Psychologen-Mangel in Deutschland: Therapeut verzweifelt gesucht

CorbisDie Zahl psychischer Erkrankungen in Deutschland steigt rasant, die Wartelisten für Therapieplätze werden länger. Patienten werden im Schnitt erst nach 80 Tagen erstmals behandelt - für viele eine unzumutbare Belastung.

http://www.spiegel.de/gesundheit/psy...820748,00.html
  1. #170

    Sehr interessanter Kommentar. Danke!

    Zitat von jfconrad Beitrag anzeigen
    Viele Beiträge offenbaren eine falsche Grundannahme, was in Psychotherapie das heilende Agens ist. Was heilt, ist nicht "die Ausbildung des Therapeuten", "die Schwierigkeit seiner Prüfungen" oder "das Expertenwissen". Das heilende Agens ist, wie empirisch belegt, eine Beziehung, die von Unbedingtheit der Wertschätzung, hoch-präziser Empathie und (nicht vorgetäuschter) Echtheit getragen ist. Dies allein (in der Gesprächstherapie) oder dies als Basis für Intervention in anderen Therapieformen ist das, was heilt – das ist empirisch gesichert. Dies stellt den Sinn von Bildung, Prüfungen, Sachkenntnis und Ausbildung nicht in Frage. Eher wirft dies die Frage auf, welche Studieninhalte zu einer durch diese Werte geprägten professionellen therapeutischen Haltung qualifizieren. Letztere sind in therapeutischen Beziehungen nur eben nicht das heilende Moment. Wenn man sich vor Augen führt, dass dies gesicherte Erkenntnis ist, muss man sich die Frage stellen, ob härteste Prüfungen und Studienvoraussetzungen nicht auch prohibitiven Sinn haben, um unter sich zu bleiben. Ein Geisteswissenschaftler oder Pädagoge mit Berufs- und Lebenserfahrung kann in reiferen Jahren diese Curricula gar nicht mehr durchlaufen, aber er kann nach Unbedenklichkeitsprüfung durch das Gesundheitsamt (im Auftrage des Landratsamtes) therapeutisch wirksam werden. Diese Prüfungen bei Durchfallquoten von 98% als lachhaft herabzuwürdigen, ist weltfremd. Hier wurde offenbar nur die theoretische Multiple-Choice-Vorprüfung herangezogen, die der mündlichen Prüfung durch den Amtsarzt vorausgeht.
    Therapeutische Beziehungen gleichen anderen menschlichen Beziehungen insoweit, als dass es oft nicht so sehr darauf ankommt, was du hast, sondern wer du bist. Das sollte trivial zu verstehen sein, wird aber immer wieder schmählich unterschlagen. Von Vertretern jeder Ausbildungsgeschichte. Also von Ärzten, Psychologen, Pädagogen und natürlich auch von Heilpraktikern und Heilpraktikern für Psychotherapie. Und in allen diesen Gruppen findet man auch diejenigen, die es verstanden haben.
  2. #171

    ...

    Zitat von cassandros Beitrag anzeigen
    Und warum sollte jemand, der halbwegs bei Verstand ist, 1x pro Woche 50 Min. Einzelgespräche mit einen Psychiater führen wollen?
    Wenn ich das will, gehe ich in eine Kneipe. Da kann ich am Tresen 7 x pro Woche 150 Gespräche führen.
    Also soviel Inkompetenz allein bei einem Foristen ist mir noch nicht begegnet. Mir scheint, sie haben nicht den geringsten Schimmer worüber sie eigentlich reden.
    Es ist die Rede von Menschen, die unverschuldet in zum Teil schwerste gesundheitliche Krisen (Depressionen, Burnout, Suchterkrankungen, Angststörungen usw.) geraten. Krisen die vergleichbar sind mit anderen Krankheiten und zum Teil deutlichen körperlichen Symptomen. Diese Menschen benötigen dringend professionelle Hilfe und genau die erhalten sie Dank unseres wahnwitzigen, perfiden Gesundheitssystems schlicht einfach nicht! Und sie nehmen sich das Recht heraus, sich über diese auch noch lächerlich zu machen?
    Wer sind sie denn eigentlich?
  3. #172

    Zitat von jfconrad Beitrag anzeigen
    Viele Beiträge offenbaren eine falsche Grundannahme, was in Psychotherapie das heilende Agens ist.
    ...
    Und in allen diesen Gruppen findet man auch diejenigen, die es verstanden haben.
    Wenn ich Sie berichtigen darf: In den Studien wurde nachgewiesen, dass Empathie etc. einer der wichtigsten Aspekte der Therapie ist, aber nicht (wie Rogers angenommen hatte) ausreichende, sondern nur notwendige Bedingung für den Therapieerfolg. D.h.: Die Persönlichkeit des Therapeuten ist unglaublich wichtig und ein unsympathischer nicht einfühlsamer THerapeut wird keinen Menschen heilen können. Aber es reicht nicht aus. Und in den Techniken haben die HP eben keine ausreichende Ausbildung.
  4. #173

    Kopfschütteln

    Hallo erstmal...

    mit Enttäuschung und Kopfschütteln muss ich einige der Beiträge hier im Forum lesen.

    Ich denke der Unterschied zwischen psychologischem Psychotherapeut und Psychiater ist geklärt. Dennoch möchte ich nochmal darauf hinweisen, dass eine Ausweitung der Kassensitze für psychologische Psychotherapeuten keineswegs dazu führt, dass sich diese die Taschen mit Geld vollstopfen. Ich selber befinde mich in der Ausbildung zum psychologischen Psychotherapeuten und mache eine 3-jährige Vollzeit-Zusatzausbildung nach einem 5-jährigen Studium der Psychologie. Dabei ist es so, dass die Ausbildung selbst bezahlt werden muss (zwischen 10.000-20.000 €) und nur in Ausnahmefällen bezahlt wird. Das heißt, dass man bei einer 3-jährigen Vollzeitausbildung 40 Std. die Woche arbeitet und ca. 80% der Ausbildungsteilnehmer bekommen KEIN GELD dafür!!! Ich selber habe im Klinikjahr 800€ (!!!) netto rausbekommen mit DIPLOM nach 5 JAHREN STUDIUM. Jetzt erhalte ich 950€ was bei der finanziellen Belastung durch die Ausbildungskosten und die Lebenshaltungskosten ein überlebenskampf ist bei zusätzlicher Arbeitsbelastung und Seminaren an den Wochenenden. Die Bezahlung ist keineswegs angebracht für die Verantwortung die man in diesm Beruf trägt und die Zeit die man investiert. Ich möchte auch darauf hinweisen, dass ein psychologischer Psychotherapeut mit Kassensitz bei40 Std. die Woche am Ende des Jahres wenn er nur Kassenpatienten behandelt ungefähr 30.000 € netto verdient. Das bei 8 - 10 Jahren psychologischer Ausbildung... und eine 50-minütige Sitzung wird 1. zusätzlich vor und 2. nachbereitet. Auch muss ein Antrag auf Kostenübernahme bei der Krankenkasse gestellt werden. So viel zu dem Vorurteil der Bereicherung.

    Zusätzlich sucht man sich diesen Beruf nicht aus um reich zu werden sondern um Menschen zu helfen. Ich finde es traurig und beschämend psychische Erkrankungen ins lächerliche zu ziehen oder nicht ernst zu nehmen. Ich persönlich würde keinem Menschen eine psychische Erkrankung wünschen. Leider werden Menschen aber krank und nicht nur durch somatische Ursachen.

    Ich kann auf grund der mir zu Teil werdenenden Ausbildung zum psychologischen Psychotherapeuten jedem nur empfehlen sich bei einem psychologschen Psychotherapeuten für eine qualitativ hochwertige und empirisch gesicherte Verhaltenstherapie zu melden, bei psychischen Problemen.!



    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Die Zahl psychischer Erkrankungen in Deutschland steigt rasant, die Wartelisten für Therapieplätze werden länger. Patienten werden im Schnitt erst nach 80 Tagen erstmals behandelt - für viele eine unzumutbare Belastung.

    Psychotherapie: Warum es zu wenige Psychologen in Deutschland gibt - SPIEGEL ONLINE
  5. #174

    sehr guter beitrag!

    Zitat von Revisor Beitrag anzeigen
    Anders gesagt: Was ist im seelischen Bereich eigentlich normal? Bemißt sich das an der sozialen Funktionstüchtigkeit oder an der inneren Zufriedenheit oder an einem zeitlosen Ideal der Menschennatur?

    In seinem Rahmen war Dschingis Khan sicher sozial sehr funktionsfähig und ein maßloser Egozentriker kann innerlich zufrieden sein, solange er nachsichtige, ausnutzbare Menschen um sich hat. Vor Zeiten galt der kontemplative, enthaltsame Mönch als ein Ideal, heute wird er belächelt oder bemitleidet. So hängt sehr viel von den Umständen ab, der Gutachter oder Therapeut setzt aber leicht das absolut, was dem Zeitgeist oder seinem ganz persönlichen Weltbild entspricht.

    Und ganz grundsätzlich stellt sich die Frage, ob unsere gesamte Gesellschaftsordnung mit einer "echten", natürlichen Normalität vereinbar ist oder nicht überhaupt so deformiert (ganz besonders heute), daß mancher psychisch Auffällige der eigentlich Gesunde ist, der nur zu einer Anpassung an das Falsche nicht fähig oder bereit war. Auf diese Frage hat es schon immer klare Antworten gegeben, bekanntlich auch von Altvater Freud in seiner Schrift vom "Unbehagen in der Kultur".
    Will mich auch einschalten um die selbstgerechte Überheblichkeit mancher Therapeuten einzudämmen:

    Pychologie, eigentlich alle Humanwissenschaften, sind keine rationalen Wissenschaftn wie auch Michel Foucault feststellte.

    Die Psychologie unterliegt dadurch umso mehr Disziplin immanenten Modewellen. Wer sich gerne sein Gesellschafts-, Familien-, und Sexualleben von solchen schwankenden Ansichten für gut oder schlecht befinden will soll das machen, falls er die Moneten dafür auf den Tisch legt. Privatsachem sozusagen. Bin auch überzeugt, dass wir viele viele zerbrochene Ehen den subjektiven Einschätzungen von Therapeuten verdanken. Aber ob Ehe normal ist, sollte auch jeder selber Entscheiden.

    Zu guter letzt noch ein Zitat vom Therapie Kritiker Houellebecq:
    "Unter dem Deckmantel der Ich-Stärkung betreiben die Analytiker in Wirklichkeit eine skandalöse Zerstörung des menschlichen Wesens."

    Na dann, auf auf die Couch :)
  6. #175

    Möglichkeit einen Therapieplatz zu bekommen!

    Falls hier jemand ist, der dringend Hilfe braucht aber keinen Kassen-Therapieplatz bekommen hat: Es gibt das sogenannte Kostenerstattungsverfahren. Wenn es für Sie nicht möglich ist, einen Therapieplatz bei einem Kassentherapeuten zu bekommen, ist die Krankenkasse verpflichtet, Ihnen eine Therapie bei einem Nicht-Kassentherapeuten zu zahlen.

    Dafür ist es nötig, dass Sie so viele Kassentherapeuten wie möglich kontaktieren und sich die Absagen notieren, beispielsweise eine Liste schreiben mit all Ihren erfolglosen Versuchen (also genau aufgelistet mit Uhrzeit und Antwort), Therapeuten zu erreichen. Wie viele Therapeuten das sein müssen, könnte evtl. von der Krankenkasse abhängen.

    Mit dieser Liste können Sie dann einen Termin bei einem NIcht-Kassen-Therapeuten machen. Dieser muss allerdings die typischen Kassenauflagen erfüllen, d.h. es muss ein Arzt oder Psychologe MIT Therapieausbildung in einem der Richtlinienverfahren (d.h. Psychoanalyse, Tiefenpsychologisch fundierte Therapie oder Verhaltenstherapie) sein. Wenn der Therapeut auch nach dem Kostenerstattungsverfahren arbeitet (und das tun viele, einfach mal nachfragen) sollte er eigentlich die nötigen Formulare haben und sie mit Ihnen ausfüllen. Dann können Sie gemeinsam die Kostenerstattung beantragen. Nötig ist dann noch eine ärztliche Untersuchung, und eine Bestätigung des Arztes, dass die Therapie notwendig ist. Um den Rest des Antrags kümmert sich dann der Therapeut.

    Das ist oft erfolgreich und nicht so kompliziert wie es klingt!
  7. #176

    Leider widersprechen Sie sich selbst, indem Sie dazu auffordern Qualifikationsnachweise einzufordern und als Entscheidungsgrundlage zu verwenden. Das Diplom respektive der Masterabschluss, welche beide mindestens 5 Jahre universitäre Ausbildung benötigen, stellen eine wichtige Vorausetzung dar, um überhaupt eine Psychotherapeutenausbildung beginnen zu können, die nochmals mind. 2 Jahre in Anspruch nimmt. Der Erwerb des Titels "Psychol. Psychotherapeut" ist rechtlich geschützt und das aus gutem Grunde, nämlich zur Sicherstellung einer therapeutischen Qualfikation, welche nicht ohne weites damit zu verwechseln ist, was Sie scheinbar darunter verstehen. Auch wenn eine Krankenschwester oder sonstige Anbieter therapeutischer "Dienstleistungen" eventuell die Möglichkeit gehabt hätten diesen anspruchsvollen Bildungsweg zu beschreiten, verfügen sie de facto nicht über die notwendigen Kenntnisse, die sie dazu berechtigen "therapeutisch", gemäß dessen was qualitätssichernde Leitlinien wissenschaftlich fundiert fordern, tätig zu werden!
  8. #177

    Der Steuerzahler soll Geld ausgeben für HokusPokus?

    Die Heilpraktiker, die ich kenne, sind Hausfrauen, ehemalige Bankkaufleute und ähnliches. Mit besonderer Vorliebe werden Globuli verteilt. Gut, die schaden wenigstens nicht. Aber meine Steuergelder will ich für solche Unsinn und solche Scharlatane nicht ausgegeben wissen.
  9. #178

    optional

    Dies ist ein Grund mehr das bestehende Gesundheitswesen zu reformieren und
    auch freie Therapeuten und Heilpraktiker für Psychotherapie mit
    nachgewiesener fundierter Ausbildung als Kassenärztliche Leistung
    anzuerkennen.
    Auch gelten ganzheitliche Meditationstechniken als "noch nicht anerkannt".
    Bisher werden "autogenes Training" und Muskelrelaxation nach Jacobson von
    den Krankenkassen übernommen, dabei gibt es viele Therapeuten und Methoden,
    die den gestiegenen Bedarf an Therapeuten mit Abdecken können. Die HAM
    Zentrierung ist beispielsweise eine Meditation, die eine effektive Hilfe ist, um in Belastungssituationen in Balance zu bleiben, aber auch um mit psychischen Krankheitssymptomen besser umgehen zu können.
    Sie kann auch direkt im Alltag eingesetzt werden, um zum Beispiel mit Ängsten besser umzugehen u.v.m.
  10. #179

    Zitat von berliner-pflanze Beitrag anzeigen
    Dies ist ein Grund mehr das bestehende Gesundheitswesen zu reformieren und
    auch freie Therapeuten und Heilpraktiker für Psychotherapie mit
    nachgewiesener fundierter Ausbildung als Kassenärztliche Leistung
    anzuerkennen.
    Auch gelten ganzheitliche Meditationstechniken als "noch nicht anerkannt".
    Bisher werden "autogenes Training" und Muskelrelaxation nach Jacobson von
    den Krankenkassen übernommen, dabei gibt es viele Therapeuten und Methoden,
    die den gestiegenen Bedarf an Therapeuten mit Abdecken können. Die HAM
    Zentrierung ist beispielsweise eine Meditation, die eine effektive Hilfe ist, um in Belastungssituationen in Balance zu bleiben, aber auch um mit psychischen Krankheitssymptomen besser umgehen zu können.
    Sie kann auch direkt im Alltag eingesetzt werden, um zum Beispiel mit Ängsten besser umzugehen u.v.m.
    das Thema haben wir hier schon durchdiskutiert. Die Krankenkasse zahlt eben nur die Richtlinienverfahren, deren Wirksamkeit nachgewiesen ist, bei den "freien Verfahren" ist das eben nicht der Fall. Heilpraktiker haben keine "fundierte Ausbildung", für den HPP reichen zwei Prüfungen und der Hauptschulabschluss, HPP haben nie in einer psychiatrischen Klinik gearbeitet etc. Selbst die vielen Zertifikate, die HPPs oft an der Tür hängen haben, haben nix mit wissenschaftlich überprüften, gehaltvollen Ausbildungen zu tun. Daher wird ihnen vom Staat nicht zugetraut, psychisch Kranken sinnvoll zu helfen. Wer sich aber dennoch von diesen Leuten "helfen" lassen will, anstatt zu einem studierten Arzt/Psychologen mit zusätzlicher Therapieausbildung zu gehen, der muss das dann eben selbst zahlen.