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Pro & Contra Anonymbewerbung: Ich bin ein Niemand - nimm mich!

Türkischer Nachname? Schon angejahrt? Das falsche Geschlecht? Alles Gründe, die Job-Hoffnungen zerstören können. Bewerbungen ohne Namen, Fotos und persönliche Details sollen helfen - ein Weg zu mehr Gerechtigkeit oder nutzlose Verschleierung? Zwei Experten antworten.

http://www.spiegel.de/karriere/beruf...767982,00.html
  1. #1

    An der Realität vorbei

    Irgendwie geht die Diskussion in beiden Beiträgen an der (aktuellen) Realität vorbei. Die Contra-Argumentation geht von einer gesetzlichen Verpflichtung aus, die gemäß der Pro-Argumentation ausdrücklich (noch?) nicht geplant ist. Allerdings hat die Vergangenheit gezeigt, dass häufig, wenn zunächst von freiwilligen Selbstverpflichtungen die Rede ist und diese nicht in gewünschtem Maße umgesetzt werden, dann doch schnell auch über gesetzliche Verpflichtungen nachgedacht wird. Von daher kann man jetzt nur spekulieren, ob die Contra-Argumentation auf einem falschen oder nur einem vorweggenommenen zukünftigen Sachverhalt basiert.

    Aber auch die Pro-Argumentation, die auf der Trennung von qualifikationsbezogenen und persönlichen Daten beruht, ist irreal, weil es schwer möglich ist, die Qualifikation zu beurteilen, ohne persönliche Daten dabei mit einzusehen. Auf Zeugnissen etc. steht schließlich auch der Name und das Ausstellungsdatum (worüber man auf das Geburtsdatum schließen kann - z.B. jemand, der 1985 Abitur gemacht hat, wird heute wohl kaum unter 30 Jahren alt sein). Selbst wenn man alle persönlichen Daten auf den Zeugnissen schwärzen würde, gäbe es immer noch das Problem, dass die bisherige Arbeit auch ein Teil der Qualifikation ist. Und allein eine Liste der bisherigen Arbeitgeber, ohne Informationen darüber, von wann bis wann der Bewerber dort angestellt war, sagt nur wenig über die Qualifikation aus.

    Vielleicht sollte die Antidiskriminierungsstelle mal mit gutem Beispiel vorangehen und bei den eigenen Stellenausschreibungen das vorgeschlagene Verfahren testen - idealerweise mit zwei Personalbeauftragten, von denen einer die klassische und der andere die wie in der Pro-Argumentation beschrieben von der Sekretärin anonymisierte Bewerbung erhält, und dann mal vergleichen, wie die Urteile in den beiden Fällen ausfallen.

    Vor allem sollte sich die Antidiskriminierungsstelle aber mal mit Arbeitgebern beschäftigen, die ganz offen diskriminieren, wie z.B. die kath. Kirche, die ja auch z.B. Träger vieler Schulen und Kindergärten ist und kaum jemanden einstellt, der geschieden und wieder verheiratet ist etc...
  2. #2

    System unterlaufen...

    Ja, Herr Trost, man kann tatsächlich Bewerbungen wieder zurückschicken, wenn der Bewerber sich nicht an die Anonymisierungsgrundlagen hält - wird in anderen Ländern rigoros so gehandelt. Genauso wie man wirklich geheime Wahlen in D sichergestellt hat, indem das Benutzen der Wahlkabine zur Pflicht gemacht wurde. Gerade damit keine Aussage nicht auch schon eine Aussage ist (bei der Wahl: wer darauf besteht, "heimlich" in der Wahlkabine zu wählen, muss irgendwas zu verstecken haben - um da zu vermeiden, wurde das Benutzen der Wahlkabine Pflicht). Nur so können faire Bedingungen geschaffen werden...

    Und ja, warum sollte man eigentlich nicht statt mit Politiker-Gesichtern mit politischen Inhalten wählen? Würde der Politik auch nicht schlecht tun...
  3. #3

    Mit 39 ist endgültig Schluss. Egal wie.

    Wenn von Diskriminierung gesprochen wird, ist durch die Erziehung der Medien eine Frau oder ein Migrant gemeint. Die wahre Diskriminierung, die in Deutschland kultiviert und gepflegt wird ist aber die Altersdiskrimierung. Es ist unstrittig, dass Bewerbungen, unabhängig von der Qualifikation, nur noch bis maimal 39 erfolgreich sind. Ich kenne eine Reihe von Fachräften, studiert, hervorragend ausgebildet, erlesene Berufserfhrung, deren Anzahl Bewerbungen bei über 300 legt - OHNE Erfolg. Hier sind die Anonymierungsbemühungen gut gemeint, aber aus der Summe der Berufserfahrungen kann man immer ungefähr aufs Alter schließen und weiterhin aussortieren. Absurd: Je mehr Erfahrung dest schlechter die chancen!

    Die Altersdikriminierung ist in unseren Köpfen schon extrem verankert.Sagt jemend: "Ich hab jetzt 200 Bewerbungen geschrieben, und kein einzige Gespräch bekommen." Fragt der andere nicht: Was bist Du von Beruf oder ähnliches, sondern wie selbstverständlich: "Wie alt bist Du?". Diese Form der Diskriminierung wird von uns als geradezu selbstverständlich, fast gottgegeben eingestuft und akzeptiert. Obwohl verboten.
  4. #4

    Türken

    Kennt jemand noch die Studien wo ein türkisch klingender Name sich mit 1.0 Diplom 10 mal öfters bewerben musste als sein deutscher Kollege?

    Armes Deutschland. Irgendwann sind sie alle weg.
  5. #5

    Titel kann man sich schenken...

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Türkischer Nachname? Schon angejahrt? Das falsche Geschlecht? Alles Gründe, die Job-Hoffnungen zerstören können. Bewerbungen ohne Namen, Fotos und persönliche Details sollen helfen - ein Weg zu mehr Gerechtigkeit oder nutzlose Verschleierung? Zwei Experten antworten.

    http://www.spiegel.de/karriere/beruf...767982,00.html
    Komisch, dass die gewählten "zwei Experten" gleich bestimmte Stereotypen bedienen. Warum wohl ist das Pro-Argument von einer 57 jährigen Frau vorgetragen, deren akademisch Bildung nirgends, die Tätigkeit als "Vorstandsreferentin" aber gleich als erstes aufgeführt wird?
    Das Kontra-Argument wird von einem 43 jährigen Mann vorgetragen, der wohl noch nie in seinem Leben auch nur in die nähere Umgebung von Diskriminierung gekommen ist. Das schlimmste das Ihm vielleicht widerfahren ist, sind wohl blöde Sprüche, wie "er ist nicht ganz bei Trost"...
    ..mit einem Prof. Dr. vor dem Namen wird ihm das jetzt nicht mehr passieren, seinem Argument aber sicher mehr Gewicht haben.

    Interessant nur, dass bei der einen gut gemeinte Lebenserfahrung die Grundlage des Arguments ist, beim anderen aber eine perverse, sich widersprechende Logik. Die, die ein Problem mit Ihrem Namen, Geschlecht etc. haben können es ja in der Bewerbung weg lassen, sie sollten aber wissen, dass KEINE Information auch EINE Information ist. Das ist natürlich ein sehr gutes Argument zum Erhalt des Status-Quo. Da Herr Trost ja tendenziell Nutznießer dieses Status-Quo ist kann man es ihm nicht mal verübeln dass er so argumentiert.

    Ob man aus jedem Lebenslauf zwangsläufig Geschlecht, Alter etc. herauslesen kann wage ich zu bezweifeln. Da es, wie Herr Trost ganz richtig schreibt, der älteren Bewerberin mit türkischem Namen frei steht, was sie wie in die Bewerbung aufnimmt, bin ich sicher, dass dies nur eine Frage der Kreativität ist. Zumindest kann man damit erreichen, dass die Personaler/Arbeitgeber dann beim Vorstellungsgespräch mit Ihren Vorurteilen konfrontiert werden (Ach, der Chemieingenieur ist ja gar kein Mann, und obwohl in München promoviert, heißt sie nicht Schmidt sondern Nada Ossama)...

    Der Logik folgend, dass Argumente (stellt mich ein, ich kann die Leistung erbringen) durch Vorurteile verstärkt bzw. geschwächt werden, hätte man sowohl auf Titel, als auch Bild und Lebenswegbeschreibung der Argumentatoren verzichten können...

    Vielleicht wäre das aber zu voreingenommen gegenüber dem Kontra-Argument gewesen...
  6. #6

    Als er hinter dem Geburtsort recht untypisch schrieb

    Zitat von SirJazz Beitrag anzeigen
    Kennt jemand noch die Studien wo ein türkisch klingender Name sich mit 1.0 Diplom 10 mal öfters bewerben musste als sein deutscher Kollege?

    Armes Deutschland. Irgendwann sind sie alle weg.
    Die Studie kenne ich nicht. Ich kenne aber jemanden mit einem 1 Diplom, dessen Geburtsort in Frankreich liegt und derjenige einen französischen Vornamen hat.

    Erst als er in die Bewerbung hinter dem Geburtsort recht untypisch schrieb: "Staatsangehörigkeit, Muttersprache und Familie deutsch", klappte es mit den Bewerbungen.
  7. #7

    An der Realität vorbei..

    Also ich finde, dass diese ständige, freiwillige Selbstverpflichtung, so wie es ja auch bei der Frauenquote laufen soll, erstens sowieso nicht funktioniert. Wenn müsste es dazu schon eine gesetzliche Regelung geben.

    Zweitens: Herr Trost, dass ein Bewerber selbst entscheiden soll, ob er Geburtsdatum etc. angibt, ist ja nun völlig an der Realität vorbei. Vermutlich wäre das dann ein knockout-Kriterium, wenn 10 andere es angegeben haben. Und ich fände es auch nicht schlecht, wenn Politiker mehr nach Qualifikation und politischen Inhalten beurteilt werden würden, als nach Aussehen und Sympathie. Siehe beispielsweise Guttenberg..... sehr beliebt, politische Arbeit: mangelhaft

    Warum soll das nicht auch in der Arbeitswelt funktionieren? In anderen Ländern klappt es ja auch.
  8. #8

    Standartformularunsinn

    Mal ehrlich, da hat man sich ein schönes Schreiben erarbeitet, daß sämtliche relevanten Daten, bisherige Aktivitäten und Zeugnisse enthält, und dann soll man das ganze Zeug bei jeder Bewebung nochmal in's Formular eintippen, statt einfach die "Das_bin_ich.pdf" als Mailanhang zu versenden?
    Wenn ein Unternehmen auf diese Form der Bewerbung bestand, habe ich das Unternehmen ignoriert.
    Wer qualifizierte Mitarbeiter sucht, liest sich auch deren Anschreiben, da diese, und sei es nur durch die Wortwahl und Ausdrucksweise, erheblich informativer sind, als der lediglich formalen Ansprüchen genügende Standartformularunsinn.
    Spätestens beim Vorstellungsgespräch ist sowieso Schluß mit Heimlichtuerei.
  9. #9

    Warum leckt sich der Hund die Eier ...

    ... weil er es kann!

    Die anonyme Bewerbung ist doch nur herumdoktern an einem grundlegenderen Problem unseres Wirtschaftssystems. Der Arbeitsmarkt ist nunmal in weiten Teilen heute ein Arbeitgebermarkt. Unternehmen können es sich leisten zu "diskriminieren", weil sie die Marktmacht haben.

    Für viele Arbeitsplätze brauche ich nicht den "Besten". Ich bekomme für 1 Stelle 300 Bewerbungen von denen 150 die Aufgabe voll zufriedenstellend ausführen können. Es ist schlicht egal ob ich einen Top 10 Kandidaten oder den 98.-qualifizierten einstelle. In einer solchen Situation ist Bewerbermanagement ein Massenproblem und da werden die ersten 90% möglichst schnell aussortiert. Persönliche Würdigung jedes einzelnen Lebenslaufs? Wer soll das bezahlen? Gerade hier ist die freiwillige Angabe eine enorme Gefahr gegenüber Kandidaten, die eine Angabe machen, durch das Raster beim 10 Sekundenscreening zu fallen. Würde man gewisse Angaben generell verbieten, würden sich andere ähnlich ungerechte Selektionskriterin etablieren. Ich habe schon Personalbeschaffer gesehen, die die Erstselektion danach gemacht haben wie schnell / mit wenigen Handgriffen sich die Bewerbungsmappe für die Fachabteilung kopieren lies. Ist das ein besseres System?

    Gegen Diskriminierung hilft nur Qualifikation. Hier sollte die Politik ansetzen. Denn erst ab einer gewissen Qualifikationsstufe ist es egal was man in die Bewerbung schreibt, weil man auf Augenhöhe im Bewerbungsgespräch spricht. Jedem die Möglichkeit zum Sozialen-/Bildungsaufstieg zu geben muss das Ziel sein. Wer diese Möglichkeit nicht nutzt wird auf der Strecke bleiben, weil in einer Gesellschaft der hohen Lohnkosten irgendwann die Technologiesierung un- und niedrigqualifizierte Arbeitnehmer auf der Strecke lässt. Klingt hart, ist leider aber so.


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