaften, aber auch seinen Bedürfnissen entsprechend leben kann. Womöglich war Rousseau Pädagoge aus der Überzeugung heraus, dass der Mensch durch die Erziehung auf die Gesellschaft vorbereitet werden muss, nicht nur um in ihr zurechtzukommen, sondern auch deshalb, weil sie ihn verdirbt – ein weiterer Widerspruch: die Gesellschaft als Vorbedingung für den Menschen als soziales Wesen, doch die Gesellschaft gleichzeitig als Grund seiner Depravation. Nachdem ich den Artikel gelesen und einiges über das Universalgenie Rousseau erfahren habe, kann ich mir nicht vorstellen, dass er ein Demokrat war – dafür hatte er ein viel zu prekäres Menschenbild.
Zitat: „Vogl: Der Gesellschaftsvertrag funktioniert nur, wenn es Regierungstechniken gibt, die das Menschenmaterial überhaupt erst zu dieser Vertragsfähigkeit erziehen. Bevölkerungen stellen für ihn ein Ordnungsproblem dar, sie müssen choreographiert und gepflegt werden.“
Menschenmaterial also... nach dieser Einschätzung von Herrn Vogl kann Rousseau eigentlich überhaupt kein Demokrat gewesen sein – dann feiert ihn seine Geburtstadt Genf, indem sie von den vielen Verdiensten Rousseaus ausgerechnet eines auswählt, das ihm nicht gebührt.
Übrigens Rousseaus "infernalische Affäre" - was war denn da los? Ich bin neugierig und kann im Netz nichts dazu finden... sehr eigenartig, weil im Artikel steht, dass sie "ganz Europa ein paar Monate lang beschäftigte."
Das nun ist für mich kein Widerspruch: Direkte Demokratie = Uneingeschränkte Volkssouveränität = Uneingeschränkte Herrschaft = recht Totalitär. Unantastbare Grundrechte kannte man noch nicht.
Ich würde nicht das Gegensatzpaar: Totalitarismus/Demokratie aufmachen, sondern eher Totalitarismus/Rechtsstaat.
Nein, die Grundrechte kann man zu Rousseaus Zeiten noch nicht, das stimmt, aber es macht ja nicht viel Sinn, sich historischer Sichtweisen zu bedienen, weil die Begriffe stets auf die Verhältnisse der Gegenwart angewendet werden - und da bleibt der Widerspruch zwischen Totalitarismus und Demokratie eindeutig bestehen, wobei der Rechtsstaat einen der fundamentalen Bestandteile der Demokratie darstellt. Totalitarismus bedeutet eine verschärfte Form der Diktatur mit dem Vorsatz, Menschen zu formen, auch mit Gewalt, auch in ihrem Denken, Huxley und so - Nordkorea ist ein typisches totalitäres Gesellschaftssystem.
Es verhält sich wie mit der Demokratie, die in Griechenland erfunden sein soll, wie auch mit der Rechtsprechung der Römer; niemand will ernsthaft die damaligen Verhältnisse auf die heutige Gesellschaft übertragen wollen. So sollte man auch den guten Rousseau in seiner Zeit würdigen, immerhin ein bedeutender Vordenker der Französischen Revolution. Die Verhältnisse, in denen Rousseau lebte und die, die er andachte, will heute keiner mehr; gleichwohl waren seine Gedanken zu jener Zeit äußerst revolutionär.
Ja, ja! Die Erzieher! Die wegweisenden Erzieher, die sich auf eitrigen Beinchen durch die Heime schleichen. Der Stiff-upper-lip-Hume wird ihn wohl durchschaut haben. Voltaire sowieso. Der nächste Vordenker bei uns macht schon in die Windeln. Zurück zur Natur.