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Reaktionen zum Tod von Christa Wolf: "Ein trauriger Tag für die deutsche Literatur"

Moralische Instanz und Identifikationsfigur: Mit Christa Wolf ist eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der deutschen Nachkriegszeit gestorben. Ehemalige Weggefährten, Kulturschaffende und Politiker zeigten sich am Donnerstag bestürzt über die Todesnachricht.

http://www.spiegel.de/kultur/literat...801107,00.html
  1. #20

    Wie...

    Wie können es einige Foristen wagen, Christa Wolf durch den Dreck zu ziehen? Damit werden auch alle ehemaligen DDR-Bürger durch den Dreck gezogen!

    Ja, sie war IM, ja sie war Mitglied der SED. Ich war auch Mitglied der SED. Meine Motivation, ich habe an die DDR geglaubt, ich wollte eine bessere DDR, ich wollte etwas ändern und bewegen. Ich glaubte, dieses nur innerhalb der SED tun zu können. Am Ende hatte ich auch die Stasi auf dem Hals.

    Christa Wolf war mein Vorbild. Sie hat den DDR-Bürgern Mut gegeben auszusprechen, was auszusprechen ist und weiterzudenken, was weiterzudenken ist. Eine Christa Wolf im Westen oder verboten, nutzlos! Ihr Platz war in der DDR, da wurde sie von den Menschen gebraucht.
  2. #21

    Wir kommen der Sache näher

    Zitat von Annika Hansen Beitrag anzeigen
    Eine Christa Wolf im Westen oder verboten, nutzlos! Ihr Platz war in der DDR, da wurde sie von den Menschen gebraucht.
    Klingt nicht dumm.


    Zitat von Annika Hansen Beitrag anzeigen
    Wie können es einige Foristen wagen, Christa Wolf durch den Dreck zu ziehen? Damit werden auch alle ehemaligen DDR-Bürger durch den Dreck gezogen!
    Können Sie diesen Zusammenhang näher erläutern?
  3. #22

    Eine Große ist gegangen.

    Zitat von DasVerkehrswesen Beitrag anzeigen
    Klingt nicht dumm.
    Können Sie diesen Zusammenhang näher erläutern?
    Hallo,
    bitte entschuldigen Sie, aber mir gingen bereits gestern ein paar Kommentare hier genau so auf den Senkel wie Annika.
    (Nur leider mögen mich die Moderatoren nicht mehr, seit ich mal die Veröffentlichung von Beiträgen in direkten Zusammenhang mit der Qualität des Morgenkaffees gestellt habe. Daher hab ich die letzten Tage mal die Tastatur ruhig gehalten, aber jetzt versuch ich's nochmal *gg* und klink mich ein.)

    Was den Zusammenhang (ist meiner Meinung nach überspitzt formuliert gewesen von Annika - das durch den Dreck ziehen -es trifft es aber im Kern) angeht:

    Was latent und oft auch deutlich immer mal wieder bei etlichen Foristen durchschimmert, ist das Postulat:
    Jeder, der nicht aus politischen Gründen im Knast gesessen hat, war ein Stasi-Verbrecher oder hat zumindest dem System gehuldigt.
    Gilt vor allem gerne für Künstler, aber auch so, ganz allgemein.

    Niemand, der nicht in der DDR gelebt oder versucht hat, halbwegs sauber zu überleben, kann beurteilen, welche Kraft man aus den Büchern von Christa Wolf schöpfen konnte.
    Das war eine gewisse Freiheit des Geistes, die Freiheit zu träumen, wie es hätte sein können. Und die Auseinandersetzung damit, woran eine eigentlich nicht schlechte Idee so entsetzlich scheitern konnte. Und mußte.

    Es ist ein Unterschied, wie so etwas gelesen und aus der persönlichen Situation heraus empfunden wird.
    Ob man zum Beispiel Kindheitsmuster oder Kassandra auf dem gemütlichen Sofa der Freiheit schmökerte mit dem angenehmen Grusel, daß es einen selbst ja nicht betrifft oder ob man unterbewußt oder auch bewußt nach Parallelen und - blödes Wort, ich weiß - Trost und Kraft suchte.
    Die Wolf war niemals irgendwas zum *Zwischendurchlesen*.
    Nicht für Ossies.

    Es geht wohl aber auch um die Gratwanderung zwischen bleiben und was sagen/schreiben und mit einer gewissen Anpassung leben müssen - oder gehen, verboten werden und somit eigentlich verloren zu sein fürs Volk.

    Meiner Meinung nach hat die Wolf das relativ gut hinbekommen.

    So, Stoßgebet zu den Moderatoren, mögen diese mir meine große Klappe endlich verziehen haben.

    LG
    InesH
  4. #23

    Es sind die alten Weisen...

    Zitat von DasVerkehrswesen Beitrag anzeigen
    Ich teile Christa Wolfs Sozialismus-Euphorie nicht im geringsten, kann aber hinnehmen, dass Leute bis heute an diese Utopie glauben. Aber hätte sie nicht stärker mit dem Fuß aufstampfen müssen? Sie hat mit den Bonzen gespeist. Wie geht das zusammen mit dem klugen, sensiblen Geist den ich ihr unterstelle?
    Was Sie schreiben, erinnert mich an Auseinandersetzungen bzw. Vorwürfe, die von linker Seite, zuweilen aber auch von der amerikanischen Besatzungsmacht, nach 1945 erhoben wurden - gegenüber Künstlern wie Gustaf Gründgens, Wilhelm Furtwängler, Hans Fallada oder Gottfried Benn. Von Ernst Jünger ganz zu schweigen. Allen wurde - mit unterschiedlicher Berechtigung - zur Last gelegt, sich mit den Nazis arrangiert und ihnen als prominentes küntslerisches Feigenblatt gedient zu haben. Doch die öffentliche Meinungsführerschaft der Bundesrepublik stellte sich natürlich vor die Angegriffenen!

    Was im Falle Nazis, NSDAP & Gestapo galt, will man natürlich im Falle DDR, SED & Stasi nicht gelten lassen - so gern man ansonsten beides vergleicht! Wäre Christa Wolf noch am Leben, würde sie wohl in diesem Zusammenhang auf das jahrelange Wegschauen bei Neonazis verweisen...
  5. #24

    Hallo F.X.Fischer, hier meine Sichtweise

    auf Christa Wolf im Zusammenhang mit Ihrem Beitrag vom 01.12.2011:
    Vorausschicken möchte ich, dass es mir dabei nicht darum ging, ob Christa Wolf eine „moralische Instanz“ gewesen sei oder nicht – das möge jeder für sich selbst entscheiden. Allerdings wird er dann nicht umhin können, die Bücher von Christa Wolf zu lesen und sich weitaus intensiver mit der DDR und deren Entwicklung zu beschäftigen, als das bei den meisten Bürgern aus den alten Bundesländern bisher der Fall ist, denn nur in diesem Kontext wird er – eventuell - zwischen den Zeilen lesen können, wie das die Anhänger von Christa Wolf in der DDR konnten und wofür sie sie verehren.

    Was mich empört hat und für mich noch immer unverständlich ist, ist das Szenario, von dem Sie ausgehen, um Christa Wolf zu diskreditieren. Sie unterstellen dort, dass aus einem bisher „freiheitlichen“ ein doktrinärer Staat wird, und formulieren gleichzeitig die Erwartungen, die Sie an die Prominenten knüpfen, die in diesem „freiheitlichen“ Staat aufgewachsen sind bzw. den größten Teil ihres Lebens in ihm verbracht haben (war das nicht die Situation beim Übergang von der Weimarer Republik zur Nazidiktatur?).

    Das ist jedoch nicht die Situation, in der Christa Wolf sich befunden hat. Sie stand wie alle Deutschen 1945 vor den Trümmern eines Staates, den es galt, wieder bewohnbar und lebbar zu machen, und zwar, was heute gern unerwähnt bleibt, unter den Bedingungen, die die jeweilige Besatzungsmacht zuließ, und den Erkenntnissen, die wir damals hatten (Stalins Gräueltaten beispielsweise sind erst Jahre danach bekannt geworden). Wundert es Sie, dass Christa Wolf, wie viele aus unserer Generation, von der Vorstellung, am Aufbau einer menschlicheren und gerechteren Welt mitwirken zu können, begeistert war?
    (Wenn Sie etwas einfangen möchten von der damaligen Aufbruchsstimmung, dann empfehle ich Ihnen „Die Aula“ von Hermann Kant). Selbstverständlich wurde Christa Wolf durch die Entwicklung der DDR geprägt, aber sie hat auch immer versucht, Einfluss zu nehmen, u. a. durch ihre Bücher. In den Werken einiger Schriftstellerkollegen findet man Hinweise darauf, dass sie innerhalb des Schriftstellerverbandes der DDR häufig Fehlentwicklungen angeprangert und diesen aufgefordert hat, sich stärker einzumischen. Beispielhaft seien hier die Tagebücher von Brigitte Reimann, aber auch Veröffentlichungen von Stephan Heym und Maxi Wander genannt. Und im Gegensatz zu einigen ihrer Künstlerkollegen, hat sie ihren Protest gegen die Ausbürgerung Wolfgang Biermanns nicht widerrufen.
  6. #25

    Hallo F.X.Fischer, hier meine Sichtweise Teil II

    Haben Sie bei Ihren Forderungen an Christa Wolf bedacht, dass die Strukturen des Staates längst zementiert waren, als man begann, auf die Schriftstellerin Christa Wolf aufmerksam zu werden, und dass es von da bis zu der Prominenz, die sie Ihrer Ansicht nach einsetzen sollte, noch eine ganze Weile gedauert hat und weiterer Veröffentlichungen bedurfte. Und wie hätte, Ihrer Ansicht nach, Frau Wolf direkt und in der Öffentlichkeit kämpfen sollen. Wie Sie richtig schreiben, waren die Medien gleichgeschaltet. Frau Wolf hätte also niemanden gefunden, der die von Ihnen geforderten kämpferischen Proteste gedruckt oder gesendet hätte. Klar, Sie hätte sich in Berlin auf den Alex oder damaligen Marx-Engels-Platz stellen und ihre Ansichten erkünden können, aber dort hätte sie vermutlich nicht einmal 15 Minuten gestanden und es wäre ihr nicht anders ergangen als Robert Havemann, Walter Janka und vielen anderen kritischen Genossen. Und wenn Sie fordern, Frau Wolf hätte aus der Partei austreten müssen (recht geräuschvoll, nehme ich an), dann muss ich Ihnen entgegenhalten, dass es diese Möglichkeit erst seit der Änderung des Statuts im Jahre 1976 gab. Vorher war eine Beendigung der Mitgliedschaft nur durch Tod oder Ausschluss möglich. Ich denke aber, dass für sie die Partei nicht nur aus dem ZK und dem Politbüro bestand, sondern auch aus den vielen Genossen an der Basis, von denen etliche immer noch der Sozialismusidee verhaftet waren und hofften, etwas ändern zu können -------- lächeln Sie ruhig. Ungeachtet dessen hätte Frau Wolf mit ihrem Austritt oder/und den von Ihnen geforderten Protesten weiter nichts bewirkt, als selber kaltgestellt zu werden. Wir „Ossis“ haben sie aber als Schriftstellerin gebraucht und nicht als Märtyrerin.

    Noch eine Ergänzung am Rande: Es waren nicht sämtliche „andere Parteien“ verboten, bis 1989 bestanden neben der SED noch folgende Parteien, die später in der CDU bzw. der FDP aufgegangen sind:
    CDU Christlich-Demokratische Union Deutschlands; 120'000 Mitglieder (1981)
    LDPD Liberal-Demokratische Partei Deutschlands; 75'000 Mitglieder (1977
    DBD Demokratische Bauernpartei Deutschlands; 92'000 Mitglieder (1977)
    NDPD National-Demokratische Partei Deutschlands; 85'000 Mitglieder (1977)
    Mit freundlichen Grüßen
    kagu
  7. #26

    Um sich zu schützen

    Zitat von F.X.Fischer Beitrag anzeigen
    Nur mal angenommen, in der BRD ginge eine Partei daran, sämtliche andere Parteien zu verbieten, Andersdenkende Einzusperren, Kinder und Jugendliche von Klein an in Parteiverbänden zu indoktrinieren, die Medien gleichzuschalten, eine Mauer und Selbstschussanlagen zu bauen und an der Seite eines zigmillionenfachen Massenmörders an der Weltrevolution zu arbeiten!
    Wäre es hier nicht das allermindeste für eine „moralische Institution“ aus dieser Partei sofort auszutreten und öffentlich gegen diese die Stimme zu erheben. Sich für die Verfolgten und Inhaftierten einzusetzen. Unrecht und Willkür zu benennen und öffentlich und lautstark anzuklagen!?
    Christa Wolf hat dies nicht getan, - beschämend und umso schwerer wiegt, da sie doch durch ihre Prominenz im Gegensatz zu vielen anderen weitestgehend geschützt war!

    Warum zum Teufel also „moralische Instanz“?
    Das Sie das nicht verstehen, F.X.Fischer, ist mir schon klar. Für Sie scheint es nur schwarz oder weiß, perfekt oder nicht perfekt, zu geben. So ist der Mensch aber nicht. Warum sind damals so viele harmlose Normalos der NSDAP beigetreten? Vielleicht um sich zu schützen? Nicht jeder der in der in der SED war, war ein Faschist.
  8. #27

    Niveaubestimmung

    Zitat von kagu Beitrag anzeigen
    (Wenn Sie etwas einfangen möchten von der damaligen Aufbruchsstimmung, dann empfehle ich Ihnen „Die Aula“ von Hermann Kant). Selbstverständlich wurde Christa Wolf durch die Entwicklung der DDR geprägt, aber sie hat auch immer versucht, Einfluss zu nehmen, u. a. durch ihre Bücher.
    Schön, dass Sie das so sehen. Noch schöner freilich: Inzwischen sehen nicht nur wir beide das so: Mit ein paar Jahrzehnten Verspätung (!) hat sogar Deutschlands "Literaturpapst" sich ähnlich geäußert:

    Noch in den 1970er Jahren kanzelte er Hermann Kant ringsum ab - mit allen zu Gebote stehenden Verbalinjurien: "Hofnarr" der SED war dabei noch das Wenigste.

    Letztens, zu Kants 85. Geburtstag, auf einmal das Bekenntnis: "Er ist ein Autor, der mich nie gelangweilt hat." Uns Christa Wolf pries er dieser Tage - natürlich auch aus Pietätsgründen - in noch helleren Tönen!

    Vielleicht hat das ja etwas damit zu tun, dass die Bundesrepublik anno 2011 in einem geistig-kulturellen Entwicklungsstadium angekommen ist, wo sogar eine Charlotte Roche sich Literatin nennen darf: Da kann man freilich schon mal neidisch werden auf die Autoren einer vergangenen Republik, nicht wahr?


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